Betreuung und Versorgung bei Demenz


Hausarbeit, 2012
14 Seiten, Note: ohne

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Demographische Entwicklung

3. Klinisches Bild

4. Therapeutische Möglichkeiten
4.1. Pharmakotherapie
4.2. Nicht-pharmakologische Therapie
4.2.1. Selbsthilfegruppen
4.2.2. Psychotherapie
4.2.3. Milieutherapie
4.2.4. Verhaltenstherapie

5. Versorgung und Betreuung von Patienten mit Demenz
5.1. Versorgung im häuslichem Umfeld
5.2. Versorgung im teilstationären Umfeld
5.3. Versorgung im stationären Umfeld
5.4. Versorgung in Wohngruppen

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

„Weg vom Geist“ lautet die wörtliche Übersetzung der Demenz und beschreibt einen Oberbegriff unterschiedlicher Erkrankungen des Gehirns. Leider ist in der Gesellschaft die Demenz häufig ein Tabuthema, wird verdrängt oder nicht wahrgenommen. Viele der Betroffenen ziehen sich aus Scham zurück, um ihren Angehörigen nicht zu Last zu fallen oder aber Angehörige verschleiern den Umfang der Erkrankung, da die Demenz oft als unangenehm angesehen wird. In der heutigen schnelllebigen Zeit gehen bei der Betreuung von Demenzkranken so wichtige Aspekte wie Geduld, Aufmerksamkeit, Phantasie und Einfühlungsvermögen verloren. Die Betreuung von Demenzkranken stellt durchaus eine 24-Stunden-Aufgabe dar, was professionelle Hilfe unabdingbar macht. Ziel der vorliegenden Hausarbeit soll es sein, einen Einblick in die demenzspezifischen Versorgungsformen und Betreuungskonzepte zu geben und vorab Hinweise über die Klinik und die demographische Entwicklung von Demenzerkrankungen aufzuzeigen.

2. Demographische Entwicklung

Die demographischen Veränderungen der Bevölkerung und das damit verbundene lineare Wachstum der Altenbevölkerung haben die Demenzerkrankungen bei älteren Menschen zu einem nicht mehr wegzudenkenden Problem gemacht. Dies resultiert im Wesentlichen aus einem Anstieg der Lebenserwartung bei gleichzeitigem Rückgang der Geburtenrate.

„Die Prävalenz der Demenz verdoppelt sich ab dem 65. Lebensjahr alle 5,1 Jahre.“[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Demenzprävalenz in Prozent nach Alter, Geschlecht und Region[2]

Dieser Prozess betrifft besonders die Demenzen, da sie in erster Linie Erkrankungen des höheren Lebensalters sind. Mit der Verschiebung der Alterspyramide und dem zunehmenden Zerfall der Familienstrukturen stellt sich aber auch dem Gesundheitssystem schon heute die Frage der zukünftigen Finanzierung. Laut dem statistischen Bundesamt stiegen die Kosten von 7,14 Millionen Euro (2002) auf 9,4 Millionen Euro (2008). Dies macht einen Anstieg, an den Gesamtkosten des Gesundheitssystems der BRD, von 3,3% (2002) auf 3,7% (2008) aus.[3]

3. Klinisches Bild

Demenz ist eine erworbene Störung des Gedächtnisses sowie weiterer Funktionen, z.B. der Sprache. Es dürfen bei der Diagnosestellung keine Bewusstseinsstörungen auftreten[4]. Der klinische Befund lässt sich meistens durch Fremdanamnese gut erheben und wird dann durch diagnostische Befunde in die sekundäre Form oder die primär degenerative Form der Demenz eingeteilt. Bei der sekundären Demenzform stellen meist andere Grunderkrankungen und dessen Organveränderungen die Ursache für Gedächtnis- und Orientierungsstörungen dar. Ursachen können mitunter Tumore, Traumen, Hypothyreose und Intoxikationen sein. Eine Heilung ist, soweit nicht schon irreversible Schäden aufgetreten sind, möglich.[5]

Primäre Demenzerkrankungen sind nicht heilbar[6] und werden meist in folgende Bereiche eingeteilt: Alzheimer-Demenz (~70%), vaskuläre Demenzen (~20%) und alle anderen Mischformen (~10%) wie die Demenzen vom Lewy-Körpertyp, Parkinson-Demenzen und die seltene Form der frontotemporalen Degeneration[7].

Der Verlauf ist klinisch gesehen, bei allen Formen der Demenz, schleichend und beinhaltet: Wortfindungsstörungen, Probleme in der sprachlichen Flüssigkeit, sozialer Rückzug, Agitation, Antriebsarmut, schnelle Überforderung, Ängste, Depressionen, Aggressionen, Inkontinenz, Stürze, Halluzinationen, Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit und eine Wandlung der Persönlichkeit[8].

Nach ICD-10 müssen folgende Punkte erfüllt sein: 1. Abnahme der Gedächtnisleistung und anderer kognitiver Fähigkeiten, 2. Kein Hinweis auf einen vorübergehenden Verwirrtheitszustand (als alleinige Ursache), 3. Störung der Affektkontrolle und 4. Dauer der unter Punkt 1 genannten Störungen müssen mindestens 6 Monate andauern[9].

4. Therapeutische Möglichkeiten

Die Behandlung bei Demenzkranken muss auf Langzeitbegleitung ausgerichtet sein und basiert auf zwei Säulen: der Behandlung mit Medikamenten und die Behandlung ohne Medikamente.[10]

Besonders wichtig ist bei beiden Therapieformen, dass psychosoziale Umfeld des Patienten und die Belastung der Angehörigen zu eruieren. Auch das Ressourcenmanagement aufseiten des Patienten und der Familie sind unabdingbar. Hierzu gehören vor allem ein Tagesrhythmus welcher an die Bedürfnisse des Patienten angepasst ist, eine gesunde Ernährung und die Annahme von Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten durch Dritte.[11]

4.1. Pharmakotherapie

Im Zentrum der Pharmakotherapie steht vor allem die Transmittersubstitution.Basistherapie bedeutet einen Ausgleich zum cholinergen Defizit durch Cholinestreasehemmer zu finden (z.B. Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) und das glutamaterge System durch Memantine zu unterstützen[12]. Leider geht die Pharmakotherapie mit erhöhten Risiken einher:

Delir und Stürze stehen plötzlich als Mortalitätsursache im Vordergrund. D.h. die Therapie sollte daher auf das Notwendigste begrenzt sein. Zum Einsatz kommen aber auch Nootropika wie das Co-dergocrin, Priracetam, Pyritinol und Nimodipin welche höhere integrative Hirnfunktionen wie Gedächnis, Lern-, Auffassungs-, Denk-, und Konzentrationsfähigkeit verbessern sollen.

Die häufige Verordnung von beruhigenden Psychopharmaka erscheint unvorteilhaft. Abgesehen von den notwendigen Schulungen der Ärzte und der daraus entstehenden Früherkennung von Demenzen, werden leider Psychopharmaka immer noch in viel zu großen Dimensionen eingesetzt um belastende Patienten ruhig zu stellen. Aus meiner Arbeit im Rettungsdienst und den Kontakt zu Pflegeheimen, kann ich diesen Sachverhalt leider nur bestätigen. Ergebnisse einer Mannheimer Studie sind besonders alarmierend[13] und bestätigen meine Hypothese.

Es bestehen zum Großteil keinerlei Zusammenhang zwischen Verordnung von Medikamenten und depressiver bzw. dementieller Erkrankungen. Dieser Sachstand hemmt zusätzlich die kommunikativen Fähigkeiten und die soziale Kompetenz der Patienten. Prinzipiell sollte bei der Verordnung immer der Leitsatz „start low go slow“ (mit niedriger Dosis beginnen und nur selten vorsichtig steigern). Aber auch andere Erkrankungen sollten nicht übersehen werden, so kann eine Anpassung an andere Parameter, wie z.B. eine Schilddrüsenerkrankung, eine Überdosierung verhindern und damit das Verhalten des Patienten korrigieren. Alle 3-6 Monate sollte einer Überprüfung der Indikation erfolgen. Dies gilt besonders für den Einsatz von Neuroleptika und Antidepressiva, da Depressionen meist eher episodisch und nicht lang zeitlich auftreten.

Besonders bei der Vielzahl von Medikamenten, welcher ein multimorbider Patient im Alter einnehmen soll, ist der Umstand nicht außer acht zu lassen, ob der Patient sich überhaupt an die Verordnungen hält und eine gute Compliance vorhanden ist. Hintergrund sind die bereits genannten Symptome Vergesslichkeit und Antriebslosigkeit (s. Kap.3).

4.2. Nicht-pharmakologische Therapie

Hauptsächliche Ziele der nicht-pharmakologischen Therapien sind Verhaltensmodifikationen im Hinblick auf „Depressivität, Störungen von Antrieb, Affekte, sozialer Rückzug aber auch körperliche Symptome wie Harninkontinenz“[14]. Je nach Ausgangslage kann sich jedoch die Modifikation positiv als auch negativ auf den Patienten auswirken.

Eine Überforderung des Patienten stellt hierbei ein Hauptproblem dar. Um dem entgegen zu wirken, muss die/der Betreuer/in des Patienten in den Lebensalltag des Patienten mit einbezogen werden.[15] Nur so besteht die Möglichkeit, dass Veränderungen besser verstanden werden und gemeinsam Ziele für die Zukunft geplant werden können.

4.2.1. Selbsthilfegruppen

Eine geeignete Form der Gruppentherapie stellen Selbsthilfegruppen dar.
Menschen mit Demenz möchten wahrgenommen werden und nicht auf ihre Demenz reduziert werden. In Selbsthilfegruppen finden sich Betroffene zusammen, um gemeinsam Krankheit und Probleme zu bewältigen. Auch Experten sollten durchaus Bestandteil von Vereinen und Institutionen sein um Fragen und Probleme zu klären. Im Allgemeinen sollten drei Ansätze für eine adäquate funktionierende Selbsthilfegruppe gelten: a) 8 Treffen innerhalb eines Monats unter Anleitung (Experte) wobei sich die Selbsthilfegruppe kennenlernt und der Experte das Krankheitsbild erklärt. b) Im Vordergrund des zweiten Abschnitts steht die gemeinsam zu verbringende Freizeit um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. c) Nun soll die Selbsthilfegruppe durch einen Moderator ihr Selbsthilfepotential erkennen und vertiefen. Sind diese drei Punkte erfüllt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein positives Ergebnis zu erwarten.[16]

Denn wie sagt ein altes Sprichwort: „geteiltes Leid ist halbes Leid“.

Leider steht Deutschland „noch ganz am Anfang der Entwicklung der Selbsthilfegruppen, da man bisher Betroffene in der frühen Erkrankungsphase kaum wahrnimmt und keine Unterstützungsangebote für sie generiert.“[17]

4.2.2. Psychotherapie

Die Psychotherapie nimmt vor allem bei der Bekämpfung von Depressionen und der Erhaltung von Lernfähigkeiten eine wichtige Rolle ein. Klassische und operante Konditionierung sind ebenso wie motorisches und verbales Lernverhalten bei Demenzerkrankten belegt und führen, wenn auch nur bedingt, zum Erfolg.[18]

Kognitive Psychotherapie, wie das Gedächtnistraining, versucht auf Gedankenabläufe und Schlussfolgerungen des Patienten einzugehen und diese wenn nötig zu korrigieren. Der Verlauf einer Demenz kann somit verlangsamt werden.[19] Eine Verbesserung von schon bestehenden Beeinträchtigungen können jedoch nicht verbessert werden.[20]

Die Frage, ob Gedächtnistraining zum Erfolg führt, sollte jeweils kritisch hinterfragt sein.
Grund ist die Gefahr, dass der Patient sich seiner Defizite gewahr wird und daher eher demotiviert als motiviert aus der gewählten Therapieform geht.

Mitunter verstärkt oder entsteht eine Depression (s.Kap.3) und verschlechtert die Lebensqualität des Patienten. Grund zur Sorge macht dabei, besonders die erhöhte Suizidrate bei Depressionen im Alter. Das Suizidrisiko liegt bei Depressiven 30 Mal höher als bei der Durchschnittsbevölkerung.[21] Diesen Sachverhalt kann ich aus meiner Arbeit im Rettungsdienst durchaus bestätigen. Eine Vielzahl von älteren Suiziden im Alter weist in der Epikrise eine Demenz in Kombination mit Depressionen auf. Eine Lösung des Problems könnte das Ansprechen mehrerer Kanäle sein, sodass zum Beispiel spielerisch versucht wird einer Frustration entgegen zu wirken (s.Kap. 5.3.).

Ein Beispiel für die Abhandlung der Therapie könnte folgendermaßen aussehen:
1. Erarbeitung des Problems mit dem Patienten,
2. Auseinandersetzung mit den Inhalten,
3. Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit mit anderen,
4. Einsicht über die Problematik,
5. Aktivität des Patienten zur Lebensqualitätsverbesserung.[22]

In Zusammenarbeit mit einer Selbsthilfegruppe (s.Kap. 4.3.1.) können hierbei Therapieformen mit einander verbunden werden. Der Patient kann in der Gruppe andere Patienten kennenlernen, beurteilen und seine Handlungen damit leicht überprüfen. Ein Erfolgserlebnis mindert damit auch eine mögliche Depression.[23]

4.2.3. Milieutherapie

Im Sinne der Milieutherapie wird der Wohn- und Lebensbereich des Patienten umgestaltet, sodass das therapeutische Potential stimulierend und räumlich-dringlich der personellen Umgebung entspricht. Im Anschluss können Aspekte des Modelllernens, operante Techniken und Stimuluskontrolle angewandt werden. Voraussetzung ist jedoch die Analyse von Verhalten, Befinden und Bedingungsfaktoren.[24] Mit der besseren „Ablesbarkeit“ der Umgebung wird durchaus ein höherer Grad an Autonomie erreicht.

Wie ich bei meinen eigenen Großeltern feststellen konnte, leben an Demenz erkrankte Menschen gedanklich oft in der Vergangenheit, sodass dieser Aspekt bei der räumlichen Gestaltung zwingend beachtet werden muss.

[...]


[1] Vgl.: Zaudig, Michael, Demenz und leichte kognitive Beeinträchtigung im Alter, Bern 1995, S.13.

[2] Doblhammer, G., Ziegler, U., Das Gesundheitswesen, Stuttgart, Ausgabe 5/2009, S.284.

[3] Vgl.: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr.280, Wiesbaden, 2008.

[4] Vgl.: Gutzmann, Hans, Sprache und Demenz, Idstein, 2007, S.13.

[5] Vgl.: Reggentin, Heike, Demenzkranke in Wohngruppen betreuen und fördern, Stuttgart, 2006, S.19.

[6] Ebenda, S.20

[7] Vgl.: Niklewski, Günter, Demenz Hilfe für Angehörige und Betroffene, Berlin, 2009, S.34.

[8] Vgl.: Reggentin, Heike, Demenzkranke in Wohngruppen betreuen und fördern, Stuttgart, 2006, S. 32.

[9] Vgl.: Kühl, Klaus-Peter, Jahrbuch für kritische Medizin 40, Hamburg, 2004, S. 10.

[10] Vgl.: Niklewski, Günter, Demenz Hilfe für Angehörige und Betroffene, Berlin, 2009, S.73.

[11] Vgl.: Breidert, Ute, Demenz-Pflege-Familie, Stuttgart, 2001, S. 31.

[12] Vgl.: Stoppe, Gabriela, Familiendynamik, Heidelberg, Ausgabe 4/2011, S.281.

[13] Vgl.: Glaeske, Gerd, Jahrbuch für Kritische Medizin 40, Hamburg 2004, S. 93.

[14] Kühl, Klaus-Peter, Jahrbuch für kritische Medizin 40, Hamburg, 2004, S. 19.

[15] Vgl.: Gutzmann, Hans, Sprache und Demenz, Idstein, 2007, S.70.

[16] Vgl.: Kaplaneck, Michaela, Dr.med.Mabuse, Frankfurt Main, Ausgabe 05/06/2011, S.45.

[17] Ebenda: S.46.

[18] Vgl.:Zaudig, Michael, Demenz und leichte kognitive Beeinträchtigung im Alter, Bern 1995, S.196.

[19] Vgl. Niklewski, Günter, Demenz Hilfe für Angehörige und Betroffene, Berlin, 2009, S.90.

[20] Ebenda, S.91.

[21] Vgl.: Heuft, Andreas, Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie, München, 2006, S.128.

[22] Vgl.: Hirsch, Rolf, Altern und Depression, Bonn, 1992, S. 150.

[23] Vgl.: Jenny, Michaela, Psychische Veränderungen im Alter, Wien, 1996, S.87.

[24] Vgl.: Kühl, Klaus-Peter, Jahrbuch für kritische Medizin 40, Hamburg, 2004, S. 19.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Betreuung und Versorgung bei Demenz
Hochschule
Charité - Universitätsmedizin Berlin  (Medizinpädagogik)
Note
ohne
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V281482
ISBN (eBook)
9783656758792
ISBN (Buch)
9783656762294
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
betreuung, versorgung, demenz
Arbeit zitieren
Alexander Huwe (Autor), 2012, Betreuung und Versorgung bei Demenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281482

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