Der adäquate Weiße Wal oder Wie übersetzt man Moby-Dick?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

24 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Übersetzungstheorie
2.1 Äquivalenz
2.2 Adäquatheit
2.3 Techniken der Textübersetzung

3. Die frühen Übersetzungen
3.1 1927 – Wilhelm Strüver
3.2 1942 – Margarete Möckli von Seggern
3.3 1944 – Fritz Güttinger
3.4 1946 – Thesi Mutzenbecher und Ernst Schnabel
3.5 1954 – Richard Mummendey
3.6 1956 – Alice und Hans Seiffert

4. Schreibheft 37 – Der Anstoß zur Neuübersetzung

5. Die Jendis Übersetzung
5.1 Analyse der Übersetzung
5.2 Die Kritik an der Übersetzung
5.3 Die Verteidigung der Übersetzung

6. Die Rathjen Übersetzung
6.1 Analyse der Übersetzung
6.2 Die Kritik an der Übersetzung
6.3 Die Verteidigung der Übersetzung

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Seit 1927 sind acht Übersetzungen von Herman Melvilles Roman „Moby-Dick“ ins Deutsche unternommen worden. Shakespeares Werke werden in der Regel auch heute noch in den Übersetzungen von A.W. Schlegel, welche 1797-1801 erschienen sind, gelesen.

Was macht also „Moby-Dick“ zu einem Problemfall? Wieso und woran sind diese Übersetzer gescheitert? Denn in der einen oder anderen Form müssen sie alle gescheitert sein – wieso sonst sollten es die Verlage immer wieder für nötig halten, neue Übersetzungen in Auftrag zu geben?

Den Anstoß zu dieser Arbeit hat mir der Ende 2001, mit der Veröffentlichung einer neuen Übersetzung im Carl-Hanser-Verlag und der Parallelveröffentlichung einer anderen Übersetzung im „Schreibheft“, seinen Höhepunkt erreichenden Streit um die Neuübersetzung von Moby-Dick gegeben.

Wie kann es sein das ein Verlag sich weigert eine Neuübersetzung, für die er viel Geld bezahlt hat, zu veröffentlichen? Und wie kann es sein das ein Übersetzer, der viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt hat, seine Übersetzung lieber ganz zurückzieht, als diese von einem anderen Übersetzer überarbeiten zu lassen?

Um dies zu klären werde ich in der folgenden Arbeit zunächst sehr kurz versuchen die beiden grundlegenden Begriffe der Übersetzungswissenschaft – Äquivalenz und Adäquatheit – zu definieren, und eine Übersicht über die Techniken der Textübersetzung zu geben.

Dann werde ich die sechs alten Übersetzungen, die zwischen 1927 und 1956 entstanden sind, vorstellen – dies wird leider in den meisten Fällen nur anhand von Sekundärliteratur möglich sein, da es mir nicht möglich war, Ausgaben der sehr alten Übersetzungen zu bekommen.

Der Entstehungsgeschichte der beiden Neuübersetzungen werde ich mich dann im nächsten Teil widmen, bevor ich mich dann ausführlich, anhand der im ersten Teil erarbeiteten Grundlagen der Übersetzungswissenschaft, mit ihnen beschäftigen werde. Hier werde ich hauptsächlich Kommentare und Kritiken aus diversen Literaturteilen von Zeitungen und Zeitschriften verwenden.

Abschließend werde ich mich dann der Frage, welche der beiden Übersetzungen die bessere ist, widmen – oder besser gesagt, welche der beiden Übersetzungen äquivalenter oder adäquater ist.

2. Übersetzungstheorie

2.1 Äquivalenz

Der Begriff der Äquivalenz ist einer der großen Streitpunkte der Übersetzungswissenschaft und es gibt genauso viele Definitionen wie es Abhandlungen zu diesem Thema gibt. Jörn Albrecht legt bei seiner Definition von Äquivalenz den Schwerpunkt auf den Wahrheitswert einer Aussage:

Zwei Aussagen werden dann als äquivalent betrachtet, wenn sie denselben Wahrheitswert haben; (…)[1]

Werner Koller hingegen teilt die Äquivalenz in mehrere Unterpunkte ein:[2]

1. Denotative Äquivalenz: Bezeichnungsäquivalenz, also die gleiche Darstellung des außersprachlichen Sachverhalts.
2. Konnotative Äquivalenz: Die Bewahrung der Konnotationen, Assoziationen und der symbolischen und kulturgebundenen Bedeutungen.
3. Formal-ästhetische Äquivalenz: Die Beibehaltung der formalen Aspekte (Reim, Rhythmus, Layout).

Welcher Unterpunkt der Äquivalenz den Vorrang hat hängt vom Texttyp ab – für den informativen Text ist die denotative Äquivalenz vorrangig, für einen expressiven Text die formal-ästhetische Äquivalenz am wichtigsten. Es ist die Aufgabe des Übersetzers zu entscheiden welcher Schwerpunkt bei der Gewichtung der Formen der Äquivalenz für den jeweils vorliegenden zu übersetzenden Text zu legen ist.

2.2 Adäquatheit

Jörn Albrecht definiert den Begriff Adäquatheit so:

Die Adäquatheit oder Angemessenheit ist ein alter Begriff, der aus der antiken Rhetorik stammt (…). Es handelt sich dabei um eine Relation zwischen sprachlichen Ausdrucksmitteln und den Umständen und Zielen des Sprechens oder Schreibens. Es geht also, um einen oft irreführend verwendeten Terminus zu gebrauchen, um eine >>pragmatische<< Kategorie. So wird man in unserer Kultur den Widerspruch, den man gegen einen Bußgeldbescheid einlegt, nicht in Hexametern verfassen.[3]

In Bezug auf die Übersetzungstheorie versteht Albrecht den Begriff der Adäquatheit wie folgt:

Adäquatheit, wie sie hier verstanden werden soll, meint also (…) ‚der Funktion des Ausgangstextes angemessen.[4]

Die Übersetzung muss also nicht nur äquivalent sein, sondern die Übersetzung eines jeden einzelnen Wortes oder Satzes muss der Gesamtheit des Textes angemessen sein. Es reicht nicht, dass ein Wort der Ausgangssprache in ein äquivalentes Wort der Zielsprache übersetzt wird, sondern die Wahl des Wortes in der Zielsprache muss mit dem Stil, der historischen Sprachebene und der Ästhetik des Gesamtwerkes harmonieren.

2.3 Techniken der Textübersetzung

Michael Schreiber hat im Handbuch Translation[5] eine hervorragende Auflistung von Übersetzungsverfahren erstellt, die ich bei der Bearbeitung der einzelnen Übersetzungen von Moby-Dick als Maßstab benutzen werde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Die frühen Übersetzungen

Die erste Übersetzung, welche 1927 von Wilhelm Strüver vorgenommen und von Thomas Mann herausgegeben wurde, ist kaum als Übersetzung zu bezeichnen. Zwei Drittel des Textes wurden weggelassen und der Rest gleicht eher einer oberflächlichen Inhaltsangabe. Margarete Möckli von Seggern (1942), die zweite Übersetzerin, zeichnet sich, obwohl sie als erste den ganzen Roman übersetzt, hauptsächlich durch Verständnisprobleme und dadurch verursachte Fehlübersetzungen aus – so wird zum Beispiel aus dem ‚razorback whale’ ein ‚Wal mit rasiertem Rücken’. Die Güttinger (1944) und Mutzenbacher/Schnabel (1946) Übersetzungen wiederholen die Fehler der ersten beiden Übersetzer nicht, bearbeiten den Roman aber bei ihrer Übersetzung zu sehr und sind zu sehr um „Lesbarkeit“ bemüht. Das Ergebnis ist zu glatt und vermisst all die sprachlichen Ecken und Kanten des Originals. Erst die letzten beiden Übersetzungen von Seiffert/Seiffert (1956) und Mummendey (1964) versuchen den Roman nicht nur inhaltlich wiederzugeben sondern auch die sprachen Be- und Absonderheiten zu erhalten.[6]

[...]


[1] Albrecht, Jörn: „Invarianz, Äquivalenz, Adäquatheit“ in: Arntz,Reiner, Thome, Gisela: Übersetzungswissenschaft. Ergebnisse und Perspektiven. Festschrift für Wolfram Wilss zum 65.Geburtstag. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1990. S.74.

[2] Nach Koller, Wolfgang: Einführung in die Übersetzungswissenschaft.5.Aufl. Wiesbaden: Quelle & Meyer 1997 (=UTB für Wissenschaft : Uni Taschenbücher 819)

[3] Albrecht, Jörn: Literarische Übersetzung: Geschichte, Theorie, kulturelle Wirkung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998. S.265.

[4] Albrecht, Jörn: Literarische Übersetzung: Geschichte, Theorie, kulturelle Wirkung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998. S.266.

[5] Schreiber, Michael: Übersetzungstypen und Übersetzungsverfahren. In: Handbuch Translation. Hrsg. von Mary Snell-Hornby & Hans G. Hönig, Paul Kussmaul & Peter Schmidt. Tübingen: Stauffenburg 1998. S.152.

[6] vergl. Adolf Atta Ahab. In: Die Zeit. Literaturbeigabe (15.11.2001). S. LL3.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der adäquate Weiße Wal oder Wie übersetzt man Moby-Dick?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Anglistik)
Veranstaltung
Herman Melville
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V28043
ISBN (eBook)
9783638299381
ISBN (Buch)
9783668307926
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Vergleich der verschiedenen deutschen Übersetzungen von Herman Melvilles "Moby Dick".
Schlagworte
Weiße, Moby-Dick, Herman, Melville
Arbeit zitieren
Sven Lorenz (Autor), 2003, Der adäquate Weiße Wal oder Wie übersetzt man Moby-Dick?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28043

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