„So wird bei uns Krieg geführt“. Eine Visual History des Ersten Weltkrieges


Bachelorarbeit, 2014

47 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Ideen und Konzepte der Visual History

2 Der Erste Weltkrieg

3 Fotografie und fotografische Technik zur Zeit des Ersten Weltkrieges

4 Presse und visuelle Berichterstattung zur Zeit des Ersten Weltkrieges

5 Zensur und Propaganda - Das Verhältnis von Presse, Politik und Militär im Ersten Weltkrieg
5.1 Großbritannien
5.2 Frankreich
5.3 Deutschland

6 Soldatische Amateurfotografie
6.1 Die „Knipser“-Soldaten
6.2 Ikonographie und Bildsujets

7 Publikation und Veröffentlichung - Das Bild des Ersten Weltkrieges in der illustrierten Presse
7.1 Großbritannien
7.2 Frankreich
7.3 Deutschland
7.4 Ikonographie, Bildarrangement und Urheberschaft
7.5 Nicht veröffentlichtes Bildmaterial
7.6 Authentizität?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Siegfried Quandt weist in seinem Aufsatz Krieg und Kommunikation. Der Erste Weltkrieg als Beispiel darauf hin, dass historische und aktuelle Erfahrungen gezeigt haben, dass Krieg eine Zeit der Intensivierung, Ausdehnung, aber auch Steuerung von Kommunikation beinhaltet und die militärischen wie zivilen, die privaten wie öffentlichen Bedürfnisse nach aktuellen Informationen steigen. Die Massenmedien gewinnen in solchen Krisensituationen an Bedeutung. Gleichzeitig haben Militär und Politik auch ein großes Interesse, im Krieg durch Zensur und Propaganda die Information und Kommunikation zu beeinflussen.1

Der Erste Weltkrieg gilt als der erste umfassende Medienkrieg des 20. Jahrhunderts, in dem vor allem die Fotografie eine bedeutende Rolle spielte. Das damals noch relativ neue Medium suggerierte Authentizität und Objektivität, ein allgemeines Verlangen, welches befriedigt werden wollte, da die Geschehnisse 1914 - 1918 von dem abwichen, was zuvor mit Krieg verknüpft worden war. Gerhard Paul spricht davon, dass Fotografieren und Kriegführen sich im Ersten Weltkrieg zudem erstmals gegenseitig beeinflussten: So brachte der Krieg bestimmte Formen der

Kriegsberichterstattung hervor, begründete die Profession des

Bildberichterstatters, begünstige den Aufstieg der illustrierten Massenpresse. Die Medien haben dem Krieg z. B. ein „Photographiergesicht“ - wie Siegfried Kracauer es formulierte - verpasst und so den Charakter des Krieges entscheidend mitgeprägt.2

Im Folgenden soll mit Augenmerk auf die kriegsteilnehmenden Länder Deutschland, Frankreich und Großbritannien herausgearbeitet werden, welches Bild des Ersten Weltkrieges durch die (Bild-)Presse in der Öffentlichkeit und in der jeweiligen Heimat vermittelt wurde. Der vier Jahre andauernde Konflikt war mit einer enormen geografischen Ausdehnung des

Kriegsschauplatzes verbunden. Dementsprechend erforderte die Berichterstattung eine komplizierte Organisation, die zu Beginn des Krieges jedoch aufgrund einer fehlenden Vorbereitung durch die politischen und militärischen Entscheidungsträger nicht gewährleistet werden konnte. Daher geht es um die Entstehung und Entwicklung solch pressepolitischer Rahmenbedingungen, genauer um die Zusammenarbeit von Politik, Militär und

Presse unter den Stichworten Zensur und Propaganda. Des Weiteren soll der Bereich der soldatischen Amateurfotografie in den Fokus genommen werden, denn diese „Knipser“ konnten durch die neuen handlichen Kameras erstmalig ihre eigenen Bilder vom Krieg machen und taten dies en masse. Auch ihre fotografische Tätigkeit geriet wie die der offiziellen Fotografen in den Strudel der Reglements und kommerziellen Vermarktungsinteressen. Schließlich geht es aufbauend darauf um die Publikation des produzierten Bildmaterials in der Bildpresse und die Frage, inwiefern diese visuellen Medien die Realität des Krieges, die Wirklichkeit des Kriegsgeschehens zur Anschauung gebracht haben. Dabei wird im Rahmen dieser Arbeit der inhaltliche Schwerpunkt auf die militärischen Sujets gesetzt. Bilder, die an der Heimatfront aufgenommen wurden (z. B. Aufnahmen von der Zivilbevölkerung oder der industriellen Herstellung von Munition in den Fabriken), können nicht berücksichtigt werden.

Im Gegensatz zur Publizistik der 20er Jahre und in der Zeit des Zweiten Weltkrieges liegt der Forschung für den Ersten Weltkrieg zwar ein ebenso umfangreiches Bildangebot zur Bearbeitung zur Verfügung, jedoch steht eine gleichwertig intensive Untersuchung dieser Fotografien und ihrer Veröffentlichung noch aus. Immerhin gibt es eine Reihe an Einzelbetrachtungen - wie z. B. die von Jane Carmichael für die britische Kriegsfotografie oder die Untersuchungen von Bodo von Dewitz, Thilo Eisermann und Bernd Hüppauf für die deutsche Berichterstattung - eine internationale und vergleichende Analyse liegt jedoch nicht vor. Hier hat Ulrich Keller sich bemüht, eine Forschungslücke zu schließen. Seine Ergebnisse sind jüngst in der Ausgabe 130 | 2013 | Jg.33 der Fachzeitschrift Fotogeschichte erschienen. Ausgehend von diesen Studien soll mit der folgenden Arbeit nun der Versuch unternommen werden, die Ergebnisse dieser Betrachtungen zusammenzufassen, um in einem Vergleich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Bildberichterstattung des Ersten Weltkrieges in den drei genannten Ländern herauszustellen. Dabei fühlt sich diese Arbeit dem von Gerhard Paul vorgeschlagenen Konzept der Visual History verpflichtet.

1 Ideen und Konzepte der Visual History

Die Geschichtswissenschaft im deutschsprachigen Raum erlebt seit den 1990er Jahren einen Wandel in Richtung Visualität. Lange Zeit hatte zumindest die Historiographie der Neuzeit Bilder schlichtweg ignoriert - im Gegensatz zur Quantität und Qualität der Bildproduktion der Moderne.

„Es hat lange gedauert, bis die Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts Bilder als historische Quellen entdeckt hat. Bilder - ob die stehenden Bilder der Fotografie und des Plakats oder die ‚laufenden‘ Bilder von Film und Fernsehen - sind indes mehr als nur passive Repräsentationen und damit Speicher der Politik-, der Sozial-, der Kultur-, der Gender- und der Mentalitätsgeschichte, mehr als nur Quellen. Sie verfügen über einen besonderen Charakter, der noch immer viel zu wenig Beachtung und Berücksichtigung in der Geschichtsschreibung findet.“3

Lediglich Mediävisten sowie Historiker der Frühen Neuzeit beschäftigen sich aufgrund des Mangels anderer Quellen schon seit langem mit bildlichen Darstellungen, vornehmlich mit denen der Kunst. Inzwischen jedoch ist der iconic turn 4 bzw. der pictorial turn 5 auch in der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft angekommen. Neue Impulse für diesen Wandel kamen vor allem aus der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung, die den Historikern völlig neue Themenfelder aufzeigten. Bis Ende der 1990er Jahre folgte die Geschichtswissenschaft jedoch einem verkürzten Bild-Begriff. Dieser beinhaltete nur die passive Dimension von Bildern. Auch der Historiker Gerhard Paul hat erkannt, dass besonders „die visuellen Reproduktions- und Kommunikationsmedien [...] dem 20.Jahrhundert [...] das Rohmaterial geliefert [haben], an das sich das Kulturelle Gedächtnis heftet und mit der Geschichte modelliert wird“.6 Er plädiert daher für eine neue, visuell ausgerichtete Konzeption der Geschichtswissenschaft, verweist jedoch darauf, dass nicht nur die passive, sondern auch die aktive Dimension einbezogen werden muss. Für diese Neuausrichtung schlägt er den Begriff Visual History vor:7

„Für alle jene Versuche, die unterschiedlichen Bildgattungen als Quellen und eigenständige Gegenstände in die historiografische Forschung einzubeziehen, Bilder sowohl als Abbildungen als auch als Bildakte zu behandeln, die Visualität von Geschichte sowie die Historizität des Visuellen zu thematisieren und zu präsentieren, möchte ich den Sammelbegriff Visual History vorschlagen.“8

In die deutschsprachige Diskussion eingeführt hat den Begriff der Visual

History bereits der Wiener Zeithistoriker und Bildwissenschaftler Gerhard Jagschitz Anfang der 1990er. Er sprach sich damals auch schon für eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem Medium Bild aus. Allerdings beschränkte sich Jagschitz dabei auf das Bild als Fotografie.9 Gerhard Paul möchte dagegen alle visuellen Produkte und Praktiken unter dem Begriff der Visual History subsumiert wissen, womit er sein Konzept an die Visual Culture Studies anlehnt. Die Visual History stellt dabei in seinen Augen dennoch weder eine „fertige Methode“10 dar, noch einen „Königsweg des Umgangs der Historiker mit Bildern“11. Vielmehr sieht er sein Konzept als Rahmen, in dem methodische Ansätze als Zusatzleistungen verschiedener Wissenschafts- bereiche - besonders der Kunstgeschichte, der Medien- und Kommunikations- wissenschaft - zum Einsatz kommen (eklektizistische Methodik). Zusammenfassend umschreibt Paul das Konzept einer Visual History auf drei Ebenen. Es geht um eine Erweiterung des Gegenstandsbereichs der Historiographie in Richtung Visualität von Geschichte und der Historizität des Visuellen. Des Weiteren kennzeichnet sein Konzept das breite Spektrum der Erkenntnismittel im Umgang mit visuellen Objekten. Schließlich bietet eine Visual History neue Optionen in der Produktion wie Präsentation der Forschungsergebnisse.12

Mit der Vielfalt methodischer und erkenntnistheoretischer Zugänge zum Bild, insbesondere der Fotografie hat sich Jens Jäger in seinem Buch Fotografie und Geschichte beschäftigt. Er differenziert darin drei Modellgruppen. Jäger unterscheidet zum einen Ansätze, die sich vornehmlich auf den Bildinhalt konzentrieren und eine „Realienkunde“ betreiben.13 Für diese Methodik hat Diethart Kerbs - angelehnt an die Quellenkritik der Textanalyse - ein quellen- kritisches Schema entworfen, welches in sieben Schritten sowohl die äußere als auch die innere Quellenkritik beinhaltet, womit auch den Kontext sowie die medialen Eigenschaften von Bildern berücksichtigt werden.14 Die zweite Modellgruppe richtet ihr Augenmerk auf die Bedeutungen des Bildinhalts und folgt dabei ikonographisch-ikonologischen Ansätzen, die aus der

[...]


1 Quandt, Siegfried / Schichtel, Horst: Der erste Weltkrieg als Kommunikationsereignis. Gießen: JustusLiebig - Universität 1993, S.5.

2 Paul: Gerhard: Ein Resümee, in: Paul, Gerhard: Bilder des Krieges - Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2004 (S.469-485), S.471.

3 Paul, Gerhard: Das Jahrhundert der Bilder. Eine visuelle Geschichte und der Bildkanon des kulturellen Gedächtnisses; in: Paul, Gerhard (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder. Band I: 1900 bis 1949. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2009 (S.14-39), S.28.

4 Der Begriff des iconic turn wurde 1994 von Gottfried Boehm geprägt, indem er in Anlehnung in den „linguistic turn“ danach fragt, wie Bilder Sinn erzeugen, ob sie also einen eigenen Logos haben. Vlg. Boehm, Gottfried: Die Wiederkehr der Bilder, in: Ders. (Hrsg.): Was ist ein Bild?. München: Fink 1994 (S.11- 38).

5 Der Begriff des pictorial turn wurde 1994 von W.J.T. Mitchell geprägt und orientiert sich am Bildergebrauch in der Alltagskultur und den Wissenschaften. Vgl. Mitchell, William J. Thomas: Der Pictorial Turn:, in: Kravagna, Christian (Hrsg.): Privileg Blick. Kritik der visuellen Kultur. Berlin: Edition ID-Archiv 1997 (S.15- 40).

6 Paul: Jahrhundert der Bilder, S.32.

7 Paul, Gerhard: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung; in: Paul, Gerhard (Hrsg.): Visual History, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006 (S.7-36), S.9.

8 Ebd., S.25.

9 Paul: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History, S.26.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd., S.26ff.

13 Jäger, Jens: Fotografie und Geschichte. Frankfurt/M.: campus Verlag 2009, S.83ff.

14 Vgl. Kerbs, Diethart: Methoden und Probleme der Bildquellenforschung, in: Hallen, Andreas / Kerbs, Diethart (Hrsg.): Revolution und Fotografie. Berlin 1918/19. Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) / Verlag Dirk Nishen,1989, (S.241-262).

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Details

Titel
„So wird bei uns Krieg geführt“. Eine Visual History des Ersten Weltkrieges
Hochschule
FernUniversität Hagen
Autor
Jahr
2014
Seiten
47
Katalognummer
V280596
ISBN (eBook)
9783656745167
ISBN (Buch)
9783656745143
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
krieg, eine, visual, history, ersten, weltkrieges
Arbeit zitieren
Manja Kayser (Autor), 2014, „So wird bei uns Krieg geführt“. Eine Visual History des Ersten Weltkrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280596

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