Die Figur des Faust als Inspiration. Wie viel Urfaust steckt in Thomas Manns Helden Adrian Leverkühn?


Hausarbeit, 2013
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Vor dem Pakt
1.1 Herkunft
1.2 ingenium
1.3 curiositas
1.4 superbia
1.5 Theologie-Studium

2. Pakt mit dem Teufel
2.1 Gespräch mit dem Teufel
2.2 Fahrten und Liebesbeziehungen
2.3 Rettungsidee

3. Nach dem Pakt
3.1 Reue
3.2 oratio

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Vergleich von der Faustfigur des Volksbuch von 1578 und derjenigen Thomas Manns. Ziel der Arbeit ist herauszufinden, wie viele faustische Eigenschaften sich vom Urfaust des Volksbuchs in Manns Held Adrian Leverkühn wiederfinden lassen.

Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ entstand 1947 und ist damit beinahe 400 Jahre jünger als das Volksbuch. Beim „Doktor Faustus“ handelt es sich gewiss um eine der anspruchsvollsten Faust-Variationen, weswegen ein Vergleich des Urfausts und jenem viele Möglichkeiten eröffnet. Dass trotz des großen historischen Abstands der Entstehungen vielschichtige Parallelen zwischen beiden Büchern, und speziell zwischen den Protagonisten bestehen, soll diese Arbeit zeigen.

Es bietet sich an, hierbei chronologisch vorzugehen. Im 1. Kapitel werden die Motive und Charaktereigenschaften der beiden Protagonisten dargestellt, die als prädisponierend für den nachfolgenden Teufelspakt gelten können. Hierbei werden neben der Herkunft von D. Faustus und Adrian Leverkühn die zentralen Motive für die Abschließung des Pakts und das Theologie-Studium durchleuchtet. Im 2. Kapitel geht es um den Teufelspakt, der in beiden Büchern von großer Wichtigkeit ist und um die Aspekte, die mit diesem zusammenhängen. Danach werden Reisen und Abenteuer der Protagonisten, die jeweiligen Liebesbeziehungen und die unterschiedlichen Rettungsversuche miteinander verglichen. Das 3. Kapitel behandelt die Aspekte, die bei den Protagonisten nach dem Pakt auftauchen. Zunächst wird die Reue der beiden miteinander verglichen und im Nachfolgenden werden die Parallelen der Abschiedsrede der beiden Protagonisten thematisiert. Zum Schluss werden alle Aspekte in der Zusammenfassung noch einmal aufgegriffen und resümiert.

1. Vor dem Pakt

Im Folgenden werden zunächst die biografischen Daten sowie die Charakteranlagen und -eigenschaften der beiden Protagonisten gegenüberstellend dargelegt und auf Parallelen untersucht. Daraufhin wird das Theologie-Studium betrachtet, das sowohl Bestandteil von D. Faustus als auch von Adrian ist.

1.1 Herkunft

D. Faustus und Adrian stammen beide aus ländlichen Gegenden. D. Faustus kommt aus Rod / bey Weinmar (Historia, S. 13, 1f.) und Adrian kommt aus „Buchel, nahe Weißenfels“ (Mann, S. 19). Der Volksbuch-Faust ist eines Bauwern Sohn gewest (Historia, S. 13, 5) und auch Adrians Eltern waren „ein Geschlecht von gehobenen Handwerkern und Landwirten“ (Mann, S. 19), was die ländliche Herkunft deutlich macht. Sowohl D. Faustus als auch Adrian stammen folglich aus dem Thüringer Raum und sind die Kinder von frommen Bauern.[1] Adrians späteres Umfeld in Pfeiffering kann demzufolge als Wiederaufnahme der ländlichen Umgebung gesehen werden, in der er in seiner Kindheit zuhause war. Dies formuliert der Erzähler Serenus Zeitblom so, dass Adrians „Schauplatz seiner späteren Tage [] eine kuriose Nachahmung desjenigen seiner Frühzeit“ war (Mann, S. 39). Zeitblom wird im späteren Verlauf von Adrian als sein „Famulus“ benannt (Mann, S. 657). Auch D. Faustus hatte in Wagner einen Famulus (Historia, S. 112, 9), der, genau wie Zeitblom den „Doktor Faustus“, die Veröffentlichung der Historia zu verantworten hat.

Die Eltern spielen unterschiedlich starke Rollen bezüglich der Leben ihrer Söhne. Während das Elternhaus im Volksbuch innerhalb weniger Sätze abgehandelt wird, kommt den Eltern von Adrian wesentlich mehr Beachtung zu. Zwar kann man den Eltern in beiden Fällen keine direkte Mitschuld am Schicksal ihrer Söhne geben[2], doch kann man im Falle von Adrian sagen, dass seine Eltern das Fundament für sein späteres exzessives Leben als dämonischer Künstler bilden.[3] Adrians Mutter, Elsbeth Leverkühn, zeichnet sich trotz oder gerade wegen ihrer Zurückhaltung durch eine „innere […] Musikalität“ (Mann, S. 33) aus und kann somit als grundlegende Instanz für Adrians Lebensweg als Komponist angesehen werden. Der Vater indes, Jonathan Leverkühn, wird mit faustischen Eigenschaften bestückt und ist somit der Grundstein für den dämonischen Part in Adrians Leben. Jonathan Leverkühn ist experimentierfreudig und naturwissenschaftlich interessiert und unterhielt Adrian und seinen Bruder Georg schon in seiner Kindheit mit allerlei Experimenten. Jonathan, der als „Spekulierer und Sinnierer“ (Mann, S. 28) dargestellt ist, wird hier mit der Absicht Fausts, die „elementa [zu] spekulieren“ (Mann, S. 22) in Verbindung gebracht. Dieser Ausdruck stammt wortgetreu aus dem Volksbuch, in dem Faust ein Speculierer (Historia, S. 14, 21f) genannt wird. Nach lutherischem Glauben, der die Entstehung des Volksbuchs zweifellos geprägt hat, bedeutet das Spekulieren vor allem das Spekulieren in religiösen Dingen.[4] Auch im „Doktor Faustus“, der humanistisch geprägt ist, erfährt der Begriff eine negative Konnotation. Dies kann schon als ein Indiz für den Abfall von Gott und für die späteren teuflischen Machenschaften der Protagonisten aufgefasst werden.[5]

Sowohl D. Faustus als auch Adrian wurden nach der Kindheit von anderen als ihren Eltern aufgezogen. Da D. Faustus Eltern Gottselige vnnd Christliche Leut waren (Historia, S. 13, 7) und auch die Eltern von Adrian um die Begabungen ihres Sohnes wussten, kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie ihre Kinder weggeben wollten. Vielmehr waren sie um die Bildung ihrer Söhne bemüht und schickten sie deswegen zu den jeweils besser situierten Verwandten. D. Faustus wurde von einem Vetter aufgezogen, der wol verm =gens war und in einer größeren Stadt wohnte (Historia, S. 13, 9). Er nahm das Kind auf und ermöglichte ihm in Wittenberg eine angemessene Bildung (vgl. Historia, S. 13, 4ff.). Auch Adrian verließ „Feld und Wald, Teich und Hügel“ (Mann, S. 35) und zog zu seinem Onkel in die, im Vergleich zu Buchel, viel größere Stadt Kaisersaschern. Der Onkel Nikolaus Leverkühn war ein angesehener Bürger und konnte für Adrians Bildung aufkommen (vgl. Mann, S. 49). Neben den Parallelen des Wohnorts und ihrer gesellschaftlichen Stellung verbindet die beiden, Onkel und Vetter, ihre Erziehungsweise: Sie zogen die Kinder auf, als wären es ihre eigenen (vgl. Historia, S. 13, 10; vgl. Mann, S. 56).

Die Entwicklungswege von D. Faustus und Adrian verlaufen aufgrund des jeweiligen Intellekts und ihren Eigenschaften, auf die später noch eingegangen wird, sehr ähnlich. Auf den sie verbindenden Intellekt soll im nächsten Schritt eingegangen werden.

1.2 ingenium

Eine zentrale Eigenschaft, die Adrian mit D. Faustus verbindet, ist die intellektuelle Veranlagung. Diese wird sowohl im Volksbuch als auch im „Doktor Faustus“ mit dem Begriff ingenium verbunden und ist eine bedeutende Voraussetzung für die Entscheidungen im Leben der beiden Protagonisten. Die Eltern von D. Faustus entdeckten sein trefflich ingenium vnnd memoriam (Historia, S. 13, 24) schon vor seiner akademischen Laufbahn und auch der Lehrer des achtjährigen Adrians bemerkte früh sein „‘ingenium‘“ (Mann, S. 48). Diese Begabung, die vielmehr eine Anlage ist, geht einher mit jeweils einem gelernigen und geschwindten Kopff, durch den die Gelehrtenlaufbahn bereits angedeutet ist (Historia, S. 14, 13f.; vgl. auch Mann, S. 47 ). Durchaus zeichnete sich bei beiden schon sehr früh ab, dass sie Gelehrte würden. Dies wird bei D. Faustus dadurch bestätigt, dass er zum studiern qualificiert vnd geneigt war (Historia, S. 14, 14) und bei Adrian dadurch, dass „kein Zweifel daran [bestand], daß dieser […] der erste Studierte seines Geschlechts“ würde (Mann, S. 47).

Ein Aspekt, der in verstärkender Hinsicht zum Intellekt von Adrian steht, ist seine im Buch oft erwähnte Leichtfertigkeit und Lässigkeit, dank der er schon den Schulstoff mit „kalter Langeweile“ bewältigte (Mann, S. 175). Hierbei deutet sich mit dem Hochmut ein weiteres Motiv an, das im späteren Verlauf der Arbeit wieder aufgegriffen wird. Adrian galt schon früh als „Genie“ (Mann, S. 10), was sich im Laufe der Zeit dahingehend differenziert hat, dass er ein Genie im musikalischen Bereich wurde. D. Faustus hingegen wandte sich nach dem Studium der Theologie anderen weltlichen Bereichen zu und nandte sich ein D. Medicinae / ward ein Astrologus und Mathematicus / vnd zum Glimpff ward er ein Artzt (Historia, S. 15).

Es muss bedacht werden, dass Intelligenz zu Zeiten der Entstehung des Volksbuchs nicht durchweg positiv gesehen wurde. Nach mittelalterlichen Vorstellungen sind Erkennen und Verkünden mitunter verboten gewesen, was im Ausdruck „Weistu was, so schweig!“ deutlich wird.[6] Dieser Ausdruck aus den Spottreden des Teufels (vgl. Historia, S. 115, 17) findet sich wortgetreu in Adrians Dokumentation des Teufelsgesprächs wieder (vgl. Mann, S. 296f.).

Dass der Teufel Adrian aufgrund seines „ingenium und memoriam“ (Mann, S. 330) schon früh als potenziellen Teufelsbündler anvisiert hat, wird im zweiten Kapitel noch thematisiert werden. Doch vorher soll auf ein weiteres zentrales Faust-Motiv eingegangen werden, das, viel einschneidender als das ingenium an sich, den Weg zum Teufelspakt ebnet. Diese faustische Eigenschaft trägt auch Adrian in sich, was im Folgenden erläutert wird.

1.3 curiositas

Während das ingenium, also der veranlagte Intellekt D. Faustus‘ und Adrians, den Weg zum Studium und zur Gelehrtenlaufahn vorzeichnet, ist ein anderer Charakterzug einer der Gründe für den Abfall von Gott und den daraus resultierenden Weg in das Teufelsbündnis.[7] Ihre Intelligenz verführt die Protagonisten dazu, Grenzen zu überschreiten und in Bereichen zu „spekulieren“, die sie besser unberührt lassen sollten.[8] Diese verbotene Neugierde oder auch curiositas ist ein faustisches Motiv, das im Volksbuch bereits in der Vorrede mit dem Begriff f Frwitz (Historia, S. 5, 33), im „Doktor Faustus“ mit „Aberwitz“ in Verbindung gebracht wird (Mann, S. 299). Diese Eigenschaft der curiositas verbindet alle Faustfiguren: Eine Faustfigur ist generell ein Gelehrter, der durch Neugier Grenzen überschreitet und daran meist scheitert.[9] Münkler spricht in diesem Zusammenhang davon, dass

[...]


[1] vgl. Helen Stringer: Historia von D. Johann Fausten (1587) im Vergleich mit dem Teufelsgespräch in Thomas Manns Doktor Faustus. München 2007, S. 3

[2] vgl. Jürgen Jung: Altes und Neues zu Thomas Manns Roman Doktor Faustus. Frankfurt a. M. (u. a.) 1985, S. 39f.

[3] vgl. Ulrike Hermanns: Thomas Manns Doktor Faustus im Lichte von Quellen und Kontexten. Frankfurt a. M. (u. a.) 1994, S. 164

[4] vgl. Dietrich Aßmann: Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ und seine Beziehungen zur Faust-Tradition. Helsinki 1975, S. 184

[5] ebd.

[6] vgl. Aßmann, S. 174

[7] vgl. Marina Münkler: Narrative Ambiguität. Die Faustbücher des 16. bis 18. Jahrhunderts. Göttingen 2011, S. 241

[8] vgl. auch Kapitel 1.1. Das Spekulieren in religiösen Dingen erschien im Mittelalter besonders verwerflich (vgl. Aßmann, S. 184).

[9] vgl. Günter Hess: Historia von D. Johann Fausten: Über die Faszination eines Textes ohne Autor. Würzburg 2000, S. 97

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Details

Titel
Die Figur des Faust als Inspiration. Wie viel Urfaust steckt in Thomas Manns Helden Adrian Leverkühn?
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V280968
ISBN (eBook)
9783656745648
ISBN (Buch)
9783656745631
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urfaust, Adrian Leverkühn, Thomas Mann, Historia Fausten, Die Figur des Fausts als Inspiration: Wie viel Urfaust steckt in Manns Helden Adrian Leverkühn?, Vergleich Urfaust Faust, Vergleich Adrian Leverkühn Urfaust, Historia von D. Johann Fausten, Doktor Faustus
Arbeit zitieren
Franziska Riedel (Autor), 2013, Die Figur des Faust als Inspiration. Wie viel Urfaust steckt in Thomas Manns Helden Adrian Leverkühn?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280968

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