Das Baummodell des Wissens. Der Begriff des Rhizoms bei Deleuze und Guattari


Essay, 2014

9 Seiten


Leseprobe

Wissen ist die größte Waffe des Menschen. Denn wer Wissen hat, hat Macht. Wer Macht hat, der entscheidet. Und wer entscheidet, der hat gewonnen.

Doch was ist Wissen? Wie erhält man Wissen, durch Bildung, durch Anlernen bestimmter Ereignisse, durch Reflexion und dem Lesen von Büchern, dem Weiterbilden von Büchern?

Die postmodernen Philosophen Deleuze und Guattari behaupten, dass Wissen, wenn es denn welches gibt, ständige Verknüpfung ist. Das Buch dient dabei der Inspiration einer neuen Entscheidung, um neue Verbindungen und Verknüpfungen zu wagen. Es dient aber nicht dazu, um durch Reflexion und Interpretation eines Buches, Wissen zu erhalten. Wissen ist eben keine Reflexion, sondern eine Verkettung, ein Rhizom. Das klassische Buch ist nun ein Abbild einer verkehrten Vorstellung der Welt.

Nun erläutern sie im Rhizom, was das eigentliche Wissen ist, welche Rolle das Buch dabei spielt und was in der Welt verändert werden muss, um Fortschritt und Wissen zu erlangen. Ausgehend kritisieren Deleuze und Guattari das klassische Baummodell des Wissens, verpackt in einer Aufzählung zweier Buchtypen.

Das Wurzelbuch stellt den ersten Buchtyp dar. Dieser Buchtyp baut, wie man durch sein Vorwort erahnen kann, auf das klassische Baummodell des Wissens auf. Die Autoren behaupten, dass das klassische Baummodell des Wissens epistemologisch unangemessen sei. Epistemologie fordere stetige Veränderungen der Sichtweisen. Nur mithilfe dieser Veränderungen könne es möglich sein, Wissen zu erlangen. Alles andere sei eine Rückführung auf Altes. Es sei ein Verharren auf einem vorgegeben Wissen. Denken aber und Wissen kann nichts Vorgegebenes sein. Es verändert und entwickelt sich. Und genau diese Entwicklung fehlt Deleuze und Guattari im klassischen Baummodell des Wissens. Der Baum des Wissens, als traditionelles Organisationsmodell, welches bereits in der Antike herrschte, symbolisiert das Wissen. Die Wurzel des Baumes ist der Ursprung, aus der alles entsteht. Dieser Baum ist hierarchisch und dichotomisch aufgebaut. Hierarchie allerdings verhindert Veränderungen. Hierarchie geht immer zurück auf Etwas. Hier wird reflektiert. Reflexion wir bezeichnet als ein ständiges „ Zurück-zu“[1], welches die Veränderung und somit den Fortschritt des Wissens boykottiert. Für die Autoren stellt dieses Modell ein Ordnungsmodell dar. Es gibt Ordnungsebenen, aber keine Querverbindungen, die Hierarchieebenen überspringen oder Elemente verbinden, die zwei unterschiedlichen höheren Elementen übergeordnet sind.[2] Es gibt kein neues Wissen, kein neues Denken. Alles wird aus einer Wurzel gezogen. Man knüpft nicht an. Man kopiert ständig aus bereits Vorhandenem. Selbst in der so fortschrittlich gepredigten Linguistik, hat eine Beendigung dieses Systems laut Deleuze und Guattari nicht funktioniert.[3] In diesem System gibt es keine Überschneidungen, wobei gerade Überschneidungen und Kreuzungen der Schlüssel zum Wissen sind. Sie symbolisieren Vielheit. Nur Vielheit kann Wissen schaffen. „Insofern kann man sagen, dass dieses Denken die Vielheit nie begriffen hat“, behaupten nun die Autoren.[4] Das klassische Buch nun wird gelesen. Es wird reflektiert und interpretiert. Es ist nichts weiter als eine Kopie der Welt.

Das Buch imitiert die Welt wie die Kunst die Natur: mit seinen eigenen Verfahrensweisen, die das zum guten Ende führen, was die Natur nicht oder nicht mehr vermag. Das Gesetz des Buches ist dasjenige der Reflexion.[5]

Der zweite Buchtyp, eine „büschelige Wurzel“[6], das System der kleinen Wurzeln stellt allerdings auch kein passendes Modell dar. Es hat zwar keine Hauptwurzeln mehr, doch gibt es Nebenwurzeln, die sich gleichzeitig in alle Richtungen entfalten. Offenbar gibt es hier eine vermeintliche Nicht-Einheit. Es bleibt der Ursprung, die Wurzel und somit bleibt die Hierarchie. Das Buch ist nun keine reine Kopie der Welt mehr, aber es ist ein Zusammenspiel aus allen verschiedenen Abbildern und Kopien der Welt. Es scheint Vielheit zu herrschen. In Wahrheit ist es eine, der Einheit unterdeterminierte Vielheit, die sich in diesem Buchtyp widerspiegelt. Der Rang der Hierarchie überschreitet hierbei sogar den der ersten. Indem in der Moderne die Pluralität gepredigt wird, haftet sie noch stärker an der Einheit und führt geradezu zu einer Überdeterminierung. In der Literatur und Philosophie werden ihrer Meinung nach Pluralitäten aufgehoben, nur um sie anschließend wieder verwerfen zu können. Ziel ist es aber, jeglichen Ursprung aufzulösen, sich von dieser Wurzel zu entfernen. Die Autoren fordern auf, sich von dem Einen zu lösen. Es genüge nicht, wie in der Moderne gedacht, multiple Ströme zu haben, multiple zu denken. Das Viele (multiple) ist nicht da. Man muss es machen. In Orientierung an einer Formel: n-1 wird aus Vielem Vielheit geschaffen. Um Vielheit zu konstruieren, muss man das Eine (1) vom Vielem (n) abziehen. Nur wenn das Viele unvollkommen und nicht abgerundet ist, hat man Vielheit erreicht. In literarischen Verfassen muss auf das Unvollendet Sein geachtet werden. Es sollen keine, in irgendeiner Art und Weise abzurundende, zur Vollkommenheit führende Bedeutungen vorhanden sein. Das Eine, das Abzurundende, muss immer vom Vielem, also vom restlichen Werk, abgezogen werde. Dadurch wird die Vielheit des gesamten literarischen Werkes bewahrt. Wenn dies nicht geschieht, ist es vollkommen und unterliegt in ihrer Vollkommenheit erneut dem System des Wurzelbaumes, welches „wahres Wissen“ verhindert. Für das System der Vielheit wird eine von der Mitte und nicht vom Ursprung aus keimende Denkart benötigt. Diese Denkart ist untypisch und äußerst schwierig, dennoch ist sie machbar. Das Denken in diesem System tötet den klassisch literarischen Schluss eines Buches. Nun ist das Rhizom dieses System. Das Rhizom in ihrer denkenden Mannigfaltigkeit ist also der Retter gegen den Staatsapparat Philosophie mit ihrem klassischen Baummodell.

[...]


[1] Deleuze, Guattari, Das Rhizom 1974, 6.

[2] Hierbei gehen die Autoren speziell auf Diderot d´Alemberts Querverweise ein.

[3] Die Autoren verweisen dabei auf da Modell von Chomsky einer syntagmatischen Baumes, welcher an einem Punkt S beginnt und sich dichotomisch fortpflanzt.

[4] Ebd., 9.

[5] Ebd., 8.

[6] Ebd., 9.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Das Baummodell des Wissens. Der Begriff des Rhizoms bei Deleuze und Guattari
Autor
Jahr
2014
Seiten
9
Katalognummer
V280443
ISBN (eBook)
9783656745464
ISBN (Buch)
9783656745457
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
baummodell, wissens, begriff, rhizoms, deleuze, guattari
Arbeit zitieren
Anna Wimmer (Autor), 2014, Das Baummodell des Wissens. Der Begriff des Rhizoms bei Deleuze und Guattari, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280443

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