Der klassische Utilitarismus nach Jeremy Bentham und John Stuart Mill


Seminararbeit, 1999
23 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Jeremy Bentham (1748-1832)
1. Quellen der Benthamschen Konzeption
a) Antike und frühchristliche Quellen
b) Neuzeitliche Quellen
aa) Hobbes (1588-1679)
bb) Spinoza (1632-1677)
cc) Locke (1632-1704)
dd) Hutcheson (1694-1747)
ee) Weitere Quellen
2. Die Ausarbeitung durch Bentham
a) Benthams Ziele
b) Das Prinzip der Nützlichkeit
c) Der Ursprung von Freude und Leid
d) Arten von Freude und Leid
e) Das hedonistische Kalkül
aa) Benthams Konzeption
bb) Schwierigkeiten des hedonistischen Kalküls

III. John Stuart Mill (1806-1873)
1. Mills Konzeption
2. Zur Beweisbarkeit des Nützlichkeitsprinzips
3. Kritik
a) Kritik am Verfahren
b) Kritik am Beweis des utilitaristischen Prinzips

IV. Die Grenzen des utilitaristischen Denkens am Beispiel des Strafrechts
1. Der Gerechtigkeitseinwand
2. Stellungnahme

Literaturverzeichnis:

I. Einleitung

Der klassische Utilitarismus (von utilitas, lateinisch für Nutzen) hat seit seiner Ausarbeitung durch Jeremy Bentham und John Stuart Mill Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem im angelsächsischen Sprachraum viel Aufmerksamkeit und Zustimmung erfahren. Bis heute ist er dort - wenn auch in Form von zahlreichen Abwandlungen und Varianten[1] - eine der wichtigsten und einflussreichsten philosophischen Strömungen.

Als konsequentialistischer Ansatz beantwortet der Utilitarismus die Frage, wie Recht und Unrecht unterschieden werden können, ohne Rückgriff auf göttliche Autorität oder unveräußerliche „natürliche“ Wertvorstellungen, sondern nur mit Blick auf die Folgen einer Handlung. Der Vorwurf des „Wertnihilismus“ (Nicolai Hartmann)[2] ist dagegen verfehlt; denn auch die utilitaristische Ethik erkennt einen Wert an, den es anzustreben gilt, namentlich das menschliche Glück. Im Gegensatz zum Egoismus wird dabei jedoch nicht auf individuelles, sondern auf kollektives Glück abgestellt; mit der geläufigen Kurzformel ausgedrückt: die Handlung soll gut und moralisch wertvoll sein, deren Konsequenzen das größte Glück für die größte Zahl der von ihr betroffenen Personen bedeuten („greatest happiness for the greatest number“). In einer Zeit der fragwürdig gewordenen Autoritäten lag damit die Attraktivität des Ansatzes auf der Hand: Zum einen baut er auf einem Grundzug des Menschen auf, dem Streben nach Glück. Zum anderen wird Moral als vom Menschen und für den Menschen geschaffene Einrichtung begriffen, die durch die Bezugsgröße „Glück“ rational kalkulierbar und empirisch messbar sein soll - „morality as a human creation, serving human ends“[3].

Ungeachtet dessen blieb eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus im deutschen Sprachraum aus, was Lasars als „Nicht-Rezeption des Utilitarismus in Deutschland“[4] bezeichnet. Wo er Berücksichtigung fand, wurde der Utilitarismus kurz abgehandelt, teilweise geradezu abqualifiziert: Schischkoff spricht lapidar von einem „pseudo-ethischen, auf der Gleichsetzung von gut und nützlich beruhenden System“[5]. Marx und Engels befürchteten eine „exploitation de l´homme par l´homme“[6], Nietzsche wiederum sieht den Utilitarismus in der Reihe der „Vordergrund-Denkweisen und Naivitäten“[7].

Grund für die zurückhaltende Aufnahme in Deutschland mag auch die große Bedeutung der Kantschen Lehren gewesen sein. Denn der kategorische Imperativ Kants fordert ein unbedingtes Sollen ohne Beachtung von Zweck oder Folgen einer Handlung[8], wie sich deutlich auch anhand der absoluten, d. h. auf zweckfreier Vergeltung aufbauenden Straftheorie Kants zeigen lässt[9].

Im Folgenden soll der klassische Utilitarismus anhand der Arbeit seiner zwei wichtigsten Vertreter, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, dargestellt werden.

II. Jeremy Bentham (1748-1832)

Schon im Einleitungssatz seines Hauptwerks, der „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ von 1789 stellt Bentham zwei Grundannahmen seiner Konzeption vor. Die erste Annahme ist, dass menschliches Handeln zwingend vom Streben nach Lust bzw. vom Vermeiden von Schmerz bestimmt sei („Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and pleasure“[10] ). Von diesem (von ihm vorausgesetzten) „Sein“ schließt Bentham schon im nächsten Satz auf das „Sollen“. Er statuiert, dass Lustgewinn bzw. Schmerzvermeidung auch Gradmesser für ethisch richtiges Handeln seien: „It is for them alone to point out what we ought to do, as well as to determine what we shall do.“

Ausgangspunkt seiner Lehre ist also ein „doppelter Hedonismus“: zum einen der psychologische Hedonismus als Grundstruktur menschlichen Handelns, zum anderen der ethische Hedonismus, demzufolge nichts in sich gut ist außer der Lust[11]. Eine Begründung für diesen Schluß vom „Sein“ auf das „Sollen“ sucht man allerdings vergeblich[12].

Bei dieser individuellen Betrachtung bleibt Bentham nicht stehen. Vom individuellen Glück gelangt er zum kollektiven Gemeinwohl, indem er letzteres als Summe des Glücks der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft begreift: „The interest of the community then is, what? - the sum of the several members who compose it“.

So wird verständlich, wie Bentham die „greatest happiness of the greatest number“ als Richtschnur für ethisch richtiges Handeln ermitteln will: durch Addition individueller „Glücksmengen“ zu einem kollektiven Gesamtnutzen. Mit anderen Worten: richtiges Handeln des einzelnen liegt dann vor, wenn das Glück aller - nicht zwangsläufig auch eigenes Glück - maximiert wird. Damit gilt es jedoch, den Widerspruch zwischen der egoistischen Grundstruktur menschlichen Handelns (Streben nach eigenem Glück) und der Forderung der utilitaristischen Ethik (Streben nach kollektivem Glück) zu beseitigen. Bentham erkennt dieses Problem, geht aber davon aus, dass gerade auch die Förderung des Glücks anderer Menschen dem Handelnden Freude bereite („Pleasure of benevolence“[13] ). Gleichwohl könne dies nicht bei allen Menschen vorausgesetzt werden; nötig sei vielmehr ein System von staatlichen und gesellschaftlichen Sanktionen insbesondere in Form von Gesetzen, um das menschliche Handeln in Richtung auf das Allgemeinwohl zu lenken.

1. Quellen der Benthamschen Konzeption

Ob Bentham als Begründer des Utilitarismus bezeichnet werden kann, kann dahingestellt bleiben[14]. Jedenfalls waren die Elemente seiner Konzeption nicht neu. Vielmehr griff er auf Quellen zurück, die bis in die Antike reichen und die im Folgenden kurz dargestellt werden.

a) Antike und frühchristliche Quellen

Schon Aristoteles (384-322 v. Chr.) hatte in seiner wichtigsten ethischen Schrift, der „Nikomachischen Ethik“ das Glück (griech. eudaimonia) als Endziel des menschlichen Handelns klassifiziert und eine folgenorientierte Konzeption ethisch richtigen Handelns begründet. Damit kann er als Urvater zweier wichtiger Theorieelemente des Utilitarismus gelten.

Als zweite wichtige Quelle ist der Hedonismus Epikurs (342-271 v. Chr.) zu nennen, der Lust (griech. hdonh) als Motiv, Ziel oder Beweis sittlichen Handelns betrachtet[15] Interessant ist, dass Epikur dabei durchaus inhaltliche Forderungen an die Quellen dieser Lust stellt, sein

Hedonismus also nicht als bloße vulgäre Triebbefriedigung verstanden werden darf: „Wenn wir also die Lust als Endziel hinstellen, so meinen wir damit nicht die Lüste der Schlemmer (...) sondern das Freisein von körperlichem Schmerz und von der Störung der Seelenruhe...“[16].

Wie die vita-beata-Entwürfe der späten Stoiker erfassten diese Lehren jedoch nur einen Teilbereich der Benthamschen Konzeption, nämlich die des individuellen „summum bonum“, also des Wohls des einzelnen. Altruistisches Handeln wurde hier nur als Quelle des eigenen Glücks verstanden[17]. Gleiches gilt für die beatitudo-Konzeption des Kirchenlehrers Augustinus, die in zweifacher Weise auf Gott Bezug nahm. Zum einen konnte nach Augustinus der Mensch das Glück nicht allein durch tugendhaftes Leben erreichen, sondern nur durch die Gnade Gottes („gratia gratuita“), zum anderen wies dieser Glücksbegriff eine starke Jenseitsorientierung auf[18].

b) Neuzeitliche Quellen

Kennzeichnend für das neuzeitliche Denken ist die Überlegung, dass in einer Gemeinschaft nicht jede Handlung den Interessen jedes einzelnen entsprechen kann, somit nicht für jeden Betroffenen einen Zuwachs an Glück bewirken kann. Somit gelte es eine Art soziales Glück (soziales „summum bonum“) herauszuarbeiten, das zentrale oder alleinige Richtschnur ethisch richtigen Handelns sein soll.

aa) Hobbes (1588-1679)

Ein solcher Bezug auf das Gemeinwohl findet sich zwar noch nicht bei Thomas Hobbes. Sein Verdienst war es aber, den individuellen Glücksbegriff der Antike wiederzuentdecken, in dem er zu Beginn von Teil I des „Leviathan“ (1651) einen rein subjektiven und damit relativen Begriff des Guten einführt und von „pleasure“ als Endzweck allen Handelns spricht. Auch die von Bentham angestrebte rationale Begründung von Moral und Recht ohne Rückgriff auf Religion, Metaphysik oder Intuition geht auf Hobbes zurück[19].

bb) Spinoza (1632-1677)

Auch bei Spinoza, der stark von Hobbes beeinflusst war, findet sich „Freude“ als Individualnutzen. Jedoch geht Spinoza einen Schritt weiter und führt den Begriff des „allgemeinen Glücks“ ein, nach dem zu streben ein Gebot der Vernunft sei. Nur aufgrund der Tatsache, dass nicht alle Menschen von Vernunft geleitet seien, sei ein staatlicher Erzwingungsapparat notwendig. Nach Spinoza ist bei rein vernunftgeleiteten Menschen selbst im archaischen Naturzustand keine Kollision von individuellen und kollektiven Interessen denkbar. Damit lehnt Spinoza gleichzeitig die Hobbesche Vorstellung vom Kampf der von Selbstsucht getriebenen Menschen im archaischen Naturzustand ab („bellum omnium contra omnes“[20] )

cc) Locke (1632-1704)

In seinem „Essay Concerning Human Understanding“ von 1690 folgt Locke zunächst Hobbes, wenn er Lust und Schmerz als Indikatoren für individuelles Glück anführt: „Things then are good or evil, only in reference to pleasure and pain“[21]. Hinzu kommt auch bei Locke jedoch das „soziale Glück“, also das oben angeführte Gemeinwohl. Es sei eine natürliche Pflicht („natural duty“) jedes einzelnen, auch das Wohl des Mitmenschen und damit das Kollektivwohl innerhalb der Gesellschaft anzustreben. Dabei führt Locke - einen Gedanken Benthams vorwegnehmend - dieses „public good“ zunächst als vom Staat zu verfolgendes Endziel im Rahmen von Handlungen der Legislative[22] und Exekutive ein, und dehnt erst im Anschluss daran diese Pflicht aus, indem er sie für jeden einzelnen für bindend erklärt[23].

dd) Hutcheson (1694-1747)

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des englischen Moralphilosophen Francis Hutcheson auf die Entwicklung des klassischen Utilitarismus durch Bentham. Er war wohl der erste Philosoph, der ernsthafte (wenn auch nur rudimentäre) Versuche unternahm, die Moralität einer Handlung anhand bestimmter Parameter zu berechnen. Auch war es Hutcheson, der die berühmte utilitaristische Zielformel „the greatest happiness for the greatest number“ einführte[24].

[...]


[1] S. Höffe (Hrsg.), Einführung in die utilitaristische Ethik, 1975, S. 8.

[2] Köhler in Williams (Hrsg.), Kritik des Utilitarismus, 1979, S. 9.

[3] Glover, Utilitarianism and its Critics, S. 2.

[4] Lasars, Die klassisch-utilitaristische Begründung der Gerechtigkeit, 1982, S. 1.

[5] Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch, 14. Aufl. (1957), S. 621.

[6] Marx/Engels, „Deutsche Ideologie, Werke (1959), S. 394; zitiert nach Höffe in: Gähde/Schrader (Hrsg.), Der klassische Utilitarismus, 1992, S. 293.

[7] „Jenseits von Gut und Böse“, in: Nietzsche, Werke (1968), sechste Abteilung, zweiter Band, Nr. 255, zitiert nach Höffe (Fn. 6), S. 293.

[8] Lasars (Fn. 4), S. 19.

[9] S. dazu Roxin, Strafrecht, 4. Aufl. (2006), § 3 Rn. 2 f.

[10] An Introduction to the Principles of Morals and Legislation, Auszug bei Glover (Fn. 3), S. 9 ff.

[11] S. Höffe, Ethik und Politik, 1979, S. 122.

[12] Zur Kritik an einer solchen Vorgehensweise s. u. III. 3. b).

[13] Scarre, Utilitarianism, 1996, S. 77.

[14] Verneinend, aber die Wichtigkeit seines Werks insbesondere für den juristischen Bereich betondend Lasars (Fn. 4), S. 32

[15] Schischkoff (Fn. 5), S. 229.

[16] Menokeus-Brief, zitiert in Trapp in Gähde/Schrader (Fn. 6), S. 191; s. auch Scarre (Fn. 13), S. 40.

[17] S. auch Scarre (Fn. 13), S. 38.

[18] S. Trapp (Fn. 16), S. 194 f.

[19] Höffe (Fn. 7), S. 121.

[20] Schischkoff (Fn. 5), S. 246.

[21] An Essay Concerning Human Understanding, Kapitel XX des 2. Buches, zitiert in Trapp (Fn. 16), S. 201.

[22] Vgl. den Titel von Benthams Werk: „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ (Hervorhebung vom Verfasser).

[23] Trapp (Fn. 16), S. 202.

[24] Trapp (Fn. 16), S. 206; als weiterer Urheber wird Beccaria mit seinem Hauptwerk „Dei delitti e delle penne“ (1764) genannt, dazu sogleich im Text.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der klassische Utilitarismus nach Jeremy Bentham und John Stuart Mill
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Rechtswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Modernes amerikanisches Rechtsdenken
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
23
Katalognummer
V281
ISBN (eBook)
9783638102056
ISBN (Buch)
9783638786553
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utilitarismus, Jeremy, Bentham, John, Stuart, Mill, Seminar, Modernes, Rechtsdenken
Arbeit zitieren
Johannes Kaspar (Autor), 1999, Der klassische Utilitarismus nach Jeremy Bentham und John Stuart Mill, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der klassische Utilitarismus nach Jeremy Bentham und John Stuart Mill


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden