Die Ganztagsschule hat in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen und sich zu einem festen Bestandteil des Schulangebots entwickelt. Während in anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien und Skandinavien die Ganztagsschule so weit verbreitet ist, dass es dafür gar keinen eigenen Begriff gibt, herrschte hierzulande lange Zeit Skepsis ob der Vorteile dieses Schulsystems. Erst nach dem bescheidenen Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler (SuS) am ersten PISA-Test setzte allmählich eine Debatte um Ganztagsschulen in Deutschland ein (vgl. Kuhlmann & Tillmann 2009, 32f.)
Die Ganztagsschule wird von der Kultusministerkonferenz der Länder der Bundesrepublik Deutschland (KMK) definiert als Schule, die an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für die SuS bereitstellt, welches täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst. Weitere Kriterien für eine Ganztagsschule sind die Bereitstellung eines Mittagessens sowie ein möglichst enger konzeptioneller Zusammenhang der Ganztagsangebote mit dem Unterricht (vgl. Sill 2010, 63f.).
Die Bundesregierung hat im Rahmen des Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) vier Milliarden Euro für den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen zur Verfügung gestellt. Dadurch war es möglich, dass sich die Zahl der Ganztagsschulen in Deutschland von 2002 bis 2009 fast verdreifacht hat (vgl. Stecher et al. 2011). Zum Schuljahr 2011/2012 befanden sich mit 54% bereits mehr als die Hälfte aller Schulen im Ganztagsbetrieb (vgl. Klemm 2011, 8). Das IZBB und die Länderförderprogramme haben darüber hinaus dafür gesorgt, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Wirkungsmöglichkeiten der Ganztagsschule intensiviert werden konnte.
Die Ganztagsschule soll nicht ein Mehr an Schule bereitstellen, sondern muss einen Zuwachs an Bildung gewährleisten. Mit ihr wird in erster Linie die bildungspolitische Hoffnung verbunden, die SuS möglichst individuell fördern und unterstützen zu können, um damit herkunftsbedingte Bildungsdisparitäten auszugleichen (vgl. Steiner & Fischer 2011, 186). Auf diese Weise soll eine Leistungssteigerung bei gleichzeitiger Chancengleichheit für SuS mit unterschiedlichen Startbedingungen herbeigeführt werden (vgl. Börner 2011: 222).
Neben diesem bildungspolitischen Argument gibt es auch eine Reihe von familienpolitischen Gründen, die für eine Nutzung der Ganztagsschule sprechen. Im Folgenden sollen die Auswirkungen [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Auswirkungen auf die Familie
a. Entscheidende Einflussfaktoren
b. Vereinbarkeit von Familie und Beruf
c. Entlastung für Eltern
d. Familienklima
e. Elterliche Erziehungsrechte und –funktionen
3. Kooperationen von Eltern und Schule
a. Notwendigkeit der Zusammenarbeit
b. Möglichkeiten der Kooperation und des Austauschs
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen der Ganztagsschule in Deutschland auf das Familienleben sowie die notwendige Kooperation zwischen Elternhaus und Schule, um herkunftsbedingte Bildungsdisparitäten zu verringern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu optimieren.
- Entwicklung und Definition der Ganztagsschule in Deutschland
- Einfluss der Ganztagsschulbetreuung auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf
- Veränderungen im Familienklima und bei der elterlichen Erziehungsverantwortung
- Bedeutung und Chancen einer gelingenden Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Eltern
Auszug aus dem Buch
b. Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Viele Eltern streben danach, eine gute Balance zu finden zwischen einer einerseits erfüllenden gemeinsamen Zeit mit ihren Kindern und andererseits der Möglichkeit, sich im Erwerbsleben zu engagieren. Die Halbtagsschule steht diesen Familien dabei häufig im Weg. Mit der Familiengründung sehen sich die Elternteile, vor allem Mütter und Alleinerziehende, zu der Entscheidung gezwungen, die Kinderbetreuung oder die berufliche Tätigkeit zu wählen. Dies schränkt Familien gravierend ein, da sie nicht in gleicher Weise an der Einkommensverteilung in der Gesellschaft teilhaben können. Entweder sie verzichten auf ihren Einkommensanteil oder sie müssen das Geld für eine teure private Betreuung des Kindes ausgeben.
Die Ganztagsschule ist daher in gewisser Weise auch eine Reaktion auf das Bedürfnis der Eltern, Familie und Beruf zu vereinbaren und ggbfs. Armut zu vermeiden. Sie passt sich an das veränderte Modell der Arbeitsteilung in Familien und die zunehmende Erwerbsbeteiligung an (vgl. Andersen et al. 2011, 207). Die Ganztagsschule soll die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür schaffen, Berufs- und Familienleben miteinander in Einklang zu bringen (vgl. Beher & Rauschenbach 2006, 52). Eltern sehen sich durch den Ganztag darin ermöglicht, einem Beruf in Teilzeit- oder sogar in Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Die Ganztagsschule gibt den Eltern die Sicherheit, dass ihre Kinder während ihrer Arbeitszeit in der Schule gut versorgt sind, und sie können sich daher vollständig auf ihre Arbeit konzentrieren (vgl. Börner 2011, 225).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die historische Entwicklung der Ganztagsschule in Deutschland und die bildungspolitische Zielsetzung der individuellen Förderung zur Verringerung von Bildungsdisparitäten.
2. Auswirkungen auf die Familie: Analysiert, wie Ganztagsbetreuung die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das häusliche Familienklima sowie elterliche Erziehungsrechte beeinflusst.
3. Kooperationen von Eltern und Schule: Erörtert die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit und beleuchtet Ansätze zur Gestaltung einer wirksamen Erziehungspartnerschaft.
4. Fazit: Fasst die familienbezogenen Effekte der Ganztagsschule zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Vorteile einer besseren Vereinbarkeit die Befürchtung einer Entfremdung überwiegen.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, Vereinbarkeit, Familie, Beruf, Eltern, Erziehung, Kooperation, Bildungsdisparitäten, Betreuung, Hausaufgaben, Familienklima, Erziehungspartnerschaft, Schulleben, Ganztagsangebot, Familienpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der Ganztagsschule auf das Familienleben sowie die notwendige Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das Familienklima, die Verschiebung von Erziehungsaufgaben und die Kooperation zwischen Eltern und Lehrkräften.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, wie Ganztagsschulen als Unterstützung für Familien fungieren können und wie eine positive Erziehungspartnerschaft gestaltet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung zweier umfassender Studien (StEG und OGS-Begleitstudie), die qualitative und quantitative Interviews mit Eltern einbeziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Einflussfaktoren auf das Familienleben, die Entlastung der Eltern, die Veränderung der Erziehungsrechte sowie Möglichkeiten der schulisch-elterlichen Kooperation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Ganztagsschule, Vereinbarkeit, Familienklima, Erziehungspartnerschaft und Bildungsdisparitäten.
Warum wird die Hausaufgabenbetreuung als Entlastung betrachtet?
Da diese Aufgabe von der Schule übernommen wird, entfällt ein häufiger Konfliktherd im häuslichen Alltag, was das Familienklima nachhaltig entspannt.
Können Eltern durch die Ganztagsschule von Bildungsprozessen ausgeschlossen werden?
Kritiker befürchten dies, allerdings zeigt die Arbeit, dass Ganztagsschulen durch bessere Austauschmöglichkeiten die Kooperation zwischen Eltern und Lehrkräften sogar stärken können.
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- Andreas Posch (Author), 2014, Ganztagsschule. Auswirkungen und Chancen für Familien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280621