Goethes Gartenhaus. Ein Mythos zwischen Original und Kopie


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Einleitung

1 Zwischen bedeutenden Persönlichkeiten und den Orten, die sie bewohnt oder besucht haben besteht eine starke Bindung. Davon zeugen nicht zu Letzt die Inschriften oder angebrachten Schilder mit Namen und Aufenthaltsdatum an den jeweiligen Hausfassaden. Insbesondere bei Goethe wird jeder noch so banale Aufenthaltsort des Dichters gekennzeichnet und zu einer beinahe mythischen Stätte erhoben, die ein gebildeter Tourist nicht auslassen sollte. Dass seine Wohnhäuser zu Kulturgütern erklärt werden, ist selbstverständlich. Eines dieser Häuser hat besonders viel Aufmerksamkeit erfahren. Das Gartenhaus, welches der junge Goethe in seinen Weimarer Anfangsjahren bewohnte, wandelte sich von einer Kultstätte zu einem zeitweiligen architektonischen Vorbild und erhielt sogar eine identische Kopie. Warum ist gerade dieses bescheidene Gartenhaus von solchem Interesse? Sowohl beim Original als auch bei der Kopie wird mit Goethes Geist geworben, den der Besucher beim Betreten dieser Räumlichkeiten sogleich verspüren kann. Was macht jedoch diesen Geist aus und wie lässt er sich an Räumen festmachen? Und was passiert, wenn man diese Räume nachbaut, wird der Geist dann mitkopiert oder verbleibt er im Original?

Zunächst wird ein historischer Abriss über das Gartenhaus und seine Rezeption in der Architekturgeschichte gegeben. Um zu verstehen, warum dieses Haus einen solchen Stellenwert in der deutschen Kulturgeschichte hat, ist eine Auseinandersetzung mit der Goethe-Rezeption notwendig. Im Anschluss wird die Beziehung zwischen dem historischen Gartenhaus und seinem Nachbau im Jahr 1999 besprochen, sowie der Frage nachgegangen, inwieweit Authentizität des Ortes notwendig ist für ein authentisches Erlebnis seines Geistes. Auf Grund des begrenzen Rahmens einer Hausarbeit konnten die einzelnen Aspekte nicht in aller Ausführlichkeit dargestellt werden. Sie dient vielmehr dazu, die verschiedenen Fragestellungen, die sich an diesem Haus entwickelt haben, sowie die Veränderungen in der Rezeptionsgeschichte aufzuzeigen.

2. Das Gartenhaus

2.1 Goethes erster Wohnsitz

-Das ehemalige Winzerhaus, bestehend aus einem schlichten Kubus und dem charakteristischen Walmdach mit der Schindeldeckung, liegt im Park an der Ilm und wurde wahrscheinlich gegen Ende des 16. Jahrhunderts erbaut. Nachdem die letzte Besitzerin verstarb, wurde das Haus 1775 zur Versteigerung ausgesetzt. Herzog Carl August von Sachsen-Weimar -Eisenach,der ein Freund und Förderer des jungen Goethe war, kaufte das Haus samt Garten im Jahr 1776 für den Dichter, um diesen in Weimar zum Verbleib zu bewegen. Mit dem Grundbesitz erwarb Goethe das Bürgerrecht und der Herzog konnte ihm politische Ämter übertragen. Ebenso finanzierte dieser die Instandsetzungsmaßnahmen an dem heruntergekommenen Haus sowie dem verwilderten Garten. Des Weiteren kamen Möbel hinzu, die auf Goethes Anweisungen hin vom Hofebenist und Tafeltischler Mieding angefertigt wurden. Auf Grund der schlechten Wärmeisolation des Hauses ließ Goethe zwei Fenster vermauern. Um die Symmetrie der Hausfassade zu wahren, wurde ein Blindfenster eingesetzt. Rankspaliere gliedern die Vorderfassade.

Am 18.Mai 1776 bezog Goethe zusammen mit seinen drei Dienern seinen ersten Wohnsitz in Weimar.

Der Dichter bewohnte das Gartenhaus bis 1782, bevor er seinen Hauptwohnsitz in das stattliche Anwesen am Frauenplan verlegte. Das Gartenhaus diente ihm jedoch immer wieder als Rückzugsort, insbesondere in seinen späten Jahren. Im Ilm- Park lernte er Christian Vulpius kennen und wohnt mit ihr einige Jahre in dem Haus bis zum Umzug.

Das Gartenhaus verfügt im Erdgeschoß über einen Flur mit einem Brunnen, ein Esszimmer und einen Raum für Bedienstete. Im Obergeschoß befinden sich vier Wohnräume samt Schlaf- und Arbeitszimmer.

Die Einrichtung wurde schlicht gehalten. Gipsabgüsse nach griechischen Originalen, Kupferstiche, eigene Zeichnungen und die seinerzeit beliebten Schattenrisse vom Dichter sowie von Freunden schmücken die Räumlichkeiten.

1820 wurden Streicharbeiten durchgeführt, wahrscheinlich die letzten durch Goethe veranlassten Renovierungsmaßnahmen. Sie dienen als Grundlage für die rekonstruierte Farbigkeit ,wie sie heute vorzufinden ist.

2. Das Gartenhaus als Museum

Nach dem Tod Goethes im Jahre 1832 wurde ein Teil des Hausrates in einer Auktion verkauft.

Mit den Jahren ist das Haus immer mehr heruntergekommen und vom ursprünglichen Inventar war kaum noch etwas vorhanden.

1885 ging es in den Besitz von Carl Alexander über. Der Großherzog ließ das Haus sowie den Garten herrichten und 1886 für Besucher öffnen. Die Nutzung als Museum setzte ein und das Gartenhaus wandelte sich mit den Jahren zu einer Wahlfahrtstätte für Goethebegeisterte.2 - Immer wieder mussten Ausbesserungsarbeiten vorgenommen werden, ob Schäden am Dach oder Risse in dem Außenwänden. Sogar Eingriffe in die alte Bausubstanz waren notwenig, um das Haus zu erhalten.3 - Dabei verwendeten die Restauratoren teilweise alte Materialien wieder und gingen mit neuen bedacht um. Man stattete das Haus mit Inventar aus der 2. Hälfte des 18.Jahrhunderts aus, denn von den ursprünglichen Gegenständen sind nur einzelne Stücke wieder zurückgekommen. Demnach wurde das Haus so eingerichtet, wie es zur Zeit Goethes hätte sein können.

Das Museumskonzept fußt seit je her nicht nur auf der Erhaltung eines originalgetreuen „Ist-Zustandes“ des Gartenhauses, sondern auch auf der Herstellung einer Erlebnisqualität.

Bei dem Haus handelte es sich nämlich nicht bloß um ein bauhistorisches Denkmal, als solches wäre es wahrscheinlich kaum von großem Interesse gewesen und mit der Zeit verfallen. Sondern das Gartenhaus ist, wie viele andere Gebäude in Weimar, ein „Gehäuse für Biografien“-.4 In diesem Fall einer der bedeutendsten Biografien der deutschen Geschichte. Die Einrichtung wurde sehr schlicht gehalten in der Absicht, die bescheidenen Wohnkultur des jungen Goethe sichtbar und erfahrbar zu machen.

Ende des 19.Jahrhunderts wurden Gardinen in dem Haus angebracht, wobei sich diese jedoch als reine museale Zutat erwiesen, denn die ursprünglich durchaus vorhandenen Gardinen wurden bei Goethes Einzug 1776 abgenommen. Die vielen Zeichnungen an den Wänden wurden ebenso nachträglich hinzugefügt.5 - Solche „Accessoires“ haben nicht zuletzt den Zweck eine wohnliche, geradezu heimelige Atmosphäre zu kreieren. Der Besucher könnte dem Eindruck verfallen, Goethe selbst könne sich kurz zuvor in dem Haus befunden haben. Das Gartenhaus ist jedoch nicht nur ehemaliger Wohnort Goethes, sondern auch der Entstehungsort von Wilhelm Meisters theatralischer Sendung, Iphigenie, des Gedichts An den Mond und weiterer bekannter Werke. Dieser Zusammenfluss aus Goethes Alltagsleben und seinem dichterischen Schaffen erhebt das schlichte Haus zu einer Weihestätte, denn „[d]er Geist des Ortes und der Mythos um das Dichten kommen hier zusammen, denn Schreiben gilt manchen […] als Musenereignis, das einem Genie zufließt.“ .6

Dank der überlieferten Schriften von Goethe persönlich, als auch der zahlreichen Forschungsarbeiten über ihn, gibt es kaum etwas aus seinem Leben, das nicht kommentiert, interpretiert oder analysiert wurde. Die Vorstellung von Goethes Geist speist sich nicht zuletzt daraus, dass wir wissen wie der Dichter sämtlichen Belangen des Lebens gegenüber eingestellt war. Im Hinblick auf das Gartenhaus sei als Beispiel hier der Sitzbock, auch „Esel“ genannt, in Goethes Arbeitszimmer anzuführen. Er ist nicht nur ein Zeugnis des damaligen Möbeldesigns oder Goethes Einrichtungsgeschmack, sondern er versinnbildlicht Goethes Auffassung von einer produktiven Arbeitsweise. So sagte Goethe: „Bequeme Möbel heben mein Denken auf…versetzen mich in einen passiven Zustand!“7. Dieser Bemerkung lässt sich entnehmen, dass für Goethe geistige Tätigkeit und Bewegung ,bzw. Stehen zusammengehören. So wie der Sitzbock von seiner geradezu spartanisch anmutenden Arbeitshaltung zeugt, so verweisen die zahlreichen Gipsabgüsse auf seine Verehrung der Antike und die Gesteinssammlung auf seine naturwissenschaftlichen Forschungen. Goethes Geist überträgt sich sozusagen auf die Gegenstände im Haus und sie alle zusammen zeugen wiederum von seiner vielseitigen Persönlichkeit.

Der Geist schwebt ebenfalls über dem umgebenden Park. Die Ruhe und

Abgeschiedenheit entheben diesen Ort allem Wandel und aller Schnelligkeit des Lebens außerhalb, hier spiegelt sich Goethes Naturverbundenheit wieder. Seit 1922 wird das Gartenhaus vom Goethe Nationalmuseum verwaltet und wissenschaftlich betreut und ist 1998 in das Ensembles „Klassisches Weimar“ des UNESCO-Weltkulturerbes übergegangen.

2.3 Rezeption des Gartenhauses zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Aus der Goethe-Rezeption heraus erhielt das Gartenhaus zu Beginn 1900 eine sehr prominente Stelle im Architekturdiskurs.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der herrschende Historismus mit seiner eklektizistischen und überladenen Architektur von einflussreichen Architekten wie Paul Mebes, Heinrich Tessenow und Paul Schultze-Naumburg kritisiert. Sie forderten die Rückbesinnung auf die einfachen Gestaltungsformen der Zeit um 1800. Vielen galt Goethes Gartenhaus in Weimar als das Ideal dieser Bauweise.Somit war es nicht mehr nur museale Stätte, sondern erhielt kulturpolitischen Stellenwert.8

Der schon im 19. Jahrhundert einsetzende Goethekult übertrug sich nun auch in die Baukunst. In Paul Mebes „Um 1800: Architektur und Handwerk im letzten

Jahrhundert ihrer traditionellen Entwicklung“ findet sich in der 1.Auflage von 1908 im zweiten Band eine Abbildung von Goethes Gartenhaus sowie weiteren Bauten des Weimarer Klassizismus 9. Diese Bände wurden in der Zeit von Kollegen als auch Studenten viel gelesen.

Heinrich von Tessenow bezeichnete das Gartenhaus gar als „Urausdruck des Hauses.“10.

Ebenso bedeutsam sind Schultze-Naumburgs Ausführungen in „Kulturarbeiten“, die in den Traditionen des Heimatschutzes stehen und zur Rückkehr auf eine

[...]


1 Die Angaben stammen aus Haufe 1983, S.7 f. sowie Kahler1983, S.3f.

2 vgl. Haufe 1999, S.9

3 Vgl.Pfotenhauer 2006, S.67

4 Pfotenhauer 2006, S.62 3

5 vgl. Haufe 1999,S.10

6 Pfotenhauer 2006, S. 54

7 Goethe Zitat aus Vogel 2003 , S.86

8 Vgl. Beier 2004, S.274

9 Vgl. Mebes 1908,S. 115

10 vgl. Pehnt 2009, S. 70. Zitat aus Heinrich Tessenow: Der Wohnhausbau. München 1914, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Goethes Gartenhaus. Ein Mythos zwischen Original und Kopie
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V281165
ISBN (eBook)
9783656756422
ISBN (Buch)
9783656756262
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goethes, gartenhaus, mythos, original, kopie
Arbeit zitieren
Ina Hildebrandt (Autor), 2014, Goethes Gartenhaus. Ein Mythos zwischen Original und Kopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281165

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