Max Webers Sicht auf die Entstehung des modernen Kapitalismus


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Weber und der Kapitalismus

Die Rolle der Religion

Webers Stolpersteine

Reflexion

Schlussfolgerung Hausarbeit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Titelbild: Welt.de; entnommen am 20.02.2014

URL: http://img.welt.de/img/literarischewelt/crop109210621/6968727907-ci3x2l-w620/Max-Weber-Foto-Max-Weber-photo.jpg

Einleitung

Heinz Steinert (2010: 11) kritisiert nicht ganz zu Unrecht, dass sich viele Formeln schon viel zu lange als „ automatisches Zitat “ und vermeintliches Basiswissen in unser Bewusstsein buchstäblich eingegraben haben. Was das über uns selbst und das Studium und die Bedeutung klassischer Texte für die Gegenwart sagt, ist eine andere Frage. Kaum fallen bspw. Worte wie „ Kapitalismus, Rationalismus, Bürokratie “ in irgendeinem Zusammenhang, denken viele Menschen schnell an Max Weber und den scheinbar offensichtlichen Zusammenhang von Religion und Kapitalismus. Oder sie denken etwas elaborierter an den nüchtern europäischen Protestantismus als Ursache für einen hoch disziplinierten, professionellen und ebenso nüchtern rational sachlichen Kapitalismus, der „unsere“ westliche, „entzauberte“ und laizistische Welt bis heute prägt. Wie das aber genau zusammenhängen soll und wie Weber das überhaupt begründet hat, ist dabei unerheblich. Eher hat diese Perspektive dabei etwas von einer Selbstlegitimation und Bestätigung der eigenen Denkweise über sich selbst. Ist das wirklich rational, an Rationalität um ihrer selbst Willen zu glauben? Man greift einfach auf den vermeintlichen tradierten Wissensbestand alter Klassiker wie Weber zurück und paraphrasiert sie. Dabei haben die Wenigsten überhaupt jemals Webers Werke (hier: „ Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus “ oder: „ Wirtschaft und Gesellschaft “ u.a.) und dessen Herleitungen in Gänze je gelesen. Auch sind die Entstehung und der Zusammenhang der Texte Webers zumeist der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Der Begriff des Kapitalismus selbst kommt dabei in der aktuell-populären Interpretation kaum über den Rang eines Schlagwortes hinaus, ähnlich wie etwa der „ Kommunismus “ oder „ Sozialismus “, die in ihrer zeitgeschichtlichen Bedeutung erst mal nichts anderes waren als die politischen Gegenentwürfe jenes bürgerlichen Liberalismus des 18./19. Jahrhunderts im Europa der Aufklärung. Was ist überhaupt Kapitalismus? Und wie sieht Weber ihn? Das reine Gewinnstreben? Das ist historisch falsch. Denn, so auch Weber, Kaufleute, Händler, Banken und deren unbedingte Absicht und Notwendigkeit auf Absatz, Gewinn und Ertrag und Überschuss gab es schon in der Antike in allen Erdteilen und im Orient, nicht nur im Okzident der Neuzeit! Und auch in archaisch geprägten Agrar-Gesellschaften musste der Bauer auf dem Markt bereits mehr für seine Waren einnehmen als er für sie aufwendet, um anschließend wieder in Saatgut und Vieh (usw.) zu investieren um dann erneut ernten und arbeiten zu können. Zudem mussten Bauern seit jeher vom Ertrag ihrer Bestellung die eigene Existenz und die ihrer Familien sichern, um den Kreislauf und sich selbst dabei am Leben zu erhalten. Und welche Rolle spielt jetzt dabei die Religion? Im Folgenden wird zusammen-fassend Webers Sicht zur Genese des modernen Kapitalismus unter Berücksichtigung der protestantischen Ethik rekonstruiert. Der Text korrespondiert bereits mit der Kritik von Heinz Steinert, die hier zur Diskussion überleitet und in einer kurzen Schlussbetrachtung schließt.

Weber und der Kapitalismus

Allen voran bezeichnete der Kapitalismus (aus dem mittelalterlichen: capitalis = Grundsumme, Vermögen) vorerst nur eine Wirtschaftsform von vielen. Als solche folgt sie ihren vorangegangenen historischen Typen des Absolutismus/Feudalismus und Merkantilismus und deren politischen sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen. Nicht mehr allein König oder Kirche entscheiden fortan im Kapitalismus aufgrund ihrer selbsternannten Macht von Gottes Gnaden, sondern Bürger und ihre frei gewählten, legitimierten Vertreter. Hauptsächlich fand diese Form in Europa und der Epoche der industriellen Revolution und der Aufklärung und Reformation ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert ihre Verbreitung. Dadurch rückte demzufolge das daraus neu aufkommende Privateigentum mehr in den Vordergrund. Dennoch muss hier, wie Weber anmerkt, unterschieden werden nach den verschiedenen Vorstufen des Frühkapitalismus des Mittelalters vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, der dann überleitet zum englischen Hochkapitalismus des 19. Jahrhunderts und seiner Entwicklung der Industrialisierung (s. „ Manchesterkapitalismus “). Dem folgt dann die Phase und Expansion des Spätkapitalismus nach dem Ersten Weltkrieg. Weitere Definitionen sind aber auch die eines frühantiken Kapitalismus und des Handelskapitalismus der Frühzeit (s. „ Phönizier“). Nach Webers Überlegungen entsteht der moderne Kapitalismus wechselseitig aufgrund einer seinerzeit neu aufkommenden, aufstrebenden gutbürgerlichen Gesellschaftsschicht. Es war also schlicht formuliert, möglich geworden relativ viel Geld zu verdienen und anzulegen und so aus Geld mehr Geld („ Kapital “) zu machen. Dem zugrunde liegt das systematisch kalkulierte Interesse und Gewinnstreben in Form der idealerweise kontinuierlichen Vermehrung des Besitzes (bzw. Ausweis des buchhalterischen Verlustes) anstelle der bisherigen Form der reinen Anhäufung oder Abpressung bzw. Verschwendung von Reichtum. Das bedingt gegenseitig ebenso die Akkumulation und Kapitalbildung und Verwaltung sowie die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die Trennung von Haus und Hof, Kopf und Hand und den Investitionskreislauf. Neue Berufe, Betriebe und ganze Unternehmen etwa entstehen so nach und nach, welche die bisherige Subsistenzwirtschaft sukzessive ablösen. Der komparative Vorteil entsteht, welcher hauptsächlich an der vorangegangenen Entwicklung der rationalen doppelten Buchführung jener Händler in Norditalien seit dem 15. Jahrhundert liegt und im Zusammenhang mit der Bürokratie und der daraus hervorgehenden rationalen Wirtschaftsordnung steht (s. Weber 2005: 64ff). Deutlich wird hier allerdings schon, dass Weber dabei eher den positiven Zusammenhang moderner Ökonomie und Betriebswirtschaft mit den Grundlagen einer funktionierenden Verwaltung und ihrer Bürokratie hergestellt hat. Denn erst jener Kapitalismus hat nach Weber den Bedarf nach eben dieser straffen, intensiven und kalkulierbaren Verwaltung erzeugt und reproduziert (Weber 2005: 165). Selbst der Sozialismus als Gesellschaftsform müsste diesen Vorteil übernehmen, so Weber (ebd.). Auch wenn Verwaltung, Bürokratie und entsprechende „ Beamte “ erneut kein Produkt der Neuzeit sind, sondern sich ebenfalls in der Antike in Ägypten, Asien, China oder Rom (usw.) finden. Neu sind allerdings verschiedene obligatorische gesellschaftliche Bedingungen, die an den modernen Kapitalismus geknüpft, welche sich wechselseitig reproduzieren. Dazu gehören verbindliche Regeln wie etwa die belastbare Jurisprudenz und die Anonymität monetärer Ansprüche, die nicht mehr an persönliche Abhängigkeiten oder Vorteile wie Pfründe, Lehnsverhältnisse oder Gottes Wort (etc.) geknüpft sind. Das heißt, dass erst durch jene Entkoppelung und die Berechenbarkeit samt ihrer legitimen, also nachvollziehbaren, anerkannten und ebenso durchsetzbare Rechtsansprüche geteilter Werte auch erst bestimmte Herrschaftstypen und Staatsformen wie der seinerzeit neu entstehende Nationalstaat ermöglicht, notwendig und begünstigt werden. Dazu stehen im Gegensatz die personifizierte „ Macht “ und „ Autorität “ oder das „ Charisma “, die dann kaum mehr legitim sind. (Weber 2005: 220). Zu seinen 3 bekannten Typen der legitimen Herrschaft zählen folglich die rationale, traditionale und charismatische Herrschaft. Insbesondere durch die Aufklärung und Reformation entsteht so eine Entzauberung, die Entmystifizierung der bisher klerikalen Welt und ihrer Deutungshoheit sowie ihrer Personen resp. Vertreter. Die Welt und ihre Vorgänge werden nachvollziehbarer, handhabbarer und buchstäblich berechenbarer. Nicht jede Form der Herrschaft – im Gegensatz zu Macht - aber, so Weber, verfolgt dabei ursächlich und ausschließlich wirtschaftliche Ziele; und nicht jede Form der Herrschaft bedient sich wirtschaftlicher, kapitalistischer Mittel (Weber 2005: 157). Dennoch sind gerade diese Herrschaftsmuster untrennbar mit dem Kapitalismus und der modernen Gesellschaft verbunden. Sie erst ermöglichen und determinieren die rationalen Ansprüche und ihre Realität. Das viel zitierte stählerne Gehäuse, aus dem niemand mehr austeigen kann. Offen ist dabei aber vorerst noch der Zusammenhang zur Religion.

Die Rolle der Religion

Weber beginnt gleich die ersten Zeilen seiner Abhandlung im entsprechenden Abschnitt zur „ Protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus “ (s. Weber 2014) unmittelbar mit der Erklärung, dass es gar nicht so einfach sei, eine (Zitat) Definition für den zu erklärenden „ Geist “ zu finden (Weber 2014; Weber 2005: 485). Eine Definition könne zwar bestenfalls am Ende folgen, so Weber - auch dies bleibt er jedoch dem Leser schuldig. Er ist zwar in seinen Schriften zur Religionssoziologie durchaus bemüht weitere Verbindungen anzuführen, bleibt aber dennoch eine klare Begründung und Erläuterung schuldig (s. Weber 2005: 485).

Der Anteil erfolgreicher moderner kapitalistischer Unternehmen ist Webers Erkenntnis demnach im Abendland unter Protestanten größer als in den katholischen Ländern des Südens oder in den östlicheren Ländern des Orients. Das muss einen Grund haben, den Weber hier derart unterstellt, dass Arbeit hier gleichsam als Gottesdienst und Instrument der Disziplinierung und Konzentration verstanden wird. Sie kommt also eher freudlos daher – und ist in einem Zirkelschluss – erfolgreicher als jene lasterhafte Praxis des Südens. Das führt Weber zurück auf die sog. Prädestinationslehre nach Johannes (Jean) Calvin und den christlichen Glauben nach dem rational-intellektuellen Protestantismus und dessen Weltbild durch Martin Luther. Danach hat der evangelische Glaube, so Weber, im Unterschied zum katholischen Glauben eine deutlich andere Praxis und ein ausdrücklich anderes Weltbild. Dabei stützt sich Weber maßgeblich neben seinen eigenen Arbeiten über die Weltreligionen und seiner daraus resultierenden (empiristischen) Einschätzung der soziodemographischen Bevölkerungsverteilung der Protestanten und Katholiken darauf, dass der evangelische Protestant in seinem Leben und Wirken bereits durch Gott vorherbestimmt ist und keinerlei Einfluss mehr auf sein eigenes Leben hat. Wohingegen der Katholik in der Perspektive sein irdisches Leben durch sein Verhalten, also durch Keuschheit, Beichte, Vergebung, Sakramente (usw.) sowie Gebet und Wirken vor Gott, durch seinen freien Entscheidungswillen, noch deutlich beeinflussen und verändern kann. Dabei ist es einerlei, was das Individuum nun weltlich oder spirituell tut, denkt, glaubt oder eben dabei unterlässt. Weber spricht hier vom Unterschied der innerweltlichen Askese vor Gott anstelle der mönchischen Askese des Katholizismus. Arbeit ist somit (s.o.) Gottesdienst und zugleich Disziplinierung, prominent geworden im Ausspruch „ bete und arbeite “. Der Beruf wird so zur Berufung durch und vor Gott und somit zu einem höheren Auftrag. Dabei spielen in der Lesart der quasi durch Gott zugewiesene Platz in der Gesellschaft und die einzelne Tätigkeit gar keine Rolle mehr. Sie müssen fortan durch das Schicksal und eben vor Gott demütig ertragen werden. Der ökonomische und unternehmerische Erfolg in Form von Wohlstand und Reichtum und seiner dauerhaften Vermehrung (Ertrag, Zinsen) ist demnach die direkte Bestätigung dieser Hypothese. Gott meint es also gut mit mir und dem, der hat. Der Ansporn wächst. Denn dadurch wird bestätigt, dass diese Person gottgefällig ist und also demzufolge auch sein muss. Dadurch arbeitet man eben dann bereitwillig noch mehr um Gott reumütig zu danken und gleichzeitig den Wohlstand zu mehren. So sucht der Mensch also wechselseitig weitere Möglichkeiten der technischen und materiellen Perfektion zur Steigerung der Profite und Effizienz und Effektivität, um diese Bestätigung zu erhalten und wechselseitig wieder zu erfüllen und dauerhaft wie in einem Perpeto Mobile zu reproduzieren. Weber nennt das an anderer Stelle den Götzendienst und bezeichnet das als Tausch der Götter eines gegen den anderen: Geld und Erfolg werden ausgetauscht gegen den Glauben an die (Schein-)Rationalität dahinter. Dem Polytheismus und Naturismus vergangener, antiker Tage folgt ein vormoderner Glaube an den Monotheismus, dem sich ein neuer vermeintlich fortschrittlicherer weltlicher Glaube an die vielen anderen materiellen „Götter“ anschließt. Deutlich wird bei Webers verschiedenen Texten (1995, 1988. 2005, 2014) aber auch, dass insbesondere der US-Kapitalismus, den er für noch leistungsfähiger hält, als solcher für ihn eher eine dogmatische Ideologie lauter Vorzüge darstellt. Als solches werden daraus ein klares Herrschaftsinstrument zur rationalen Verteilung der Machtasymmetrien und ein Dogma zur unbedingten Pflichterfüllung und Arbeit und Perfektion. Er fragt zwar mehrfach nach den Gründen der Entstehung solcher Prinzipien, dreht sich aber gewissermaßen im Kreis seiner eigenen Zirkelschlüsse. So hat Weber bspw. seine zentralen Begriffe und Kategorien der Rationalität und des Rationalismus, die er dem westlichen Welt- u. Wertesystem zwar laufend zugrunde legt aber noch nie an keiner einzigen Stelle auch nur näher definiert (s. Schluchter 1980). Auch andere Punkte hat Weber nie geklärt, jedoch laufend proklamiert. Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf, die neben Schluchter (1980) auch Steinert (2010) hier nachfolgend eingehend diskutiert.

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Max Webers Sicht auf die Entstehung des modernen Kapitalismus
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Sozialökonomie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V280784
ISBN (eBook)
9783656743620
ISBN (Buch)
9783656743606
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
webers, sicht, entstehung, kapitalismus
Arbeit zitieren
Gökhan Tokay (Autor), 2013, Max Webers Sicht auf die Entstehung des modernen Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280784

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