Moderne Ghettos. Sozialräumliche Segregation


Hausarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einführung

2. Sozialräumliche Segregation
2.1 Definition
2.2 Arten
2.3 Ursachen
2.4 Effekte und Folgen
2.5 Sozialräumliche Segregation am Beispiel von Berlin

3. Moderne Ghettos
3.1 Definition
3.2 Entstehung von Ghettos
3.3 Formen der Ghettoisierung

4. Politisch-strategische Programme gegen sozialräumliche Ausgrenzung
4.1 Integrierte Stadtteilentwicklungspolitik
4.2 Gesamtstädtische Entwicklungskonzepte
4.2.1 Beispiel Gelsenkirchen
4.3 Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“

Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einführung

In Deutschland ist zukünftig mit einer steigenden Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zu rechnen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer und größer. Arbeitslosigkeit, Armut und der Bildungsstand der Bewohner eines Viertels lässt sich inzwischen vielerorts schon an der Adresse ablesen. Die Aufgabe, eine soziale und räumliche Aufspaltung der Gesellschaft zu vermeiden, bekommt somit eine immer höhere Bedeutung für die Städte.[1] Im Folgenden möchte ich auf die stetig wachsende soziale Segregation in deutschen Städten und der unmittelbar damit verbundenen Ghettobildung hinweisen.

2. Sozialräumliche Segregation

2.1 Definition

Segregation (lat. segregatio : Absonderung, Trennung) kann man einerseits als Prozess, andererseits auch als (statisches) Merkmal verstehen. Das Merkmal "Segregation" meint eine auf den Raum bezogene ungleichmäßige Verteilung von Bevölkerungsgruppen, wohingegen "Segregation" als Prozess den Vorgang und die Stadien der Entmischung von Bevölkerungsgruppen und das Entstehen mehr oder weniger homogener Nachbarschaften beschreibt.[2]

„Der Begriff „soziale Segregation“ verweist auf soziale Unterschiede innerhalb einer Stadt und die räumliche Konzentration der Wohn- und Lebensräume bestimmter Bevölkerungsgruppen [mit gleichen sozialen Merkmalen (z.B. Nationalität, Religion und soziale Schicht)] in verschiedenen Stadtgebieten […].“[3]

Die Sozialstruktur und die sozialen Ungleichheiten einer Bevölkerung werden also in räumlicher Hinsicht ausgedrückt. „Anhand der Entscheidung für oder gegen ein Wohngebiet bestimmter Bevölkerungsgruppen oder [durch] Effekte des Wohnungsmarktes (z.B. hohe Mietkosten, Sozialwohnungen) entsteht die unterschiedliche Konzentration von Bevölkerungsgruppen in einigen Wohngebieten.“[4]

Segregation kann auch freiwillig angestrebt werden (z.B. die bewusste Wahl eines Stadtviertels), oder durch diskriminierende Maßnahmen erzwungen werden (z.B. Abschiebung in Ghettos, Politik der Rassentrennung [Aparthheid]).

2.2 Arten

Die soziale Segregation wird im Allgemeinen in drei Dimensionen unterschieden:

- Demographische Segregation: „Die räumliche Differenzierung der Bevölkerung nach dem Alter sowie dem Haushaltstyp [(allein Lebende, allein Erziehende, (Ehe-) Paare)] oder der Lebensphase [(Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter)]“[5]
- Ethnische Segregation: „Die [Unterscheidung] nach [Herkunft], Nationalität und ethnischer Zugehörigkeit“[6]
- Soziale Segregation: Die räumliche Differenzierung nach sozialstrukturellen Merkmalen wie Einkommen und Armut, Bildungsstatus oder berufliche Stellung und Arbeitslosigkeit“[7]

2.3 Ursachen

An dieser Stelle muss vorweggenommen werden, dass die gegenwärtige demographische Situation der Städte in Deutschland und ihre innerstädtischen soziodemographischen Differenzierungen im Wesentlichen durch vier Aspekte des gesellschaftlichen Wandels geprägt wurde.

- „Die demographische Alterung der Bevölkerung und die strukturellen Veränderungen des Familiensektors als Folge eines nachhaltigen Wandels der Familie und des familiären Zusammenlebens seit Mitte der 60er Jahre
- Die nachhaltige Veränderung der Beschäftigungsstruktur und des Arbeitsmarktes in den Großstädten, besonders durch den Abbau von Industriearbeitsplätzen
- Die Abwanderung von Mittelschichtfamilien ins Umland der großen Städte als Ausdruck der Suburbanisierungsprozesse vornehmlich in den 80er Jahren
- Die Internationalisierung der städtischen Einwohnerschaft als Folge der Zuwanderung ausländischer Bevölkerung“[8]

Bei den Ursachen der innerstädtischen sozialräumlichen Segregation handelt es sich jedoch um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Knappheit des Bodens in Zusammenhang mit individualisiertem Bodenrecht und Bodenspekulationen, sich daraus ergebende Verdrängungskonkurrenz, standardisierte Bauprogramme (siehe Punkt 4.3), Folgen der Nachkriegszeit, „das in technischen Kategorien verhaftete Denken der Planer, klassen- bzw. schichtspezifische Statussuche bei Tendenzen zur sozialen Mobilität und der zirkuläre Prozess von Diskriminierung und Stigmatisierung [,in der Regel seitens der sozialen Unterschicht und dem Ausländeranteil der Bevölkerung].“[9] Die sozialräumliche Segregation ist ein multikausales Phänomen, welches sich nicht auf eine Ursache zurückführen lässt.

Als entscheidender Mechanismus der Segregation kommt allerdings der innerstädtische Wohnungsmarkt zu tragen. Wenn Wohnungen mit Gütern, welche auf dem Wohnungsmarkt gehandelt werden, gleichzusetzen sind, so „ist die Segregation der Wohnbevölkerung unvermeidlich und wird auch in Zukunft Bestandteil der Stadtentwicklung sein.“[10]

Verstärkt bei Angehörigen besser ausgebildeter und verdienender sozialer Schichten treten Bedürfnisse zur sozialen Absonderung auf.[11] An dieser Stelle ist anzumerken, dass somit die Wohnadresse oftmals zum Statussymbol wird. „Menschen, [egal welcher Bevölkerungsschicht sie angehören], wohnen außerdem bevorzugt in Nachbarschaften von Menschen mit ähnlichen Interessen, Lebensstilen und in ähnlichen Lebensphasen“.[12] Sobald ein bestimmtes Wohnviertel also einmal sozial eindeutig etikettiert ist, „übt es gewissermaßen einen Sog auf Bewohner ähnlicher Soziallage aus und wird – vermittelt durch das Image – praktisch zu einer abgeleiteten Ursache weiterer Segregationsvorgänge.“[13]

Dieser Mechanismus hat für die Wohnviertel der Mittel- und Oberschicht, die „über ein ausreichend hohes Einkommen verfügen und ohne große Preiszuschläge ihre Wohnsituation verbessern und vernachlässigte Gebiete verlassen können“[14], „meistens eine kumulative Verbesserung der sozialen Infrastrukturausstattung des Quartiers als Basis“[15]. Die sozial schwächer verdienende Unter- und Arbeiterschicht hingegen ist wegen ihres begrenzten verfügbaren Haushaltsbudgets darauf angewiesen, billige Wohnungen zu mieten, die andere Bevölkerungsgruppen verlassen haben. Das sind vor allem die sozial abgesunkenen, zentral gelegenen und vor Sanierungseingriffen stehenden Altbauviertel in größeren Städten. Nach Durchführung der Sanierung werden [die sozial Schwachen] zumeist in „geographischen Randzonen konzentriert, dort, wo der Boden am billigsten ist, in der Nähe von Fabriken, Kasernen, Müllkippen, Eisenbahnen oder Schnellstraßen“[16]

In diesen Stadtvierteln häuft es sich meist, dass die bauliche und infrastrukturelle Ausstattung unter dem für die Gesamtstadt üblichen Standard liegt.[17]

Bei diesem Vorgang der Segregation ist sogar die Bundesrepublik in ihrer Rolle als Sozialstaat indirekt beteiligt, da diese durch städtische und soziale Institutionen Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfängern kostengünstige Sozialwohnungen in oben erwähnten, schlechter klassifizierten Wohnvierteln zuteilt.

2.4 Effekte und Folgen

Der Ausgangspunkt für eine Diskussion über die räumliche Konzentration von sozialen Problemfälle und sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen, ist der sogenannte „ Gebietseffekt“. Dieser besagt, dass sich die Konzentration von Benachteiligten zusätzlich benachteiligend für diese Gruppe auswirkt oder, dass arme Nachbarschaften ihre Bewohner ärmer machen.[18] „Die soziale Ungleichheit wird damit nicht nur befestigt, sonder auch [noch] verschärft.“[19]

Die Vorstellung der Effekte eines Quartiers ist mehrdimensional:

Durch die vorherrschenden Verhaltens- und Denkweisen der Bewohner eines Quartiers entsteht eine „Kultur (…), die auch diejenigen prägt, die bisher einer solchen (Sub-Kultur) nicht zugehörten.“[20] Daraus folgt, dass sich die Angehörigen eines solchen Milieus immer mehr von den Normen und Verhaltensweisen der Mainstream-Gesellschaft entfernen und somit gesellschaftliche Nachteile erleiden. Oft wirkt sich dies auf die Einstellungschancen auf dem Arbeitsmarkt aus, da viele „Arbeitgeber argumentieren, [den Bewohnern eines Viertels, welches als soziale Problemzone gilt,] „könne man nicht trauen“ oder „diese seien [sogar] asozial.“[21] Diesen wird so der Eintritt in den Arbeitsmarkt und in ein „normales“ (d.h. der Norm entsprechendes) Leben, welches nicht durch dauerhafte Abhängigkeit von Transferleistungen geprägt ist, verwehrt. Die Bewohner sozial benachteiligter Viertel haben jedoch noch mit weiteren Nachteilen zu kämpfen. Ihre Quartiere zeichnen sich oftmals durch Eigenschaften aus, welche die Lebensführung erschweren oder die Handlungsmöglichkeiten der Bewohner objektiv einschränken. Hier spricht man von physisch-materiellen Merkmalen, wie beispielsweise die Qualität des Wohnorts und seine Erreichbarkeit oder seine institutionelle Ausstattung wie das Dienstleistungsangebot und seine soziale Infrastruktur.[22] Hier fallen meist Defizite im Bereich Sport, Freizeit und Jugendarbeit auf.

Eine weitere Dimension stellt das „negativ Image“ eines Viertels dar, welches „aufgrund eigener Erfahrungen oder aufgrund von Vorurteilen dem Quartier „aufgezwungen“ wurde und das dann nach innen gegenüber seinen Bewohnern und nach außen als Stigmatisierung der Bewohner Effekte entfaltet, die die Handlungsmöglichkeiten der Bewohner weiter einschränken.“[23] Hier bestehen die benachteiligenden Effekte vor allem in den Sozialisationseffekten und in den Beschränkungen sozialer Interaktion. Soziales Lernen erfolgt in der Familie, durch die Medien und in Peer-Groups, d.h. in sozialen Gruppen. Diese bilden sich durch die räumliche Nähe überwiegend in den Nachbarschaften, „in [denen] vor allem Modernisierungsverlierer, sozial Auffällige und sozial Diskriminierte konzentriert wohnen.“[24] Sowohl durch sozialen Druck, wie durch Imitationslernen, werden die Normen und Verhaltensmuster dieser dominant vorherrschenden sozialen Gruppen immer stärker im Quartier verbreitet, und die Kultur der Abweichung wird zur dominanten Lebensform.[25]

Diese Form der Entwicklung wirkt sich ebenfalls beschleunigend auf selektive Migrationsprozesse aus. Besonders bei Familien mit Kindern, die die negativen Veränderungen der Normen und Verhaltensweisen innerhalb ihres Quartieres erkannt haben und diese nicht akzeptieren wollen, kann beobachtet werden, dass diese reagieren und das sozial absinkende Viertel rechtzeitig verlassen. Je mehr sozial kompetente und aktive Haushalte jedoch abwandern, desto geringer werden gleichzeitig die Erfahrungsmöglichkeiten innerhalb eines Viertels mit positiven Rollen und unterschiedlichen (Lebens-)Modellen, an denen heranwachsende Kinder und Jugendliche das eigene Verhalten orientieren können[26]. „Wenn Jugendliche in ihrem Bekanntenkreis niemanden mehr kennen, der mit „normaler“ Erwerbstätigkeit seinen Lebensunterhalt verdient, hingegen [aber] einige, die [gänzlich von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe leben oder] sich mit kleinkriminellen Aktivitäten ohne großen Aufwand eine spektakuläre Lebensführung ermöglichen und sich obendrein über ihren mühseligen Schulbesuch lustig machen – welche Handlungsalternativen bieten sich da?“[27] Die hier vorgebrachten Argumente haben jedoch nur dann Geltung, wenn sich die Erfahrungsräume und Kontaktnetze tatsächlich weitgehend oder vollständig auf das Quartier begrenzen.

Außerdem ist zu erwähnen, dass mit der Zunahme der sozialen Probleme die politische Repräsentanz schwächer wird. „Durch den Wegzug der Qualifizierten und Integrierten geht dem Gebiet soziale Kompetenz verloren, die notwendig wäre, um die Probleme zu analysieren, Forderungen zu formulieren und diese wirksam an die politischen Instanzen zu richten.“[28] Auch im Kampf um die städtischen Verteilungskämpfe finanzieller Fördermittel verlieren solche Gebiete an Gewicht, da der Anteil von Nicht-Wahlberechtigten (Ausländer) und Nicht-Wählern besonders hoch ist.[29]

[...]


[1] (Meier, Witte 2008 , S. 5)

[2] (Bertelsmann Institut 1956, S. 1583)

[3] (Starmann, Schmidt 2008, S. 9)

[4] (a.a.O., S. 9)

[5] (Starmann, Schmidt 2008, S. 9)

[6] (a.a.O., S. 9)

[7] (a.a.O., S. 9)

[8] (Strohmeier 2008, S.12)

[9] (Herlyn 1974, S. 24)

[10] (Strohmeier 2008, S.11)

[11] (Herlyn 1974, S.28)

[12] (Strohmeier 2008, S.13)

[13] (a.a.O., S. 28)

[14] (Strohmeier 2006, S.23)

[15] (Herlyn 1974, S.28)

[16] (Hess, Mechler, 1972, S.14)

[17] (Herlyn 1974, S. 28)

[18] (Strohmeier, Danielzyk 2006, S.20)

[19] (a.a.O., S. 20)

[20] (a.a.O., S. 20)

[21] (Hafner 2005, S.79)

[22] (Strohmeier, Danielzyk 2006, S.20)

[23] (a.a.O., S. 20)

[24] (a.a.O., S. 20)

[25] (a.a.O., S. 20)

[26] (a.a.O., S. 20)

[27] (a.a.O., S. 21)

[28] (Strohmeier, Danielzyk 2006, S.20)

[29] (a.a.O., S. 21)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Moderne Ghettos. Sozialräumliche Segregation
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V280544
ISBN (eBook)
9783656743590
ISBN (Buch)
9783656743583
Dateigröße
1204 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moderne, ghettos, sozialräumliche, segregation
Arbeit zitieren
Sebastian Birner (Autor), 2010, Moderne Ghettos. Sozialräumliche Segregation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280544

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