Identität und Identitätsverlust in Grillparzers "Sappho"


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Identität und Identitätsverlust in Grillparzers „Sappho“ (1818) - Hausarbeit von Sabrina Blume, verfasst im Rahmen des Seminares „Franz Grillparzer“

1. Einleitung

Sappho: „Bin ich dieselbe Sappho denn nicht mehr“ (V. 935)

Phaon: „Weh ich vergesse hier mich selber noch“ (V. 496)

Der dramatische Konflikt sowie der gesamte dramatische Verlauf von Franz Grillparzers Drama „Sappho“ (1818) sind geprägt von den Identitätskrisen der drei Hauptfiguren Sappho, Phaon und Melitta. Die Diskontinuitäten reichen von Widersprüchen hinsichtlich der inneren ‚Stimmigkeit‘ über intendierte, abrupte Identitätswechsel bis hin zu völlig unerwarteten, das Selbst erschütternden Identitätsverlusten. Es erscheint reizvoll, diese Prozesse von Selbstverlust und Selbstfindung vor dem Hintergrund der Figurenkonstellation einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Die Ausarbeitung gliedert sich dabei in vier Kapitel: Unmittelbar an diese Einleitung (Kap. 1) schließt sich ein Abschnitt an, in dem die Grundstimmungen und Handlungsmotivationen der drei Hauptfiguren herausgearbeitet und umfassend analysiert werden (Kap. 2). Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die inneren Konflikte der einzelnen Figuren gelegt, die teils Auslöser von Identitätswechseln, teils Folgen von Identitätsverlusten sind. In Kapitel 3 werden alsdann Wendepunkte in Wahrnehmung und Verhalten von Sappho, Phaon und Melitta näher betrachtet, die - zum Teil bedingt durch sogenannte Schlüsselerlebnisse - den Anstoß zu Erkenntnis- und Selbstfindungsprozessen liefern. Abschließend werden in Kapitel 5 (Resümee) die prägnantesten Punkte der Interpretation zusammenfassend dargestellt und hinsichtlich ihrer Bedeutung für den dramatischen Verlauf bewertet.

Die methodische Vorgehensweise orientiert sich dabei am Verfahren der modernen literaturwissenschaftlichen Hermeneutik, die, basierend auf der Idee des hermeneutischen Zirkels, „Textteile durch Bezug auf das Textganze und auf die anderen Teile des Textes verständlich“1 machen will. Die Verfahrensweise der Hermeutik eignet sich von daher gut zur Bearbeitung der o.g. Themenstellung, da sie auf Basis ständiger textbezogener „Hypothesenbildung und Hypothesenkorrektur“2 komplexe Verstehensprozesse ermöglicht und zugleich die unmittelbare Nachvollziehbarkeit der Auslegungen zulässt. Ergänzend sollen auch Fragestellungen der feministischen Literaturwissenschaft Beachtung finden, da mit Sappho und mit Melitta zwei weibliche Figuren im Fokus der Interpretation stehen.

Identität und Identitätsverlust in Grillparzers „Sappho“ (1818) - Hausarbeit von Sabrina Blume, verfasst im Rahmen des Seminares „Franz Grillparzer“

2. Die drei Hauptfiguren Sappho, Phaon und Melitta

Grundstimmungen, Handlungsmotivationen und innere Konflikte

Sappho wird dem Leser bzw. dem Zuschauer zunächst als höchst erfolgreiche und allseits verehrte Dichterin vorgestellt. Das Stück beginnt mit Sapphos Rückkehr von einem olympischen Dichterwettstreit, aus dem sie als Siegerin hervorgegangen ist. Ihre Ankunft in der Heimat ist imposant gestaltet und gleicht laut Bühnenanweisungen einem Triumphzug:

„Sappho, köstlich gekleidet, auf einem mit weißen Pferden bespannten Wagen, eine goldne Leier in der Hand, auf dem Haupte den Siegeskranz.“ (Bühnenanweisung vor V. 43)

Sappho richtet sogleich das Wort an ihre Getreuen und das Volk, das sich in Scharen um den Wagen drängt und sie laut jubelnd begrüßt. Unmittelbar nach einer kurzen Danksagung (V. 44), in der trotz aller Knappheit ein Gefühl der innigen Verbundenheit transportiert wird, distanziert sich Sappho von ihrem literarischen Erfolg. Sie gibt zu erkennen, dass der Siegeskranz, der ihr Haupt nun ziert, ihr mehr Last als Freude bereitet: Sie nennt ihn „frevle Zier“ (V. 58) und sogar „Verbrechen“ (V. 57). Sappho befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als Dichterin. Gleichzeitig durchlebt sie jedoch bereits einen Wandlungsprozess, eine Phase des inneren Umbruchs: Insbesondere durch ihren Sieg und den damit verbundenen Ruhm erfährt Sappho eine Art Entmenschlichung, eine Erhebung ihrer Person zu einem höheren Wesen, welchem die Teilnahme am bürgerlichen Leben erschwert, ja gar verwehrt wird. Speziell in den Versen 45-47 ist zu vernehmen, dass Sappho all die Ehre nur dann genießen kann, wenn sie sich als Frau, als Bürgerin untern Bürgern bewegt:

„Um euretwillen freut mich dieser Kranz

Der nur den Bürger ziert, den Dichter drückt,

In eurer Mitte nenn ich ihn erst mein.“ (V. 45-47)

Mit der Erhebung in den Stand einer Halbgöttin, wie es nun nach ihrem Künstlersieg geschieht, kann sich Sappho nicht (länger?) identifizieren. Der Lorbeerkranz als Symbol ihrer Erhabenheit steht im Widerspruch zu ihrem Wunsch nach der Hinwendung zu einem bescheidenen, häuslichen Leben und der völligen Abkehr von der Dichtkunst. Sie wird wenige Verse weiter ausdrücklich bekennen, dass sie aus plötzlich erwachter Leidenschaft für den jungen Phaon mit sofortiger Wirkung ihre Kunst und ihre bisherige Lebensweise aufgeben möchte:

„Ich liebe ihn, auf ihn fiel meine Wahl. Er war bestimmt, in seiner Gabe Fülle,

Identität und Identitätsverlust in Grillparzers „Sappho“ (1818) - Hausarbeit von Sabrina Blume, verfasst im Rahmen des Seminares „Franz Grillparzer“

Mich von der Dichtkunst wolkennahen Gipfeln Mit sanft bezwingender Gewalt herabzuziehn. An seiner Seite werd ich unter euch

Ein einfach stilles Hirtenleben führen“ (V. 88-94)

Sappho fügt in den Versen 89-91 ihrem selbstbestimmten Entschluss zu einer alles verändernden Liebesbeziehung mit Phaon eine unbeeinflussbare, außerweltlich anmutende Komponente hinzu. Ihre Äußerung „Er war bestimmt“ (V. 89) zeugt von einer hohen Schicksalserwartung und betont zugleich die Unabwendbarkeit der Geschehnisse: Es ist Phaons Los, so glaubt Sappho, sie von ihrer erhabenen Position einer angebeteten Dichterin, ihrer göttergleichen Lebenssphäre („wolkennahen Gipfel“, V. 90) in ein neues ‚menschliches‘ Leben zu lotsen, so wie es ihres ist, ihm zu folgen. Sapphos Ausspruch, von nun an ein „einfach stilles Hirtenleben“ (V. 94) führen zu wollen, beinhaltet zudem eine Romantisierung und Idealisierung des simplen Lebens. Beflügelt von ihren Gefühlen, begibt sie sich - zu diesem Zeitpunkt völlig frei von Zweifeln und im Grunde gänzlich naiv - in eine neue Lebensweise, in eine neue Identität sowie in eine neue Rolle: Sapphos Wandel soll laut ihrer Aussage weit hinein ins soziale Gefüge reichen. Sie formuliert einen dringlichen Wunsch nach der Aufhebung der bisherigen Statushierarchie und dürstet nach Gleichheit sowie ehrlichen, intensiven Gefühlen, die man ihr als Mensch und Frau - nicht als Idol und Gebieterin - entgegen bringen soll:

„Die ihr bisher bewundert und verehrt,

Ihr sollt sie lieben lernen, lieben Freunde.“ (V. 98-99)

Denn Sappho erlebt einen Verlust an Lebensqualitäten, der mit ihrem dichterischen Beruf und mit ihrem Erfolg einhergeht, insbesondere verspürt sie einen Mangel an gefühlvollen zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie beklagt die unwiderruflichen Konsequenzen, die der Ruhm mit sich brachte und vergleicht ihr Schicksal mit dem der Proserpina, der Göttin der Unterwelt:

„Ein Biß nur in des Ruhmes goldne Frucht, Proserpinens Granatenkernen gleich, Reiht dich auf ewig zu den stillen Schatten

Und den Lebendigen gehörst du nimmer an.“ (V. 954-957)

Proserpina wurde der Sage nach von Pluto in die Unterwelt entführt und wäre nur unter einer Bedingung wieder freigekommen: Wenn sie dort noch keinerlei Nahrung zu sich genommen hätte. Da sie aber bereits einen Granatapfel gegessen hatte, musste sie in der Unterwelt Identität und Identitätsverlust in Grillparzers „Sappho“ (1818) - Hausarbeit von Sabrina Blume, verfasst im Rahmen des Seminares „Franz Grillparzer“ verbleiben3. Sappho empfindet sich als Gefangene, wie es auch Proserpina ist. Beide Frauen sind insofern Schicksalsgenossinnen, als dass ihr Lebensweg durch ein determinierendes Ereignis festgelegt ist. Proserpinas Granatapfel gleicht Sapphos Ruhm als Dichterin, der ihr nun den „Vollgenuß des Lebens“ (V. 260) auf ewig versagt. Bei Phaon, so glaubt Sappho zunächst, werde sie nicht nur die schmerzlich vermissten Lieblichkeiten des Lebens (Freundschaft und Liebe, V. 960) zurückerlangen: Sie erhofft sich zugleich die Konstruktion einer Identität, die sich von der der Künstlerin unterscheidet. Sappho ersehnt sich eine Art neue Menschwerdung in den Armen des geliebten Partners:

„Und ich! - O ihr des Himmels Götter alle!

O gebt mir wieder die entschwundene Zeit.“ (V. 379-380)

Schwierigkeiten und Probleme, die ein plötzlicher Lebens- und Identitätswandel für sie (und auch für Phaon!) mit sich bringen könnte, erwartet Sappho nicht. Während sie selbst ihren Schritt in eine Liebesbeziehung mit Phaon als einen Akt bewusster Entscheidung und Handlung wahrnimmt4, ist der junge Mann, der bereits seit vielen Jahren eine tiefe Faszination für die Sängerin verspürt und sich von ihrer Dichtkunst betört zeigt, von dem unerwarteten Ereignis gänzlich überrumpelt:

„Weiß ich doch kaum was ich beginne, was ich sage. Aus meines Lebens stiller Niedrigkeit

Hervorgezogen - an den Strahl des Lichts,

Auf einen luft´gen Gipfel hingestellt

Nach dem der Besten Wünsche fruchtlos zielen, Erliege ich der unverhofften Wonne,

Kann mich selbst in all dem Glück nicht finden.“ (V. 132-138)

Die Begegnung mit Sappho hat Phaon derart tief bewegt, so dass er sich nun in einem Zustand völliger Orientierungslosigkeit wiederfindet. Seine Aussage „Weiß ich doch kaum was ich beginne, was ich sage.“ (V. 132) zeugt von einem massiven Gefühl der Sprachlosigkeit aufgrund einer unzureichenden Verarbeitung der vorangegangen Geschehnisse. Phaon erlebt sich als „auf des Glückes Wogen taumelnd“ (V. 143). Er steht nicht länger fest im Leben, sondern wird im Strudel seiner Gefühle für ein frenetisch verehrtes Idol unkontrolliert vorangetrieben - in welche Richtung, liegt nicht in seiner Hand. Nicht nur Begriff des Taumels zeugt dabei von einem tiefgreifenden Kontrollverlust: Phaon fühlt sich von Sappho „Hervorgezogen - an den Strahl des Lichts“ (V. 134), sie habe ihn „Auf einen luft´gen Gipfel

Identität und Identitätsverlust in Grillparzers „Sappho“ (1818) - Hausarbeit von Sabrina Blume, verfasst im Rahmen des Seminares „Franz Grillparzer“ hingestellt“ (V. 135). Gefangen im Sog des euphorischen Erlebnisses, ist Phaon nicht länger Herr seiner Selbst, seine (bisherige) Identität wird stark erschüttert. Phaon erlebt einen massiven Ich-Verlust aufgrund eines positiven kritischen Lebensereignisses5, dessen Vorkommnis für ihn unfassbar ist. So fragt er sich:

„warst du´s denn wirklich selber,

Der in Olympia stand an ihrer Seite,

An ihrer Seite in des Siegs Triumph?

War es dein Name, den des Volkes Jubel

Vermischt mit ihrem in die Lüfte rief?“ (V. 478-482)

Die neue Lebensrealität wird somit für Phaon zu einer traumgleichen Unwirklichkeit, die sich in keiner Weise mit seinem bisherigen Selbsterleben vereinbaren lässt. Er sorgt sich um die Integrität seiner Person: „Weh ich vergesse hier mich selber noch“ (V. 496), ruft Phaon aus, Selbstentfremdung befürchtend. Er muss sich letzten Endes in Form einer Selbstinstruktion Mut zusprechen, um zumindest ein Gefühl von Handlungskontrolle zurückzuerlangen und in der Irrealität der Situation zu bestehen:

„Ich steh für sie, sei´s gegen eine Welt!“ (V. 507)

Neben der unerwarteten Begegnung mit Sappho sowie dem plötzlichen Wechsel von einer Lebenswelt in eine gänzlich andere, verstärkt noch ein dritter Aspekt den zuvor beschriebenen Ich- und Kontrollverlust Phaons: Bereits in der Empfangsszene (1. Aufzug, 2. Auftritt) verweisen grundlegende äußerliche Verschiedenheiten der beiden Hauptfiguren auf einen aufkommenden Rollenkonflikt. Während Sappho, auf der Höhe ihres Erfolges als Künstlerin, fürstliche Kleidung trägt, steht Phaon in aller Einfachheit und Unbekanntheit an ihrer Seite6. Denn entgegen den gängigen Konventionen ist es in dieser Beziehung die Frau, die ihren Mann an Einfluss („Gebieterin!“, V. 301), finanziellen Mitteln sowie beruflichem Erfolg überbietet. Obwohl Sappho darum bemüht ist, Phaons Status ihrem eigenen gleichzusetzen7, muss sich dieser ersteinmal völlig selbstlos in das bestehende Gefüge eingliedern. Seine Rolle ist zunächst lediglich die des Gatten einer berühmten, erfolgsgekrönten Frau. Phaon fühlt sich in dieser Position erkennbar unwohl, sein Selbstbewusstsein leidet erheblich.

[...]


1 Nünning, 2010, 32

2 ebd., 35

3 vgl. Brockhaus Conversations Lexikon Bd. 3, lexikalischer Artikel zu Proserpina. Im Internet unter: http://www.zeno.org/Brockhaus-1809/A/Proserpina, zuletzt aufgerufen am 10.08.2013.

4 Sappho: „Ich liebe ihn, auf ihn fiel meine Wahl.“ (V. 88)

5 Als kritische Lebensereignisse bezeichnet man in der Psychologie einschneidende Erlebnisse oder auch Wendepunkte, die im Lebensverlauf den Status einer Zäsur einnehmen. Es gibt Ereignisse, die gemeinhin als positiv eingestuft werden können, so z.B. Phaons Begegnung mit seinem Idol Sappho, sowie Ereignisse, die als negativ bewertet werden, z.B. der Tod eines nahen Angehörigen.

6 vgl. Bühnenanweisung vor V. 43

7 Sappho: „Ihr seht hier euern Herrn. Was er begehrt Ist euch Befehl nicht minder als mein eigner.“ (V.304-305) 5

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Identität und Identitätsverlust in Grillparzers "Sappho"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V281438
ISBN (eBook)
9783656757139
ISBN (Buch)
9783656757146
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identität, identitätsverlust, grillparzers, sappho
Arbeit zitieren
Sabrina Blume (Autor), 2013, Identität und Identitätsverlust in Grillparzers "Sappho", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281438

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