„Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango.“ Dieser vielzitierte Einleitungssatz von Heinrich von Kleists Novelle Die Verlobung in St. Domingo legt die Thematik der Erzählung sofort offen: eine französische Kolonie, gebeutelt vom Gegensatz zwischen Schwarzen und Weißen steht im Mittelpunkt. Gewaltakte, die im äußersten Fall bis zum Mord führen, innerhalb dieses Spannungsfeldes werden bereits angedeutet.
Das Wissen um die Existenz von etwas exotisch Anderem hat im europäischen Denken Phantasien von Machtergreifung und/oder Bedrohung hervorgerufen. Der Kolonialismus des 18.-20. Jahrhunderts wurde zu einem globalen Phänomen, welcher sich letztlich auch in der Literatur niederschlug. Die Theoretiker der postcolonial studies setzten sich ausführlicher mit den Zusammenhängen zwischen literarischen Werken und dem (post-)kolonialen Kontext auseinander. In diesen postkolonialen Diskurs möchte diese Hausarbeit Die Verlobung in St. Domingo einordnen.
Hierzu ist es notwendig vorerst einige Grundlagen zu den Postkolonialen Studien zu klären, allen voran deren wichtigste Vertreter zu nennen und dessen Perspektive auf den Forschungsgegenstand mit Bezugnahme auf einige Fachbegriffe zu erläutern.
Daraufhin werde ich untersuchen wie Kleist die unterschiedlichen Kulturen, aufgeteilt in die schwarze und weiße Rasse, darstellt. Ein zentraler Punkt bei dieser Erörterung wird hierbei den Darstellungen des stereotypen Schwarzen, in der Geschichte verkörpert durch Congo Hoango, und der hybriden Mischhäutigen, Babekan und ihrer Tochter Toni Bertrand, welche sich noch im Aushandlungsprozess zwischen den Kulturen befinden, zukommen, um so aufzuzeigen welch ein ambivalenter und dynamischer Vorgang hinter der Definition von Schwarz und Weiß liegt.
Wie bereits angedeutet steckt in diesem Verhältnis der Kolonialmacht zu den Kolonialisierten auch ein erhebliches Machtpotential, welches mit Gewalt verbunden ist. Hier tritt der Gegensatz Gut und Böse zu Tage und die Frage nach der Legitimität sowie Ursachen von Gewalt. Dieses soll in einem zweiten Hauptaspekt, der v.a. auf die von Weißen ausgeführte Gewalt eingeht, näher betrachtet werden und sowohl in diesem, als auch im erst genannten Gesichtspunkt wird die Gender-Frage –und damit der Zusammenhang von biologischem und sozialem
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Allgemeine Bemerkungen zum Untersuchungsgegenstand postkoloniale Studien
3 Zwischen den Kulturen
3.1 Der grausame Schwarze
3.1.1 Der böse Neger: Congo Hoango
3.1.2 Die Mulattin: Babekan
3.1.3 Die Grenzgängerin: Toni Bertrand
3.2 Der gute Weiße
3.2.1 Misstrauen und Brutalität
3.2.2 Gewalt gegen schwarze Frauen
4 Poetologische Verfahren zur Darstellung der Ambiguität
5 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ unter einer postkolonialen Perspektive. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kleist die Dynamik zwischen den Rassen Schwarz und Weiß sowie das damit verbundene Machtpotenzial und Gewaltphänomen literarisch reflektiert und dabei kulturelle Grenzen und Identitätszuschreibungen dekonstruiert.
- Postkoloniale Analyse und theoretische Grundlagen (Said, Bhabha)
- Darstellung und Stereotypisierung von Schwarzen und Weißen
- Die Rolle von Gender und Sexualität im kolonialen Diskurs
- Die Funktion von Gewalt als Machtinstrument
- Poetologische Verfahren zur Darstellung von Ambiguität und Hybridität
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Der böse Neger: Congo Hoango
Die Figur des Congo Hoango ist anzusehen als pars pro toto für die ganze Haitianische Revolution und damit auch für den Stereotyp der schwarzen Rasse. Einen „grimmigen Menschen“ wie ihn, motiviert die „Wut“, welche in der „Tyrannei, die ihn seinem Vaterland entrissen hatte“ ihren Ursprung findet, war er doch noch „in seiner Jugend von treuer und rechtschaffener Gemütsart“ gewesen. Rohe Gewalt kennzeichnet daher sein handeln. Moral scheint ihm im Blutrausch ganz fremd zu sein. Das Motiv der Rache tritt in Congo Hoango zu Tage und erklärt seine Taten zu puren Vergeltungsakten, wenn er sich dem „allgemeinen Taumel der Rache“ hingibt.
Auch das Verhalten gegenüber Herrn Villeneuve scheint ein Ausbruch dieser Herzlosigkeit zu sein, als er „seinem Herrn die Kugel durch den Kopf jagte“. Allerdings bemerkt Christiane Schreiber zu Recht, dass dies auch ein Akt der Befreiung ist. Denn selbst wenn Herr Villeneuve als Dank für seine Rettung seinem Sklaven die Freiheit schenkt, bleibt es doch immer noch Herr Villeneuve, der Congo Hoangos Leben maßgeblich bestimmt, indem er dem vermeintlich Freien vorschreibt, wen er zu heiraten habe. Damit bleibt der Schwarze abhängig vom Willen seines weißen Herren und findet keine Akzeptanz seiner Persönlichkeitsrechte, was den Wunsch nach Autonomie erklärt.
Zwei zentrale Aspekte werden an Congo Hoango sichtbar. Zum einen legitimiert sich beispielhaft an ihm die Gewalt der Schwarzen durch Erlebtes aus der Vergangenheit, der Tyrannei unter welcher sie schon in ihrem Vaterland litten. Zum anderen sind ihre Gewalttaten die Konsequenzen von Unterdrückung, Willkür und Ausbeutung. Die Motivation der vermeintlich edleren Weißen ist, wie sich noch zeigen wird, weit weniger nachvollziehbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung bettet Kleists Novelle in den postkolonialen Diskurs ein und skizziert die Forschungsfrage nach der Darstellung kultureller Differenzen, Machtstrukturen und Gewalt sowie der Rolle des Erzählers.
2 Allgemeine Bemerkungen zum Untersuchungsgegenstand postkoloniale Studien: Dieses Kapitel führt theoretische Ansätze von Edward Said und Homi K. Bhabha ein, um Begriffe wie Hybridität, Mimikry und die Feminisierung des Fremden für die Analyse der Novelle fruchtbar zu machen.
3 Zwischen den Kulturen: Hier erfolgt eine detaillierte Untersuchung der Figurenkonstellation, wobei sowohl die stereotypen schwarzen Protagonisten als auch die ambivalenten Weißen und deren jeweilige Macht- und Gewaltverhältnisse beleuchtet werden.
3.1 Der grausame Schwarze: Dieser Abschnitt analysiert die Darstellung schwarzer Akteure und deren Identitätsaushandlung zwischen erlittener Unterdrückung und eigenem Handeln.
3.1.1 Der böse Neger: Congo Hoango: Diese Unterkapitel betrachtet die Figur Congo Hoango als Symbol für die Haitianische Revolution und untersucht die Motivation hinter seiner Gewalt sowie seine Abhängigkeit von kolonialen Strukturen.
3.1.2 Die Mulattin: Babekan: Die Analyse konzentriert sich hier auf die Hybridität und die geschlechtsspezifische Opferrolle von Babekan als Frau und Schwarze.
3.1.3 Die Grenzgängerin: Toni Bertrand: Das Kapitel beleuchtet Tonis Position im Aushandlungsprozess zwischen den Kulturen und ihr Ringen um eine eigene Identität.
3.2 Der gute Weiße: Hier wird das Klischee des „guten Weißen“ hinterfragt und aufgezeigt, wie auch die koloniale Seite von Gewalt und Willkür geprägt ist.
3.2.1 Misstrauen und Brutalität: Dieser Abschnitt diskutiert die Herrschaftsmechanismen und die damit einhergehende Gewalt, die von weißen Figuren wie Gustav von Ried ausgeübt wird.
3.2.2 Gewalt gegen schwarze Frauen: Dieses Kapitel zeigt die doppelte Marginalisierung schwarzer Frauen durch koloniale Gesetzgebung und sexualisierte Gewalt auf.
4 Poetologische Verfahren zur Darstellung der Ambiguität: Dieses Kapitel untersucht, wie Kleist durch Syntax, Interpunktion, Lichtmetaphorik und Namensgebung die Eindeutigkeit seiner Erzählung untergräbt und den Leser zur kritischen Reflexion einlädt.
5 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit resümiert, dass Kleist durch die subversive Darstellung von Identitätsverschiebungen das binäre System von Schwarz und Weiß dekonstruiert und als instabil entlarvt.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Die Verlobung in St. Domingo, postkoloniale Studien, Hybridität, Identität, Kolonialismus, Gewalt, Stereotypisierung, Rassendiskurs, Literaturwissenschaft, Ambiguität, Gender, Haiti, Mimikry, Machtstrukturen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ mithilfe postkolonialer Theorien, um die Darstellung von Kulturkonflikten, Machtverhältnissen und Gewalt zwischen Schwarzen und Weißen zu analysieren.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Dekonstruktion von Rassestereotypen, die Verschränkung von sozialem Geschlecht und kolonialer Unterdrückung sowie die poetologischen Strategien Kleists zur Erzeugung von Mehrdeutigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kleist durch eine subversive Erzählweise die scheinbar festen Grenzen zwischen den Kulturen verwischt und die Legitimität kolonialer Gewalt infrage stellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit verwendet Ansätze der Postcolonial Studies, insbesondere Konzepte wie Hybridität (Homi K. Bhabha) und Diskursanalyse (Edward Said), kombiniert mit einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Figuren (wie Congo Hoango, Babekan, Toni, Gustav), die Anwendung poetologischer Verfahren zur Ambiguitätserzeugung und die verschiedenen Formen von physischer sowie symbolischer Gewalt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Postkolonialismus, Hybridität, Identitätsaushandlung, koloniale Gewalt, Ambivalenz und Geschlechterrollen im kolonialen Diskurs.
Wie deutet die Autorin den Namenswechsel von Gustav zu August?
Die Autorin sieht darin einen wichtigen poetologischen Bruch, der eine Identitätsverwirrung des Charakters signalisiert und eng mit dessen Verlust des Vertrauens und seiner Entwicklung zum Mörder verknüpft ist.
Warum wird die Lichtmetaphorik in der Novelle als Mittel der Täuschung bezeichnet?
Obwohl die Aufklärung Helligkeit mit Erkenntnis verbindet, zeigt Kleist, dass die Helligkeit, die auf Toni fällt, oft ein Mittel der Täuschung ist, wodurch er die starren aufklärerischen Konzepte ironisch bricht.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Cathrin Clemens (Autor:in), 2013, Heinrich von Kleists 'Verlobung in St. Domingo' im postkolonialen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280876