Öffentliches und privates Leben in Japan


Hausarbeit, 2014
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Öffentliches und privates Leben in der Theorie
2.1.Privatheit und Öffentlichkeit im Kontext
2.2.Die Polarität nach Hans Paul Bahrdt

3.Öffentliches und privates Leben in Japan
3.1.Arbeitsleben in japanischen Siedlungen
3.2.Familienleben in japanischen Siedlungen
3.3.Freizeitleben in japanischen Siedlungen
3.4.Japans Lebensweise im Wandel

4.Der Westen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

5.Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Leben in der Stadt beschäftigt verschiedene Fachrichtungen seit der Existenz solchen Lebens. Davon zeugen nicht zuletzt die ersten deutschsprachigen Großstadtromane im 19. und 20. Jahrhundert.[1] Auch die Stadtsoziologie beschäftigt sich mit den Merkmalen städtischen Lebens. Schnell stößt man in dem Zusammenhang auf die Theorie Hans Paul Bahrdts über die Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit. Demzufolge sei das Leben einer Ansiedlung umso städtischer, je stärker ausgeprägt die Polarität zwischen seinem privaten und öffentlichen Aggregatzustand ausfalle (vgl. Bahrdt 1998 [1961], 83f.).

Diese Aussage von 1961 war seither mehrfach der Kritik ausgesetzt, wie das Theorie-Kapitel der vorliegenden Arbeit aufzeigt. Dennoch regt Bahrdt dazu an, wiederkehrende Merkmale für das Leben in konkreten Ortschaften auf Öffentlichkeit und Privatheit hin zu untersuchen. Davon inspiriert werden Familien-, Freizeit- und Arbeitsleben in japanischen Siedlungen betrachtet. Es wird der Frage nachgegangen, inwiefern das Bild dieser drei Welten und ihr Verhältnis zueinander als Kennzeichen für heutiges Leben in Japan verstanden werden kann, und ob sich das städtische Leben vom ländlichen unterscheidet.

Für diese Untersuchung wird die Theorie der Öffentlichkeit und der Privatheit ausgemacht, wofür neuere Literatur Jürgen Habermas‘ klassische Abhandlung ergänzt. Behandelt wird auch die Überleitung von diesen Begriffen hin zu Arbeit, Freizeit und Familie eines Menschen. Abrundend wird die Theorie Hans Paul Bahrdts über die Polarität zwischen Öffentlichkeit und Privatheit vorgestellt, wie er sie als Kennzeichen städtischen Lebens diskutiert.

Anschließend wird diese Theorie auf die Lebenssituation(en) in Japan transferiert. Anhand einschlägiger Forschungsliteratur wird ein Gesamtbild vom öffentlichen und privaten Leben in japanischen Siedlungen dargelegt, und dabei nach etwaigen Differenzen zwischen städtischer und ländlicher Lebensweise gesucht. Nicht zuletzt machen eine solche Untersuchung aktuelle Artikel der Jahrbücher des Deutschen Instituts für Japanstudien möglich. Schließlich wird der derzeit oft thematisierte Wandel in japanischen Großstädten betrachtet. Junge hochwertige Internetquellen zeugen von den Veränderungen im Immobilien- und Arbeitsmarkt der Metropolen Nippons, die schon bald Einfluss auf die Lebensweise nehmen können. Zuletzt werden die Erkenntnisse kompakt mit denen zum öffentlichen und privaten Leben in Deutschland verglichen. Dafür sind Herausgeberschriften des Soziologen Bernhard Badura dienlich.

Die Betrachtungen führen zu einer Antwort auf die Frage, inwiefern das Bild vom öffentlichen und privaten Leben als Merkmal für ein Leben in Japan zu sehen ist, und ob dabei zwischen Stadt und Umland unterschieden werden kann.

2. Öffentliches und privates Leben in der Theorie

Bevor das öffentliche und das private Leben in Japan betrachtet werden können, muss aufgezeigt werden, was in der Theorie unter Öffentlichkeit und Privatheit verstanden wird. Häufig zitiert und diskutiert wird die Monografie über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas. Die darin enthaltene Definition ist um die neuere von Jürgen Schiewe zu ergänzen, um beide Begrifflichkeiten nach aktuellem Forschungsstand zu definieren. Zusätzlich sollen Beispiele anderer soziologischer Abhandlungen zeigen, dass jene Begriffsfelder der Öffentlichkeit und Privatheit als thematische Hinführungen zu Arbeit, Freizeit und Familie etabliert sind. Schließlich bedarf es in diesem Kapitel einer Darlegung des theoretischen Konzepts von Hans Paul Bahrdt zu den Begriffen der Öffentlichkeit und der Privatheit und ihrer Beziehung zueinander.

2.1. Privatheit und Öffentlichkeit im Kontext

Geht man nach dem oft rezipierten Soziologen Jürgen Habermas, so sind Öffentlichkeit und Privatheit als „historische Kategorien“ zu verstehen, die an die Situation einer liberalen bürgerlichen Gesellschaft gebunden sind. Parallel zu der sprachgebräuchlichen Entwicklung, statt länger von dem feudalistischen ‚Haus‘ vielmehr von der bürgerlichen ‚Familie‘ zu sprechen, kam im 18. Jahrhundert der Begriff der Öffentlichkeit auf. Zu dieser Zeit wurden Bürger rechtlich dazu befähigt, Handel und Arbeit autonom nach eigenen Gesetzen auszuüben, ohne dass eine staatliche Gewalt eingreifen konnte. Eben diese geschützte Sphäre gilt nach Habermas als der ursprüngliche Begriff der bürgerlichen Privatheit. Aus diesem wiederum bildete sich der ursprüngliche Begriff der bürgerlichen Öffentlichkeit, insofern, dass dieser den regen aber nüchternen Austausch der Bürger untereinander über ihre Gesetze, aber auch über das Leben und Interessen in literarischer Form bezeichnete und durch Preis und Qualität der Ware bestimmt wurde. So bezeichnen Privatheit und Öffentlichkeit zwei Tätigkeitsfelder der bürgerlichen Gesellschaft, eben das der Ökonomie und das des Austausches darüber, und werden mit ihrer Herrschaftsfreiheit strikt vom Handeln und Wirken des Staates getrennt. Dabei lassen sich jene zwei Begriffsfelder schnell erweitern: Zu der literarischen Öffentlichkeit der Bürger kommt, so Habermas, eine politische Öffentlichkeit hinzu, die als vermittelnder Austausch zwischen Gesellschaft und Staat zu verstehen ist. Gleichzeitig schließt die private Sphäre der Bürger auch ihre Familie und ihre Intimsphäre mit ein (vgl. Habermas 1990 [1961], 51, 56, 86, 90). So gesehen betreffe das Private alles Häusliche: autonome Tätigkeiten und Gegebenheiten einer Person im eigenen Wohnbereich (vgl. Maischatz und Müller 2011, 120-122).

Mit dieser älteren Auffassung aus dem Jahr 1961 befasste sich Jürgen Schiewe kritisch in seiner 2004 erschienenen Monografie. Allgemeiner und aktueller definiert er das Öffentliche als das Sichtbare, das Nicht-Geheime, das Gezeigte, das Herausgegebene, welches allen Menschen zugänglich gemacht wird und sie erziehen und beeinflussen kann. (vgl. Schiewe 2004, 59-61).

Mit diesen Bestimmungen werden im soziologischen Kontext heute Öffentlichkeit und Privatheit direkt mit der Berufswelt, dem Familienleben und der Freizeit eines Menschen in Verbindung gebracht. Etwa die Geschlechtersoziologin Tomke König bezeichnet die Familie und das dafür unentgeltlich verrichtete Handeln zu Hause als „rein private Angelegenheit“, in deren Arbeitsaufteilung der Staat nicht einzugreifen habe (vgl. König 2012, 96, 99, 105). König geht noch weiter und sagt, dass die private Sphäre in Form von Familie den Frauen und die öffentliche Sphäre als Arbeit den Männern zuzuordnen sei (vgl. ebd., 105, 133, 153f.; Meuser 2011, 79f.). Dies soll später noch auf Japan transferiert werden und verdeutlicht an dieser Stelle den Überleitungsgebrauch. Schwierig gestaltet es sich beim Arbeitsleben. Der heutige durchschnittliche Erwerbstätige begibt sich für die Arbeit außer Haus unter ihm „scheinprivat“ vertraute Menschen und Unternehmen in eine „scheinöffentliche“ Umgebung unter „scheinöffentlichen“ Verhältnissen (vgl. Kellermann 2011, 84f.; Bahrdt 1998 [1961], 135f.). Ein bekannter Soziologe, der sich mit den schwierigen Zuordnungen zu beiden Sphären beschäftigte, ist Hans Paul Bahrdt.

2.2. Die Polarität nach Hans Paul Bahrdt

Eine häufig diskutierte These von Hans Paul Bahrdt zu den Merkmalen städtischen Lebens dient dieser Arbeit auszugsweise als Denkanstoß:

„Es bilden sich eine öffentliche und eine private Sphäre, die in engem Wechselverhältnis stehen, ohne daß die Polarität verlorengeht. Die Lebensbereiche, die weder als >öffentlich< noch als >privat< charakterisiert werden können, verlieren hingegen an Bedeutung. Je stärker Polarität und Wechselbeziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre sich ausprägen, desto >städtischer< ist, soziologisch gesehen, das Leben einer Ansiedlung.“ (Bahrdt 1998 [1961], 83f.)

Auch Bahrdt definiert die Öffentlichkeit als etwas, das Vermittlung leistet. Sie vermittle vor den Augen aller zwischen einander kaum bekannten, flüchtig aber im Rahmen der Ansiedlung unausweichlich getroffenen Menschen, indem sie zwischen ihnen Kommunikationsformen entwickelt (vgl. ebd., 89, 95). In der öffentlichen Sphäre verstellen und präsentieren Menschen ihr Verhalten stilisierend bis inszenierend, indem sie nicht alles von sich preisgeben, sondern bewusst nur das zeigen oder extra dafür entwickeln, was für Kommunikation, Arrangements und auch für gutes Auftreten notwendig sei (vgl. ebd., 89-93). Jene Repräsentation äußere sich vielseitig in Umgangsformen, Geselligkeitsformen, Kleidung, Bauformen und politischen Gebilden (vgl. ebd., 93). Dabei könne es vorkommen, dass Vermittlungsanläufe bei einzelnen Menschen aufgrund der Fremdheit scheitern oder aber in die private Sphäre verlegt werden (vgl ebd., 94). Diese Öffentlichkeit zeige sich in ländlichen Ansiedlungen schwächer ausgeprägt, da Menschen dort nicht zügig zu Fremden Verbindungen aufzubauen haben (vgl. ebd., 91). Das der Öffentlichkeit bewusst Vorenthaltene und Verborgene sei das, was intim und mit eigenen Gesetzen und eigener Kultur die private Sphäre bilde und sich vor allem in der Familie als Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft in einem Haushalt mit mehreren Generationen wiederfinde (vgl. ebd., 99f.). Großstädter ziehen sich bewusster und stärker als Dorfbewohner zurück, so dass auch die Privatheit bei ihnen ausgeprägter erscheint (vgl. ebd., 137f., 140f., 164). Dort, wo Arbeiten und Wohnen zusammentreffen, werde diese private Sphäre gestört (vgl. ebd., 137). Öffentlichkeit und Privatheit können ohne einander existieren oder sich vermischen, aber ihre Pflege bestehe aus gegenseitigen Impulsen (vgl. ebd., 105).

Auch Bahrdt und Habermas sprachen von einem Wandel bis Verfall der Polarität zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Nicht länger könne man im digitalen Zeitalter den Zugang zur Öffentlichkeit nur mit Bildung und Eigentum erlangen (vgl. Habermas 1990 [1961], 157). Es verwische gar die Trennlinie zwischen Gesellschaft und Staat, etwa wenn öffentliches Handeln von privaten Interessen geleitet werde (vgl. ebd., 233, 268, 292). Darüber hinaus entziehen sich Arbeitsbereiche der öffentlichen wie auch der privaten Sphäre, während sich die Privatheit als Rückzugsort auspräge (vgl. Bahrdt 1998 [1961], 140f.).

Trotz dieser eigenen Beobachtungen zu seinem theoretischen Konzept wurden die Aussagen von Hans Paul Bahrdt aus den 1960er Jahren kritisiert. Dazu zählen Aussagen wie die David Harveys, der fordert, die Stadt als Bauform sowie Urbanität als Lebensweise getrennt voneinander zu betrachten (vgl. Harvey 1988, 307). Schließlich gehen Lebensweise und Bauform bei Bahrdt Hand in Hand. Veränderungen an der Wohnsituation einer Stadt können durchaus zu Veränderungen in der Lebensweise einer Gesellschaft führen (vgl. Wegener 1992, 21f.). Allerdings kann es ländlichen Umgebungen genauso ergehen – nicht nur wenn in städtischen Bauten arbeitende Menschen im rustikalen Umland zu Hause sind. Der aktuelle Wandel in Japan soll dafür später als gutes Beispiel dienen. Relevant ist auch die Ansicht von Ulfert Herlyn und Dieter Hoffmann-Axthelm, dass Orte der realen oder simulierten Öffentlichkeit heutzutage auch im rustikalen Umland zu finden seien, so dass die Polarität nach Bahrdt heute kein zuverlässiger Indikator für städtisches Leben zu sein vermöge (vgl. Herlyn 1998: 18; Hoffmann-Axthelm 1995). Dies ist als gesteigerte Form der bereits von Bahrdt und Habermas geäußerten Beobachtungen zum Verfall der Polarität zu verstehen. Öffentlichkeit und Privatheit seien gar keine Gegensätze, sondern Handlungsrahmen, deren Trennung seit der Moderne nicht immer klar zu bestimmen sei (vgl. Grundmann 2011, 276, 297-299; Kellermann 2011, 84). Zwar ist bei der Verknüpfung zwischen Familie, Freizeit und Beruf oft von deren Vereinbarkeit die Rede, jedoch beziehen sich derartige Diskussionen auf die zeittechnische Unterbringung, nicht auf räumliche oder gedachte Trennungen (vgl. König 2012, 109; Grundmann 2011, 293f.; Meuser 2011, 79f.). Eben jene Frage der Unterbringung stellt einen wichtigen Faktor bei dem Leben eines Menschen dar. So regt Bahrdt dazu an, das Bild vom öffentlichen und privaten Leben als Merkmal einer Region wie Japan zu betrachten. Sogleich kommt dabei aber die Frage auf, ob darunter Kriterien allein für das Städtische oder das Ländliche zu finden sind.

Öffentlichkeit schaffe folglich vor allen mit Stilisierung und Inszenierung Kommunikationsformen, um zwischen Fremden zu vermitteln, mit ihnen auszukommen und sich zu präsentieren. Privatheit ermögliche einen geschützten Raum zu Hause im Kreise weniger vertrauter Mitbewohner, was Selbstentfaltung und Autonomie bedeute. Beide Handlungsräume werden bewusst geschaffen, unterliegen aber dem Phänomen, nicht klar trennbar zu sein. Es komme vor, dass sie alleine, gleichzeitig oder überhaupt nicht auftreten, wenn sie Lebensbereichen wie Arbeit, Freizeit und Familie zuzuordnen sind. Nicht mehr so leicht wie früher ließe sich zwischen Gesellschaft und Staat trennen. Auch werde mittlerweile bezweifelt, dass sich öffentliches und privates Leben in der Stadt stärker polar gegenüber stehen als auf dem Dorf.

3. Öffentliches und privates Leben in Japan

Was bedeutet Leben, wenn vom öffentlichen und privaten, vom städtischen und ländlichen Leben die Rede ist? Im Kontext dieser Arbeit ist mit Leben die ‚Lebensweise‘ gemeint, auch ‚Lebensführung‘ genannt (vgl. Grundmann 2011). Darunter verstehen sich typische Formen des Alltagslebens einer sozialen Schichtung oder Gruppe, die in Art und Bedingungen für die Zugehörigen dieser Gruppierung ähnlich ausfallen. Zu den Kriterien dieser Formen zählen Staatszugehörigkeit, soziale Schichtenzugehörigkeit, Konsum, Eigentum und dessen Pflege, Einkommen, Wohnraum, Arbeitsverhältnis und Aufstiegschancen, Stellung im Lebenszyklus, Zukunftserwartungen, Kenntnisse und Fertigkeiten, individuell gesetzte Stellenwerte und der Haushalt (vgl. Krämer und Neef 1985, 309f.). Solche Aspekte des Lebens in einer Gruppe werden in diesem Kapitel anhand einschlägiger Forschungsliteratur über Japan betrachtet.

3.1. Arbeitsleben in japanischen Siedlungen

Zunächst soll an dieser Stelle eines verdeutlichend ausgeweitet werden: Das Arbeitsleben ohne weiteres dem öffentlichen Leben zuzuordnen, ist keineswegs unproblematisch. Nicht selten sehen Wissenschaftler sowohl Beruf als auch Freizeit und Familie zwischen Privatheit und Öffentlichkeit positioniert – wenn auch den Beruf, der ein Stück weit Kontrolle, Sichtbarkeit und Überwachung bedeute, mit mehr Nähe zur öffentlichen Sphäre und die Familie sehr nahe an oder tatsächlich innerhalb der privaten Sphäre platziert (vgl. Kellermann 2011, 84f.; Michiko und Schmitz 2007; Bahrdt 1998 [1961], 95f., 135f., 137, 162; Habermas 1990 [1961], 241). Die verwischte Linie zwischen Gesellschaft und Staat sowie Privatheit und Öffentlichkeit spielt eine große Rolle.[2]

In Klischeekreisen kennt man den Japaner als hart arbeitenden, seiner Firma treu ergebenen Büroangestellten mit Samurai ähnlichen Tugenden, der erst spät nach Hause kommt, weil er nach den Überstunden noch mit Kollegen etwas trinkt, ehe er den langen Heimweg antritt (vgl. Haak und Haak 2006, 15f.; Wegener 1992, 34-37, Mayer und Watanabe 2011, 19). Allzu abwegig ist das nicht: Tatsächlich arbeiteten japanische Arbeiter in den 1970ern und 1980ern noch auffallend häufig über die reguläre Zeit hinaus, um eine höhere Entlohnung zu erhalten, während es Angestellten mit dem Ansammeln von Überstunden darum ging, ihre Aufstiegschancen zu erhöhen (vgl. Linhart 1976, 249-251, 260, 275). Auch stimmt es, dass Japaner nach Dienstschluss noch weiter mit Kollegen sozial verkehrten. Besonders Männer im Alter von bis zu 40 Jahren sahen sich dazu verpflichtet. Ein Viertel von ihnen begründete dies damit, dass es noch mit zur Arbeit gehörte. Meetings konnten verlängert werden (vgl. ebd., 252f.). Es steht viel Aussagekraft dahinter, dass es für den Tod durch Überarbeitung mit Karōshi ein japanisches Fachwort gibt (vgl. The Economist 2007).

Hier kommt ein Ansatz Bahrdts mit Bezugnahme auf Helmut Schelsky zum Vorschein: Nicht sei die Öffentlichkeit der Gegensatz zum Privaten daheim in der Familie, sondern die Arbeit sei es, die das Gegenstück zur Privatheit bilde, ohne sie aber eindeutig der öffentlichen oder privaten Sphäre zuordnen zu können, wie es auch für die Freizeit gilt, worauf später näher eingegangen wird (vgl. Bahrdt 1998 [1961], 140, 162; Linhart 1976, 254; Reinhold 1981, 8, 142-146, 150).[3] Bestätigung findet dies etwa bei dem Teil der japanischen Jugend, der sich ganz in Privatheit zurückzieht, weil er nicht arbeiten kann oder will.

[...]


[1] Als Beispiele zu nennen wären „Die Chronik der Sperlingsgasse“ (1856) von Wilhelm Raabe sowie „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910) von Rainer Maria Rilke.

[2] Moeran teilt im Rahmen seiner humorvollen Japan-Berichte das menschliche Handeln stattdessen in „Frames“, „Networks“ und „Fields“ auf. Haghirian kritisiert an dem Modell den fehlenden persönlichen Zugang Moerans zum Leben in Japan (vgl. Haghirian 2006, 307f., 312).

[3] Nur Reinhold ordnet den Beruf klar der Öffentlichkeit zu (vgl. Reinhold 1981, 12, 150).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Öffentliches und privates Leben in Japan
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Soziologie, Arbeitsbereich Stadt- und Regionalsoziologie)
Veranstaltung
Kurse 03646 und 03639
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
27
Katalognummer
V281489
ISBN (eBook)
9783656759584
ISBN (Buch)
9783656759591
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
öffentliches, leben, japan
Arbeit zitieren
An Lin (Autor), 2014, Öffentliches und privates Leben in Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281489

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