Lehrerfiguren in der Gegenwartsliteratur. Pädagogen, Zuchtmeister oder „Kumpel“?


Bachelorarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Vom Pädagogen bis zum „Kumpel“ – eine Begriffsbestimmung

3.) Markus Orths: „Lehrerzimmer“
3.1) Studienassessor Kranich
3.2) Das Kollegium – Lehrerfiguren an der Seite Kranichs
3.3) relevante erzähltextanalytische Elemente

4) Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“
4.1) Inge Lohmark
4.2) Das Kollegium – Lehrerfiguren an der Seite Inge Lohmarks
4.3) relevante erzähltextanalytische Elemente

EXKURS: Porträt einer unerschrockenen Lehrerin – Frau Freitag

5) Fazit

6) Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

7) Eidesstaatliche Erklärung

1) Einleitung

Rückblickend auf die eigene Schulzeit kennt jeder von uns verschiedene Lehrertypen: von respekteinflößenden Chemielehrern, über Kunstlehrerinnen, mit denen über alles geredet werden kann, bis hin zu total überforderten Mathelehrern. So verschieden die Menschen sind, so unterschiedlich treten sie auch in ihrem Beruf – hier dem des Lehrers[1] auf. Neben fachspezifischer Literatur, sowie Studien und Untersuchungen zu dieser Profession, beschäftigt sich auch die Literatur seit dem Auftreten dieses Berufes damit.

Das Generallandschulreglement, 1763 von Friedrich II. für Preußen geschaffen und Grundlage für das preußische Volksschulwesen, legte außerdem die Weichen für die allgemeine Schulpflicht. Hatten zuvor Hauslehrer für die Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen gesorgt, so wurden mit der verbindlichen Schulpflicht immer mehr Lehrer spezifisch für den Unterricht an öffentlichen Schulen ausgebildet. Für die Autoren war diese Entwicklung ein gefundener Anlass, sich literarisch damit auseinander zu setzen. Autoren von Romanen, Erzählungen, Novellen, Gedichten und weiteren literarischen Formen nahmen sich seitdem an, über Hauslehrer, Volksschullehrer, Dorflehrer, Lehrer an Elementarschulen, Gymnasiallehrer und auch Lehrerinnen zu schreiben.[2] Bekannte Werke sind zum Beispiel „Professor Unrat“ von Heinrich Mann oder auch „Die Verwirrungen des Zögling Törless“ von Robert Musil. Die dargestellten Lehrerfiguren sind dabei immer „historisch – gesellschaftlich hergestellte Konstrukte“[3] und entstehen „auch aufgrund der tatsächlich real- und bildungspolitischen Umstände.“[4] Jede literarische Lehrerfigur ist demnach auch immer von den gesellschaftlichen und bildungspolitischen Umständen ihrer Zeit geprägt.

Ohne näher auf die Lehrer der vergangenen literarischen Werke eingehen zu können, soll es in dieser literaturwissenschaftlichen Arbeit um die Lehrerfiguren in der Gegenwartsliteratur gehen. Es ergibt sich die Fragestellung: Welche Lehrerfiguren begegnen uns in der Gegenwartsliteratur? Nachdem zunächst einige Bezeichnungen für Lehrer definiert werden, folgt in den nächsten Kapiteln die Analyse und Beschreibung ausgewählter Lehrerfiguren. Dazu wurden der 2003 erschienene Roman „Lehrerzimmer“ von Markus Orths und der 2011 erschienene Bildungsroman „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky ausgewählt. Neben den Figuren selbst, soll zudem das Kollegium um die im Fokus stehenden Lehrerfiguren analysiert werden. Zudem soll eine komprimierte Erzähltextanalyse zu relevanten Aspekten die Figuren weiter beschreiben und erschließen. Neben den fiktiven Figuren der aufgeführten Romane wird in einem anschließenden Exkurs die Figur des Sachbuchs „Chill mal, Frau Freitag“ von der unter dem Pseudonym schreibenden Autorin Frau Freitag kurz und überblicksartig beschrieben werden. Im Fazit soll dann mithilfe der Begriffsbezeichnungen eine endgültige Einordnung der dargestellten Lehrerfiguren erfolgen. Möglich ist auch ein Ausblick auf weitere thematische Anknüpfungspunkte.

2) Vom Pädagogen bis zum „Kumpel“ – eine Begriffsbestimmung

Bevor eine Charakterisierung und somit auch Einordnung der Figuren erfolgen kann, sollen zunächst die Begriffe zur Benennung oder Einordnung von Lehrern vorgestellt werden. Wo der eine Lehrer als vielleicht „Kumpel“ auftritt, wirkt der andere möglicherweise wie ein Zuchtmeister. Zwischen diesen verschiedenen „Typen“ soll nun differenziert werden.

Ein Zuchtmeister ist umgangssprachlich jemand, „der andere streng behandelt, erzieht“[5]. Er kann kurz gesagt, also als strenger Erzieher bezeichnet werden. Auch kann ein Zuchtmeister als jemand beschrieben werden, der „zwang übt, auch ohne den zweck der erziehung“.[6] Unter Zucht wird eine Handlung verstanden, „wodurch man dem Menschen die Wildheit nimmt“[7]. Zuchtmeister sind demnach Lehrer, die sehr streng sind und alles mit Zwang ausüben, ohne unbedingt erziehen zu wollen.

Auch der Begriff „Pauker“ fällt häufig in Bezug auf Lehrer. Darunter ist im eigentlichen Sinn eine Person gemeint, die die Pauke schlägt, „in übertragener Bedeutung den Hintern des unfolgsamen Schülers“[8]. Auch kann ein „Pauker“, als „ein (schlechter) Lehrer“[9] gesehen werden. Diese Bezeichnung kann somit ein negatives Bild eines Lehrers darstellen, wird aber sicher unter Schülern als saloppe Betitelung verwendet.

Sicher gibt es auch Lehrkräfte, die einen so freundschaftlichen Umgang mit ihren Schülern[10] pflegen, dass man sie als „Kumpel“ beschreiben kann. Ursprünglich noch die Bezeichnung für einen Bergmann, kann „Kumpel“ jedoch auch als (Arbeits)kamerad gesehen werden, „der bei gemeinsamen Unternehmungen sehr hilfsbereit ist“[11].

Auch bei der eigentlichen Bezeichnung des Lehrers gibt es Unterscheidungen. Ein Fachlehrer hat eine spezielle fachliche Ausbildung und unterrichtet verschiedene Schulklassen in verschiedenen Unterrichtsfächern. Ein Nachteil ist, dass der Fachlehrer kaum eine Möglichkeit hat, die Klassen mit den individuellen Persönlichkeiten näher kennen zu lernen. Das Aufbauen einer sozialen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler wird dadurch erschwert.[12] Im Vordergrund steht hier die Vermittlung des Fachstoffs. Im Gegensatz dazu steht der Klassenlehrer. Als Leiter einer Klasse ist er „für alle Angelegenheiten der Klasse zuständig“[13] und kann dadurch eine wichtige Vertrauens- und Bezugsperson für die Schüler sein.

Zu Lehrern allgemein zählen Personen, die Kenntnisse, Fertigkeiten, Fähigkeiten und Handlungsbereitschaften vermitteln. Ihr wichtigstes Ziel soll die „Bildung der Schüler angesichts der gesellschaftlichen Erwartungen“[14] sein. Sie sollen das Lernen ihrer Schüler anregen, unterstützen und helfend zur Seite stehen.

Lehrer kann man zudem der Gruppe der Pädagogen zuordnen. Aus dem Griechischen stammend, bedeutet Pädagoge ‚Knabenführer‘. Heute werden „alle Akteure, z.B. Eltern, oder Berufe, vom Lehrer bis zum Sozialpädagogen, die öffentlich oder privat Erziehungs- und Lehraufgaben wahrnehmen“[15] allgemein als Pädagogen bezeichnet.

Es wird deutlich, dass ein Berufsbild unterschiedliche „Figurentypen“ verkörpern kann. Es reicht vom freundschaftlichen Umgang des „Kumpels“ bis hin zur zwanghaften und strengen Erziehung des Zuchtmeisters.

Um an das nächste Kapitel anzuknüpfen - die Beschreibung Martin Kranichs – ist die Bezeichnung des Studienassessors zu erläutern. Ein Studienassessor ist ein „ ausgebildeter, aber noch nicht planmäßig angestellter Lehrer an einer höheren Schule“ [16] . Es könnte sich hierbei um einen angestellten und noch nicht verbeamteten Lehrer oder aber auch um einen Referendar handeln.

3.) Markus Orths: „Lehrerzimmer“

3.1) Studienassessor Kranich

Wer ist Martin Kranich, der am 20. August um[17] 17.24 Uhr einen Anruf vom Oberschulamt bekommt mit der Nachricht, dass er im neuen Schuljahr in Göppingen am Gymnasium ERG als Studienassessor mit den Fächern Deutsch und Englisch anfangen wird?

Martin Kranich scheint von Beginn der Erzählung an keinen entspannten Augenblick in freudiger Erwartung auf seine Zeit als Studienassessor zu verleben. Die Angst davor, etwas falsch zu machen, etwas zu verpassen oder sich nicht an eine Frist zu halten, scheint von Beginn an sein ständiger Begleiter zu sein. Bereits in den drei Wochen, die er mit dem Warten auf den Anruf des Oberschulamts verbringt, zeigt sich, dass er von Anfang an versucht sich den Erwartungen seines Umfelds anzupassen. In dieser Zeit tut er alles dafür, den Anruf nicht zu verpassen. Er steht um 4.00 Uhr morgens auf, lässt sich seine Mahlzeiten vom Bringdienst liefern, nimmt keine anderen Anrufe entgegen und trägt das Telefon an einer Schnur um den Hals. „Als der Anruf endlich da ist, nimmt der Wahnsinn seinen Lauf.“[18]

Seine starke Anpassungsbereitschaft zeigt sich fortan vor allem in den Gesprächen mit seinem Chef, dem Schuldirektor Höllinger und den dadurch ausgelösten Handlungen Kranichs. Alle Reaktionen und Taten auf die Gespräche, Drohungen und Aufforderungen Höllingers begeht Kranich zum einen in Hinblick auf die Sicherung seiner Stelle am ERG, zum anderen aber auch auf die angedrohte Beurteilung Höllingers: „[…] bei mehr als zwei Fehlern pro Stunde kann das negative Auswirkungen auf ihre Beurteilung haben.“[19] Kranichs Handlungen sind demnach nicht wirklich willensgesteuert. Eher sind sie die Konsequenz des Drucks, welchen Kranich schon im Einstellungsgespräch mit Höllinger zu spüren bekommt und die ihn fortan begleiten und ihn in seinem Handeln bestimmen. Neben der immer wieder erwähnten Beurteilung, die am Ende des Schuljahrs über die weitere Berufslaufbahn entscheide und der Pflicht auch in Göppingen – und nirgendwo anders zu wohnen – gibt Höllinger Kranich zu verstehen, dass er ihn nach dem Anschauen eines Unterrichtsvideos als Niete betrachte.[20] Dadurch verändert sich die Figur so gut wie gar nicht. Die Anpassungsbereitschaft ist von Beginn an nahezu an jeder Stelle des Romans anzutreffen. Lediglich die Kündigung am Ende und die anonyme Versetzung mit einer neuen Identität stellen einen starken Kontrast zu dem sonst so angepassten Kranich dar. Es ist gar als Flucht aus der Realität zu begreifen. Spannend bleibt, wie Kranich mit seiner neuen Identität als Edwin Röder in seinem neuen Leben in Frankfurt auftritt.[21]

Kranichs Charaktereigenschaften lassen sich folgendermaßen beschreiben:

Er ist sehr fleißig, korrekt und vielleicht auch penibel. Das zeigt sich in der überaus umfangreichen Unterrichtsvorbereitung, bei der er alle Eventualitäten abwägt und einplant. Als Englischlehrer bedenkt er sogar Vokabeln, die so in den Unterrichtstexten nicht vorkommen, von den Schülern aber erfragt werden könnten. Ihn selbst beruhigt diese korrekte und penible Vorbereitung, da sie ihm die Sicherheit gibt, die er zum Unterrichten braucht.[22] Als Leser kann man diese Korrektheit und das Bedürfnis nach Sicherheit auf einen anderen Aspekt zurückführen. Er hat Angst vor der Bewertung Höllingers, der sich keiner entziehen kann. „Die Angst sei den Lehrern mit der Zeit zu einer zweiten Haut geworden, […]“[23] und das trifft bei Kranich zu. Zudem hat er Angst vor dem in der 10 d sitzenden Sohn des Direktors Horst, der sich jeden Fehler merkt und seinem Vater erzählt. Auch fürchtet er sich vor den „Weißen“, welche Unterrichtsprüfungen durchführen[24] und dem Verlieren des Lehrerschlüssels, welches vom Geheimen Sicherheitsdienst (GSB) beobachtet und an den Direktor weitergetragen wird. Sogar auf der Toilette hat er Angst gegen die überall lauernden Vorschriften und Regeln zu verstoßen.[25]

Am dritten Schultag wird er jedoch von Höllinger zum Mitglied des GSB ernannt: er soll andere Lehrer beobachten, die ihre Schlüssel liegen lassen oder nicht im Blick haben. Diese soll er entwenden und Höllinger den Namen des Lehrers nennen. Hier wird die Anpassungsfähigkeit Kranichs besonders deutlich. Auch wenn ihn die Angst vor der Beurteilung Höllingers von Beginn an umgibt, so ist er nach der Ernennung zum Mitglied des GSB so in Höllingers „System“ involviert, dass er überlegt, wem er die Schlüssel klauen könnte. Er hat nicht den Mut sich gegen Höllinger zu erheben und seinen, sowie sicher auch den Unmut des Kollegiums zu vertreten und für die Interessen einzustehen. Als Leser hat man den Eindruck, Kranich kann sich nicht durchsetzen, seine Meinung und seine Interessen stellt er stets zurück. Deutlich wird das in den Situationen, in denen Kranich in einigen Kollegen Verbündete oder Mitleidende wähnt und kurz davor ist, sich über Höllinger auszulassen oder seinen Unmut kund zu tun. Erntet er nicht sofort Zustimmung oder vermutet er einen skeptischen Blick, verunsichert ihn das so sehr, dass er versucht, seine Meinung anders darzustellen:

„Immer noch sagte keiner ein Wort. Schon dachte ich, ich hätte einen Fehler gemacht, mich zu weit aus dem Fenster gelehnt, schon wollte ich sagen, es sei doch alles nicht so schlimm […]“[26].

Kranichs Charaktereigenschaften werden durch den Charaktanten Höllinger bestätigt. Kranich lässt sich von Höllinger ins Wort fallen und widerspricht ihm auch nicht.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird der Begriff nicht explizit gegendert, mit ‘Lehrer‘ sind beide Geschlechter gemeint.

[2] Vgl. Quak, Udo (Hrsg.): Lehrer – Bilder. S. 5ff.

[3] Grunder, Hans – Ulrich (Hrsg.): „Der Kerl ist verrückt“. S. 15.

[4] Ebd.

[5] Duden. Deutsches Universalwörterbuch. S. 2069.

[6] Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. S. 275.

[7] Tenorth, Heinz, Elmar; Tippelt, Rudolf (Hrsg.): Beltz Lexikon Pädagogik. S. 784.

[8] Pfeiffer, Herbert: Das große Schimpfwörterbuch. S. 306.

[9] Ebd.

[10] Es wird nicht explizit gegendert, mit „Schüler“ sind beide Geschlechter gemeint.

[11] Duden. Deutsches Universalwörterbuch. S. 973.

[12] Schaub, Horst; Zenke, Karl G.: Wörterbuch Pädagogik. S. 203.

[13] Ebd. S. 321.

[14] Hintz, Dieter; Pöppel, Karl Gerhard: Neues pädagogisches Wörterbuch. S. 184.

[15] Tenorth, Heinz, Elmar; Tippelt, Rudolf (Hrsg.): Beltz Lexikon Pädagogik. S. 540.

[16] http://universal_lexikon.deacademic.com/125854/Studienassessor [20.05.2013].

[17] Die folgenden Figurendarstellungen orientieren sich an dem Figurenmodell nach Per Krogh Hansen.

[18] Schulz, Nils B.: Die Lehrer – Oberjammerer und bestochene Stillhalter. 03.04.2003.

[19] Orths, Markus: Lehrerzimmer. S. 31.

[20] Vgl. ebd. S. 11-14.

[21] Vgl. ebd. S. 153.

[22] Vgl. Orths, Markus: Lehrerzimmer. S. 28.

[23] Ebd. S. 23.

[24] Vgl. ebd. S. 144.

[25] Vgl. ebd. S. 92.

[26] Ebd. S. 66.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Lehrerfiguren in der Gegenwartsliteratur. Pädagogen, Zuchtmeister oder „Kumpel“?
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Germanistik)
Note
1,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V281083
ISBN (eBook)
9783656747727
ISBN (Buch)
9783656747680
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lehrerfiguren, gegenwartsliteratur, pädagogen, zuchtmeister, kumpel
Arbeit zitieren
Patricia Glowania (Autor:in), 2013, Lehrerfiguren in der Gegenwartsliteratur. Pädagogen, Zuchtmeister oder „Kumpel“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281083

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