Industrieverlagerung in Deutschland als Luftschutzmaßnahme gegen die "Combined Bomber Offensive" 1943


Akademische Arbeit, 2007
44 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1 Die Luftbedrohungslage des Deutschen Reichs

2 Industrieverlagerungen als Luftschutzmaßnahme
2.1 Typologie der Verlagerungen
2.2 Oberirdische Verlagerungen
2.3 Untertageverlagerungen
Die Besonderheiten der Untertageverlagerungen
Die Funktion von SS und OT

3 Die „Combined Bomber Offensive“ im Sommer 1943
3.1 Luftangriffe auf die Flugzeugindustrie
Der Beginn der Operation „Pointblank“
3.2 Luftangriffe auf die Kugellagerindustrie Bombardements im Rahmen der Operation „Pointblank“ Die Gründung des Kesslerstabs
3.3 Luftangriffe auf die Mineralölindustrie
Der Beginn der Treibstoffoffensive
Die Gegenmaßnahmen des Geilenbergstabes

4 Betrachtung der Luftangriffe und Gegenmaßnahmen

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Das Passieren eines Straßentunnels geschieht bei den Geschwindigkeiten heutiger Kraftfahrzeuge schnell und ruft keine besonderen Hintergrundgedanken hervor. Vielleicht werden einige kurzzeitig von einem beklommenen Gefühl ergriffen, weil ihnen die Enge und Dunkelheit unbehaglich ist. Es ist kaum auszudenken, dass vor mehr als 60 Jahren Tunnel wie dieser eine große Hoffnung der deutschen Rüstungswirtschaft symbolisierten: Bombensichere Produktion. Bereits 1936 wurden im Rahmen der deutschen Kriegsvorbereitungen Überlegungen zum baulichen Luftschutz der Bevölkerung und Industrie angestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten deratige Überlegungen nur in militärischen Kreisen Berücksichtigung gefunden, etwa beim Bau der Maginot-Linie. Man erkannte jedoch, dass die Beschränkung auf Verbunkerung der Frontlinien im nächsten zwischenstaatlichen Konflikt nicht ausreichen würde. Die Luftfahrzeugtechnik hatte sich seit 1919 erheblich weiterentwickelt und insbesondere die Vergrößerung der Einsatzreichweite ermöglichte es nun, Industriegebiete und Städte des Gegners mit schnellen und intensiven Luftangriffen erheblich zu schädigen. Die Bedrohung war deutlich größer als bei den Zeppelinangriffen des Ersten Weltkriegs.[1] Aus diesem Grund musste dem zivilen Luftschutz vor dem nächsten Konflikt große Beachtung geschenkt werden. Gleichsam war es wichtig, die Wirtschaft und insbesondere die Rüstungsindustrie vor Bombardements zu schützen. Jedoch existierten im Deutschen Reich bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs nur wenige Ausnahmen, die dies berücksichtigten. Zum Beispiel gab es ein unterirdisches Kraftwerk bei Mannheim, denn Teile der Anlage befanden sich 25 m unter dem eigenen Kohlevorrat. Andere Berichte sprechen von einem Unterwasserkraftwerk im Staukörper einer Talsperre.[2] Neben dem Deutschen Reich entwickelten auch die USA, Frankreich, Großbritannien, Schweden und Japan unterirdische Fabriken.[3] So wurde bei der Eroberung von Paris im Jahre 1940 eine Rüstungsanlage dieser Art[4] von der Wehrmacht entdeckt und in den USA existierten bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs unterirdische Flugzeugwerke.[5] Die meisten deutschen Rüstungsunternehmen hingegen zeigten aufgrund des hohen Aufwands und in Erwartung eines kurzen Krieges eher geringes Interesse an derartigen Anlagen.[6] Die strategischen Bombardements der alliierten Luftstreitkräfte sollten diese Haltung jedoch ändern.

Die Gesamtmenge der Bombenlast, die zwischen 1941 und 1945 durch britische und amerikanische Flugzeuge auf das vom Deutschen Reich besetzte Europa abgeworfen wurde, betrug mehr als 2,6 Millionen Tonnen. Über 50% davon fielen auf das ursprüngliche Reichsgebiet. 28% der gesamten Bombenlast, und damit die größte Menge, wurde über Städten abgeworfen. Mit 23% war das Verkehrsnetz am zweit schwersten betroffen und die chemische Industrie stand mit 13% an dritter Stelle der Luftkriegseinwirkungen.[7] Beachtung verdient die Tatsache, dass sich die Produktion vieler deutscher Rüstungszweige trotz der umfangreichen alliierten Luftoffensiven bis zum September 1944 immer wieder erholen und sogar steigern konnte.[8] Zahlreiche Faktoren bewirkten diese Entwicklung, aber mitunter waren dafür auch Industrieverlagerungen verantwortlich. So wurden zwischen November 1943 und November 1944 über 4.100 Betriebsumsetzungen aller Art durchgeführt. Die Rüstungsendfertigung war daran mit über 62% beteiligt und der Anteil der Zulieferindustrie lag bei etwa 28%. Es steht daher außer Zweifel, dass diese Industrieverlagerungen in einem gewissen Maße zur Verlängerung des Krieges beigetragen haben.[9]

Gewiss ist ebenfalls, dass der Gesamtaufwand für unterirdische Fabriken enorm war. Das verfügbare Bauvolumen der Rüstungsindustrie wurde Ende 1944 folgendermaßen verwandt: knapp 70% des Zements, 75% des Baustahls und 60% der Arbeitskräfte wurden dem Bau von Untertageverlagerungen zugeteilt.[10] Die Gesamtzahl und der Gesamtumfang der Untertageverlagerungen sind jedoch nicht genau bekannt. Im Frühjahr 1944 waren mindestens 670 unterirdische Anlagen für die gesamte Rüstungsindustrie vorgesehen[11] und eine Aufstellung verschiedener Ämter[12] vom November 1944 sah eine Gesamtfläche von mehr als 7,8 Millionen Quadratmetern unterirdischen Raumes für die Rüstungswirtschaft vor, wovon bis dahin etwa 1,5 Millionen Quadratmeter fertig gestellt worden waren.[13] Der reine Umfang sagt jedoch nichts darüber aus, inwieweit unterirdische und bombensichere Fertigungsstätten zum Erfolg der industriellen Dezentralisierungsmaßnahmen beigetragen haben.

1 Die Luftbedrohungslage des Deutschen Reichs

Während Luftfahrzeuge im Ersten Weltkrieg vorwiegend an der Front eingesetzt wurden und nur vereinzelt Städte- und Industriebombardements durchgeführt wurden, richteten Luftstrategen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs den Focus verstärkt auf das gegnerische Hinterland. Dementsprechend wurde in der Zwischenkriegszeit die Entwicklung rein strategischer Bomber von vielen Staaten vorangetrieben. Allerdings blieb die Bedeutung taktischer Kampfflugzeuge dabei unverändert. Der Luftkrieg gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich begann im September 1939 mit britischen Angriffen auf Küstenanlagen an der Nordsee, während die erste Bombenkampagne gegen Rüstungsziele nicht eher als Mai 1940 anlief. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden strategische Bombardements gegen das Deutsche Reich durch die Royal Air Force (RAF), ab September 1942 auch durch die United States Army Air Force (USAAF) durchgeführt.[14] Aufgrund seiner Kontinentallage war das Deutsche Reich besonders durch Luftangriffe gefährdet, denn so konnten alliierte Luftstreitkräfte ihre Anflüge aus verschiedenen Himmelsrichtungen planen. Darüberhinaus waren die bedeutenden Branchen der Rüstungsindustrie nur auf wenige Standorte verteilt und dort zudem stark konzentriert. Die maximale Reichweite britischer und US-amerikanischer Langstreckenbomber betrug circa 2.700 Kilometer[15] beziehungsweise etwa 3.600 Kilometer[16] und somit waren Operationen in einer Distanz von durchschnittlich 1.575 Kilometern zum Heimatflughafen möglich.[17] Dies war ausreichend, um strategische Bombardements gegen nahezu alle deutschen Industriezweige von der britischen Insel aus durchzuführen. Die folgende Tabelle zeigt exemplarisch die Distanzen von London zu bedeutenden Standorten der deutschen Rüstungsindustrie auf dem alten Reichsgebiet und den angegliederten Regionen, während die Karte Auskunft über die geographische Lage der Industriezweige gibt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Distanzen zwischen London und den Standorten ausgewählter Branchen der deutschen Rüstungsindustrie. (Die Entfernungen entsprechen einfacher Strecke in Luftlinie. Angegliederte Gebiete und Verbündete des Deutschen Reichs wurden berücksichtigt. Erstellt nach Wolf: Luftangriffe, S. 21f.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 1: Geographische Lage ausgewählter Branchen der deutschen Rüstungsindustrie (Symbole ohne Maßstab. Angegliederte Gebiete und Verbündete des Deutschen Reichs wurden berücksichtigt. Erstellt in Anlehnung an U.S.S.B.S.: Oil Division Final Report, S. 25. und Wolf: Luftangriffe, S. 21f.)

2 Industrieverlagerungen als Luftschutzmaßnahme

2.1 Typologie der Verlagerungen

Die Auflockerung der industriellen Ballungszentren des Deutschen Reichs war bereits im Rahmen der Kriegsvorbereitungen geplant worden. Allerdings sollte dies zum damaligen Zeitpunkt nicht durch Verlagerung vorhandener Anlagen geschehen, sondern im Rahmen der industriellen Expansion. Es sollten Regionen des Deutschen Reiches erschlossen werden, die, weit entfernt von den Grenzgebieten, weniger der Gefahr unmittelbarer Luftangriffen ausgesetzt waren.[18] Allerdings rechnete die Mehrheit der Unternehmen mit einem kurzen Krieg und vernachlässigte deshalb Planungen und Maßnahmen zum Luftschutz ihrer Werke.[19] Erste Pläne für eine Dezentralisation aufgrund von Bombenangriffen kamen 1940 auf. Zu diesem Zeitpunkt wurden sie aber noch nicht durchgesetzt, da man die Produktionseinbußen durch den Verlagerungsvorgang als zu hoch einstufte.[20] Als erstes Unternehmen verlagerte die Focke- Wulf Flugzeugbau AG einen Teil ihrer Fertigungsstätten, nachdem ein Werk bei einem britischen Nachtangriff getroffen worden war.[21] 1942 führten dann immer mehr Unternehmen Dezentralisierungsmaßnahmen durch. Die Verlagerung deutscher Industrieanlagen während des Zweiten Weltkrieges lässt sich in drei Kategorien gliedern:[22]

1. Oberirdische Verlagerung: Das Grundprinzip der oberirdischen Verlagerung war die Verteilung einzelner Abteilungen eines Werkes auf viele kleine Betriebe in umliegenden Ortschaften. Somit konnte die Fertigung bei Ausfall der Hauptproduktionsstätte immer noch in einem gewissen Umfang fortgesetzt werden. Die Endmontage verblieb jedoch aufgrund des hohen Platzbedarfes meist im Stammwerk.[23] Aufgrund mangelnder Baukapazitäten und als Tarnmaßnahme waren Neubauten aber nicht zulässig, sondern lediglich die Nutzung vorhandener Räume.[24] Die Verlagerungskosten[25] übernahm das Reich. Gegen Ende des Jahres 1942 begann die Dezentralisierung von Rüstungsbetrieben in größerem Maßstab und verstärkte sich bis etwa in das dritte Quartal 1944.[26] Ab 1943 wurden auch verstärkt Verlagerungen ins europäische Ausland vorgenommen, da man die dortige Luftbedrohungslage geringer einstufte als auf dem alten Reichsgebiet.[27]

2. Untertageverlagerung: Das Prinzip glich dem der oberirdischen Verlagerungen, jedoch lagen die neuen Produktionsräume in diesem Fall unter natürlichem oder künstlichem Bombenschutz. Die ersten Maßnahmen dieser Art begann das Deutsche Reich Mitte 1940 mit der Errichtung verbunkerter U-Boot-Werften an der Atlantikküste.[28] Vorhaben dieser Kategorie wurden bis zum Kriegsende fortgeführt.

3. Rückverlagerungen: Aufgrund der Kriegsentwicklungen an allen Fronten wurden vorher verlegte ober- und unterirdische Fertigungsstätten ab 1944 wieder zurück ins alte Reichsgebiet verlagert.[29]

Es war jedoch nicht möglich, jede Art von Fabrik zu verlagern. So blieb die Verlagerung der Stahl und Kohle verarbeitenden Industrien aufgrund der Größe ihrer Anlagen und ihrem permanenten Bedarf an Rohstoffen ausgeschlossen. Die Verlagerung von Komplexen dieser Größe hätte mehrere Jahre für sich in Anspruch genommen und große Mengen an Ressourcen verbraucht, während die eigentliche Produktion des Werkes aber still stand. Daher war es notwendig, die Regionen, in denen sich diese Branchen befanden, mit Kräften der Flugabwehr und durch die Stationierung von Jägerverbänden der Luftwaffe zu schützen. Da sich 70% der Stahl- und Kohleindustrie im Ruhrgebiet befanden, war konzentrierter aktiver Luftschutz auf relativ engem Raum möglich und dadurch effektiver als bei vereinzelt liegenden Werken. Die Produktionseinbußen und der Arbeitsaufwand zur Wiederherstellung durch Luftangriffe zerstörter Werksgebäude wurden gegenüber denen der Verlagerung als geringer eingestuft.[30]

2.2 Oberirdische Verlagerungen

Aufgrund der zunehmenden Luftangriffe erließ das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition gegen Ende 1942 eine grundsätzliche Weisung zur Dezentralisierung von Industriebetrieben:

„[..] zunehmende Stärke der feindlichen Luftangriffe […] beschleunigst

Vorkehrungen für die Verlagerung […] zu treffen.“

Die Verlegung von Produktionsstätten sollte entweder durch langfristige „Ausweichplanung“ oder umgehender „Sofortverlagerung“ stattfinden. Für die erstgenannte Methode waren zum Zeitpunkt des Erlasses zunächst 280 Betriebe verschiedener Branchen der Flugzeugindustrie vorgesehen. Die „Sofortverlagerung“ hingegen betraf vor allem „einzigartige“ Fertigungen, die für die gesamte Rüstungswirtschaft von zentraler Bedeutung waren.[31]

Viele Rüstungsunternehmen waren zunächst recht unwillig, oberirdische Verlagerungen vorzunehmen. Sie sahen aufgrund der Luftkriegssituation vorerst keine Notwendigkeit darin und befürchteten zudem hohe Produktionsausfälle.[32] Die Kapazität von Verlagerungsbetrieben wurde als eingeschränkt beurteilt, denn die kleineren Räumlichkeiten zwangen häufig zur Aufgabe der Massenfertigung.[33] Die Leistungsfähigkeit einer ausgelagerten Fertigungsstraße wurde um 25% geringer eingeschätzt als die einer regulären Produktionsabteilung.[34] Dieser Verlust konnte lediglich durch eine sehr hohe Anzahl von Verlagerungsstandorten ausgeglichen werden. Aufgrund zunehmender Luftangriffe im ersten Halbjahr 1943 revidierten viele Unternehmen jedoch ihre Meinung.[35] Nun erschien eine Produktionsverlagerung deutlich wirtschaftlicher als der Wiederaufbau zerstörter Werke.[36] Bereits im Juni war daher ein regelrechter Wettbewerb um die besten Verlagerungsräume entstanden.[37] Das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition übernahm daher wenig später die Koordinierung dieser Maßnahme. So sollten künftig die Unternehmen, das Rüstungsamt, das Rüstungslieferungsamt und technisches Amt gemeinsam über die Notwendigkeit der Verlagerung beraten und die Firmen sollten nicht mehr selbstständig verlagern.[38] Die oberirdische Dezentralisierung der bedeutendsten Fertigungen sollte in etwa einem Jahr abgeschlossen werden.[39]

Aufgrund der immens gestiegenen Verlagerungsanfragen reduzierte sich die Zahl der freien Räume erheblich. Firmen, die als weniger kriegswichtig eingestuft wurden, ließ man schließen. Ab 1944 fand dieses Verfahren verstärkt Anwendung[40] und es führte zur regelrechten Ausschaltung kleiner und mittelständischer Unternehmen: Zwischen September 1943 und Mai 1944 wurden über 1.700 Betriebe mit mehr als 220.000 Beschäftigten zugunsten der oberirdischen Verlagerung stillgelegt.[41] Ein weiteres Problem stelle die Unterbringung und Versorgung der Belegschaft dar, die durch die Betriebsverlagerung unumgänglich geworden war.[42] Dies führte bei der Bevölkerung aufnehmender Ortschaften oftmals zu Engpässen in der eigenen Versorgung.[43] Weitere Nachteile der oberirdischen Verlagerung waren mit der wachsenden Zahl und steigenden räumlichen Entfernung der Fertigungsabschnitte verbunden. So waren etwa 20% mehr Arbeitskräfte erforderlich,[44] das lokale Verkehrsnetz wurde stärker beansprucht und es dauerte weitaus länger, Modifikationen am Arbeitsprozess vorzunehmen.[45] Trotz der erwähnten Schwierigkeiten trug die oberirdische Verlagerung dazu bei, dass sich die Rüstungsproduktion, welche ab Sommer 1943 unter den stetigen Strapazen durch die an Umfang und Intensität zunehmenden alliierten Bomberoffensiven litt, bis September 1944 noch erheblich steigern konnte.[46] Allerdings hing der gesamte Erfolg oder Misserfolg der oberirdischen Verlagerungsmaßnahmen von einem besonderen Faktor ab: der Tarnung. Falls die alliierte Aufklärung neue Produktionsstandorte eines kriegswichtigen Unternehmens entdecken sollte, würden diese in absehbarer Zeit ebenfalls bombardiert werden. Um einer Entdeckung zu entgehen, besagte ein Geheimhaltungsgrundsatz, dass die eigentlichen Namen der Unternehmen im Zusammenhang mit deren Verlagerungsstätten nicht genannt werden durften; für sie wurden daher erfundene Firmennamen verwendet.[47] Trotz dieser und anderer Tarnmaßnahmen wurden zahlreiche dezentralisierte Produktionsstätten entdeckt und daraufhin Ziel von Bombardements.

Eine Sonderform der oberirdischen Verlagerung waren Waldwerke. Die Produktionsräume dieser Anlagen waren einfache Zelte oder Baracken aus Holz, welches man zum Teil direkt in der Umgebung schlug. Die Blätterdachtarnung wurde noch durch große Netze ergänzt und damit waren die wesentlichen Bauarbeiten erledigt. Die geringe Bauzeit und niedrigen Baukosten waren gegenüber anderen Verlagerungsarten unschlagbar.[48] Überall konnte ein Waldwerk jedoch nicht errichtet werden, denn es galten bestimmte Voraussetzungen. Zunächst musste zum Abtransport der fertigen Produkte eine Verkehrslinie oder Startbahn in der Nähe sein. Weiterhin waren Wasser- und Stromversorgung für die Produktion unerlässlich. Außerdem war zu Tarnungszwecken Nadelwald oder Mischwald von Vorteil, da dort bei jeder Jahreszeit gewisse Tarnung bestand. Schließlich mussten die Flächen zwischen den Bäumen so groß sein, dass keine auffälligen Veränderungen notwendig waren.[49] Allerdings konnten all die Vorteile eines Waldwerks nur geltend gemacht werden, wenn die Produktion in relativ kleinem Rahmen blieb. Die Luftaufklärung aus großer Höhe war dann unmöglich und nur Tiefflieger konnten die Anlagen entdecken und bekämpfen.[50] Aufgrund der Leichtbauweise hätten die Angriffe wesentlich verheerendere Auswirkungen gehabt als bei regulären Fabriken. In den Konferenzen der nationalsozialistischen Führungsebene wurde daher relativ früh über eine andere Methode beraten, die Rüstungsproduktion unter absoluten Bombenschutz zu stellen: die Untertageverlagerung.

2.3 Untertageverlagerungen

Die erste Nutzung von unterirdischen Räumen für Zwecke der deutschen Kriegswirtschaft geschah im Rahmen der WIFO, welche ab 1936 in stillgelegten Stollen des Kohnsteins[51] das größte deutsche Treibstoffdepot einrichtete.[52] 1940 erfolgte dann der Bau der U-Bootbunker an der Atlantikküste und BMW äußerte als erstes deutsches Unternehmen Gedanken zu einer unterirdischen Fertigung. Bis zum Frühjahr 1943 wurden jedoch keine nennenswerten Schritte unternommen. Erst im Aprilbesagten Jahres forderte Reichskanzler Adolf Hitler die Fertigung von „Engpassteilen“ in bombensicheren Fabriken.[53] Folglich zog Rüstungsminister Albert Speer Mitte Juli 1943 die Nutzung der Maginot-Linie für diese Zwecke in Betracht und es erfolgte eine entsprechende Untersuchung.[54] Weiterhin schaltete er den Oberberghauptmann[55] ein, um die Erkundung von Stollen, Naturhöhlen und Tunnels im gesamten Reichsgebiet zu veranlassen. Ende August 1943 begann dann auch das erste Großprojekt: Die Einrichtung unterirdischer Produktionsstätten für die V2 in den Stollen der WIFO.[56] Wenig später wurden die ersten Kommissionen gebildet, die sich ausschließlich mit Untertageverlagerungen befassten. Für die Heeres- und Marinerüstung war der „Arbeitsstab U“[57] zuständig, welcher dem Speer‘schen Reichsministerium für Rüstungs- und Kriegsproduktion (RMfRuK) unterstand. Seine Mitglieder entstammten dem Rüstungslieferungsamt, Rüstungsamt, Oberbergamt und der SS.[58] Das Aufgabenfeld dieses Organs umfasste die Erkundung von unterirdischen Räumen, Zuweisung an die Unternehmen und Organisation der Baumaßnahmen.[59] Die Luftrüstung befand sich zu diesem Zeitpunkt als einziger Wehrmachtsteil noch nicht unter der Kontrolle des RMfRuK und ging daher zunächst eigene Wege, um für die Untertageverlagerung seiner Produktionsstätten zu sorgen. Zu diesem Zweck war der “Sonderstab H“[60] gegründet worden, welcher aus Architekten, Geologen und Luftwaffeningenieuren bestand und dessen Aufgaben denen des „Arbeitsstabes U“ ähnlich waren.[61] Die unterirdische Verlagerung von Produktionsstätten wurde in zwei Wellen geplant, wobei für die erste bereits vorhandene Räumlichkeiten genutzt und für die zweite neue Anlagen errichtet werden sollten. Die Verteilung an die Unternehmen richtete sich nach deren Kriegswichtigkeit und Luftbedrohungslage,[62] wobei die Fertigstellung der bedeutendsten Anlagen spätestens bis Ende 1944 abgeschlossen sein sollte.[63] Hitler sah die Untertageverlagerung nicht nur als temporäre Schutzmaßnahme an, sondern plante sogar, die gesamte Industrie auf diese Weise zu sichern.[64] Ein Grundfehler in den Planungen verschiedener führender Köpfe war es, die Bedingungen für den Bau unterirdischer Anlagen mit denen oberirdischer Fabriken gleichzusetzen.[65] Die Untertageverlagerung war aber mit einer Reihe von Besonderheiten verbunden, welche ungewohnte materielle und zeitliche Aufwände mit sich brachten. Daher erläutert der folgende Abschnitt im Wesentlichen die geologischen Anforderungen, Baubestimmungen und bürokratischen Erfordernisse derartiger Vorhaben.

Die Besonderheiten der Untertageverlagerungen

Für eine Untertageverlagerung kamen Räume verschiedener Art in Frage: Schächte, Stollen, Naturhöhlen, ehemalige Bunkeranlagen, Keller und Verkehrstunnels. Der optimale Fall waren bereits vorhandene Bergwerke, denn hier musste sich vor dem Einzug lediglich mit dem Besitzer abgesprochen werden, was selbstverständlich nicht immer reibungslos ablief.[66] Allerdings erforderten natürliche Anlagen größeren Aufwand bei Ausbau und Bewetterung, als dies bei Bunkern und Tunnels der Fall war. Weiterhin konnten diese Bauten besser an die Erfordernisse des verlegenden Betriebes angepasst werden und der Bombenschutz war im Vergleich zu natürlichem Deckgebirge besser.[67] Allerdings erforderten Bunkerwerke eine große Menge an Baustoffen, sodass zu ihrer Errichtung nur Orte in Frage kamen, die in der Nähe natürlicher Rohstoffvorkommen lagen. Waren diese Bedingungen gegeben, so war eine solche Schutzanlage sogar kostengünstiger als ein gleichgroßer Stollen. Einer der Hauptgründe für die Entscheidung, Bunkerbauten den Bergwerksanlagen vorzuziehen, war aber eher der vorherrschende Mangel an Tunnelbaugeräten und entsprechend geschultem Bedienpersonal.[68]

[...]


[1] Siehe Laurenz Demps: Zum weiteren Ausbau des staatsmonopolistischen Apparates der faschistischen Kriegswirtschaft in den Jahren 1943 bis 1945 und zur Rolle der SS und der Konzentrationslager im Rahmen der Rüstungsproduktion, dargestellt am Beispiel der unterirdischen Verlagerung von Teilen der Rüstungsindustrie, Dissertation, Berlin (Ost) 1970, S. 56ff.

[2] Siehe Bundesarchiv-Militärarchiv ZA 1762-1770 / MSD-430 Ordner a-i: Dorsch, Xaver: „Die bombensichere Verlagerung von Industrieanlagen“, US Army Historical Division, Allendorf 30.6.1947. MSD-430: Ordner (b/c),S. 2.

[3] Siehe Management Review (Ed.): If Industry ever had to go underground, Factory Management and Maintenance, Management Review, 37.4, April 1948, p. 172.

[4] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 60.

[5] Siehe MSD-430: Ordner (b/c), S. 2.

[6] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 58f.

[7] Zu diesen Angaben siehe die Tabellen in Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland, Berlin 1990 S.446

[8] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 58f.

[9] Siehe Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland, Berlin 1990, S. 284ff.

[10] Diese Aufstellung findet sich in: The United States Strategic Bombing Survey: European Report No. 3, The Effects of Strategic Bombing on the German War Economy, Overall Economic Effects Division 1945. S. 232, Appendix Table 43.

[11] Siehe Frank Baranowski: Rüstungsproduktion in Mitteldeutschland von 1929 – 1945, Eine vergleichende Betrachtung zweier Regionen unter Berücksichtigung des Zwangsarbeitereinsatzes in der deutschen Rüstungs- industrie und der Untertageverlagerung in der Endphase des NS-Regimes, Duderstadt 2007.

[12] Die Liste enthielt die Planungen von Rüstungsstab, Rüstungslieferungsamt und SS.

[13] Siehe U.S.S.B.S.: Bombing on the German War Economy, S. 233.

[14] Die strategischen Bombardements anderer Kriegsgegner Deutschlands bleiben aufgrund ihres relativ geringen Umfanges im Rahmen der vorliegenden Untersuchung unberücksichtigt.

[15] Der britische Langstreckenbomber mit der größten Reichweite war der Avro 683 „Lancaster“.

[16] Die B 17 „Flying Fortress“ hatte die größte Einsatzreichweite der Bomber, die die USAAF auf dem europäischen Kriegsschauplatz einsetzen.

[17] Diese Kalkulation berücksichtigt den Hinflug, den Bombenabwurf und den Rückflug. Siehe Wolf: Luftangriffe, S. 21f.

[18] Diese Regionen waren Mitteldeutschland, Süddeutschland; Ostdeutschland.

[19] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 60.

[20] Siehe Groehler: Bombenkrieg, S. 284.

[21] Siehe U.S.S.B.S.: Aircraft Industry Report, S. 23.

[22] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 74f.

[23] Siehe Gregor: Stern und Hakenkreuz, S. 329f.

[24] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 76.

[25] Damit waren vornehmlich Transportkosten und Kosten für den Umbau der aufnehmenden Räumlichkeiten gemeint.

[26] Siehe Cox: The strategic air war, S. 106.

[27] Besonders heikel waren Verlagerungen in neutrale Länder. Rüstungsproduktionen in der Schweiz sind dafür ein Beispiel.

[28] Beispielsweise der U-Boot-Bunker „Valentin“. Siehe dazu Dieter Schmidt: U-Boot-Bunker "Valentin", Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit, Bremen-Farge 1943 - 45, Bremen 1996.

[29] Manche Unternehmen eigneten sich auf diese Weise Maschinen ausländischer Firmen an.

[30] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 87f.

[31] Erlass des Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion am 19.12.1942, siehe Baranowski: Mitteldeutschland, S. 113.

[32] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland S. 113f.

[33] Siehe Groehler: Luftkrieg, S. 413.

[34] Siehe U.S.S.B.S.: Aircraft Industry Report, S. 86.

[35] Zum Interesse der Industrie an der Sicherung ihrer Betriebsmittel siehe Herbst 404ff.

[36] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 88.

[37] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland S. 114.

[38] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland S. 113.

[39] Siehe Boel>

[40] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland, S. 114.

[41] Siehe Boel>

[42] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland, S. 114.

[43] Heigl, Richard: Die Messerschmitt-AG in Oberammergau (1943-1945). Auslagerung, Projekte, Fremdarbeitereinsatz. In: Mohr, Löwe, Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch- Patenkirchen. Band 3. Verein für Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte im Landkreis Garmisch- Patenkirchen e.V. Garmisch Patenkirchen 1995. (S. 233-263), S. 244.

[44] Insbesondere in der Verwaltung stellte sich das als schwierig dar, denn hier konnten nur Facharbeiter eingesetzt werden.

[45] Siehe U.S.S.B.S.: Aircraft Industry Report, S. 25.

[46] Siehe Groehler: Bombenkrieg, S. 284.

[47] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 206

[48] Das Waldwerk Gauting im Vergleich zur Untertageverlagerung Kematen: Ein Fünftel der Bauzeit und -kosten bei 30% größerer Fläche, siehe the United States Strategic Bombing Survey: European Report No. 11c, Air Frames Plant Report No. 6, Messerschmitt A.G. Augsburg, Germany, Appendix II, Report on Kematen, Austria Underground dispersal, Aircraft Division 1947, Exhibit K-G.

[49] The United States Strategic Bombing Survey: European Report No. 11c, Air Frames Plant Report No. 6, Messerschmitt A.G. Augsburg, Germany, Appendix I, Report on Horgau Forest Dispersal, Aircraft Division 1947, S. 1.

[50] Siehe U.S.S.B.S.: Air Frames Plant Report No. 6, Appendix I, Report on Horgau Forest Dispersal, S. 1.

[51] Ein Berg im Südharz nahe dem thüringischen Nordhausen.

[52] Siehe MSD-430: Ordner (a/d/e/f/g/h/i), S. 6.

[53] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland, S. 117.

[54] Siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 80.

[55] Der Oberberghauptmann stand allen Bergämtern des Deutschen Reichs vor.

[56] „Mittelwerk“ oder „Dora-Mittelbau“. Nach der Bombardierung der Heeresversuchsanstalt Peenemünde am 17.8.1943 (Operation „Hydra“) begann die unterirdische Verlagerung der Raketenforschungs- und Produktionseinrichtungen nach Nordhausen.Die Produktion der V2 lief dort im April 1944 an, siehe Demps: Faschistische Kriegswirtschaft, S. 81.

[57] Auch bekannt unter dem Namen „Arbeitsstab Untertageverlagerungen“.

[58] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland, S. 117.

[59] Siehe Kooger: Rüstung unter Tage, S. 86

[60] Auch bekannt unter dem Namen „Sonderstab Höhlenbau“.

[61] Siehe Braun: Economy, S. 130f.

[62] Siehe Baranowski: Mitteldeutschland, S. 120ff.

[63] Siehe Boel>

[64] Ebenda, S. 338.

[65] Siehe MSD-430: Ordner (a/d/e/f/g/h/i), S. 10.

[66] Siehe MSD-430: Ordner (b/c), S. 13.

[67] Siehe MSD-430: Ordner (a/d/e/f/g/h/i), S. 39f.

[68] Siehe MSD-430: Ordner (a/d/e/f/g/h/i), S. 94-100.

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Details

Titel
Industrieverlagerung in Deutschland als Luftschutzmaßnahme gegen die "Combined Bomber Offensive" 1943
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
44
Katalognummer
V281519
ISBN (eBook)
9783656753674
ISBN (Buch)
9783668136564
Dateigröße
1647 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
industrieverlagerung, deutschland, luftschutzmaßnahme, combined, bomber, offensive
Arbeit zitieren
Frederic Gümmer (Autor), 2007, Industrieverlagerung in Deutschland als Luftschutzmaßnahme gegen die "Combined Bomber Offensive" 1943, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281519

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