Grimms "Hänsel und Gretel". Inhalts-, Text- und Figurenanalyse


Akademische Arbeit, 2008

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Inhaltsanalyse

2 Interpretation des KHM 15, Hänsel und Gretel

3 Analyse der Frauenfiguren

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

Das Märchen von den Geschwistern Hänsel und Gretel trägt in der Fassung von 1810 den Titel Das Brüderchen und das Schwesterchen, der aber in der Ausgabe der Märchensammlung von 1812 für KHM 11 verwendet wurde. Das KHM 15 erscheint im Jahre 1819 mit der Überschrift Hänsel und Gretel und wird zu einem der beliebtesten Kindermärchen überhaupt. Die Gewährsperson Dorothea Grimm, geborene Wild, hat zum größten Teil zum Erzählstoff dieser Geschichte beigetragen.

Vergleicht man die beiden Fassungen dieses Märchens, so erkennt man deutlich, dass die Urfassung von Wilhelm Grimm sowohl stilistisch als auch inhaltlich verfeinert wurde. Zum einen wird die moralische Verurteilung der bösen Mutter, die 1819 zur Stiefmutter wird, noch verstärkt, der Vater noch deutlicher entlastet; zum anderen werden den Kindern mehr Hilfen an die Hand gegeben; […] des weiteren wird die Selbständigkeit der Kinder gesteigert […] und neben der Einbeziehung ganz neuer Motive […] vor allem auch das Bild der Hexe negativiert […].[1]

Die Kinder- und Hausmärchen waren als Erziehungsbuch gedacht. Aus diesem Grund sollte nicht die leibliche Mutter, sondern eine fremde Frau die Verkörperung des Bösen sein und die Verantwortung für die Leiden und Schwierigkeiten der Kinder tragen. Der wesentliche Eingriff in den Inhalt der Urfassung erwies sich deswegen als notwendig.

1 Inhaltsanalyse

Das KHM 15, Hänsel und Gretel, behandelt das Schicksal zweier Kinder, die mit ihrem Vater und seiner zweiten Frau in ärmlichen Verhältnissen leben. Da die wirtschaftliche Lage der Familie sehr kritisch wird, beschließt die Stiefmutter, das Geschwisterpaar im Wald auszusetzen. Der Vater ist anfangs mit dieser Entscheidung nicht einverstanden, wird aber von seiner Frau doch noch überredet. Hänsel und Gretel erfahren frühzeitig von dem grausamen Plan der Eltern. Das Brüderchen sammelt deswegen Kieselsteine, mit denen er den Weg nach Hause markieren will. Als die Kinder tatsächlich von dem Vater im Wald im Stich gelassen werden, finden sie dank der Spur der Steine den Weg zurück.

Nach kurzer Zeit halten es die Eltern wieder für notwendig, Hänsel und Gretel auszusetzen und diesmal sogar noch tiefer im Wald, sodass sie den Weg nach Hause nicht finden können. Da die von den Kindern hinterlassene Spur aus Brotkrümeln bestand, wird sie von den Vögeln aufgefressen. Nach langem Herumirren im Wald werden die Geschwister von einem wunderschön singenden Vogel zu einem Häuschen geführt, das „aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker“[2]. Die anfangs freundliche Hausbesitzerin, die eine böse Hexe ist, hält die Kinder in Gefangenschaft. Gretel muss für sie putzen und kochen, während ihr Bruder in einen Käfig gesperrt wird, bis er fett genug zum Schlachten ist. Den Geschwistern gelingt es aber, die Hexe zu überlisten und sie sogar in ihrem Ofen zu verbrennen.

Hänsel und Gretel finden danach nicht nur den Weg nach Hause, sondern bringen ihrem Vater auch die Schätze der Hexe mit. Da die böse Stiefmutter inzwischen schon gestorben ist, können alle glücklich und zufrieden zusammenleben.

2 Interpretation des KHM 15, Hänsel und Gretel

Hungerproblem, Armut, Eltern, die ihre Kinder nicht mehr richtig versorgen können, sind nur einige der traurigen Bilder, die in der Geschichte von Hänsel und Gretel dargestellt werden. Das Grimmsche Märchen schildert

[…] alles andere als einen romantischen Kindertraum, vielmehr beschreibt es in unerhörter Eindringlichkeit, mit Hilfe freilich von Bildern der Romantik, den realen Alptraum, den es bedeuten kann, arm zu sein: Für ein Kind, das in einem Arme-Leute-Haus aufwächst, bedeutet es, lästig zu sein, unerträglich lästig sogar.[3]

Es wird den Lesern ein Blick in das Leben einer kleinen Familie verschafft, die mit realen Problemen zu kämpfen hat.

Als ein zentrales Thema dieses Märchen erweist sich die seelische Entwicklung und Reifung zweier Kinder. Im Laufe der Erzählung müssen das Brüderchen und das Schwesterchen nicht nur eine menschenfressende Hexe bekämpfen, sondern auch ihre eigenen Schwächen überwinden und Stärken erkennen. Die schwierige Bewährungsprobe, die den beiden bevorsteht, ist nur eine der Stufen, die sie während ihrer Entwicklung erklimmen müssen. „Bei ʺHänsel und Gretelʺ handelt es sich nach Lutz Röhrich dabei um eine Mut- oder Kraftprobe, sowie um eine Klugheits- und Scharfsinnprobe.“[4]

Wie es für diese literarische Gattung üblich ist, wird die Märchenhandlung durch einen Mangel ausgelöst. Die beiden Titelhelden werden im Walde wegen einer Hungernot ausgesetzt. Sie sind vollständig auf sich selbst gestellt und müssen ganz alleine den Weg nach Hause finden. „Die Geschichte von Hänsel und Gretel verkörpert die Ängste und Lernaufgaben des kleinen Kindes, das seine primitiven oralen und daher destruktiven Wünsche überwinden und sublimieren muß.“[5] Das Geschwisterpaar wird mit Schwierigkeiten konfrontiert, die es ohne fremde Hilfe bewältigt. Den Kindern gelingt es sogar, einen höchst bedrohlichen Feind, die Hexe, zu bestrafen, weil sie sich immer gegenseitig unterstützt haben.

Das grausame Verhalten der Eltern duldet keine Entschuldigung. Die Ernährungsprobleme der Familie und die Tatsache, dass die Frau des Holzhackers nicht die leibliche Mutter der Kinder ist, bieten nur eine Erklärung dafür.

Unmissverständlich nimmt das Märchen Stellung gegen die Alten, die auf Kosten der Jungen überleben wollen, und unterscheidet dabei Täter und Mitläufer, solche, die die Hauptlast der Schuld tragen, und solche, deren Schuld noch verzeihlich scheint, weil ihnen die Kraft fehlt, sich gegen das Verkehrte durchzusetzen.[6]

Es wird eine Mann-Frau-Beziehung dargestellt, in der der Mann der Unterdrückte ist, während die Stiefmutter eine starke und dominierende Frau verkörpert. In der Geschichte von Hänsel und Gretel wird das Motiv der schwachen und zurückhaltenden Vaterfigur verwendet. Die Geschwister, die von ihrem Vater erwarten, dass er sie immer beschützt und versorgt, sind von ihm nicht nur enttäuscht, sondern auch im Stich gelassen.

Wie schwach er ist, zeigt seine Mit-Täterschaft, wenn er zwar ein Feuer für die Kinder anzündet, damit sie nicht frieren, aber einen Ast an einen dürren Baum bindet, den der Wind hin und her schlägt, damit die Kinder glauben, es seien die Schläge seiner Holzaxt.[7]

Die zweimalige Aussetzung der Geschwister im Wald wird von Rudolf Geiger als „der Sündenfall des Vaters“[8] bezeichnet. Sein Verhalten deutet darauf hin, dass die Meinung der Stiefmutter für ihn wichtiger als seine eigenen Kinder ist. Wie es aber in der Geschichte betont wird, ist der leicht zu überredende Vater nicht der Haupttäter, sondern nur der Mitschuldige. Er wird weder für seine Taten bestraft, noch von Hänsel und Gretel verurteilt.

Von den Eltern vertrieben, ganz alleine im tiefen Wald, lassen sich die verängstigten Geschwister von ihren instinktiven Begierden führen. Das Lebkuchenhäuschen stellt für die hungrigen Titelhelden dieses Märchens eine große Verlockung und zugleich eine unerwartete Gefahr dar. Verzweifelt suchen das Brüderchen und das Schwesterchen nach Wärme und Geborgenheit, statt dessen finden sie bei der hinterhältigen Hexe „eine bloße Wiederholung der Erlebnisse im Elternhaus“[9]. Die Kinder, die der unbekannten Frau anfangs Vertrauen schenken, geben ihren leckeren Versuchungen nach. Schließlich werden sie an einem Ort gefangen gehalten, wo ihr Leben wieder von einer weiblichen Person äußerst bedroht ist.

Max Lüthi deutet die oben dargestellten Motivzusammenhänge folgendermaßen: „Das Elternhaus und das Hexenhaus werden als zwei unterschiedliche Erscheinungsformen in ein und derselben Größe dargestellt“[10].

Helmut Brackert hingegen ist der Auffassung, dass man die Märcheninterpretation konstruktiv weiter führen soll: „Das Hexenhaus ist das Elternhaus, wie es sich in der Wunsch- und Angstvorstellung der Kinder präsentiert: ein Ort üppigster oraler Lust und zugleich ein Ort schrecklicher Erfahrung von Lustversagung“[11].

Der Aufenthalt bei der Hexe ist für Hänsel und Gretel sowohl furchterregend als auch sehr belehrend. Indem sie die böse Hausbesitzerin ohne fremde Hilfe besiegen, zeigen die Titelhelden, dass sie wegen der traumatischen Erlebnisse ihre eigenen Stärken erkannt haben. Das Häuschen aus Kuchen und Zucker ist für sie kein grausames Gefängnis mehr, sondern bloß eine Erinnerung an ihre Naivität und orale Gier.

Dieses Haus stellt einen Tabubereich zur Verfügung, in dem die Kinder die notwendigen Reifungsschritte tun und die eigenen Aggressionen und Ängste überwindend, durch die Erfahrung von Selbstständigkeit und Auf-sich-selbst-gestellt-sein sich selbst […] handelnd akzeptieren.[12]

Lüthi stellt auch eine gewisse Beziehung zwischen der Frau des Holzhackers und der bösen Alten im Walde heraus. Die Stiefmutter, die die Kinder verhungern lassen will, „[…]kehrt in der Hexe wieder“[13]. Diese These erweist sich bei der näheren Betrachtung dieses Märchens als schlüssig. Die Verbindung der beiden Frauen wird auch in dem Text indirekt angedeutet. Nach der Verbrennung der Hexe erscheint die egoistische Stiefmutter in der Handlung nicht mehr, da sie angeblich auch gestorben sei.

Die grausame Person, die in einem Lebkuchenhaus wohnt und Kindern auflauert, projiziert sich in der Figur der Stiefmutter. Sowohl die eine als auch die andere verkörpert das Böse und das Lebensfeindliche schlechthin. Sie sind selbstfixierte Gestalten, die das Leben der Geschwister absichtlich in schreckliche Gefahr bringen. „Sowohl die Stiefmutter als auch die Hexe wollen ihr eigenes Überleben sichern, indem sie die Kinder opfern.“[14]

Nachdem Hänsel und Gretel reifer und selbstständiger geworden sind, wird ihr Entwicklungszyklus mit der Heimkehr ins Elternhaus vollendet. Dort werden die Geschwister von dem Vater herzlich empfangen. Sie stellen für ihn jetzt keine Last mehr, sondern eine Bereicherung dar. Die mitgebrachten Schätze symbolisieren „[…]die neugewonnene Unabhängigkeit der Kinder in ihrem Denken und Handeln, ihr neues Selbstvertrauen, welches das Gegenteil der passiven Abhängigkeit ist, die sie charakterisierte, als sie ausgesetzt wurden“[15].

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass „[...]die Vögel die Brotkrumen fressen, um auf diese Weise die Kinder daran zu hindern, nach Hause zurückzukehren, ohne zuvor ihr großes Abenteuer erlebt zu haben“[16]. Der Reifungsprozess der Geschwister-Helden, der von Enttäuschungen und Ängsten begleitet wird, nimmt schließlich ein glückliches Ende.

[...]


[1] Brackert, Helmut: Hänsel und Gretel oder Möglichkeiten und Grenzen literaturwissenschaftlicher Märchen-Interpretation. In: Und wenn sie nicht gestorben sind… Perspektiven auf das Märchen. S. 26

[2] Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Erster Band, Märchen Nr. 1-60, S. 86

[3] Drewermann, Eugen: Hänsel und Gretel. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich 1997, S. 16

[4] Böhm-Korff, Regina: Deutung und Bedeutung von „Hänsel und Gretel“. Eine Fallstudie. Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 1991, S. 105

[5] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. S. 184

[6] Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. S. 42

[7] Früh, Sigrid / Lox, Harlinda / Schultze, Wolfgang [Hrsg.]: Mann und Frau im Märchen. Forschungsberichte aus der Welt der Märchen. Heinrich Hugendubel Verlag, München, 2002, S. 192

[8] Böhm-Korff, Regina: Deutung und Bedeutung von „Hänsel und Gretel“. Eine Fallstudie. Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1991, S. 45

[9] Brackert, Helmut: Hänsel und Gretel oder Möglichkeiten und Grenzen literaturwissenschaftlicher Märchen-Interpretation. In: Und wenn sie nicht gestorben sind… Perspektiven auf das Märchen. S. 226

[10] Böhm-Korff, Regina: Deutung und Bedeutung von „Hänsel und Gretel“. S. 102

[11] Brackert, Helmut: Hänsel und Gretel oder Möglichkeiten und Grenzen literaturwissenschaftlicher Märchen-Interpretation. S. 236

[12] Brackert, Helmut: Hänsel und Gretel oder Möglichkeiten und Grenzen literaturwissenschaftlicher Märchen-Interpretation S. 237

[13] Böhm-Korff, Regina: Deutung und Bedeutung von „Hänsel und Gretel“. S. 102

[14] Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. S. 44

[15] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. S. 189

[16] Vgl. ebd., S. 187

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Grimms "Hänsel und Gretel". Inhalts-, Text- und Figurenanalyse
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V281573
ISBN (eBook)
9783656754626
ISBN (Buch)
9783668136533
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grimms, hänsel, gretel, inhalts-, text-, figurenanalyse
Arbeit zitieren
Michaela Dimova (Autor), 2008, Grimms "Hänsel und Gretel". Inhalts-, Text- und Figurenanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281573

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