Das Konzept der Bauernehre in "Fuente Ovejuna". Ein revolutionäres Element?


Studienarbeit, 2012
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Frage nach dem revolutionären Element der Bauernehre

2 Fuente Ovejuna: Inhaltlicher Abriss

3 Die Herausbildung des Ehr-Konzepts im Rahmen der historische Ausgangssituation
3.1 Gesellschaftliche Faktoren im barocken Spanien
3.2 Der historisch motivierte Ehrbegriff

4 Die Bauernehre in Fuente Ovejuna

4.1 Legitimation der bäuerlichen Ehre

4.2 Der revolutionäre Aspekt

5 Fazit: Das bäuerliche Ehr-Konzept als Stütze der Monarchie

6 Bibliographie

1 Die Frage nach dem revolutionären Element der Bauernehre

Fuente Ovejuna ist eines der vielschichtigsten Dramen Lope de Vegas. Geschrieben zu Anfang des 17. Jahrhunderts, angesetzt jedoch in den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts, zur Zeit der Erbstreitigkeiten um den spanischen Thron und dem Aufstieg der reyes católicos, wartet es mit einer Idee auf, die scheinbar demo- kratischer nicht sein könnte: Bauernehre. Die Bewohner eines kleinen andalu- sischen Dorfes gestehen sich selbst ein Recht zu, das ausschließlich Adligen vorbehalten ist, und ziehen daraus die extremste Konsequenz, den Mord an ihrem Feudalherrn. Fuente Ovejuna ist zudem nicht das einzige Drama, das den honor auf niedrigere Schichten überträgt. Lope selbst stellte die Konflikte der Ehre zwischen Bauern und Adligen ebenfalls in seinem Drama Perib áñ ez y el Comendador de Oca ñ a dar, welches manche Parallele zu Fuente Ovejuna aufweist. Auch Calderón de la Barca griff die Idee der Bauernehre in El alcalde de Zalamea auf. Einfache Bauern, die sich gegen ihre noblen Herren stellen und sich ihre vermeintlichen Rechte selbst erstreiten - diese Vorstellung klingt nach einem Durchbrechen der mo- narchistisch-absolutistischen Herrschaftsstruktur, nach Gleichheit, nach einer Wand- lung der Gesellschaft zu liberaleren Strukturen. Doch waren solche Ideen im 17. Jahrhundert denkbar? Kann von Anzeichen eines Umbruchs in Lopes Drama ausgegangen werden? Ist das Konzept der bäuerlichen Ehre ein revolutionäres?

2 Fuente Ovejuna: Inhaltlicher Abriss

Fuente Ovejuna spielt in den 1470er Jahren, eingebettet in den politischen Kontext des Kastilischen Erbfolgekriegs zwischen den katholischen Königen und Juana von Portugal.

Im Zentrum des Stücks stehen das andalusische Dorf Fuente Ovejuna und seine Bewohner, die zum Großteil einfache Bauen sind. Der Ort untersteht als Lehen dem Großkomtur Fernán Gómez de Guzmán, welcher als Mitglied des Calatrava-Ordens im Erbfolgestreit auf Seiten der Portugiesen kämpft. Da der comendador Fuente Ovejuna als sein Eigentum betrachtet, sind Übergriffe auf die Frauen des Ortes durch ihn und seine Männer beinahe an der Tagesordnung. Zu Beginn bedrängt er die Bäuerinnen Laurencia und Pascuala, die seine Avancen allerdings abwehren. Später trifft Laurencia im Wald auf Frondoso, einen der Dorfbewohner, der ihr seine Liebe gesteht. Die beiden werden vom Komtur überrascht, der es auf Laurencia abgesehen hat. Frondoso verteidigt seine Angebetete jedoch, indem er den comendador mit dessen Armbrust bedroht. Am Anfang des zweiten Aktes will Fernán Gomez den Bürgermeister Esteban, Laurencias Vater, dazu zwingen, ihm seine Tochter zu überlassen. Estebans Ablehnung fasst der Komtur als Beleidigung auf. Trotzdem feiern Frondoso und Laurencia ihre Hochzeit; die Feier wird durch den comendador unterbrochen, der die Brautleute gefangen nehmen lässt. Nun finden sich die Männer des Dorfes zusammen und beratschlagen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Laurencia, die sich aus der Gefangenschaft des Komturs befreien konnte, hält eine mitreißende Rede, in der sie die Männer auffordert, Fernán Gómez zu töten. Die Dorfgemeinschaft schließt sich zusammen und übt grausame Lynchjustiz an ihrem Lehnsherrn. Der von den katholischen Königen zur Untersuchung der Ereignisse eingesetzte Richter gibt diese aber auf, da alle Dorfbewohner auf die Frage nach dem Mörder des Komturs einstimmig antworten: "Fuente Ovejuna lo hizo." Die Könige begnadigen die Dorfbewohner und beschließen, keinen neuen Lehnsherren über den Ort einzusetzen, sondern Fuente Ovejuna direkt der königlichen Jurisdiktion zu unterstellen.

3 Die Entwicklung des Ehr-Konzepts im Rahmen der historischen Ausgangssituation

Um die Idee der Ehre, welche in Fuente Ovejuna aufgegriffen und auf die Bauern angewandt wird, nachvollziehen zu können, muss man sich die historische Situation in der Entstehungszeit des Dramas vor Augen halten. Ehre kann festgelegt werden als „the demands made on the individual by the conventions of the society“ (Jones 1965: 35). Zum besseren Verständnis des abstrakten Konzepts „Ehre” können also die Anforderungen der Gesellschaft an ein Individuum dienen, im vorliegenden Fall ist dies die spanische Gesellschaft im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert. Diese wurde bestimmt durch ihre Aufteilung in Stände und das Problem der limpieza de sangre, der Blutreinheit.

3.1 Gesellschaftliche Faktoren im barocken Spanien

Die Separation in soziale Schichten, die im Mittelalter entstand und bis ins Siglo de

Oro beibehalten wurde, ist der determinierende Faktor der barocken spanischen

Gesellschaft. Neben Adel und Klerus, die die hierarchisch höchste Position einnehmen, stellt das Bürgertum die mittlere und der Bauernstand die niedrigste Klasse dar. Dem Individuum wird durch Geburt sein Platz in einer bestimmten Klasse zugewiesen und die Identität des Standes geht auf die einzelne Person über (Almasov 1963: 376; McKendrick 2002: 22). Daher ist soziale Mobilität zwischen den einzelnen Schichten normalerweise nicht möglich. Zudem herrscht das Feudalsystem vor, daraus resultiert die starke Abhängigkeit der Bauern vom Adel, denn dieser fungierte als Verwaltungs- und Gerichtsinstanz für das Lehnsgut. In Lopes Drama ist der Adlige Fernán Gómez Grundherr über das Dorf Fuente Ovejuna (vgl. V. 688f.: „en Fuente Ovejuna […], / por ser su villa“), er besitzt dort die oberste Gerichtsbarkeit und verfügt über die Güter des Ortes. Der comendador sieht aufgrund des Lehnsverhältnisses den Ort als sein Eigentum, und demzufolge auch die Bewohner, in erster Linie die weiblichen (vgl. V. 603: „¿Mías no sois?“). Neben dem Feudalsystem ist die spanische Gesellschaft des frühen 17. Jahrhunderts geprägt durch das Problem der sogenannten limpieza de sangre, der Blutreinheit. Dieser Terminus ist ein historisch motivierter: Im Zuge von Diskriminierungen konvertieren viele spanische Juden zu Christen, sog. conversos. Gegen die „Neuchristen“ wird jedoch bald der Vorwurf erhoben, ihre alte Religion weiter auszuüben und unzuverlässige Christen zu sein (del Toro 1993: 179). Als Folge dieser Unterstellungen kommt es zur sozialen Ausgrenzung der Juden und conversos, die in den estatutos de la limpieza de sangre ihren Höhepunkt findet. Diese Statuten verlangen einen Nachweis der Blutreinheit, also einer „puren“ Linie von Vorfahren, frei von jüdischen und maurischen Einflüssen, um als limpio zu gelten und somit der sozialenAusgrenzung zu entgehen (del Toro 1993: 179f.).

3.2 Der historisch motivierte Ehrbegriff

Ehre wird konstituiert durch den honor, das ist die Tugend des Einzelnen, und durch die honra, welche dem guten Ruf, dem Urteil der Gesellschaft über eine Person entspricht, auch gleichzusetzen mit opinión (McKendrick 2002: 4). In der mittelalterlichen Gesellschaft waren an den Ehrbegriff hehre ritterliche Ideale wie Loyalität, Mut und Tugend gebunden, die wiederum eng mit der höheren sozialen Position der caballeros verknüpft waren (McKendrick 2002: 16). Im 16. und 17.

Jahrhundert kehrt sich diese Wahrnehmung um: Ehre wird nun abhängig von sozialer Superiorität bzw. „Überlegenheit“ bezüglich der Rasse, da man blutreinen Adligen eine immanente Tugendhaftigkeit beimisst, sozial höhergestellte Personen werden also automatisch auch als moralisch integer wahrgenommen, während man diese Qualitäten keinem Angehörigen eines niedrigen Standes zuschreibt (McKendrick 2002: 12f.). Um Ehre für sich reklamieren zu können, muss eine Person somit von edler Abstammung sein, sowie ihre limpieza de sangre nachweisen können, demnach ein sogenannter Altchrist und kein converso sein. Die ursprünglich mit dem Ehrbegriff verquickte Forderung nach Tugendhaftigkeit bleibt nur implizit erhalten, nämlich im Anspruch der adligen Geburt (del Toro 1993: 92). Selbstverständlich können im beschriebenen Sinne ehrenhafte Personen in der patriarchalisch dominierten damaligen Gesellschaft nur männlich sein. Die weibliche Ehre, vorwiegend über die sexuelle Reinheit der Frau definiert, spielt trotzdem eine nicht unwichtige Rolle, da der Mann als dafür verantwortlich gesehen wird, dass sämtliche ihm unterstellte Frauen (Ehefrau, Töchter, Schwestern) sich sittlich verhalten. Der Mann wird zum Beschützer und, im gegebenen Fall, zum Verteidiger der weiblichen Ehre, da die Frau nicht in der Lage ist, selbst ihre Ehre wiederherzustellen und ihr Ehrverlust auf den Mann zurückfällt (del Toro 1993: 82).

4 Die Bauernehre in Fuente Ovejuna

4.1 Legitimation der bäuerlichen Ehre

Wie bereits festgestellt, sind die wichtigsten Faktoren für das Beanspruchen von Ehre eine adlige Abstammung und die limpieza de sangre. Die Einwohner von Fuente Ovejuna sind jedoch überwiegend Bauern; trotzdem beanspruchen sie Ehre für sich, und dies in ganz selbstverständlicher Weise. So beschwert sich ein Ratsherr beim Komtur, „que no es justo / que nos quitéis el honor“ (V. 985f.), woraufhin der comendador ungläubig entgegnet: „¿Vosostros honor tenéis?“ (V. 987). Auch Frondoso handelt wie ein Ehrenmann, als er sich mit der Waffe in der Hand dem Komtur gegenüberstellt, um Laurencia zu verteidigen (vgl. V. 825ff.). Aber warum können die Bauern Ehre für sich reklamieren? Worin liegt ihr - in den Augen der Adligen illegitimer - Anspruch begründet?

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Konzept der Bauernehre in "Fuente Ovejuna". Ein revolutionäres Element?
Hochschule
Universität Erfurt  (Institut für romanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Theater des spanischen Barock
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V281330
ISBN (eBook)
9783656746683
ISBN (Buch)
9783656746652
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lope de Vega, Fuente Ovejuna, Bauernehre, Spanisches Theater, Barock, comedia, Drama, Ehrbegriff
Arbeit zitieren
Helene Hofmann (Autor), 2012, Das Konzept der Bauernehre in "Fuente Ovejuna". Ein revolutionäres Element?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281330

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