Zum Rollenverhalten von Kindern in alkoholbelasteten Familien, unter besonderer Betrachtung des mütterlichen Alkoholismus


Diplomarbeit, 2006
81 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Gliederung

Gliederung

Einleitung

Teil I Theoretische Ausführung
1 Alkoholismus
1.1 Die Alkoholikerpersönlichkeit
1.2 Weiblicher Alkoholismus
2 Alkoholbelastete Familien
2.1 Die Situation in alkoholbelasteten Familien
2.2 Adaptionsmechanismen in den Familien
2.3 Co-Abhängigkeit
2.4 Retter- Opfer- Ankläger- Spiel in der Familie
3 Kinder in Alkoholikerfamilien
3.1 Das Rollenverhalten der Kinder
3.2 Wechseln und Ausbrechen aus den Rollen
3.3 Die Auswirkungen des Alkoholismus auf Kinder
4 Zusammenfassung

Teil II Teil - Empirische Untersuchung -
1 Methodischer Rahmen und Anlage der Untersuchung
1.1 Die Erhebungsmethode: Experteninterview
1.2 Die Interviewpartnerinnen
1.3 Durchführung der Interviews
2 Auswertung der Interviews
2.1 Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Alkoholismus
2.2 Probleme in Alkoholikerfamilien
2.3 Kinder von Alkoholikerinnen
3 Resümee

Quellen

Einleitung

Die Krankheit Alkoholismus kann überall auftreten. Sie ist unabhängig von Alter, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht oder Lebensstil. Langfristig führt der Alkoholismus zu körperlichen, psychischen und sozialen Schädigungen. Diese Folgen des Alkoholismus betreffen den Abhängigen als Individuum. Darüber hinaus ist ebenso das soziale Umfeld, besonders die Familie betroffen. – Alkoholismus ist eine Familienkrankheit.

Von verschiedenen Fachdisziplinen wird der Alkoholismus als schwerwiegendes soziales Problem, mit seinen Folgen, sowie dem Abhängigen selbst und seinem betroffenen Lebensumfeld beleuchtet (vgl. Klein, E., 1985, S. 169). Die Fachgebiete Medizin, Psychologie und Soziologie sind in der Erforschung der Entstehung und Therapie des Alkoholismus engagiert. Es gibt zahlreiche Einzelfallstudien, autobiographische Arbeiten und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen.

Professionelle Helfer und Therapeuten werden in ihrer Arbeit mit alkoholbelasteten Familien zunehmend auf die Kinder aufmerksam und lenken den Blick der Wissenschaft auf diese Problematik. In den letzten 30 Jahren sind die Kinder aus alkoholbelasteten Familien verstärkt in den Blickpunkt der wissenschaftlichen psychologischen und klinischen Forschung gerückt. Führend sind die Arbeiten von Claudia Black, Sharon Wegscheider, Janet Woititz und im deutschen Sprachraum von Ursula Lambrou (vgl. Zobel, 2000, S.15). Sie brachten die Umgebungsbedingungen der Kinder mit einem alkoholabhängigen Elternteil in systematische Struktur und setzten sie in einen theoretischen Zusammenhang.

Bei dem Studium der Literatur fiel mir auf, dass beinahe ausnahmslos vom väterlichen Alkoholismus ausgegangen wird. Der väterliche Alkoholismus scheint der Stereotyp für alkoholbelastete Familien zu sein. Wegscheider erklärt die Wahl der Terminologie mit der einfacheren Lesbarkeit, jedoch ohne auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede einzugehen.

Ich stellte mir die Frage, ob es unterschiedliche Probleme in Familien mit väterlichem beziehungsweise mütterlichem Alkoholismus gibt.

Da die Literatur die Frage nicht ausreichend beantwortet, ergänzte ich meine Arbeit durch einen empirischen Ansatz.

Ich befragte eine Sozialpädagogin, eine Psychologin, sowie eine Kinderpflegerin. Die Sozialpädagogin verfügt über langjährige Erfahrungen in der Familienhilfe und dem Jugendamt, während die Psychologin in der Beratung eines gemeinnützigen Trägers tätig ist. Die Kinderpflegerin arbeitet in einer Kindertagesstätte einer Entzugsklinik für Frauen. Sie gaben Auskunft über die Probleme, die durch mütterlichen Alkoholismus für Kinder entstehen. Sie ergänzen somit meinen, auf die Literatur gestützten Ansatz durch ihr Expertenwissen aus der Praxis.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich die Grundzüge des Alkoholismus aufzeigen. Ich stelle die sogenannte Alkoholikerpersönlichkeit vor (1.1) und weise auf besondere Merkmale des weiblichen Alkoholismus hin (1.2).

Von der betroffenen Person des Alkoholikers wird der Blick anschließend auf die vom Alkoholismus belastete Familie gerichtet. Es wird die Situation in alkoholbelasteten Familien beschrieben (2.1) und ihre Reaktion auf den Alkoholismus durch Entwicklung von Adaptionsmechanismen verdeutlicht (2.2). Diese Anpassungsmechanismen münden in eine Co-Abhängigkeit des Ehepartners des Alkoholikers und der Kinder. Diese Co-Abhängigkeit wird in Kapitel 2.3 dargestellt. Um das Bild der alkoholbelasteten Familien abzurunden, wird das Retter-Opfer-Ankläger-Spiel zwischen den Familienmitgliedern geschildert (2.4).

In dem dritten Kapitel nehme ich Bezug auf die Kinder in sogenannten Alkoholikerfamilien. Es werden die Rollenmuster beschrieben, die sie annehmen um in dem gestörten Familiengefüge zu überleben (3.1). Im darauf folgenden Kapitel werde ich auf die Möglichkeiten eingehen, die den Kindern zum Wechseln der Rollen und zum Ausbrechen aus dem Rollenverhalten gegeben sind (3.2). Des weiteren werden die Auswirkungen des elterlichen Alkoholismus auf die Entwicklung der Kinder dargestellt (3.3). Diese Ausführungen eröffnen die Diskussion um die Bedeutung des mütterlichen Alkoholismus für die Kinder. Es wird ein kurzer Überblick über die aus der Literatur erworbenen Erkenntnisse gegeben, um sie dann im zweiten Teil dieser Arbeit durch die Erfahrungen der Praxis der befragten Expertinnen zu ergänzen.

Im zweiten Teil wird der methodische Rahmen und die Anlage der empirischen Untersuchung vorgestellt (Teil II,1). Die Erhebungsmethode, das Experteninterview wird erläutert (Teil II, 1.1) und die Interviewpartnerinnen vorgestellt (Teil II, 1.2). Es wird die Durchführung der Interviews beschrieben (Teil II, 1.3). Im zweiten Kapitel kommt es zu der Auswertung der Interviews. Die im ersten Teil entwickelten Hypothesen werden anhand des Expertenwissens bestätigt, verworfen und weiter entwickelt. Zunächst geht es um geschlechtsspezifische Unterschiede im Alkoholismus (Teil II, 2.1), die durch die Kenntnisse der Expertinnen belegt werden können. Auf der Basis der geschlechtsspezifischen Differenziertheit werden die Probleme in Familien mit einer Alkoholikerin beleuchtet (Teil II, 2.2). Der Alltag der Familien wird beschrieben und es wird untersucht ob die männlichen Partner von Alkoholikerinnen eine Co-Abhängigkeit entwickeln, die mit der weiblichen gleichzusetzen ist. Ein wichtiger Punkt der Untersuchung ist die Situation der Kinder von Alkoholikerinnen (2.3). Es wird ihre Lage aus Sicht der Befragten beschrieben und auf Besonderheiten des Rollenverhaltens von Kindern mit alkoholabhängigen Müttern aufgeführt und analysiert. Die Belastungen der betroffenen Kinder werden aus Sicht der Interviewpartnerinnen dargestellt.

Schlussendlich (3.) kommt es zu einem Resümee in dem die Ergebnisse der Untersuchung gezeigt werden.

Teil I Theoretische Ausführung

1 Alkoholismus

Alkoholismus wird als Missbrauch oder Abhängigkeit von Alkohol[1] mit somatischen, psychischen oder sozialen Folgeschäden bezeichnet (vgl. Pschyrembel, 1998, S. 40 f). Es wird eine Zahl von 2,5 Millionen Alkoholkranken in der Bundesrepublik Deutschland genannt, wobei von einer beträchtlichen Dunkelziffer ausgegangen werden kann.

Die Ursachen des Alkoholismus[2] sind multifaktoriell. Diskutiert werden bestimmte Persönlichkeitstypen im Zusammenhang mit begünstigenden sozialen Situationen. Dabei werden unterprivilegierte Gruppen als besonders gefährdet bezeichnet. Diese Idee ist jedoch kritisch zu betrachten, da Alkoholismus in allen Gesellschaftsschichten anzutreffen ist. Der Pschyrembel nennt weiter genetische Faktoren[3] und psychische Einflüsse als Ursache einer Alkoholabhängigkeit. Das Nichtbewältigen von Krisensituationen zählt dabei als Ursache für die Entstehung von Alkoholabhängigkeit. Janker (1988, S. 7) weist darauf hin, dass bei den Entstehungsbedingungen des Alkoholismus persönliche Faktoren, konstitutionelle und aktuelle Dispositionen mit den gegebenen gesellschaftlichen Trinksitten, dem Milieu und dem daraus erlernten Fehlverhalten zusammenspielen. Wenn diese Entstehungsbedingungen mit ungünstigen Situationen zusammentreffen, kann sich eine Alkoholabhängigkeit entwickeln. Als ungünstige Umstände bezeichnet Janker (1988, S. 9) zum Beispiel eine mangelhafte Realitätsanpassung und eine gestörte Konfliktbewältigungsfähigkeit. Unsicherheiten und ein geringes Durchhaltevermögen hinsichtlich eines gesteigerten Leistungsanspruchsdenkens bringen Verstimmungszustände hervor, die nach Janker den Alkoholkonsum fördern. Als Motivatoren zum gesteigerten Alkoholkonsum zählen Realitätsverlust, Luststeigerung oder die Unlustbeseitigung (vgl. ebd.). Klinische Symptome der Abhängigkeit sind zum Beispiel das Delirium Tremens[4] und der Rausch[5]. Als soziale Folgen des Alkoholismus sind Probleme des Betroffenen am Arbeitsplatz, Isolation und familiäre Konflikte zu betrachten. Unter Umständen führt der Alkoholismus sogar zu zivil- beziehungsweise strafrechtlichen Konsequenzen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Alkoholismus bei dem Betroffenen körperliche, psychische und soziale Schädigungen auslöst.

Es ist zu beachten, dass die Bedingungen, die bei einzelnen Personen zur Alkoholabhängigkeit geführt haben, sehr komplex und individuell sind. Aus diesem Grund ist es von Bedeutung, die Lebensgeschichte des Einzelnen zu betrachten, um zu verstehen, warum ein Mensch abhängig geworden ist (vgl. Teske, 1994, S. 42).

Im Folgenden sollen die für diese Arbeit bedeutenden psychosozialen Beeinträchtigungen eines Alkoholikers beleuchtet werden.

1.1 Die Alkoholikerpersönlichkeit

Um das Verhalten und die Stimmungen des Alkoholikers in gewissem Maße verständlich zu machen, wird im Folgenden ein Überblick über typische Eigenschaften und Verhaltensmuster von Alkoholabhängigen gegeben.

Es werden die verschiedenen Stadien der Persönlichkeitsveränderung beschrieben und eine idealtypische Alkoholikerpersönlichkeit vorgestellt.

Aus empirischen Studien können Rückschlüsse auf die Grundpersönlichkeit eines Alkoholikers gezogen werden (vgl. Feuerlein et al, 1998, S. 69).

Die Kenntnis dieser Eigenschaften ist für diese Arbeit von Bedeutung, da die Familie stark in ihrem Verhalten und ihren Gefühlen durch das Verhalten und die Stimmung des alkoholabhängigen Familienmitgliedes beeinflusst wird.

Das Verhalten und die Stimmung des Abhängigen sind sehr wechselhaft und schwer abschätzbar. Sie ändern sich, je nachdem wie betrunken oder nüchtern der Alkoholiker ist. Nach Lambrou (2004, S. 40) neigen Alkoholiker nicht ausnahmslos, wie häufig dargestellt, zu Aggression und Gewalt. Einige Menschen werden eher schwermütig, von Selbstmitleid geplagt und ziehen sich zurück.

Im fortgeschrittenen Stadium der Abhängigkeit ist eine Persönlichkeitveränderung zu erkennen. Nach Feuerlein et al (1998, S. 63) weisen 80% aller Alkoholiker Persönlichkeitsstörungen auf. Die Anbahnung der Persönlichkeitsveränderung ist durch Herunterspielen und Leugnen des Alkoholkonsums zu erkennen.

Viele Betroffene versuchen durch Abwehrmechanismen den Alkoholkonsum vor sich selbst und ihrer Umwelt zu bagatellisieren. Diese Methode wird als Vermeidungsstrategie bezeichnet (vgl. Lindenmeyer, 1993, S.82). Der Betroffene versucht das Ausmaß des Alkoholkonsums vor seiner Umwelt zu verbergen, um negativen Konsequenzen zu entgehen.

Die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit wird im engen und dauerhaften Zusammenleben des Familienalltages als erstes bemerkt.

Lindenmeyer (1993, S. 93) weist darauf hin, dass es in der Regel zunächst keine spektakulären Ereignisse sind, die den Familienangehörigen auffallen, sondern im Gegenteil die alltägliche Wiederkehr bestimmter Verhaltensweisen des Betroffenen unter Alkoholeinfluss. Es schleichen sich Verhaltensweisen wie häufiges Betrunkensein, zunehmende Gereiztheit, Interessenlosigkeit und Unzuverlässigkeit ein.

Die Übergänge zwischen regelmäßigem Konsum, Missbrauch und Abhängigkeit sind fließend (BMBF, 2004). Medizinisch wird der Zeitpunkt der Abhängigkeit durch die täglich konsumierte Menge an reinem Alkohol definiert. Bei Männern liegt sie bei 40 g (1 l Bier oder ½ l Wein) und bei Frauen bei 20 g reinem Alkohol (vgl. www.alkoholikerinnen.de).

Im Fachjargon wird ein alkoholabhängiger Mensch als Alkoholikerpersönlichkeit bezeichnet. Feuerlein et al (1998, S.69) geben eine idealtypische Beschreibung einer Alkoholikerpersönlichkeit: Die Person weist ein s chwaches Ich mit geringerer Geschlechtsidentität und psychopathischen Zügen auf. Sie hat ein negatives Selbstkonzept und zeigt Feindseligkeit, sowie Unreife. Impulsivität und eine niedrige Frustrationstoleranz kennzeichnen die Alkoholikerpersönlichkeit. In seinem Denken ist der Betroffene vorwiegend auf die Gegenwart ausgerichtet. Eine Reizverstärkung, gekoppelt an eine erhöhte Sensibilität, wird durch eine Neigung zu Hypochondrie und Todesangst ausgedrückt.

Alkoholikerpersönlichkeiten sind stark von ihrem Umfeld abhängig. Diese Abhängigkeit bringt vermehrte Passivität und Undifferenziertheit mit sich.

Neurotische Störungen wie Angst, Depression und Hysterie sind als idealtypische Züge einer Alkoholikerpersönlichkeit zu betrachten. Feuerlein et al zeichnen unter psychodynamischen Gesichtspunkten das aufgezeigte Bild einer alkoholabhängigen Person. Fengler (in Teske, 1994, S.20) hingegen schreibt Alkoholikern schizophrene, zwiespältige Charakterzüge zu. Er meint, dass ein Alkoholiker je nachdem, ob er getrunken hat oder nicht, aus zwei verschiedenen Personen besteht. Der Alkoholiker ist nach Fengler unfähig, über familiäre Beziehungen und Probleme in reflexiver Weise zu sprechen. Er verstrickt sich in Lügen und neigt zu aggressiver und destruktiver Kritik. Das Verhalten des Alkoholikers wird als ambivalent und unzuverlässig beschrieben. Der Alkoholiker verdreht die Tatsachen und schafft es, andere an ihrem ursprünglich gesunden Urteil zweifeln zu lassen. Die Wechsel von Knauserigkeit und Verschwendungssucht sind unnachvollziehbar schnell (vgl. ebd.).

Der Alkoholabhängige verursacht durch seine Trunkenheit Delikte und Unfälle am Steuer und bekommt mit der Zeit finanzielle und berufliche Probleme. Er betrachtet seinen Alkoholismus jedoch nicht als Ursache für die Probleme. Er schreibt die Schuld seinem sozialen Umfeld zu.

Bei Betroffenen beginnt in diesem Stadium der Abhängigkeit die Veränderungen ihres äußeren Erscheinungsbildes und ihres körperlichen Zustands. Die moralischen Standards und der soziale Status nehmen bereits Schaden. In dieser Phase kommt es zu Reue, Besserungsschwüren, Selbstmitleid und sentimentalen Liebesbeteuerungen. Diese Vorsätze sind jedoch nur von kurzer Dauer, da ein Rückfall sehr schnell folgt.

Der psychische Zustand verschlechtert sich weiter. Die Angehörigen werden laut Fengler (vgl. in Teske 1994) durch tatsächliche oder inszenierte Hilflosigkeit in die Komplizenrolle gedrängt. Es kommt zu Problemen, die um die Themen Geld, Sexualität, Autofahren und Gewalt kreisen.

Langjähriger Alkoholismus hat schließlich die beschriebene Persönlichkeitsumformung zur Folge. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (vgl. BMBF, 2004) schreibt der Alkoholikerpersönlichkeit darüber hinaus Interessenlosigkeit für das Umfeld und sich selbst zu. Der Alkoholiker verliert die Kritikfähigkeit gegenüber der eigenen Situation. Die Freitodrate von Alkoholabhängigen 75 Mal höher als die des Bevölkerungsdurchschnitts (vgl. ebd.). Die hohe Selbstmordrate begründet Wegscheider (1988, S. 70) damit, dass das Eingeständnis der ausweglosen Lage mehr ist, als der Alkoholiker ertragen kann.

Von den Familienangehörigen werden körperliche und psychische Veränderungen an dem Alkoholiker bemerkt. Besonders für Kinder ohne Aufklärung über die Alkoholkrankheit ist der unberechenbare Wechsel von aggressivem und regressivem Verhalten nicht zu verstehen. Viele Kinder aus alkoholbelasteten Familie erinnern als Erwachsene die ständigen Auseinandersetzungen in ihrer Familie (Teske, 1994, S.11). Diese sind Ausdruck des aggressiven Verhaltens des alkoholabhängigen Elternteils. Black (nach Teske, 1994, S.11) stellt fest, dass Alkoholiker ihre Aggressionen unkontrolliert ausleben. Unter Umständen eskalieren nach Black diese Auseinandersetzungen und es kommt zu Gewalttätigkeiten, körperlichen Misshandlungen oder gar zu sexuellem Missbrauch.

In den Phasen des regressiven Verhaltens zieht sich der Alkoholiker zurück, um ungestört seine Sucht zu befriedigen oder die Nachwirkungen des Alkoholkonsums auszukurieren. Möglicherweise hat der betroffene Alkoholiker ein schlechtes Gewissen, und versucht, dieses durch Besserungsgelöbnisse und Schmeicheleien zu erleichtern (vgl. Teske, 1994, S. 14).

Es gibt Alkoholiker die nicht diesem typischen Bild der Alkoholikerpersönlichkeit entsprechen und es sind keine Veränderungen seines Wesens erkennbar. In diesem Fall spricht man von einem funktionierenden Alkoholiker. Dem Betroffenen ist der Alkoholismus nach außen nicht anzumerken. Er bleibt arbeits- und leistungsfähig (vgl. Wikipedia).

Im Entzug drückt sich eine körperliche und psychische Komponente der Alkoholabhängigkeit aus. Es treten körperliche Entzugserscheinungen bis hin zu zentralnervösen Krampfanfällen und einem Delirium tremens (siehe oben) auf. Zudem verspürt der Alkoholiker ein starkes Verlangen (Craving), sich erneut Alkohol zu beschaffen.

Der Alkoholiker befindet sich zwischen Schamgefühl und Verzweiflung im Teufelskreis der Alkoholabhängigkeit. Diese zirkuläre Kausalität wird auf literarische Weise von Saint-Exupéry in der Begegnung des kleinen Prin zen mit einem Säufer treffend dargestellt.[6]

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Alkoholikerpersönlichkeit sich in einer abwärts verlaufenden Spirale befindet. Diese bringt körperliche Schädigungen und Verfall, sowie starke Persönlichkeitsveränderungen mit sich. Die wechselnden Phasen von Aggression und Regression lösen die Stabilität des Familiengefüges auf.

In der Literatur ist üblicherweise von DEM Alkoholiker, also einem männlichen Alkoholabhängigen die Rede. Da in dieser Arbeit ebenso der Alkoholismus des Alkoholikers beschreiben ist, werden im nächsten Kapitel die Besonderheiten des weiblichen Alkoholismus beschrieben.

1.2 Weiblicher Alkoholismus

In diesem Kapitel wird dargestellt, in wie weit es medizinische und sozio-psychologische Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Alkoholismus gibt.

Die Zahl der weiblichen Alkoholiker wird auf 750.000 bis 800.000 geschätzt (vgl. www.lichtblick99.de), wobei eine hohe Dunkelziffer anzunehmen (vgl. Berger, 1983, S. 8) und eine hohe Steigerungsrate zu verzeichnen ist (vgl. Janker, 1988, S. 1). Der weibliche Alkoholismus ist dennoch in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion des Alkoholismus wenig vertreten. Wegscheider (1988, S. 97) weist jedoch darauf hin, dass Frauen aufgrund des „typisch weiblichen“, heimlichen Trinkverhaltens weniger auffallen als männliche Alkoholiker.

Soyka (2000, S. 109) erklärt, dass alle epidemiologischen und klinischen Untersuchungen deutlich machen, dass Frauen seltener von Alkoholabhängigkeit betroffen sind als Männer. Er weist darauf hin, dass sich Frauen im Gegensatz zu Männern in einem früheren Stadium der Alkoholabhängigkeit in therapeutische Behandlung begeben. Dieses Verhalten begründet er mit der geringeren gesellschaftlichen Akzeptanz des weiblichen Alkoholismus (vgl. Soyka, 2000, S. 110 und Auerbach et al, in Berger, 1983, S. 29). Die Folge ist, dass die Alkoholikerinnen früh in eine Therapie oder auch in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Frauenspezifische klinische Störungen

In der klinischen Betrachtungsweise lassen sich Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Alkoholikern erkennen. So sind Störungen im Bereich der inneren Medizin festzustellen. Dabei wird insbesondere auf ein erhöhtes Risiko von Frauen für eine alkoholische Leberzirrhose hingewiesen (vgl. Feuerlein et al, 1998, S. 138f). Es gibt bisher jedoch keine medizinische Erklärung für dieses Phänomen. Es wird vermutet, dass die Unterschiede in der Verarbeitung von Östrogenen und der zyklusbedingten unterschiedlichen Alkoholabbaurate bei Frauen liegen. Alkohol verursacht komplexe Veränderungen des Hormonhaushaltes [7] (vgl. ebd. S. 163).

Einen geschlechtsspezifischen Unterschied liegt auch hinsichtlich der alkoholischen Demenz vor. So tritt sie dreimal häufiger bei Alkoholikerinnen auf, als bei männlichen Alkoholikern. Bei chronischem Alkoholismus wird eine Rate von etwa 3 -10 % des Auftretens einer Demenz verzeichnet (vgl. ebd. S. 186).

Soziale Faktoren

Soziale Faktoren sind bei der Entstehung, Aufrechterhaltung und Veränderung des Trinkverhaltens von Bedeutung (vgl. Janker, 1988, S. 4). Soziale Fähigkeiten, Ängste, sowie soziale Defizite tragen zu der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit bei. Als soziale Komponenten werden die Schichtzugehörigkeit, die Berufstätigkeit und der Familienstand für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit angegeben (vgl. E. Klein, 1985, S. 170). Der sogenannte Wohlstandsalkoholismus wird durch diese genannten Faktoren begünstigt. Darüber hinaus spielen für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit die Persönlichkeitsstrukturen der Frau, sowie ihre Herkunftsfamilie eine Rolle. Die Einflüsse der emanzipatorischen Frage sind bei der Betrachtung von sozialen Faktoren als Auslöser einer Alkoholabhängigkeit nicht außer Acht zu lassen.

Es sind Unterschiede in dem Trinkstil von alkoholabhängigen Männern und Frauen zu erkennen, auf die in diesem Kapitel eingegangen wird. Sexueller Missbrauch ist als auffälliges Ereignis in den Biographien von vielen späteren Alkoholikerinnen zu finden und wird daher als frauenspezifische Ursache für die Entstehung des Alkoholismus zu betrachtet. In diesem Kapitel wird auf die Probleme der weiblichen Normalbiographie hingewiesen, die die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit begünstigen kann. Aus den Ursachen, die auf die Familie bezogen sind, können zwei Typen von alkoholabhängigen Frauen gebildet werden, die die Erklärungsmodelle für den weiblichen Alkoholismus in dieser Arbeit ergänzen.

Schichtzugehörigkeit und Bildung

Im Gegensatz zu weiblichen Alkoholikern kommen männliche Alkoholiker häufiger aus den unteren Gesellschaftsschichten (vgl. Auerbach et al, in Berger et al, 1983, S. 23). Feuerlein et al (1998, S. 117) geben dabei folgende Verteilung des durchschnittlichen täglichen Alkoholkonsums von weiblichen Alkoholikern an: Oberschicht: 19 g, Mittelschicht: 15 g, Unterschicht 19 g. Bei männlichen Alkoholikern ist dagegen kein durchgehender Trend entsprechend der Alkoholmenge und der Sozialschichten zu verzeichnen. Laut Auerbach et al (in Berger et al, 1983, S. 23) haben weibliche Alkoholiker eine signifikant bessere Schulbildung als männliche. So besitzen 24,5% der von ihnen befragten weiblichen Alkoholiker und 11,8% der männlichen Alkoholiker einen Realschulabschluss.

Familienstand

Reuband (in Berger, 1983, S. 34ff) verweist auf einen hohen Anteil von alleinstehenden Frauen (allein, getrennt lebend, oder geschieden) unter Alkoholikerinnen. Im Vergleich zu dem Bevölkerungsdurchschnitt sind Alkoholikerinnen seltener verheiratet. Eine eher frauentypische Suchtentwicklung ist mit dem Leidensdruck zu erklären, den Frauen häufig mit gestörten und getrennten Partnerschaftsbeziehungen entwickeln, da sie sich stärker auf den Partner fixieren als Männer (vgl. ebd.). Eine psychische Belastung wird ebenfalls durch den Tod des Partners ausgelöst. Diese Belastungssituationen können bei Frauen vermehrt depressive Verstimmungen auslösen, die häufig in einer sogenannten Selbsttherapie durch das Erleichterungstrinken gemindert werden sollen. Dieses Verhalten mündet unter Umständen in eine Alkoholabhängigkeit (vgl. Auerbach et al, in Berger, 1983, S. 28). Der Alkoholismus mit den dazugehörenden Problemen kann jedoch gleichfalls der Auslöser der partnerschaftlichen Differenzen sein, die schlussendlich zu einer Trennung führen können (vgl. ebd.).

Berufstätigkeit

Aus soziologischer Sicht kann der Wohlstandsgesellschaft eine entscheidende Rolle bei der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit von Frauen zugesprochen werden. Es kann angenommen werden, dass die Häufung des Alkoholismus bei Frauen in gehobenen Gesellschaftsschichten mit einer Rollenunterbelastung zusammenhängt. Es handelt sich dabei überwiegend um Frauen, deren finanzielle Verhältnisse ihnen alle Bequemlichkeiten erlauben. Sie sind nicht berufstätig und haben außerdem ihre Rolle als Ehegattin durch Verwitwung oder Scheidung eingebüßt. Von weiteren soziologischen Faktoren kann bei Frauen aus unteren sozialen Schichten gesprochen werden: Die Freudlosigkeit und Eintönigkeit industrieller Arbeit beeinflusst das Selbstwertgefühl (vgl. Feuerlein et al, 1998, S 88f).

Ebenso kann eine Überbelastung der Frau durch die Doppelbelastung von Familie und Beruf eine Alkoholgefährdung darstellen.

Singerhoff (2002, S. 48) weist auf einen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland hinsichtlich der Trinkmotivationen hin, die mit der Berufstätigkeit zusammenhängen. So ist in Ostdeutschland die Quote der Berufstätigkeit bei Alkoholikerinnen niedrig während im Westen etwa 74% der Alkoholikerinnen berufstätig sind.

Daraus ist zu schließen, dass die Berufstätigkeit keinen Einfluss auf die Entwicklung von Alkoholismus hat.

Persönlichkeitsstrukturen

Gesunde Persönlichkeitsstrukturen sind als Widerstandsressource zu betrachten (vgl. Singerhoff, 2002, S. 50ff). So helfen positive psychische Faktoren wie Selbstvertrauen und eine gesunde Ich-Identität, ebenso wie kognitive Fähigkeiten (die aus Wissen, Intelligenz und Bildungsstand zusammengesetzt sind) der Person, Stresssituationen zu bewältigen. Ökonomische Faktoren, das heißt die materielle Situation der Frau, stärken ihre Persönlichkeitsstruktur und können vor einer Abhängigkeit schützen.

Im Umkehrschluss stellen gestörte Persönlichkeitsstrukturen wie oben beschrieben eine Prädestination für die Alkoholabhängigkeit dar.

Herkunftsfamilie

Neben der Herkunftsfamilie ist auch die gegenwärtige Umwelt, bestehend aus Ehepartner, Familie und der Alkoholnähe des ausgeübten Berufes, entscheidend für die Einstellung und Verhaltensweisen der Alkoholikerin. Über die alkoholspezifische Sozialisation in den einzelnen Familien gibt es laut Reuband (vgl. in Berger, 1983, S. 15f) wenige Erkenntnisse.

Der erste Alkoholkonsum stellt einen Punkt dar, über den viel berichtet wird. Demnach probierte der Großteil der Alkoholikerinnen in den Jahren der Pubertät zum ersten Mal Alkohol. Diese Annahme entspricht jedoch dem Bevölkerungsdurchschnitt und macht somit keine Prädestination für die Alkoholabhängigkeit deutlich. Feierliche Anlässe bieten die Gelegenheit Alkohol zu kosten. Dabei kommt es im Kreis der Familie offen zu dem Alkoholkonsum. Die Vorbildfunktion der Eltern ist entscheidend für die Sozialisation von Kindern, die durch sie eine Vorstellung über den Stellenwert von Alkohol entwickeln. So erfahren sie die Trinkmuster der Herkunftsfamilie als Normalität und erleben Alkoholkonsum in ihrer Herkunftsfamilie als Problemlösungsverfahren.

Reuband weist, im Vergleich zu männlichen Alkoholikern auf eine überproportional häufige Herkunft von Alkoholikerinnen aus einem alkoholbelasteten Elternhaus hin. Es bleibt die Bedeutung der Herkunftsfamilie für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit kritisch zu betrachten, da das darüber bestehende Wissen auf den Aussagen der Betroffenen beruht. Reubach stellt bei AlkoholikerInnen (vgl. in Berger, 1983, S. 18) eine Verharmlosung ihres eigenen Alkoholkonsums fest, der sich durch das Aufbauschen des Alkoholkonsums im eigenen Umfeld äußert.

Daraus ist zu schließen, dass ihre Aussagen nicht unbedingt der Realität entsprechen müssen.

Emanzipatorische Frage

Die mangelnde Emanzipation von Frauen kann als Ursache für eine gesteigerte Alkoholismusgefährdung betrachtet werden, da das Ablösen von den traditionellen Geschlechterrollen eine bessere Bewältigungsstrategie darstellt, als das oben beschriebene Entlastungstrinken (vgl. Reuband, in Berger, 1983, S. 36). So bezeichnet Reuband besonders eng mit den traditionellen Frauenrollen verbundene Frauen als am stärksten alkoholgefährdet. Im Falle der Auflösung der Partnerschaftsbeziehung sind durch Rollentrennung und dem instrumentellen Verhalten des Partners entmündigte Frauen häufig nicht in der Lage die veränderte Situation zu bewältigen.

Im Gegensatz zu der mangelnden Emanzipation wird der weibliche Alkoholismus von der Öffentlichkeit vielfach als Zeichen für das Hinwegsetzen der betroffenen Frauen über den durch die Geschlechtsrollen vorgegebenen Rahmen betrachtet (vgl. Winkler, 1997, S. 9).

Frauenspezifischer Trinkstil

Durch Reuband (in Berger, 1983, S. 11ff) können die oben genannten Merkmale und Indikatoren des weiblichen Alkoholismus durch die Besonderheiten des generalisierten weiblichen Trinkstils ergänzt werden. Somit ist das Trinkverhalten von Frauen im Allgemeinen anders geartet als das von Männern.

Männer trinken bevorzugt in Gesellschaft, außer Haus, das heißt zum Beispiel in Kneipen. Wohingegen Frauen ihren Trinkgewohnheiten eher allein und zuhause nachgehen. Laut Reuband wurden diesem Trinkverhalten Verheimlichungstendenzen zugeschreiben, die lange Zeit als besonders pathologische Merkmale des weiblichen Alkoholismus gedeutet wurden. Anzunehmen ist seiner Meinung nach jedoch, dass sich der Alkoholkonsum von Frauen auf den häuslichen Bereich konzentriert, da Frauen oftmals nicht berufstätig sind und sich ihr Leben nicht im öffentlichen Bereich abspielt, sie folglich tagsüber überwiegend alleine zu Hause sind. Winkler (1997, S.9) sieht in der Stigmatisierung des weiblichen Alkoholismus durch die Gesellschaft den Grund für den überwiegend heimlichen Alkoholkonsum allein und zuhause.

Darüber hinaus weist Reuband auf einen geschlechtsspezifischen Unterschied in der Art des alkoholischen Getränks hin. So ziehen weibliche Alkoholiker Spirituosen vor. Reuband et al nennen Zahlen von 60% der weiblichen und 49% der männlichen Alkoholiker die Spirituosen bevorzugen. Hochprozentige Alkoholika unterstützen Verheimlichungstendenzen, da die kleinen Mengen des benötigten Alkohols besser versteckt werden und auch innerhalb kürzerer Zeit konsumiert werden können.

Es ist darauf hinzuweisen, dass die Gelegenheitsstruktur des weiblichen Trinkens aufgrund der gesellschaftlichen Rollenerwartungen und Stigmatisierungen eingegrenzt ist. So sind die Trinkmuster von Frauen oftmals nicht von individuellen Motivlagen geleitet, sondern von den strukturellen Gegebenheiten gelenkt.

Sexueller Missbrauch

Die hohe Rate von Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs in den Biographien späterer Alkoholikerinnen lässt darauf schließen, dass der sexuelle Missbrauch als frauenspezifische Ursache für eine Suchtentwicklung anzusehen ist (ebd.). Offizielle Schätzungen der Bundesregierung zeigen, dass etwa 40 bis 80% der Alkoholikerinnen Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch gemacht haben (vgl. Singerhoff, 2002, S. 44).

Bedeutung der weiblichen Normalbiographie

Vogt spricht bei der Diskussion um die Besonderheiten des weiblichen Alkoholismus das abstrakte Modell der Normalbiographie an (vgl. Vogt, in Stahr et al, 1995, S. 52ff). Als Normalbiographien sind sogenannte Durchschnittsbiographien zu bezeichnen, die typische Frauen–und Männerrollen aufweisen. In der weiblichen Normalbiographie hat die innerfamiliäre Funktion eine zentrale Bedeutung und die Beziehungsarbeit wird den Frauen aufgetragen.

Eine typische, der deutschen Normalbiographie folgende Entwicklung kann wie folgt verlaufen:

Die Frau steigt in das Erwerbsleben ein. Sie macht eine Ausbildung und sucht zwischen 20 und 25 Jahren einen Mann, den sie heiratet. Dann bekommt sie eins oder mehrere Kinder. Sie steigt mit der Geburt des ersten Kindes aus dem Erwerbsleben aus. Ihr Leben zentriert sich auf die Familie. In der sogenannten Nachkinderphase, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen wird sie aus der Funktion als Mutter entlassen. Sie ist vor die Optionen gestellt ins Erwerbsleben zurückzukehren oder ehrenamtlichen Tätigkeiten nachzugehen. Diese außerhäuslichen Tätigkeiten kann sie nur ausüben, wenn die Ehe dadurch nicht gefährdet wird. Wie gut ihre Ehe ist, kann sie an der Karriere ihres Mannes und der Entwicklung ihrer Kinder ablesen. Die Kosten für die Erhaltung der Situation zahlen, laut Vogt (ebd.), viele Frauen mit Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Die Frauen versuchen ihre Unzufriedenheit zu kompensieren.

Vogt sieht die Hauptursache für das Entstehen einer Alkoholabhängigkeit von Frauen in familiären Problemen. In Untersuchungen geben alkoholabhängige Frauen mehrheitlich folgende Ereignisse und Erfahrungen als Ursache an:

- Kinderlosigkeit
- Schwangerschaften
- Geburt eines Kindes
- Beendigung der eigenen Erwerbstätigkeit (nach der Geburt des ersten Kindes)
- finanzielle Krisen in der Familie
- Karrierepläne des Ehemannes, Umzüge
- Scheidung oder Tod eines geliebten Menschen (Vater, Mutter, Ehemann, Freund, Kind)
- Lebensbedrohliche (eigene) Erkrankung (zum Beispiel Krebs)

Aus den subjektiven Wahrnehmungen der Frauen werden jedoch alle Veränderungen, die mit dem Trinken zusammenhängen, ausgeblendet, so dass sie in der Regel keinen genauen Zeitpunkt für den veränderten Alkoholkonsum nennen können. Im Rückschluss und nach einer ausführlichen Anamnese kann erschlossen werden, in welcher Lebensphase sie exzessiv zu trinken begannen. Diese Zeit ist überwiegend deckungsgleich mit den oben genannten Lebenskrisen.

Typen der weiblichen Lebenswelten

Vogt charakterisiert zwei Gruppen von alkoholabhängigen Frauen, die unter verschiedenen Lebensbedingungen und in unterschiedlichen Lebensformen einen Alkoholismus entwickeln:

Frauen, die dem Typ 1 zugerechnet werden, weisen ein Einstiegsalter zwischen 25 und 35 Jahren in die Alkoholabhängigkeit auf. Sie beginnen verhältnismäßig spät mit dem Trinken alkoholischer Getränke. Der hohe Alkoholkonsum wird in den meisten Fällen durch konkrete Ereignisse und nicht zu bewältigende Lebenskrisen ausgelöst. Dabei handelt es sich überwiegend um familiäre Probleme. Der Alkoholismus löst in diesen Frauen erhebliche Schuldgefühle aus, da sie dessen Ursache sich selbst zuschreiben.

Ebenso weisen sie sich die Schuld für die physischen Gewalthandlungen ihrer Partner zu. Ihr Selbstbild ist geprägt von Unwertgefühlen, Selbstzweifeln und einer Abwertung ihrer eigenen Leistungen. Ihr Privatleben und ihre Beziehungen sind geordnet. Sie leben mit einem Mann und ihren Kindern. Auch ihre Kontakte zu Eltern und Geschwistern sind regelmäßig. Sofern ihre Kinder nicht in den Machtkampf der Eltern verstrickt sind, unterhalten sie zu diesen gute Beziehungen.

Ihr Berufsleben ist wie das familiäre Leben klar strukturiert und erfolgreich. Ihre gesundheitliche Situation ist jedoch schon bevor sie alkoholabhängig werden, durch psychosomatische Störungen beeinträchtigt.

Im Gegensatz zu den oben beschriebenen Frauen (Typ 1), beginnen die Frauen des Typs 2 sehr früh Alkohol zu trinken. Ihre Erfahrungen reichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren von Räuschen bis zu Alkoholexzessen. Es besteht jedoch kein Dauerkonsum. Der hohe Alkoholkonsum steht nicht wie bei Typ 1 im Zusammenhang mit konkreten Ereignissen, viel mehr stehen diese Frauen unter einer chronischen Spannung. Sie haben in ihrer Kindheit und Jugend körperlichen und sexuellen Missbrauch erfahren. Im Gegensatz zu Typ 1, sind diese Frauen nicht durch Schuldgefühle wegen ihres Alkoholismus geprägt. Wenn sie sich Schuld zuweisen, dann im Zusammenhang mit äußeren Umständen und anderen Personen. Diese Personen verleiten sie jedoch zum Trinken und zu sexuellen Handlungen. Die Frauen werden brutal ausgebeutet. Das Trinken wird von ihnen positiv bewertet. Sie sehen im Alkoholkonsum ein Statussymbol für ihre Lebensführung und ihre Ansprüche an das Leben. Zerrissenheit, die durch Größenwahnphantasien und Selbstentwertung Ausdruck gelangen, bestimmt ihr Selbstbild. Ihre privaten Verhältnisse sind chaotisch und von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch durch die nächsten Bezugspersonen gekennzeichnet, während die Frauen nur geliebt werden wollen. Die Beziehung zu ihren Kindern ist oftmals gespannt.

So wie ihr Privatleben ist auch das Berufsleben ungeordnet. Die Frauen erlernen in der Mehrzahl, zwar einen Beruf, arbeiten jedoch nicht darin. Der berufliche Abstieg ist vorprogrammiert. Der fortschreitende Alkoholismus beeinträchtigt ihre Arbeitsfähigkeit. Die Folgen des exzessiven Lebensstils und die verhältnismäßig lange Dauer von Alkohol- und oft auch Medikamentenabhängigkeit schlagen sich auf den Gesundheitszustand dieser Frauen nieder.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Frauen durch soziale Faktoren Kompetenzen oder Defizite erlangen. Gesunde Persönlichkeitsstrukturen bilden eine Ressource bei der Bewältigung von Stresssituationen, da die Frauen durch ein gesundes Selbstbild gestärkt sind.

Der Faktor der Schichtzugehörigkeit zeigt, dass gehäuft Frauen aus der Oberschicht alkoholabhängig werden. Die Berufstätigkeit der Frauen ist in dem Sinne bedeutend, da zum einen eine Überbelastung durch die Familie und den Beruf, zum anderen eine Funktionslosigkeit, im Falle von Erwerbslosigkeit, die Gefährdung durch den Alkohol steigert. Es wurde in diesem Kapitel gezeigt, dass der Familienstand von Alkoholikerinnen durch allein- beziehungsweise getrennt lebende Frauen dominiert wird. Die psychischen Belastungen verursachen depressive Verstimmungen, die durch das Erleichterungstrinken entladen werden. Die Herkunftsfamilie liefert im Falle von alkoholbelasteten Familien eine alkoholspezifische Sozialisation. Es wird darauf hingewiesen, dass das gegenwärtige soziale Umfeld ebenso bedeutungsträchtig ist. Es wurde ein geschlechtsspezifisches Trinkverhalten aufgezeigt, welches auf die eher private Lebenswelt von Frauen zurückzuführen ist. Sexueller Missbrauch, sowie die Folgen der traditionellen Normalbiographie und der fehlenden Emanzipation, als frauenspezifische Ursachen des Alkoholismus zu betrachten.

[...]


[1] Alkohol, genauer Trink- oder Ethylalkohol, dient in vielen Kulturen seit Jahrtausenden als Nahrungs-, Genuss und Rauschmittel. Herstellung, Handel und Konsum sind in Deutschland erlaubt. (vgl. BMBF, 2004)

[2] Die WHO definierte den Alkoholismus 1952. Demnach handelt es sich bei einem Alkoholiker um einen exzessiven Trinker, dessen Abhängigkeit vom Alkohol einen Grad erreicht hat, an dem er deutliche Beeinträchtigungen seiner körperlichen und seelischen Gesundheit, seiner mitmenschlichen Beziehungen, seiner sozialen und wirtschaftlichen Funktion aufweist oder Prodrome einer solchen Entwicklung zeigt (vgl. Janker, 1988, S. 7).

[3] Als genetische Ursache für die Anfälligkeit zu einer Alkoholabhängigkeit kann die Alkoholdehydrogenase genannt werden. Es handelt sich dabei um einen Defekt eines Enzyms, das für die Entgiftung von Äthanol in der Leber wichtig ist (vgl. Pschyrembel, 1998, S. 40).

[4] Delirium Tremens meint das sogenannte Alkoholikerdelir; das bei chronischer Intoxikation, insbesondere durch Alkohol, meist innerhalb von Tagen nach Exzess oder Entzug auftritt; Prodromalerscheinungen: gereizte Stimmung, Unruhe, Schlafstörungen, Schwitzen, eventuell Schwindel (Pschyrembel, 1998, S. 328).

[5] Als Rausch werden die Symptome einer akuten Alkoholvergiftung im weiteren Sinne auch ein Zustand des veränderten Erlebens und Fühlens, nach Konsum von Rauschmitteln/ chronischem Alkoholismus, bezeichnet (vgl. Pschyrembel, 1998, S. 1345).

[6] Saint–Exupéry (1999, S. 60f) gibt in seiner Geschichte „Der kleine Prinz“ ein literarisches Beispiel für den Teufelskreis des Alkoholismus: „Den nächsten Planeten bewohnte ein Säufer. Dieser Besuch war sehr kurz, aber er tauchte den kleinen Prinzen in eine tiefe Schwermut. >>Was machst du da?<< fragte er den Säufer, den er stumm vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller Flaschen sitzend antraf. >> Ich trinke<< , antwortete der Säufer mit düsterer Miene. >> Warum trinkst du?<< fragte ihn der kleine Prinz. >>Um zu vergessen<< , antwortete der Säufer. >>Um was zu vergessen?<< erkundigte sich der kleine Prinz, der ihn schon bedauerte. >>Um zu vergessen, dass ich mich schäme<< , gestand der Säufer und senkte den Kopf. >>Weshalb schämst du dich?<< fragte der kleine Prinz, der den Wunsch hatte, ihm zu helfen. >>Weil ich saufe!<< endete der Säufer und verschloss sich endgültig in sein Schweigen.“

[7] Der Alkohol beeinflusst besonders LH, FSH, Prolactin, Testosteron und Östrogene.

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Zum Rollenverhalten von Kindern in alkoholbelasteten Familien, unter besonderer Betrachtung des mütterlichen Alkoholismus
Hochschule
Universität Bremen  (Human- und Gesundheitswissenschaften)
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
81
Katalognummer
V280746
ISBN (eBook)
9783668325708
ISBN (Buch)
9783668325715
Dateigröße
811 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rollenverhalten, kindern, familien, betrachtung, alkoholismus
Arbeit zitieren
Katinka Fehrle (Autor), 2006, Zum Rollenverhalten von Kindern in alkoholbelasteten Familien, unter besonderer Betrachtung des mütterlichen Alkoholismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280746

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zum Rollenverhalten von Kindern in alkoholbelasteten Familien, unter besonderer Betrachtung des mütterlichen Alkoholismus


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden