Der Schlag ans Hoftor. Eine Interpretation der Kurzgeschichte von Franz Kafka


Referat / Aufsatz (Schule), 2011

5 Seiten, Note: 1,5

Anonym


Leseprobe

Der Schlag ans Hoftor, Franz Kafka

Es war im Sommer, ein heißer Tag. Ich kam auf dem Nachhauseweg mit meiner Schwester an einem Hoftor vorüber. Ich weiß nicht, schlug sie aus Mutwillen ans Tor oder aus Zerstreutheit oder drohte sie nur mit der Faust und schlug gar nicht. Hundert Schritte weiter an der nach links sich wendenden Landstraße begann das Dorf. Wir kannten es nicht, aber gleich nach dem ersten Haus kamen Leute hervor und winkten uns, freundschaftlich oder warnend, selbst erschrocken, gebückt vor Schrecken. Sie zeigten nach dem Hof, an dem wir vorüber gekommen waren, und erinnerten uns an den Schlag ans Tor. Die Hofbesitzer werden uns verklagen, gleich werde die Untersuchung beginnen. Ich war sehr ruhig und beruhigte auch meine Schwester. Sie hatte den Schlag wahrscheinlich gar nicht getan, und hätte sie ihn getan, so wird deswegen nirgends in der Welt ein Beweis geführt. Ich suchte das auch den Leuten um uns begreiflich zu machen, sie hörten mich an, enthielten sich aber eines Urteils. Später sagten sie, nicht nur meine Schwester, auch ich als Bruder werde angeklagt werden. Ich nickte lächelnd. Alle blickten wir zum Hofe zurück, wie man eine ferne Rauchwolke beobachtet und auf die Flamme wartet. Und wirklich, bald sahen wir Reiter ins weit offene Hoftor einreiten. Staub erhob sich, verhüllte alles, nur die Spitzen der hohen Lanzen blinkten. Und kaum war die Truppe im Hof verschwunden, schien sie gleich die Pferde gewendet zu haben und war auf dem Wege zu uns. Ich drängte meine Schwester fort, ich werde alles allein ins Reine bringen. Sie weigerte sich, mich allein zu lassen. Ich sagte, sie solle sich aber wenigstens umkleiden, um in einem besseren Kleid vor die Herren zu treten. Endlich folgte sie und machte sich auf den langen Weg nach Hause. Schon waren die Reiter bei uns, noch von den Pferden herab fragten sie nach meiner Schwester. Sie ist augenblicklich nicht hier, wurde ängstlich geantwortet, werde aber später kommen. Die Antwort wurde fast gleichgültig aufgenommen; wichtig schien vor allem, dass sie mich gefunden hatten. Es waren hauptsächlich zwei Herren, der Richter, ein junger lebhafter Mann, und sein stiller Gehilfe, der Aßmann genannt wurde. Ich wurde aufgefordert, in die Bauernstube einzutreten. Langsam, den Kopf wiegend, an den Hosenträgern rückend, setzte ich mich unter den scharfen Blicken der Herren in Gang. Noch glaubte ich fast, ein Wort werde genügen, um mich, den Städter, sogar noch unter Ehren, aus diesem Bauernvolk zu befreien. Aber als ich die Schwelle der Stube überschritten hatte, sagte der Richter, der vorgesprungen war und mich schon erwartete: "Dieser Mann tut mir leid." Es war aber über allem Zweifel, dass er damit nicht meinen gegenwärtigen Zustand meinte, sondern das, was mit mir geschehen würde. Die Stube sah einer Gefängniszelle ähnlicher als einer Bauernstube. Große Steinfliesen, dunkel, ganz kahle Wand, irgendwo eingemauert ein eiserner Ring, in der Mitte etwas, das halb Pritsche, halb Operationstisch war. Könnte ich noch andere Luft schmecken als die des Gefängnisses? Das ist die große Frage oder vielmehr, sie wäre es, wenn ich noch Aussicht auf Entlassung hätte.

Interpretation

In der Parabel „Der Schlag ans Hoftor“ von Franz Kafka aus dem Jahre 1917 geht es um die Verurteilung und Verhaftung einer Person, die in Wirklichkeit völlig unschuldig ist. Der Text sagt aus, dass sich Menschen manipulieren lassen und Gerechtigkeit auf Grund von mächtigeren Personen auf der Strecke bleibt.

Der Ich-Erzähler kommt mit seiner Schwester an einem Hoftor vorbei, gegen welches sie vermutlich schlägt. Im nächsten Dorf meinen die Dorfbewohner die beiden würden nun wegen des Schlags angeklagt werden. Der Erzähler denkt realistisch und meint, ein Schlag an ein Hoftor sei kein Grund für eine Anklage und versucht auch andere von seiner Meinung zu überzeugen.

Als sie kurz darauf Reiter sehen, schickt der Bruder, der die Sache alleine klären möchte, seine Schwester zum Umkleiden fort. Kurz darauf kommen die Reiter, unter denen sich auch ein Richter mit seinem Gehilfen befindet, bei dem Jungen an. Jemand berichtet ihnen von der Abwesenheit der Schwester, doch das ist ihnen gleichgültig, denn sie interessieren sich nun für den Bruder. Dieser wird aufgefordert in die Bauernstube, die an eine Gefängniszelle erinnert, einzutereten. Er weiß, dass ihm eigentlich nicht passieren kann und dennnoch hat er keine Hoffnung auf Entlassung.

Die Parabel beginnt zunächst sehr positiv und harmlos, denn es wird von einem heißen Sommertag in einer ruhigen bäuerlichen Umgebung erzählt.

Die erste Unruhe entsteht durch das Erscheinen der Bauersleute. Dies wird auch in Kafkas Sprache sehr deutlich, denn er verwendet nun zunehmend Wörter mit negativer Konnotation: (Z.6) „Warnend, selbst erschrocken, gebückt vor Schrecken.“ Hier fällt auch sein paradoxer Schreibstil deutlich auf, denn noch im gleichen Satz wird erzählt, dass die Dorfbewohner den Geschwistern freundlich zuwinken.

Zu Beginn sind die Geschwister noch zusammen und können sich gegenseitig beruhigen, doch alleine wird der Bruder schnell immer ängstlicher und die Stimmung in der Geschichte wird immer gedrückter. Während alles mit einem heißem Sommertag beginnt, endet die Parabel mit einer dunklen, ungemütlichen Gefängniszelle. Durch die zunehmende Spannung zeichnet sich ein negatives Ende immer deutlicher ab.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Der Schlag ans Hoftor. Eine Interpretation der Kurzgeschichte von Franz Kafka
Note
1,5
Jahr
2011
Seiten
5
Katalognummer
V280849
ISBN (eBook)
9783656757023
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schlag, hoftor, eine, interpretation, kurzgeschichte, franz, kafka
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Der Schlag ans Hoftor. Eine Interpretation der Kurzgeschichte von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280849

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