Staatskirchenrecht in der Praxis

Muss ein katholischer Gefängnispfarrer schweigen, wenn ihm ein Gefangener berichtet, dass er am nächsten Tag auf sicherem Wege aus dem Gefängnis flüchten wird?


Essay, 2012

8 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

„Muss ein katholischer Gefängnispfarrer schweigen, wenn ihm ein Gefangener beichtet, dass er am nächsten Tag auf sicherem Wege aus dem Gefängnis flüchten wird?“

Würde man diese Frage zufälligen Passanten in einer Fußgängerzone stellen, würde man sicherlich ein breites Spektrum an Antworten bekommen, vermischt sich doch, in dieser scheinbar lapidaren Fragestellung eine Fülle kirchlicher, staatsrechtlicher und moralischer Normen.

Diese Hausarbeit wird in drei Schritten die oben genannte Fragestellung behandeln.

Im ersten Schritt wird die Stellung des Gefängnispfarrers betrachtet. Dabei wird dargelegt, aufgrund welcher Normen es eine Gefängnisseelsorge gibt und welchen Auftrag sie hat. Anschließend werden die Ansprüche und die Erwartungen an die Person des Seelsorgers, der als kirchlicher Amtsträger in staatlichem Auftrag aktiv ist, aufgezeigt.

Der zweite Schritt wird das Themengebiet ‚Beichte/Bußsakrament‘ behandeln. Hier werden wir auf die Fragestellung „Muss er schweigen?“ und „Kann er aussagen?“ anhand der entsprechenden Normen im kirchlichen und im staatlichen Recht eingehen.

Im dritten Schritt wird die moralische Problematik der Fragestellung bearbeitet. Dabei wird auf die Güterabwägung zwischen Einzelfall und allgemeiner Vorschrift, die Problematik der direkten und indirekten Verletzung des Beichtgeheimnisses und das Dilemma des Seelsorgers, der sich für eine Vorgehensweise entscheiden muss, eingegangen.

Das Fazit soll zum Ende zusammenfassend die dargestellten Ergebnisse bündeln und die Leitfrage abschließend beantworten.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gesteht in Artikel 4 jedem Menschen zu, seinen oder keinen Glauben frei zu wählen[1] und diesen Glauben ungestört auszuüben.[2] Hieraus resultiert der Gedanke, „daß der Staat verpflichtet ist, dafür zu sorgen, daß die Ausübung der Grundrechte auch innerhalb öffentlicher Anstalten möglich bleibt“[3], also Gläubige auch in staatlichen Krankenhäusern, in Schulen, beim Militärdienst und eben auch in Gefängnissen, also in Umgebungen, in denen die persönliche Freiheit eingeschränkt ist, einen Anspruch auf das Praktizieren ihres Glaubens haben.[4]

Präzisiert wird dieser angenommene Anspruch aus den Artikel 4 GG durch den, mittels Artikel 140 GG inkorporierten, Artikel 141 WRV, der den Religionsgemeinschaften das Recht zuspricht, innerhalb der oben genannten Anstalten das Bedürfnis nach Gottesdiensten, Seelsorge und religiösen Handlungen zu bedienen, solange hierbei kein Zwang ausgeübt wird.[5]

„Die Aufzählung in Artikel 141 WRV ist dabei nur beispielhaft zu verstehen. Zu den „religiösen Handlungen“ gehören alle Handlungen korporativer Ausübung religiöser Grundrechte sowie die individuelle Seelsorge.“[6]

Die Meinung, dass auch Gefangene Anspruch auf seelsorgerischen Beistand haben, ist in christlich geprägten Ländern schon seit langem akzeptiert und geht bis in das 16. Jhd. zurück.[7] In der Bundesrepublik Deutschland wird dieses Recht durch Anstaltsseelsorger garantiert, die von (in diesem Fall) der katholischen Kirche beauftragt und von den Ländern eingestellt werden. Hierbei ist je nach Bundesland eine Übernahme in ein Beamtenverhältnis, oder in ein generelles Dienstverhältnis möglich.[8]

Der Anstaltsseelsorger ist durch seinen Dienst in einem Gefängnis folglich in der Situation als kirchlicher Amtsträger im staatlichen Dienst zu stehen und muss somit auch zweierlei Anspruch gerecht werden. Einerseits ist er dem Kirchenrecht (CIC) verpflichtet und soll den Gefangenen Seelsorger sein, andererseits soll er im Rahmen der Gefängnisseelsorge mit den Stellen des Vollzugsapparates zusammenarbeiten und mit diesen gemeinsam danach streben, „die Aufgaben des Vollzugs zu erfüllen.“[9] Der Gefängnisseelsorger hat also am Ziel des Vollzugs mitzuwirken, loyal zum Vollzugsziel zu stehen und Rücksicht auf die Sicherheitsbedürfnisse zu nehmen.[10]

[...]


[1] Art. 4 GG Satz 1, Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995. [Art.]

[2] Art. 4 GG Satz 2.

[3] Vgl. Campenhausen, Axel Freiherr von/ de Wall, Heinrich, Staatskirchenrecht, 4. Auflage, München 2006, S.197. [Campenhausen, Staatskirchenrecht]

[4] Vgl. ebd.

[5] Art. 141 WRV.

[6] Winter, Jörg, Staatskirchenrecht der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung mit kirchenrechtlichen Exkursionen, 2. Auflage, Köln 2008, S. 265. [Winter, Staatskirchenrecht]

[7] Vgl. Windisch, Hubert, Gefängnisseelsorge, LThK³ 2006; Bd. 4, Spalte 343.

[8] Vgl. Campenhausen, Staatskirchenrecht S. 208.

[9] § 154 Satz 1 StVollzG. http://www.gesetze-im-internet.de/stvollzg/__154.html. Zugriff am 04.07.2012.

[10] Vgl. Campenhausen, Staatskirchenrecht, S. 208.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Staatskirchenrecht in der Praxis
Untertitel
Muss ein katholischer Gefängnispfarrer schweigen, wenn ihm ein Gefangener berichtet, dass er am nächsten Tag auf sicherem Wege aus dem Gefängnis flüchten wird?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
8
Katalognummer
V280984
ISBN (eBook)
9783656751434
ISBN (Buch)
9783656856351
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
staatskirchenrecht, praxis, muss, gefängnispfarrer, gefangener, wege, gefängnis
Arbeit zitieren
Verena Schmidt (Autor), 2012, Staatskirchenrecht in der Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280984

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