Pagane Aspekte in „Sir Gawain and the Green Knight“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Der Grüne Ritter
2.1 Der Grüne Ritter als „Wilder Mann“
2.2 Der Grüne Ritter als „Green Man“
2.3 Der Grüne Ritter und die „Wilde Jagd“
2.4 Drei Mythen und ihr Destillat

3. Der Mythos der „Großen Göttin“

4. Zusammenfassung

5. Bibliographie

1. Vorwort

Sir Gawain and the Green Knight[1] stellt neben Beowulf und Chaucers Canterbury Tales ohne Zweifel eines der bedeutendsten Werke frühenglischer Literatur dar. Doch worauf gründet sich diese Prominenz, was macht das Besondere dieser Artus-Romanze aus?

Die namengebende Figur des Grünen Ritters ist sicherlich zentral für die Bedeutung des Werkes. Er erinnert zunächst stark an die klassischen Darstellungen des „Wilden Mannes“, des Unholdes aus dem Wald, des Eindringlings in die höfische Gesellschaft. Wie in vergleichbaren Werken üblich, scheint er schlicht das Gegenteil des Hofes darzustellen, lediglich einer Definition „Ex Negativo“[2] zu dienen. Ein Gegner, dessen der Ritter bedarf, um sich selbst und seine Werte, seine Tugenden zu definieren, zu bestätigen und zu behaupten. Der Widersacher will bezwungen werden, und damit die Überlegenheit der höfischen Kultur gegenüber dem Fremden, dem Anderen aufs Neue bestätigt werden. So scheint es zumindest bei oberflächlicher Betrachtung.

Aber solch schwarz-weiß-malerischer, simpler Dualismus ist bei der Analyse von SGGK gänzlich unangebracht. Zu zahlreich sind die Widersprüche, die sich im Laufe der Geschichte auftun. Allein die ambige Beschreibung des Grünen Ritters wirft einige Fragen auf, die Rolle Morgan le Fays als Drahtzieherin des Ganzen ist nicht weniger rätselhaft. Dass sich die scheinbar lebensgefährliche Mut- bzw. Ehrenprobe letztendlich als Scherz auf Gawains Kosten entpuppt, kulminiert schließlich die Liste der Absonderlichkeiten dieser Romanze.

Es ist natürlich kein Geheimnis, dass das Werk der keltischen Tradition der Britischen Inseln bzw. Frankreichs verpflichtet ist, und verschiedene Motive aus dieser aufgreift[3]. Von einem literarischen Werk des 14. Jahrhunderts erwartet man jedoch eine weitaus distinktivere Adaption des Stoffes im christlichen Verständnis. Denn ein zeitgenössisches Verständnis des Mythos vom „Wilden Mann“ bedingt gleichzeitig zwingend eine Art von Dualismus, der sich in dieser Form in SGGK nicht ausmachen lässt. Ein Dualismus von, wenn nicht Gut und Böse, so doch zumindest von Höfischem und Wildem. Der Grüne Ritter ist zweifelsohne ein äußerst ambiger Charakter, dessen Konzeption sich nicht nahtlos in eine Analyse einfügen möchte, die das Werk von einem rein christlichen Standpunkt aus betrachtet. Welchen Standpunkt kann eine mythologische Analyse dann einnehmen? Und welche Schlussfolgerungen lassen sich aus ihren Ergebnissen ziehen?

Mit diesen Fragen soll sich die folgende Arbeit beschäftigen. Ziel soll dabei vor allem sein, den Ursprüngen des Mythos-Konglomerats, welches der Grüne Ritter offensichtlich darstellt, sowie anderen Spuren paganer Herkunft nachzugehen, die sich in SGGK ausmachen lassen. Der Nachweis dieser paganen Aspekte sowie der Umgang des Autors mit den selben könnte nicht nur Aufschluss geben über Prozesse der Überlieferung vorchristlicher Traditionen, sondern auch über eine eventuelle Haltung zur heidnischen Tradition, die sich deutlich davon unterscheidet, was allgemein über das Mittelalter angenommen wird.

Zunächst soll der Person des Grünen Ritters bzw. den verschiedenen Mythen, aus denen er offensichtlich zusammengesetzt ist, Aufmerksamkeit geschenkt werden.

2. Der Grüne Ritter

Der Grüne Ritter vereint in sich scheinbar unvereinbare Aspekte, wirkt wie eine Synthese aus Höfischem und Wildem. Welche Mythen der Konzeption dieses Protagonisten zugrunde liegen, soll im folgenden Abschnitt dieser Arbeit untersucht werden, beginnend mit der offensichtlichsten Quelle, dem „Wilden Mann“.

2.1 Der Grüne Ritter als „Wilder Mann“

Neben Riesen, wilden Tieren und Lindwürmern repräsentiert der „Wilde Mann“ einen der Archetypen von Feinden des Ritters im mittelalterlichen Roman.

Der Ursprung des Mythos vom „Wilden Mann“ geht zurück auf das antike Griechenland mit seinen Halb- und Mischwesen, den Zentauren, Satyrn und Waldgeistern.[4] Als Bindeglied zwischen Tieren und Menschen befinden sie sich in diesem Zwischenreich, das die Gesellschaft des Menschen vom Andersartigen trennt. Es ist ihre Natur, ihr Wesen, ihre Bindung an das Animalische, das sie hindert am normalen Leben einer Gemeinschaft teilzunehmen.[5] Ihr besonderes Charakteristikum, neben ihrer behaarten, tierischen Erscheinungsform ist die Unfähigkeit zur Sprache. Damit grenzen sie sich definitiv vom zivilisierten Menschen ab, verfallen endgültig in die Rolle des „Anderen“[6].

Die Entstehung des Mythos geht zurück auf die Urangst des Menschen, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Durch den Mythos des „Wilden Mannes“ war es möglich, dieser Angst Ausdruck zu verleihen, indem man quasi eine Negativ-Schablone der eigenen Identität schuf, sich also dadurch definierte, was man nicht ist. Diese Negativ-Schablone wurde schließlich zum Umriss des „Wilden Mannes“.[7]

„Die große Anzahl von Abbildungen und Darstellungen in der Kunst, sowohl in der Antike als auch später, bezeugen die faszinierende Vielfalt und das Anziehende dieses Mythos. Und doch behielt der Mythos seine finstere Seite als unerwünschtes und negatives Verhaltensbild, das zu fürchten und zu meiden war. Aber die Aura der Furcht, die den Mythos umgab, in sich selbst eine Quelle der Faszination, beherrschte seine Darstellung in der Volkskunst und im Volksglauben während der Zeitepoche, die man das Mittelalter nannte.“[8]

So wurde die negative Konnotation des „Wilden Mann“-Mythos im Mittelalter weiter ausgebaut. Der „Wilde Mann“ wurde zum Symbol für das Archaische und Tierische, für sexuelle und anderweitige Maßlosigkeit. So weit aber, dem „Wilden Mann“ Zauberkräfte zuzusprechen, ging die mittelalterliche Literatur nicht. Im Gegensatz zur „Wilden Frau“ wurde dem „Wilden Mann“ keine Verbindung zu übernatürlichen oder dämonischen Kräften zugeschrieben.[9]

Der „Wilde Mann“ wird immer als überdurchschnittlich groß, manchmal sogar als Riese dargestellt, ausgestattet mit bemerkenswerten körperlichen Kräften. Er ist stark behaart, bärtig und bewaffnet mit einer Keule oder einer riesigen Axt.[10]

All diese Charakteristika lassen sich auch in der Beschreibung des Grünen Ritters ausmachen. Auffallend ist jedoch, dass jedes dieser Merkmale sogleich relativiert wird. Er wird als aghlich mayster [11], als „schrecklicher Ritter“ eingeführt, ist also zwar schrecklich anzusehen, wird jedoch gleichzeitig als Ritter betitelt, nicht lediglich als schreckliche Gestalt. Er ist half etayn (v.140, Halbriese), in den darauf folgenden Zeilen aber wird ihm bescheinigt, dass er „[...] der anmutigste in seiner Größe [sei]“ (v.142) und „[...] all seine Züge paßten äußerst gut zu seinem Körperbau.“ (v.144-146).

Diese Ambiguitäten passen nun eigentlich nicht in das klassische Bild des „Wilden Mannes“, der ja nicht mehr als ein Bindeglied zwischen Mensch und Tier darstellt. Zwar hat der „Wilden Mann“ oft eine besondere Macht über Tiere inne, wie zum Beispiel der „Wilde Mann“ aus Hartmanns von Aue Iwein. Aber ein Pferd zu reiten, übersteigt diese Fähigkeit, passt also wieder eher zum Erscheinungsbild des Ritters.

Der Grüne Ritter trägt klar erkennbar Charakterzüge des klassischen „Wilden Mannes“, wie die mächtige Gestalt, die Bewaffnung und das wallende Bart- und Haupthaar. Diese Züge werden aber konsequent relativiert. Haar und Bart sind -wenn auch auf eine auffallende Länge- gestutzt, die mächtige Gestalt wirkt nicht ungeschlacht sondern anmutig.

Wie sind also diese Widersprüchlichkeiten zu deuten? Es erscheint offensichtlich, dass der „Wilde Mann“ nicht die einzige mythologische Quelle ist, aus der der Gawain-Poet schöpft, um seinen Grünen Ritter zu schaffen.

2.2 Der Grüne Ritter als „Green Man“

Für die eher bedrohliche Seite des Grünen Ritters ist, wie ich im vorangegangenen Teil meiner Untersuchung zu zeigen versucht habe, der Mythos vom „Wilden Mann“ verantwortlich.

Für die andere, beinahe fröhliche und attraktive Seite des Grünen Ritters zeigt sich ein Mythos verantwortlich, der tatsächlich genuin heidnisch ist. Der Schlüssel zu ihr ist das auffälligste Merkmal des Grünen Ritters, seine Farbe. Die Rede ist vom „Green Man“ oder auch Maienkönig.

Die Ursprünge dieses Mythos sind schwerer nachzuzeichnen als die des „Wilden Mannes“, da es sich hauptsächlich um einen Volksmythos handelt, der zumeist lediglich durch mündliche Überlieferung überlebt hat:

„The ultimate original of such characters [...] may well have been the 'green man' or 'May King' of folk ritual, for the folk play does seem to be a descendant of some ancient fertility ceremony. Furthermore, the ritual green man appears in folklore throughout the world, from Aztec 'Corn King' to the analogous figures of ancient and modern Europe. He is usually regarded as a vegetation spirit representing fertility, and the rite in which he takes part usually involves his sacrificial death, often by beheading.“[12]

Der „Green Man“ an sich steht für Fruchtbarkeit und Vitalität, für das Leben. Haupthaar und Bart bestehen traditionell aus Blättern, sein Körper ist grün von Kopf bis Fuß. Die Ähnlichkeit mit Bertilak / dem Grünen Ritter ist unübersehbar. Auch die rituelle Enthauptung des „Green Man“ lässt sich in SGGK wiedererkennen. Diese Enthauptung erhält, betrachtet man sie im Zusammenhang mit bestimmten anderen Aspekte der Geschichte, eine besondere Bedeutung für eine Analyse vom pagan-mythologischen Standpunkt aus, ein Punkt den ich später genauer beleuchten werde.

Möglich ist auch, wie Roger Bartra anführt, eine direkte Verwandtschaft, sowohl des „Wilden Mannes“ als auch des „Green Man“ zum keltischen Gott Cernunnos. Als Gott der Tiere und Wälder wird er oft mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf dargestellt.[13] Dass eine kultische Verehrung des Hirschgottes, über die Jahrhunderte hinweg bis zur Unkenntlichkeit abgewandelt, ihre Spuren im Volksglauben hinterlassen hat, ist durchaus denkbar.

Wahrscheinlich ist jedoch, dass der Gawain-Autor keinerlei Kenntnisse über die Ursprünge des Mythos hatte. Eine Möglichkeit wäre, dass er Zeuge eines ländlichen Rituals wurde, welches seine ursprüngliche Bedeutung jedoch schon längst verloren hatte.[14] Andererseits war die Bekanntheit des „Green Man“ als Stereotyp, vergleichbar mit dem „Wilden Mann“, im englischen Sprachraum des 14. Jahrhunderts vermutlich bereits so gesichert, dass er davon ausgehen konnte, die richtigen Assoziationen bei seinem Publikum hervorzurufen.[15] Die besondere Leistung des Gawain-Poets ist es, die beiden Mythen-Komplexe, die sich bisweilen durchaus überschneiden können, in einer Gestalt zu vereinen. Um den Effekt zu verstärken, nutzt er dabei ihre extremsten Charakteristika, und vereint sie in einem Edelmann. Die Widersprüche, die das Ergebnis birgt, erstaunen nicht nur Arturs Hof, sondern höchstwahrscheinlich auch das zeitgenössische Publikum.

Ob sich der Autor dessen nun bewusst war oder nicht, in der Gestalt des Grünen Ritters lassen sich distinktive heidnische Züge ausmachen. Dieser Umstand führt unter anderem zu dem Schluss, dass solche Strömungen im 14. Jahrhundert nicht nur noch vorhanden waren, sondern auch gebilligt wurden. Zumal sich noch der Einfluss eines dritten Mythos in SGGK ausmachen lässt, der seine volle Signifikanz erst im weiteren Verlauf des Werks offenbart.

[...]


[1] Im Folgenden: SGGK

[2] Vgl. Ernst Ralf Hintz, „Der Wilde Mann – ein Mythos vom Andersartigen“ in Ulrich Müller, Werner Wunderlich (Hg.), Dämonen, Monster, Fabelwesen, St. Gallen 1999: 617-626, hier: 620.

[3] Vgl. Larry D. Benson, Art and Tradition in Sir Gawain and the Green Knight, New Brunswick 1965: The Sources, 3-55.

[4] Vgl. Ernst Ralf Hintz, „Der Wilde Mann – ein Mythos vom Andersartigen“ in Ulrich Müller, Werner Wunderlich (Hg.), Dämonen, Monster, Fabelwesen, St. Gallen 1999: 617-626, hier: 618-619.

[5] Vgl. Hintz, hier: 618.

[6] Vgl. Hintz, hier: 619.

[7] Vgl. Hintz, hier: 619-620.

[8] Hintz, hier 620-621.

[9] Vgl. Hintz, hier: 623.

[10] Vgl. Benson: The Literary Wild Man: 74.

[11] Manfred Markus (Hg.), Sir Gawain and the Green Knight: Englisch und Deutsch, Stuttgart 1974: v.136.

[12] Benson: The Literary Green Man: 67.

[13] Vgl. Roger Bartra, Wild Men in the Looking Glass: The Mythic Origins of European Otherness, University of Michigan 1994: 72.

[14] Vgl. Benson: The Literary Green Man: 68.

[15] Vgl. Benson: The Literary Green Man: 72.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Pagane Aspekte in „Sir Gawain and the Green Knight“
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Wildheitsdiskurse in der Literatur des Mittelalters
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V281412
ISBN (eBook)
9783656749165
ISBN (Buch)
9783656749172
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gawain, heidnisch, pagan, green, knight
Arbeit zitieren
Sebastian Langner (Autor), 2009, Pagane Aspekte in „Sir Gawain and the Green Knight“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281412

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