Grimms "Dornröschen". Inhalts-, Text- und Figurenanalyse


Akademische Arbeit, 2008

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Inhaltsanalyse

2 Interpretation des KHM 50, Dornröschen

3 Analyse der Frauenfiguren

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

Das KHM 50, Dornröschen, ist ein Märchen aus der Sammlung ʺKinder- und Hausmärchenʺ der Brüder Grimm, das auf eine alte französische Fassung zurückzuführen ist. „Zugrunde liegt eine Erzählung von Marie Hassenpflug, in die Anregungen von Perraults La belle au bois dormant (1697) eingegangen sind.“[1] Es gibt viele Parallelen, die das im Jahr 1812 veröffentlichte Zaubermärchen und die alte Perrault-Geschichte in Verbindung bringen: „(1) die Ursache der Verzauberung, (2) der Vorfall, der den magischen Schlaf ausmacht, (3) die Ankunft des Königssohnes, (4) das Erwachen der Verzauberten“[2].

Die Brüder Grimm haben aber die Geschichte von Dornröschen nicht genau so aufgeschrieben, wie sie sie von der Erzählerin gehört haben. Unter dem Einfluss der künstlerischen Bewegung der Epoche der Romantik haben die Märchensammler das Märchen stilistisch überarbeitet und ausgeschmückt. „Romantische Wald- und Blumenpoesie, romantisch spielende Ironie verbinden sich mit der gemütvollen Innigkeit des biedermeierlichen Lebensgefühls.“[3]

1 Inhaltsanalyse

Die Märchenhandlung beginnt ähnlich wie bei KHM 53, Schneewittchen, mit dem Wunsch einer Frau nach einem Kind. Das lange Warten hat aber sein Ende. Ein Frosch prophezeit, dass die Königin in Jahresfrist Mutter eines Mädchens wird. Nach der Geburt seiner Tochter gibt der glückliche König ein Fest. Da er aber nicht genug goldene Teller hat, werden nur zwölf der dreizehn weisen Frauen eingeladen, „[…]damit sie dem Kind hold und gewogen wären“[4]. Die dreizehnte Fee, die zu Hause bleiben sollte, taucht im Anschluss an das Fest unerwartet auf. Die verbitterte und rachsüchtige Frau beschenkt das Neugeborene nicht wie die anderen Feen mit wunderbaren Gaben, sondern mit einem Fluch. Das kleine Mädchen soll sich an seinem fünfzehnten Lebensjahr an einer Spindel stechen und sterben. Der zwölften weisen Frau gelingt es glücklicherweise, diesen grausamen Spruch zu mildern und in einen hundertjährigen Schlaf umzuwandeln. So wird der Todesfluch durch einen lebensbewahrenden Zustand ersetzt.

Trotz aller Rettungsversuche der Eltern entdeckt die Königstochter an ihrem fünfzehnten Geburtstag in einem kleinen Zimmer im Schlossturm eine alte Frau, die mit Spinnen beschäftigt ist. Die neugierige Prinzessin sticht sich mit der Spindel in den Finger und fällt mit dem ganzen Hofstaat gemeinsam in einen tiefen Zauberschlaf. „Alles um sie herum verliert an Realität und schläft, bis sich ihre Dornen in Rosen verwandeln, sie ihre eigene Schönheit entdecken und sich ihre Hände, […]dem fremden Königssohn öffnen.“[5] Die gefährliche Hecke, die um das Schloss herum gewachsen ist, verwandelt sich nach genau hundert Jahren in wunderschöne Blumen. Erst dann schafft es ein Prinz, der von der schlafenden Prinzessin gehört hat, in das Schloss zu gelangen und das verzauberte Dornröschen zu finden. Sein Kuss ist die Erlösung von dem Fluch nicht nur für die schöne Königstochter, sondern für den gesamten Hofstaat.

Das Märchen endet mit der prachtvollen Hochzeit des Königssohns mit Dornröschen. Sie waren sehr glücklich und „[…] lebten vergnügt bis an ihr Ende“[6].

2 Interpretation des KHM 50, Dornröschen

Die Periode der Passivität und des langen Wartens ist ein zentrales Thema in dem Märchen von der Prinzessin, die in einen hundertjährigen Zauberschlaf verfällt. Schon am Anfang der Geschichte wird der Leser mit dem unerfüllten Wunsch der Königsfamilie nach einem Kind konfrontiert. „Doch das Unglück, dem wir zu Beginn des Dornröschen-Märchens begegnen, ist von anderer Art – ungewöhnlich und seltsam, so daß es offensichtlich nur durch den Auftritt eines sprechenden Frosches gelöst werden kann…“[7] Die Prophezeiung des Tieres geht in Erfüllung. Sowohl das passive Warten der Eltern auf eine Tochter, als auch das jahrelange Schlafen der Prinzessin werden glücklich gelöst. „›Dornröschen‹ zeigt uns, daß eine lange Periode der Ruhe, der Kontemplation und Konzentration auf sich selbst oft zu höchsten Leistungen führt.“[8]

Bei der Untersuchung dieser Geschichte darf man nicht vergessen, dass Märchen vor allem phantastische Erzählungen sind, die wunderbare und reale Elemente miteinander verweben. Ein gutes Beispiel dafür ist die wunderschöne Königstochter, die von Geburt an etwas Besonderes ist und ein außergewöhnliches Leben führt. Es ist ein typisches Märchenmotiv, „[…]daß die Hauptgestalt der Erzählung nicht auf gewöhnliche Weise in die Wirklichkeit gekommen ist, sondern daß ein Geheimnis oder ein Wunder diese Geburt umgibt“[9].

In dem Märchen spiegeln sich Lebenswirklichkeit und Volksglaube der Menschen vergangener Epochen wider, die in symbolischer Sprache bildhaft verkündet werden. Das Tier, das die Schwangerschaft der Königin verkündet, repräsentiert die Entstehung eines neuen Lebens. „Wie das Wasser der Ursprung aller Dinge und Lebewesen ist, so gilt der Frosch wegen seiner großen Fruchtbarkeit als elementarer Lebensträger.“[10]

Die Zahl der weisen Frauen, die auf dem Geburtsfest von dem König eingeladen werden, spielt auch eine sehr wichtige Rolle. „Zwölf gilt als Zahl der Vollkommenheit.“[11] Im Gegensatz dazu ist die Zahl 13 im Volksglauben Unheilbringer. Deswegen ist die dreizehnte Frau in dem KHM 50, Dornröschen, diejenige, die unerwünscht und unerwartet erscheint, um die Todesprophezeiung auszusprechen. Der Fluch ist Ausdruck ihrer Unzufriedenheit und zugleich ihre Rache an der Königsfamilie für ihre Zurückweisung.

Max Lüthi ist der Meinung, dass man die wichtigsten Symbole auch im übertragenen Sinne sehen kann. So ist z. B. das Schloss, wo die Märchenhandlung stattfindet, das Paradies und eine Art Gefängnis für Dornröschen. „Der Todesschlaf ist ihm Bann und Schutz – die Dornenhecke, die zu töten vermag, aber schließlich herrliche Blumen erblühen lässt, bringt die alles durchdringende Polarität von Tod und Auferstehung am sichtbarsten zum Ausdruck.“[12]

Obwohl der König alle Spindeln im Königreich verbrennen lässt, kann er dem Fluch der dreizehnten Frau nicht entfliehen. Dornröschen ist fünfzehn Jahre alt, schon in die Pubertät eingetreten, als sie die alte Frau mit der Spindel im Turm entdeckt. Sie verletzt sich beim Spinnen und verfällt dem Fluch. „Der Schlaf Dornröschens ist in erster Linie als eine Art Zwischenstadium zu sehen […].“[13] Es ist für die Titelheldin die Übergangsphase vom Mädchen zur Frau. Viele Königssöhne versuchen die schlafende Schönheit vorzeitig zu retten, aber sie bleiben dabei erfolglos, da die Reifezeit der Prinzessin noch nicht vollendet ist. Die Heckenrosen sollen den ruhigen Schlaf der reif werdenden Königstochter schützen. Sie symbolisieren Sicherheit und Festigkeit, die keiner überwinden könnte. „Aber als Dornröschen schließlich zur körperlichen und emotionalen Reife gelangt und bereit für die Liebe und damit auch für die Sexualität und Ehe ist, weicht die scheinbar undurchdringliche Dornenhecke von selbst zurück.“[14]

Die Passivität, die sich als zentrales Thema erweist, wird nochmals durch das jahrelange Schlafen der Prinzessin deutlich betont. Ihr nicht aktives Verhalten wird sogar belohnt. Als sie für die Liebe endlich reif genug ist, wird sie durch den Kuss eines Prinzen von dem Zauberschlaf erlöst.

Die Botschaft des Märchens ist ähnlich wie die von ›Schneewittchen‹: was am Ende der Kindheit sich wie eine Periode einer todesähnlichen Passivität ausnimmt, ist nichts als eine Zeit des ruhigen Wachstums und der Vorbereitung, aus welcher der Betreffende reif und bereit für die sexuelle Vereinigung aufwachen wird.[15]

Deswegen braucht auch die Titelheldin in diesem Märchen nichts zu beschleunigen. Ihr Problem wird doch letztendlich leicht gelöst, nicht weil der richtige Prinz sie retten will, sondern weil die richtige Zeit gekommen ist. „Dornröschens Erwachen ist der Beginn einer neuen Lebensphase, die sich stets ereignet, wo Weibliches und Männliches sich finden, den Zyklus des Werdens, wie er aller Natur zugrunde liegt, aufrechtzuerhalten.“[16] Die Mann-Frau-Beziehung wird als märchenhaft schön und unkompliziert geschildert. „Die harmonische Begegnung von Königssohn und Königstochter, ihr Erwachen zueinander, ist ein Symbol für das, was die Reife mit sich bringt: nicht nur Harmonie mit sich selbst, sondern auch mit dem anderen.“[17]

Im Großen und Ganzen verläuft Dornröschens Leben nicht so dramatisch, wie es sich die dreizehnte Fee eigentlich gewünscht hat. Alle Hindernisse auf dem Weg zum ewigen Glück werden von den Protagonisten ohne besondere Mühe überwunden. „Die Heldin erleidet ihr Schicksal vor allem passiv, und auch der erlösende Prinz brauchte keine eigentliche Heldentat zu vollbringen.“[18]

Das KHM 50, Dornröschen, kann auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden, nämlich als eine aufregende Liebesgeschichte. Dass die junge Prinzessin in einem jahrelangen Zauberschlaf versinkt, geschieht aus gutem Grunde. Sie wartet träumend und unberührt auf ihre große Liebe, nachdem sie wie durch ein Wunder wieder zum Leben erweckt wird. Den Höhepunkt in der Märchenhandlung stellt ihr romantisches Erwachen dar. „Es ist diese Szene, die das Dornröschen-Märchen so berühmt und beliebt gemacht hat: wie doch der Prinz mit einem Kusse die schöne Schlafende aufweckt.“[19] Dieses Märchen erfreut sich auch großer Beliebtheit bei den weiblichen Lesern, weil das passive Warten, das darauffolgende glückliche Erwachen und natürlich die prachtvolle Hochzeit sehr verlockend für viele Frauen sind. Sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen identifizieren sich gerne mit den attraktiven Hauptfiguren.

[...]


[1] Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. S. 133

[2] Uther, Hans-Jürgen: Handbuch zu den ʺKinder- und Hausmärchenʺ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation. Walter de Gruyter Verlag, Berlin und New York 2008, S. 117

[3] Lüthi, Max: Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens. S. 12

[4] Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Erster Band, Märchen Nr. 1-60, Hrsg. von Hans-Jörg Uther, Eugen Diederichs Verlag, München 1996, S. 249

[5] Kürthy, Tamàs: Dornröschens zweites Erwachen. Die Wirklichkeit in Mythen und Märchen. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1985, S. 82

[6] Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Erster Band, Märchen Nr. 1-60, S. 253

[7] Drewermann, Eugen: Dornröschen. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich, 2005, S. 15

[8] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. 27 Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, , München, April 2006, S. 263

[9] Franz, Marie-Louise von: Das Weibliche im Märchen. Verlag Adolf Bonz, Stuttgart, 1977, S. 25

[10] Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. S. 133

[11] Vgl. ebd.: S. 134

[12] Lüthi, Max: Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens. S. 8

[13] Uther, Hans-Jürgen: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation. Walter de Gruyter Verlag, Berlin und New York 2008, S. 119

[14] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. 27 Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, , München, April 2006, S. 271

[15] Vgl. Ebd., S. 269

[16] Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. S. 140

[17] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. S. 272

[18] Kast, Verena / Jacoby, Mario / Riedel, Ingrid: Das Böse im Märchen. Verlag Adolf Bonz GmbH, Fellbach, 1978 , S. 191

[19] Drewermann, Eugen: Dornröschen. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich, 2005, S. 58

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Grimms "Dornröschen". Inhalts-, Text- und Figurenanalyse
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V281570
ISBN (eBook)
9783656754541
ISBN (Buch)
9783668389861
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grimms, dornröschen, inhalts-, text-, figurenanalyse
Arbeit zitieren
Michaela Dimova (Autor), 2008, Grimms "Dornröschen". Inhalts-, Text- und Figurenanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281570

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