Arbeitsteilung und Integration (Durkheim)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Durkheims Studie über die Teilung der sozialen Arbeit
2.1. Funktionen der Arbeitsteilung
2.1.1. Solidaritätsformen
2.1.1. Mechanische Solidarität
2.1.2. Organische Solidarität
2.1.2. Zusammenhang zwischen organischer Solidarität und Vertragssolidarität
2.2. Gründe und Bedingungen für die Arbeitsteilung
2.3. Anormale Formen der Arbeitsteilung
2.3.1. Anomische Arbeitsteilung
2.3.2. Erzwungene Arbeitsteilung
2.3.3. Fehlkoordination der Funktionen
2.3.4. Konsequenzen der Anomalien für die Integration
2.4. Das Konzept der Berufsgruppen

3. Übertragung von Durkheims Theorie auf die Prozesse der Europäisierung und der Globalisierung

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Arbeitsteilung und Integration sind auch heute noch zentrale Begriffe in unserer Gesellschaft sowohl im soziologischen und politischen als auch im wirtschaftlichen und rechtlichen Bereich. Emile Durkheim widmet sich schon 1893 der Bedeutung der Arbeitsteilung für die Entwicklung und Integration von Gesellschaften. Das Ergebnis ist eines seiner bekanntesten Werke „De la division du travail social“, das den deutschen Titel „Über die Teilung der sozialen Arbeit“ trägt. In seinen Arbeiten beschäftigt Durkheim sich stark mit der Untersuchung seiner damaligen Gesellschaft. Er versucht herauszufinden, was das Besondere an der modernen Industriegesellschaft ist. Die Antwort, die er auf darauf findet, ist, dass die Arbeitsteilung das besondere Kennzeichen ausmacht, das die Industriegesellschaft von anderen Gesellschaften unterscheidet. Jeder Mensch besitzt unterschiedliche Fähigkeiten und spezialisiert sich immer mehr darauf. So kommt es zu einer größeren Abhängigkeit zwischen den Individuen sowie zu einer spezifischen Solidarität, die Durkheim als organisch bezeichnet und die zur Integration innerhalb von entwickelten Gesellschaften führt. Dies stellt einen Gegensatz zum Utilitarismus und somit zur individualistischen Gesellschaftstheorie von Herbert Spencer dar. Bei seinen Studien geht Durkheim ausgesprochen methodisch und soziologisch vor. Charakteristisch für ihn ist dabei, dass er soziale Phänomene nur durch soziale Tatsachen, sogenannte „faits sociaux“ erklären will. Soziologie ist für ihn eine positive Wissenschaft, die auf einer empirischen Beweisführung begründet sein soll. Für Durkheim ist es also wichtig, alle Erkenntnisse im Rahmen seiner Gesellschaftsanalyse nur aus gesellschaftlichen Gegebenheiten wie zum Beispiel Moral, Solidarität und Recht herzuleiten.

Ziel dieser Arbeit ist es, zunächst Durkheims Theorie über die Arbeitsteilung darzustellen. Dabei werden die Funktionen sowie die Gründe und Bedingungen für die Arbeitsteilung näher erörtert und mögliche anormale Formen sowie das Konzept der Berufsgruppen vorgestellt. Im Anschluss daran werden die gewonnenen Erkenntnisse auf die heutigen Phänomene der Europäisierung und der Globalisierung übertragen.

(vgl. Durkheim 1977, S. 17-35 und http://www.net-lexikon.de)

2. Durkheim: Über die Teilung der sozialen Arbeit

In seiner Studie über die soziale Arbeitsteilung geht Durkheim von einer bestimmten Leitfrage aus. Er will nämlich herausfinden, wieso ein Individuum auf der einen Seite immer autonomer, aber auf der anderen Seite immer abhängiger von der Gesellschaft wird. Dies würde ja eine Gleichheit zwischen den eigentlich gegensätzlichen Begriffen von Individualität und Solidarität bedeuten. Die Ursache für diesen scheinbaren Widerspruch liegt nach seinen Erkenntnissen in der Veränderung der sozialen Solidarität, deren Ursache wiederum eine vermehrte Arbeitsteilung ist. Spezialisierung und Arbeitsteilung machen eine Person demnach autonomer und zugleich solidarischer. Durkheim erweitert außerdem den Begriff der Arbeitsteilung, indem er ihn nicht nur auf ökonomische, sondern auch auf soziale und biologische Bereiche anwendet. Er geht beispielsweise auf die Aufteilung der Funktionen zwischen den Geschlechtern oder auf die Evolutionsgeschichte ein.

(vgl. Gephart 1993, S. 328-329 und S. 363-365 und Parsons 1979, S. 118-121)

2.1. Funktionen der Arbeitsteilung

Bei der Klärung des Begriffs der Arbeitsteilung zäumt Durkheim das Pferd sozusagen von hinten auf, indem er zunächst klärt, welche Funktion die Arbeitsteilung nicht inne hat. Obwohl es im ersten Moment einleuchtend scheinen mag, ist es laut Durkheim kein Ziel der Arbeitsteilung, die Gesellschaft in irgendeiner Form weiter zu entwickeln oder die wirtschaftliche Produktivität zu steigern. Arbeitsteilung stellt somit keinen Daseinsgrund für die Zivilisation dar. Wenn dies nämlich der Fall wäre, hätte die Arbeitsteilung keinen moralischen Charakter und man wüsste auch nicht, wieso sie überhaupt entstanden ist. Mit dieser Argumentation führt uns Durkheim an die eigentliche Funktion der Arbeitsteilung, die er folgendermaßen beschreibt:

„In diesem Fall sind die ökonomischen Dienste, die sie leisten kann, gering, verglichen mit der moralischen Wirkung, die sie hervorruft, und ihre wahre Funktion besteht darin, zwischen zwei oder mehreren Personen ein Gefühl der Solidarität herzustellen. Wie immer dieses Ergebnis auch erlangt wird, es regt diese Freundschaft an und zeichnet sie mit seinem Stempel.“

(Durkheim 1977, S. 96)

Also, prinzipiell hat die Arbeitsteilung folgende Wirkung auf die Gesellschaft: sie erzeugt soziale Solidarität zwischen den Individuen, indem sie zwischen ihnen Abhängigkeiten schafft. Diese Abhängigkeiten entstehen, weil der Einzelne nicht vollkommen ist und nicht alle Aufgaben alleine erfüllen kann. Durkheim erörtert dies am Beispiel der Ehe. Hier hat sich mit der Zeit eine spezifische Arbeitsteilung entwickelt, welche durch eine Vielzahl von Regeln sowie durch die Ehesolidarität symbolisiert wird. An diesem Beispiel lässt sich zeigen, dass die Arbeitsteilung Mann und Frau aneinander bindet. Der Mann ist für die Versorgung der Familie und ihren Schutz zuständig, während sie für das Heim und die Kindererziehung verantwortlich ist. (Heute hat sich dieses Rollenbild aber verändert) So hat jeder eine fest definierte Rolle bzw. eine klar festgelegte Funktionen, die sich gegenseitig auch nicht überschneiden. Dadurch entsteht aber gleichzeitig eine wechselseitige Abhängigkeit, was bedeutet, dass jeder sich darauf verlassen muss, dass der andere seine Aufgabe auch erfüllt. Ansonsten würde das Zusammenleben nicht erfolgreich verlaufen. Wie man sieht, entsteht auf diese Weise eine langfristig angelegte solidarische Beziehung zwischen zwei oder auch mehreren Personen, die Durkheim folgendermaßen beschreibt:

„Individuen sind untereinander verbunden, die sonst unabhängig wären. Statt sich getrennt zu entwickeln, vereinen sie ihre Anstrengungen. Sie sind solidarisch, und diese Solidarität wirkt sich nicht nur in den kurzen Augenblicken aus, in denen sie einander gefällig sind, sondern weit darüber hinaus.“

(Durkheim 1977, S. 101)

Durkheim wirft im Hinblick auf die Konstanz der durch die Arbeitsteilung geschaffenen Solidarität auch den Begriff der natürlichen Ergänzung auf. Im Gegensatz zum geläufigen Sprichwort „gleich und gleich gesellt sich gern“ geht Durkheim davon aus, dass die Arbeitsteilung samt ihrer Solidarität auf Verschiedenartigkeit der Individuen beruht. Wie wir eben gesehen haben, besitzt jede Person unterschiedliche Fähigkeiten, wodurch zahlreiche Abhängigkeiten entstehen können. Das heißt aber auch, dass wir immer mit Individuen verbunden sind, die andere Rollen und Funktionen wahrnehmen als wir selber. Somit gründet sich Arbeitsteilung nicht wie beispielsweise in einer Freundschaft auf Ähnlichkeiten, sondern eben auf Unähnlichkeiten. Diejenige Person, mit der wir durch Arbeitsteilung verbunden sind, stellt somit laut Durkheim unsere natürliche Ergänzung dar.

Zusammenfassend betrachtet, besteht die Hauptfunktion der Arbeitsteilung demnach in der Schaffung von sozialer Solidarität zwischen den Individuen. Die Arbeitsteilung konstituiert und garantiert also die Verbundenheit innerhalb einer Gesellschaft und bedingt dadurch deren Bestehen. Außerdem erhält sie - im Gegensatz zu der von Durkheim widerlegten Funktion der Weiterentwicklung der Gesellschaft – einen moralischen Charakter und dadurch gleichzeitig eine moralische Aufgabe. Dies ist schon darin begründet, dass allein das Streben nach Eintracht und solidarischen sozialem Zusammenhalt in jeglichen Beziehungen zwischen Personen als moralisch aufgefasst wird.

(vgl. Durkheim 1977, S. 90-104; Korte 1999, S. 66-75; Morel 1999, S. 13-20 und http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/texte/MakroSoSe01)

2.1.1. Solidaritätsformen

Um diese Funktion der Arbeitsteilung zu beweisen, muss man laut Durkheim ermitteln, welchen Beitrag die durch Arbeitsteilung geschaffene Solidarität bei der Integration einer Gesellschaft leistet. Je höher das Maß an Arbeitsteilung ist, desto größer ist demnach der soziale Zusammenhalt, was gleichfalls eine Verstärkung der Integration nach sich zieht. Für diese Beweisführung ist zunächst eine Einteilung der Solidarität nötig. Durkheim unterscheidet zwischen folgenden zwei Arten von sozialer Solidarität: der mechanischen und der organischen Solidarität. Da aber, wie schon gesagt, die Solidarität einen moralischen Charakter hat, kann man sie nicht auf direktem Wege messen. Man muss also auf Indikatoren zurückgreifen, welche die Solidarität repräsentieren. Für Durkheim ist das Recht ein geeigneter Indikator für die Messung von sozialer Solidarität.

„In der Tat drängt das soziale Leben, überall, wo es dauerhaft existiert, dazu, eine bestimmte Form anzunehmen und sich zu organisieren; das Recht ist dann nichts als die Organisation selbst in dem, was es an Beständigem und an Genauem hat. Das allgemeine Leben der Gesellschaft kann sich nicht über diesen Punkt ausbreiten, ohne dass sich das Rechtsleben zu gleicher Zeit und in demselben Verhältnis ausdehnt. Wir können also sicher sein, im Recht alle wesentlichen Varianten der sozialen Solidarität widergespiegelt zu finden.“

(Durkheim 1977, S. 105)

Im Recht spiegeln sich also die sozialen Organisationen wider, genauso wie die Ausprägungen der Rechtsregeln den Ausprägungen der gesellschaftlichen Integration entsprechen. Der Indikator Recht wird nun von Durkheim ebenfalls klassifiziert, jedoch nicht nach der uns geläufigen Einteilung in öffentliches und privates Recht, sondern nach den Sanktionen. Er unterscheidet also das Recht nach zwei Arten von Sanktionen, nämlich den repressiven und den restitutiven Sanktionen. Erstere werden durch das Strafrecht repräsentiert und dienen dazu, den Täter zu bestrafen und ihn leiden zu lassen. Dies kann beispielsweise durch Wegnahme von Freiheit oder Besitz geschehen. Restitutive Sanktionen finden wir dagegen im sogenannten Kooperativrecht, wozu unter anderem das Zivil- und Handelsrecht oder auch die Prozessordnung zählt. Hierbei steht nicht die Bestrafung des Täters im Vordergrund, sondern die Wiedergutmachung der begangenen Straftat. Der alte Zustand vor dem Verbrechen soll wiederhergestellt werden.

Im Folgenden ordnet Durkheim jeder Sanktionsart die entsprechende Solidaritätsform zu. Somit repräsentiert das Strafrecht mit seinen repressiven Sanktionen die mechanische Solidarität oder auch Solidarität aus Ähnlichkeiten genannt, während das Kooperativrecht mit seinen restitutiven Sanktionen die organische Solidarität darstellt, die aus der Arbeitsteilung resultiert.

Bei der Beschreibung der mechanischen und der organischen Solidarität verwendet Durkheim drei verschiedene Ebenen, nämlich die morphologische Ebene, die Ebene der Normen und die Ebene des Kollektivbewusstseins. Auf der morphologischen Ebene geht es darum, welche spezifische Gesellschaftsform der jeweiligen Solidarität entspricht. Die Ebene der Normen beinhaltet die zum Solidaritätstyp passenden Normen. Welche Art von Kollektivbewusstsein mit der solidarischen Bindung einhergeht, wird durch die Ebene des Kollektivbewusstseins determiniert. Mechanische und organische Solidarität unterscheiden sich jeweils in ihren Ausprägungen hinsichtlich dieser drei Bereiche. In den nächsten beiden Unterkapiteln wird zunächst die mechanische und anschließend die organische Solidarität auf diese Weise näher charakterisiert.

(vgl. Durkheim 1977, S. 104-110; Korte 1999, S. 66-75; Morel 1999, S. 13-20 und http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/texte/MakroSoSe01)

2.1.1.1. Mechanische Solidarität

Wenn man die mechanische Solidarität aus morphologischer Perspektive untersucht, stellt man fest, dass es sich um eine segmentäre Gesellschaft handelt. Das bedeutet, dass diese Gesellschaft sich aus einander ähnelnden, gleichartigen Segmenten zusammensetzt. Ihre Mitglieder sind aufgrund ihrer Gleichartigkeit untereinander verbunden. Die Integration findet demnach aufgrund von Ähnlichkeiten statt. Daher auch der Name Solidarität aus
Ähnlichkeiten. In der Vergangenheit finden wir solche Gesellschaften vor allem bei Horden und Clans vor. Es handelt sich hierbei also um eine gesellschaftliche Organisation, in der sich vergleichbare Segmente wiederholen. Die Zuordnung zu den einzelnen Segmenten wird aufgrund der Abstammung geregelt. Das bedeutet auch, dass die Mitglieder eines Segments in einer Verwandtschaftsbeziehung zueinander stehen. Die Individuen bleiben auch meist an dem Ort, an dem sie geboren sind und weisen innerhalb eines Segments untereinander ein starkes und direktes Zusammengehörigkeitsgefühl auf. Zu anderen Segmenten bestehen dagegen kaum Beziehungen. Es handelt sich hierbei um eine niedrige bzw. primitive Gesellschaftsform mit geringer Bevölkerungszahl, die besonders durch Ähnlichkeit ihrer Mitglieder gekennzeichnet ist. Durkheim beschreibt den Zusammenhang zwischen Gesellschaftstypus und Solidaritätsform folgendermaßen:

„Wir können also sicher sein, dass die Homogenität um so größer ist, je weiter wir in der Geschichte zurückgehen. Andrerseits ist die Arbeitsteilung um so entwickelter, je höher die sozialen Typen sind.“

(Durkheim 1977, S. 178)

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Arbeitsteilung und Integration (Durkheim)
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
HS Gesellschaftstheorie I
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V28070
ISBN (eBook)
9783638299602
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitsteilung, Integration, Gesellschaftstheorie
Arbeit zitieren
Gabriele Prey (Autor), 2004, Arbeitsteilung und Integration (Durkheim), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28070

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