Zum Verhältnis von religiöser und moralischer Didaxe im "Narrenschiff" von Sebastian Brant


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
18 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Das eschatologische Rahmenprogramm
2.1 Das Memento mori
2.2 Die Figur des Teufels
2.3 Die Erwartung des Weltendes und die Ankunft des Antichrist
2.4 Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch: Gerechtigkeit und Gnade

3. Die Darstellung von Lastern und Tugenden
3.1 Die Tradition mittelalterlicher Lasterkataloge
3.2 Die Systematik des "Narrenschiffs"
3.3 Die Tugenden im "Narrenschiff"
3.4 Die Narrheiten
3.4.1 Das Verhältnis von Narrheit und Sünde
3.4.2 Narrheit als Krankheit

4. Die Überwindung der Narrheit
4.1 Das Ideal der Weisheit
4.2 Der Weg der Selbsterkenntnis

5. Schlußbemerkung

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Im Vorspruch der Vorrede zu seinem "Narrenschiff" nennt Sebastian Brant bereits das Ziel seiner Lehrdichtung, das deutlich religiöse Züge trägt:

"Zuo nutz vnd heylsamer ler"[1].

Der Verweis auf das Heil deutet darauf, daß die Moralsatire als Anleitung zu einem rechtschaffenen Leben zur Erlangung des späteren Seelenheils dienen soll. Der Anlaß für diese didaktische Zielsetzung liegt sicher in den unbefriedigenden Zuständen, die Brant seiner Zeit konstatiert. Dies wird an der harten Kritik deutlich, die er am Verhalten seiner Zeitgenossen übt, "ein Panorama menschlichen Verhaltens im Negativ (...)"[2]. Mit dem Versuch, allgemeine Moral und religiöse Jenseitsorientierung miteinander in Einklang zu bringen, könnte das "Narrenschiff" auf den ersten Blick in die Tradition mittelalterlicher Lehrdichtung eingereiht werden, für die Göttliches und Weltliches noch eine selbstverständliche Einheit bilden[3]. Seit dem Spätmittelalter löst sich diese Einheit jedoch immer mehr auf. Es entsteht ein Spannungsverhältnis zwischem Religiösem und Profanem, "nachdem die Kraft zur Harmonisierung von irdischem und transzendentem Anspruch geschwunden ist."[4]

Ziel dieser Arbeit ist es, das Verhältnis zwischen religiösen und allgemein moralischen Komponenten in der didaktischen Methode von Sebastian Brants "Narrenschiff" zu klären. Einen ersten Ansatzpunkt liefert dafür das eschatologische Rahmenprogramm, in das Brant seine Lehrdichtung einbettet. Es stellt einen wichtigen Hintergrund für die negative didaktische Methode dar, die auf vielfältigen Abschreckungsmechanismen beruht. Weiterhin werden Struktur und Thematik der Lasterdarstellung auf Parallelen und Unterschiede zur traditionellen kirchlichen Didaktik hin untersucht. Der letzte Punkt der Arbeit beschäftigt sich mit dem Weg, den Brant seinen Lesern weist, um sie aus ihrem "unheilvollen" Zustand zu führen. Weisheit und Selbsterkenntnis sind hier die zentralen Begriffe, die den Kern der Didaxe Brants ausmachen.

2. Das eschatologische Rahmenprogramm

2.1 Das Memento mori

Die Erinnerung an die Vergänglichkeit menschlichen Daseins erscheint auffällig oft im "Narrenschiff". Das Memento mori korrespondiert mit der Warnung vor den Folgen einer verkehrten Lebensweise und zieht sich quer durch die diskutierten Themenbereiche menschlicher Laster und Verfehlungen. Brant rückt dem Leser die Möglichkeit seines plötzlichen Sterbens ins Bewußtsein und unterstreicht damit eindringlich die Allgegenwart des Todes.

"O narr gedenck zuo aller fryst

Das du eyn mensch / und tœtlich bist

Vnd nüt dann leym / æsch / erd / vnd myst"[5]

Diese Mahnung scheint Brant als Teil seiner didaktischen Konzeption überaus wichtig gewesen zu sein. Er verwendet das Memento mori vor allem in seiner gesteigerten Bedeutung, wo es seine abschreckende oder gar drohende Wirkung voll entfalten kann. Die Warnung zielt hier zumeist auf das anstehende jüngste Gericht und den möglichen zweiten, eigentlichen Tod, der Verdammnis. Diesem Aspekt räumt Brant so großen Stellenwert ein, daß er ihm ein eigenes Kapitel widmet. In Kapitel 85 "Nit fursehen den dot" erinnert Brant in aller Eindringlichkeit an die Unausweichlichkeit des Sterbens und mahnt die Menschen, sich entsprechend darauf vorzubereiten.

"Wir sterben all / vnd fliessen hyn /

Dem Wasser glich zuor erden jn /

Dar vmb sint wir grosz narreht doren

Das wir nit gdencken jnn vil joren

Die vns gott dar vmb leben lott

Das wir vns rüsten zuo dem dot"[6]

Die Allgegenwärtigkeit der Mahnung, mit der Sebastian Brant seinen Lesern ihr drohendes Ende vor Augen hält, wurde von der Forschung größtenteils auf eine Jenseitsorientierung im "Narrenschiff" zurückgeführt.[7] Unter diesem Gesichtspunkt dient das Leben folglich als Vorbereitung auf das natürliche Ende und das daran anschließende Gericht, welches das letzte Urteil über den Menschen nach dessen irdischen Verdiensten fällt. Versteht man das Memento mori in dieser Weise als Tendenz zur Weltabgewandtheit, so darf jedoch nicht vergessen werden, daß die spätmittelalterliche Didaktik "Hinweise auf Tod und Gericht (als) Erziehungsmittel zu moralischem Verhalten in der Welt"[8] verwendet. Befindet sich Brant in dieser Tradition, ist seine didaktische Zielrichtung hier nur schwer auf den genannten transzendentalen Aspekt zu beschränken. Vermutlich umfaßt sie beide Bereiche, Diesseitiges und Jenseitiges. Es geht Brant wohl darum, das konkrete Verhalten der Menschen zu bessern und ihnen gleichzeitig das Rüstzeug auf den Weg zu geben, mit dem sie dereinst vor dem Jüngsten Gericht bestehen können.

[...]


[1] Sebastian Brant. Das Narrenschiff. Hg.v. Manfred Lemmer. Tübingen 1986, S.3. Alle folgenden "Narrenschiff"-Zitate sind dieser Ausgabe entnommen und werden wie folgt abgekürzt: NS Kapitelnummer, Verszeile.

[2] Klaus Manger: Das Narrenschiff. Entstehung-Wirkung-Deutung. Darmstadt 1983, S.101.

[3] vgl. Walter Rehm: Kulturverfall und spätmittelhochdeutsche Didaktik. In: ZfdPh 52 (1927), S.304.

[4] Hubert Hoffmann: Die geistigen Bindungen an Diesseits und Jenseits in der spätmittelalterlichen Didaktik. Vergleichende Untersuchungen zu Gesellschaft, Sittlichkeit und Glauben im "Schachzabelbuch", im "Ring" und in "Des Teufels Netz". Freiburg 1969, S.17.

[5] NS 54, 13-15.

[6] NS 85, 9-14.

[7] vgl. Wolfram G. Heberer: Sebastian Brants "Narrenschiff" in seinem Verhältnis zur spätmittelhochdeutschen Didaktik. Göttingen 1968, S.102. Ebenso Barbara Könneker: Sebastian Brant. Das Narrenschiff. München 1966, S.54. Peter Nittmann: Die Narrheit vor dem Gottesgericht. Sebastian Brants "Narrenschiff" im Lichte der spätmittelalterlichen Politik und Jurisprudenz. Freiburg 1986, S.359.

[8] de Boor, Helmut und Richard Newald: Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Dritter Band. Erster Teil, S.376.

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Details

Titel
Zum Verhältnis von religiöser und moralischer Didaxe im "Narrenschiff" von Sebastian Brant
Hochschule
Universität Regensburg  (Ältere Deutsche Literaturwissenschaft)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V28082
ISBN (eBook)
9783638299701
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Didaxe, Narrenschiff, Sebastian, Brant
Arbeit zitieren
Christian Plätzer (Autor), 2004, Zum Verhältnis von religiöser und moralischer Didaxe im "Narrenschiff" von Sebastian Brant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28082

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