Traum als Konzept einer Parallelwelt in Prousts „À la Recherche du temps perdu“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

16 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Marcel Prousts Bruch mit der klassischen Erzähltheorie

3 Die Welt des Traums
3.1 Marcel als träumender Held
3.2 Zeit- und Raumkonzeptionen in Marcels Traumwelt
3.3 Träumen bedeutet Erinnern
3.4 Die „mémoire involontaire“ als Wegbereiter zum neuen Dasein

4 Die Welt des Erwachens
4.1 Das Erwachen als Übergang in eine andere Welt
4.2 Zeit- und Raumkonzeption in der Welt des Erwachens

5 Schlussbetrachtungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was ist das Leben? Ein tobender Wahn.

Was ist das Leben? Eine Gaukelei, ein Schattenspiel, ein Vortäuschen;

Und das größte Glück ist gering, denn alles Leben ist Traum,

und die Träume, sie sind Träume. (De la Barca, 2009: 167)

Als Calderón de la Barca, einer der bedeutendsten Dramaturgen des ‚Siglo de Oro‘ in Spanien, zu Beginn des 17. Jahrhunderts diese Verse seiner philosophischen Tragödie „La vida es sueño“, zu deutsch „Das Leben ist Traum“, zu Papier brachte, war an die Literatur des 20. Jahrhunderts, an die Krise des Subjekts in der modernen Gesellschaft oder an Marcel Proust mit seinem schier endlosen Roman „À la Recherche du temps perdu“ noch längst nicht zu denken. Gleichwohl könnte man meinen, dieses Gedankenspiel in der ‚Recherche‘ an irgendeiner Stelle im Werk bereits gelesen zu haben.

Segismundo, der Protagonist in Calderóns Drama, der in der zweiten „ Jornanda“ diese persönliche Erkenntnis kundtut, kann als „literarischer Bruder“ des Ich-Erzählers Marcel in Prousts ‚ Recherche‘ deklariert werden. Was sie verbindet ist die Hingabe an eine Illusion, das Erleben zweier diskrepanter Welten und die segensreiche aber auch lästig empfundene Isolation. Gefangen im Kerker eines Felsenturms einerseits, in dem eigenen, kränklichen Körper andererseits, sehen die die Befreiung und Vollendung des Ichs im Traum.

Jene träumerische Parallelwelt wird ganz zu ihrem Element, zu ihrem Ort der grenzenlosen Entfaltung. Hier sind sie von Zwängen befreit und der Last des körperlichen Daseins entwichen. Diese Traumwelt bietet ihnen Zuflucht und wird zugleich zu einer eigenen Wirklichkeit. So schreibt auch Hans Ulrich Reck zu dieser Thematik: „Der Traum ist eine genuine Form nicht der Phantasie, sondern der Wirklichkeitserzeugung“ (1990: 180).

Nicht nur diese Parallele zwischen „La vida es sueño“ und der ‚Recherche‘, sondern auch zahlreiche andere literarische Stücke unterschiedlicher Epoche und Gattung zeugen von der dauerhaften Aktualität des Traumsujets und dessen flächendeckender Thematisierung, denn : „ Die mediale Variabilität des Träumens ist die strukturelle Konstante seiner Anthropologie“

(ebd.: 185).

Der Traum, der dem Alltag, der Gewohnheit und dem Vergessen trotzt, der die verlorene Zeit findet und somit den Träumer vor dem Verlust der eigenen Identität bewahrt, ist Schmerz und Freude, Erinnerungsfabrik und Zukunft, Abschied und Restauration des Gewesenen zugleich.

Marcel kanalisiert seine Ängste und Wünsche in einem gedanklichen Weltkonstrukt, mit der er die Außenwelt nach seinen Maßstäben schlüssig macht.

Auf der Suche nach seinem Ich durchläuft Marcel im Traum verschiedene Etappen voller Selbstverlust und Weltvergessenheit, um am Ende sich selbst in dieser Leere zu finden.

Der naive Träumer durchläuft einen ungeahnten Prozess zum Aufgeklärten und Wissenden, indem er, so banal und verklärt es auch zunächst klingen mag, den Traum als Kompass auf seiner Selbstfindungsreise benutzt, denn:

„Am Ende geht es darum, wer wir sind. Darüber entscheidet keineswegs die Wirklichkeit allein, sondern immer auch der Traum, dem wir verfallen“ (Rauh, 2010: 89).

Die vorliegende Arbeit ist der Fragestellung gewidmet: Inwieweit kann man in Prousts Romanzyklus „À la Recherche du temps perdu“ vom Traum als eigenständige und diskrepante Parallelwelt zur Außenwelt sprechen?

Die folgende Analyse klärt die werkimmanente Traumästhetik und stellt die Sphären Traum und Erwachen systematisch gegenüber.

2 Marcel Prousts Bruch mit der klassischen Erzähltheorie

Für die Beantwortung der Fragestellung ist es zunächst unabdingbar, einen kurzen Exkurs in die spezifische Machart des Romans zu unternehmen. Somit ist es möglich, ausgehend von jener „Mikroebene“, die umfassenderen Phänomene thematischer sowie struktureller Art von ihrem Ursprung im Text bis zu ihrer kapitelübergreifenden Bedeutung für das Gesamtwerk zu verstehen.

Der erste Analysepunkt gilt der Erzählsituation in Prousts siebenbändigem Roman. Bereits auf den ersten Seiten von „Du côté de chez Swann“ wird deutlich, dass es sich um eine

Ich- Erzählerperspektive im Sinne Stanzels handelt:

„Longtemps, je me suis couché de bonne heure“ (Proust, 1947: 11).

Dieser Ich- Erzähler ist Marcel, ein sensibler und intelligenter Mann, der davon träumt, Schriftsteller zu werden und aus einer gutbürgerlichen Familie stammt. Nur im Romanband „Un amour de Swann“ wird diese Perspektive durch einen auktorialen Blickpunkt ersetzt.

Die Parallelen zwischen Marcel und der Autorperson Marcel Proust sind in den übrigen Bänden verblüffend. „Das Werk stützt sich auf autobiographische Reminiszenzen, die bis ins kleinste, minutiös geschilderte Detail ausgeführt werden“ (1977: 304), heißt es bei Rita Schober und auch Edmund White stellt hierzu fest: „Mit der Suche nach der verlorenen Zeit initiierte Proust einen der wichtigsten literarischen Trends des 20. Jahrhunderts: die Vermischung von Autobiographie und Fiktion“ (2001: 69).

Die sogenannte fiktionale Autobiographie ist demnach der erste Bruch mit der klassischen Erzähltheorie. Fiktive Figuren werden so nah an der Wirklichkeit konzipiert, dass der Leser in die Romanwelt und ihre faszinierende Nachbildung der Außenwelt hineinversetzt wird.

Auch Horst Dieter Rauh beschreibt dieses Phänomen: „Ähnlich gilt für den Leser: es genügt, dass er sich mit den Augen den Text einverleibt, um die Fülle des Lebens zu spüren“

(2010: 31).

Rita Schober sieht dieses Hineinversetzen sogar als Auftakt einer neuen Romangeneration: „Die von Proust angewandte psychologische Introspektion und die damit im Zusammenhang stehende Romantechnik haben den modernen psychologischen Roman stark beeinflusst“(1977:304).

Marcel bildet bei der Figurenkonstellation ein zentrales Bindeglied zwischen dem Figurenkreis der „Swanns“ und der „Guermantes“. Wie fast alles in der ‚ Recherche‘ durchlebt auch Marcel einen Prozess, wenn nicht gar den Wichtigsten. Dieser wird von ihm selbst wiederrum reflektierend wiedergegeben. Hiermit wird der zweite Bruch beschrieben: das sogenannte erzählende und erlebende Ich, die durch den Modus der Zeit voneinander getrennt sind.

Bekannt sind die zahllosen Passagen der Recherche, in denen das distanziert reflektierende, resümierende Erzähler –Ich in offensichtlichem Widerspruch steht zu der Praxis des erlebenden Ich, zu dessen affektiven Verwicklungen in der Szene. (Weber, 2010: 60)

Der Grund dieser Zweigespaltenheit des Erzählers liegt in dem anachronischen Aufbau der Geschichte, wie es Walter Benjamin aufzeigt: „Proust beschreibt nicht ein Leben, wie es sich zugetragen hat, sondern wie dem, der es erlebte, dieses Leben in Erinnerung zusammenspringt“ (Asholt, 2007: 311).

Das erlebende Ich, oder in der psychoanalytisch argumentierenden Sprachwissenschaft auch „Ich der Äußerung“ (énoncé) genannt (Vgl. Weber, 2010: 60/61), hat einen personalen Blick und reflektiert wir ein Spiegel die Erlebnisse, die er durchlebt. Das ist der junge Marcel, der noch am Anfang seines Lebens steht und ausführlich seine momentanen Gefühle beschreibt. Ein Merkmal für diesen Erzähler ist seine Affektiertheit und Involviertheit in der Szene. Zum Beispiel: „ Après le dîner, hélas, j’étais bientôt obligé de quitter maman qui restait à causer avec les autres, au jardin s’il faisait beau, dans le petit salon où tout le monde se retirait s’il faisait mauvais “ (Proust, 1947 : 21).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Traum als Konzept einer Parallelwelt in Prousts „À la Recherche du temps perdu“
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V280967
ISBN (eBook)
9783656754435
ISBN (Buch)
9783656754428
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
traum, konzept, parallelwelt, prousts, recherche
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Traum als Konzept einer Parallelwelt in Prousts „À la Recherche du temps perdu“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280967

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