„Die Kritk an Bernstein […] setzte sofort und heftig ein. Kaum ein Punkt der Theorie blieb unwidersprochen .“ Setzt man sich heute mit den Thesen des englischen Pädagogen auseinander, so trifft man auf die weitgehend einhellige Meinung, dass die Theorie Bernsteins als überholt und fachlich unausgereift dargestellt wird. Diese Ansicht wird auch durch das eingangs angeführte Zitat Heinrich Löfflers widergespiegelt, die gleichzeitig den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet. Ich möchte mich im nun Folgenden innerhalb dieses Themenfeldes darauf fokussieren, den Ursprung dieser eben genannten kritischen Haltung gegenüber Bernsteins Arbeiten für den deutschsprachigen Rezeptionsraum zu untersuchen, weshalb eine Reihe soziolinguistischer Fachliteratur, welche in den 1970er-Jahren verfasst und in der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland veröffentlich wurde, die Grundlage meiner Untersuchung sein wird. Auch wenn sich einige deutsche Autoren bereits vor 1970 auf Bernstein bezogen, so geschah dies in der Regel lediglich in Form einer Wiedergabe beziehungsweise Übersetzung seiner Texte. Ab 1970 begann jedoch eine aktive Auseinandersetzung mit Bernsteins Hypothesen, weshalb dieser Zeitraum für das Untersuchungsmaterial gewählt wurde. Hierbei soll konkret der Leitfrage nachgegangen werden, inwiefern diese frühen Rezeptionen eine negative oder positive Bewertung der Bernstein´schen Theorie enthalten und auf welche Teilaspekte sich diese jeweils bezieht (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bernstein’schen Thesen
3. Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre
3.1 Sprachbarrierentheorie, Defizithypothese, Kodetheorie?
3.2 Soziale Schicht und Sprechverhalten
3.3 Sprechverhalten und Kognition
3.4 Restringierter und elaborierter Kode
3.5 Methodisches Vorgehen
4. Rezeptionskontext und Folgen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Ursprung der kritischen Haltung gegenüber Basil Bernsteins Arbeiten innerhalb der soziolinguistischen Fachliteratur der 1970er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Ziel ist es, die spezifische Bewertung von Bernsteins Thesen in diesem Zeitraum zu analysieren und aufzuzeigen, auf welche Aspekte sich die positive oder negative Kritik der damaligen Rezipienten primär bezog.
- Entwicklung und Rezeption der Bernstein’schen Thesen in der BRD
- Analyse der Begriffe Sprachbarriere, Defizithypothese und Kodetheorie
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Schicht, Sprechverhalten und Kognition
- Evaluation methodischer Kritik an Bernsteins Vorgehensweise
- Einbettung der Rezeption in den bildungspolitischen Kontext der 1970er-Jahre
Auszug aus dem Buch
3.4 Restringierter und elaborierter Kode
Das Kernstück der Bernstein’schen Theorie, welches wohl auch heute noch die bekannteste These des Engländers darstellt, ist die der linguistischen Kodes. Dementsprechend wird ihnen auch in den Auseinandersetzungen der 1970er-Jahre ein Großteil der Aufmerksamkeit gewidmet. Oftmals werden die Hypothesen bezüglich der Existenz zweier Kodes sowie die dazugehörigen Merkmalslisten zwar zunächst aus den Quellentexten übernommen, im Anschluss daran aber scharf kritisiert. Zu Beginn wird häufig eine fehlende sprachwissenschaftliche Definition des Begriffs code bemägelt, so zum Beispiel bei Schlieben-Lange (1973) der Fall. Sie vermisst an dieser Stelle in Bernsteins Arbeiten einen Verweis auf linguistische Kategorien wie langue beziehungweise parole oder Kompetenz, wodurch der Terminus des Kodes nicht in Bezug zu anderen sprachwissenschaftlichen Termini gesetzt werden könne.
Bernsteins Kodebegriff versteht sie als Vermittlungsinstanz zwischen Sozialstruktur und Kognition, also als eine „psychologische Steuerungsfunktion“. Dittmar/Klein (1972) bezeichnen den Bernstein’schen Kodebegriff als „unglücklich“, da er in der Linguistik eigentlich ein Inventar von Zeichen und Regeln bezeichnet, wobei diese Definition in Bernsteins Arbeiten nicht gelten könne. Auch Oevermann (1970) stimmt Bernstein hier nicht gänzlich zu, da er seinen Ansatz zwar als Basis weiterer Diskussionen und Arbeiten für wertvoll hält, die seiner Meinung nach idealisierten Typen von Kodes allerdings als nicht haltbar beschreibt. Dies begründet er mit dem Argument, dass in der Realität weder ein restringierter noch ein elaborierter Kode in seiner reinen Form existieren könne.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die wissenschaftliche Kritik an Basil Bernstein ein und erläutert die Leitfrage zur deutschsprachigen Rezeption seiner Thesen in den 1970er-Jahren.
2. Die Bernstein’schen Thesen: Dieses Kapitel skizziert das Mosaik der theoretischen Annahmen Bernsteins, insbesondere die soziale Determination von Sprache und Erziehung.
3. Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre: Das Hauptkapitel widmet sich detailliert den verschiedenen Interpretationsansätzen und der massiven fachlichen Kritik an Bernsteins Thesen und Methoden.
3.1 Sprachbarrierentheorie, Defizithypothese, Kodetheorie?: Hier wird die begriffliche Einordnung der Bernstein’schen Theorien in der deutschen Literatur diskutiert und problematisiert.
3.2 Soziale Schicht und Sprechverhalten: Die Verbindung von Klassenzugehörigkeit und Sprachgebrauch wird auf ihre soziologische Präzision und theoretische Fundierung hin untersucht.
3.3 Sprechverhalten und Kognition: Dieses Kapitel erörtert die Kritik an Bernsteins Annahme, dass das Sprechverhalten die kognitive Leistungsfähigkeit determiniert.
3.4 Restringierter und elaborierter Kode: Die zentrale Kodetheorie wird auf ihre linguistische Definitionsfähigkeit und die Realitätsnähe der Kodetypen geprüft.
3.5 Methodisches Vorgehen: Hier werden die methodischen Mängel, wie etwa Verzerrungen bei der Datenerhebung oder Generalisierungsprobleme, kritisch reflektiert.
4. Rezeptionskontext und Folgen: Die Verknüpfung der Bernstein-Rezeption mit den damaligen bildungspolitischen Debatten und der „Bildungskatastrophe“ wird aufgezeigt.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Bernstein-Rezeption in der BRD der 70er-Jahre überwiegend kritisch geprägt war, jedoch auch differenzierte positive Ansätze aufwies.
Schlüsselwörter
Basil Bernstein, Soziolinguistik, Defizithypothese, restringierter Kode, elaborierter Kode, Sprachbarriere, Bildungsreform, Sozialisation, Sprechverhalten, Sprachsoziologie, BRD 1970er-Jahre, Kognition, Schichtenspezifik, Sprachwissenschaftliche Methodik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie die soziolinguistischen Thesen von Basil Bernstein in den 1970er-Jahren innerhalb der Bundesrepublik Deutschland rezipiert und bewertet wurden.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum stehen Bernsteins Theorien zu sprachlichen Kodes, der Zusammenhang von sozialer Schicht und Sprache sowie die damit verbundene bildungspolitische Rezeption in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu ergründen, inwiefern die zeitgenössische Fachliteratur der 70er-Jahre die Bernstein’schen Thesen positiv oder negativ bewertete und welche spezifischen Teilaspekte dabei kritisiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse soziolinguistischer Fachliteratur und theoretischer Quellen, die im besagten Zeitraum in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Begriffen (Defizithypothese), den Zusammenhang von Schicht und Kognition, die linguistische Kritik an der Kodetheorie sowie eine methodische Bewertung der Bernstein’schen Forschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Bernstein’sche Kodetheorie, Sprachbarrieren, Soziolinguistik, Defizithypothese und der historisch-politische Kontext der 1970er-Jahre.
Wie bewerten die deutschen Autoren Bernsteins „Kodetheorie“ konkret?
Die Autoren kritisieren häufig das Fehlen präziser linguistischer Definitionen, die Realitätsferne der idealisierten Kodetypen und die negative Konnotation, die mit dem restringierten Kode verknüpft wird.
Inwiefern beeinflusste die Bildungsdebatte der 70er Jahre die Bernstein-Rezeption?
Bernsteins Arbeiten wurden als Lösungsansatz für die damalige „Bildungskatastrophe“ gesehen, doch als kompensatorische Programme scheiterten, verschob sich die Kritik auf die vermeintlich fehlerhafte theoretische Basis des Autors.
- Arbeit zitieren
- Jara Marder (Autor:in), 2014, Die Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280688