Die Kindheit gilt in unserer Gesellschaft als die Zeit der Unbeschwertheit, der Sorglosigkeit und Freiheit. Doch realistisch gesehen gibt es eine Kindheit völlig frei von Stress und Sorgen kaum, denn schon in jungen Jahren treten erste Belastungen und Probleme auf, die zu Überforderung und Bewältigungsbeschwerden führen können. Mit dem Ende der Kindheit tritt dann die Jugend ein, welche allgemein auch als Krisenzeit bezeichnet wird, in der zahlreiche Anforderungen auf den Jugendlichen stoßen. In dieser Phase des Umbruchs verlangen viele Veränderungen in einem nur kurzen Zeitraum von wenigen Jahren eine hohe Anpassungs- und Koordinierungsleistung vom Jugendlichen. Wachstumsvorgänge finden statt, ein personenspezifischer Charakter bildet sich allmählich heraus und das Kind muss eintreten in die Erwachsenenwelt. Die Jugend kann also als Zeit der Identitätsbildung gesehen werden, in der Konflikte, das Ausprobieren, das Eingehen von Risiken und das Überschreiten von Grenzen eine große Rolle spielen. Störungsbilder treten dort auf, wo sich beim Jugendlichen allzu viele Probleme ansammeln und zugleich stützende, strukturierende Hilfestellungen vom unmittelbaren Umfeld fehlen. So können sich beim Heranwachsenden abweichendes Verhalten wie z.B. depressive Anzeichen, Alkohol-und Drogenmissbrauch, Aggressivität, Disziplinprobleme, Provokation, Einsamkeit und sich-unverstanden-fühlen zeigen und als häufigste Begleiterscheinungen bei der Bewältig von auftretenden Schwierigkeiten gesehen werden.
Im Folgenden werden nach einer Begriffsbestimmung und einer Abgrenzung der Delinquenz zur Devianz und Kriminalität zunächst verschiedene psychologische Erklärungsansätze für die Entstehung delinquenten Verhaltens bei Jugendlichen und Heranwachsenden untersucht, wobei diese in psychoanalytische Theorien, Lerntheorien und die Theorie der Selbstkontrolle aufgeteilt werden. Daraufhin wird der Blick weg vom Individuum hin zur Gesellschaft gelenkt und fünf soziologische Erklärungsansätze beleuchtet. Im Anschluss werden auch die biologischen Einflüsse und Ansätze erörtert und genetische sowie sozialdarwinistische Theorien dargestellt. Bevor dann zuletzt die multifaktoriellen Ansätze behandelt werden, die mehrere verschiedene Umstände und Elemente für die Entstehung delinquenten Verhaltens verantwortlich machen, wird noch kurz auf religiöse Theorien und in dem Zusammenhang speziell die Erbsünde eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Problemumriss
1.2 Begriffsbestimmung: Delinquenz
1.3 Abgrenzung zur Devianz und Kriminalität
2. Erklärungsansätze für delinquentes Verhalten von Jugendlichen und Heranwachsenden
2.1 Psychologische Theorien
2.1.1 Psychoanalytische Erklärungsansätze
2.1.1.1 Neurotisch bedingte Delinquenz
2.1.1.2 Delinquenz durch Verwahrlosung
2.1.1.3 Kritik der psychoanalytischen Theorien
2.1.2 Lerntheorien
2.1.2.1 Theorie der operanten Konditionierung (Skinner 1938)
2.1.2.2 Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland 1939)
2.1.2.3 Sozial-kognitive Lerntheorie (Bandura 1963)
2.1.2.4 Das Gewissen als Summe konditionierter Angstreaktionen (Eysenck 1973)
2.1.3 Das Konzept der Selbstkontrolle (Gottfredson/Hirschi 1990)
2.2 Soziologische Theorien
2.2.1 Anomietheorie (Merton 1938, Opp 1974)
2.2.2 Strukturelle Gewalt (Galtung 1975)
2.2.3 Theorie der Etikettierung: Labeling Approach (Tannenbaum 1953, Becker 1973, Lemert 1975)
2.2.4 Theorie der Subkulturen (Cohen 1955)
2.2.5 Machttheorien
2.3 Biologische Theorien
2.4 Religiöse Theorien: Die Erbsünde
2.5 Multifaktorielle Theorien: Abweichendes Verhalten als Bewältigungshandeln (Böhnisch 1999)
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht verschiedene wissenschaftliche Erklärungsansätze für die Entstehung von delinquentem Verhalten bei Jugendlichen und Heranwachsenden, um die Komplexität dieses Phänomens aufzuzeigen und ein besseres Verständnis für die Ursachen abweichenden Handelns zu entwickeln.
- Psychologische Erklärungsmodelle (Psychoanalyse, Lerntheorien, Selbstkontrolle)
- Soziologische Perspektiven (Anomietheorie, Labeling Approach, Subkultur- und Machttheorien)
- Biologische und religiöse Erklärungsansätze für abweichendes Verhalten
- Multifaktorielle Betrachtung von Delinquenz als Bewältigungshandeln
Auszug aus dem Buch
2.1.1.1 Neurotisch bedingte Delinquenz
Die durch Neurosen hervorgebrachte Delinquenz beruht auf der Neurosenstruktur des Jugendlichen. Das Über-Ich, also das Gewissen, ist hierbei bei diesem zu stark ausgeprägt (vgl. Speck 1979, S.73). Dem neurotisch delinquenten Jugendlichen verschafft seine Tat zunächst Anerkennung. Dies ist vor allem der Fall bei unsicheren und gehemmten Tätern, die ein antisoziales Verhalten zeigen, um von anderen bewundert und geachtet zu werden bzw. im Fragen und Bitten gehemmt sind und ihre Bedürfnisse auf unerlaubte Art befriedigen müssen (vgl. Herriger 1987, S.90 f.). Beispiel hierfür sind Diebe, die stehlen statt eine Sache zu erbitten. Diese Neurosenstruktur entsteht als Folge eines überstrengen Gewissens, das sich von Zeit zu Zeit Luft verschaffen muss und nach einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung drängt.
Das starke Über-Ich bildet sich dann heraus, wenn ein Kind keine stabilen Erfahrungen mit seiner unmittelbaren sozialen Umwelt sammeln konnte (vgl. Herriger 1987, S.91 ff.). Ein Kind, das einmal mit Zuneigung überfüttert und ein anderes Mal völlig willkürlich bestraft wird, ist demnach nicht in der Lage, auf sofortige Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Die ambivalente Mutter, die selbst unter Schuldgefühlen wegen ihrer teils ablehnenden Haltung dem Kind gegenüber leidet, macht diese zum Sündenbock. Das von ihr existentiell abhängige Kind wird nun oftmals selbst den Vorwurf übernehmen und sich schuldig fühlen. Dies macht seine notwendige Ablösung von der Mutter um einiges schwerer (ebd.). Das Über-Ich unterdrückt also die Triebansprüche des Es, indem es die Gesamtpersönlichkeit komplett bestimmen kann. Die verdrängten und unverarbeiteten Triebansprüche des Es kommen in symbolischen kriminellen Handlungen zum Vorschein, der delinquente Jugendliche reagiert darauf mit erheblichen Schuldgefühlen und unterdrückt diese Triebansprüche noch stärker (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieser Abschnitt definiert den Problemumriss, legt den Begriff der Delinquenz fest und grenzt diesen von Devianz und Kriminalität ab.
2. Erklärungsansätze für delinquentes Verhalten von Jugendlichen und Heranwachsenden: Dieser Hauptteil analysiert detailliert psychologische, soziologische, biologische und religiöse Erklärungen für abweichendes Verhalten und betrachtet Delinquenz zudem als multifaktorielles Bewältigungshandeln.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Komplexität der Thematik zusammen und kommt zu dem Schluss, dass keine einzelne Theorie alle Aspekte abdeckt, wobei insbesondere das Konzept der Lebensbewältigung nach Böhnisch eine integrierende Perspektive bietet.
Schlüsselwörter
Delinquenz, Jugendkriminalität, Soziale Lerntheorie, Psychoanalyse, Selbstkontrolle, Anomietheorie, Labeling Approach, Subkultur, Strukturelle Gewalt, Lebensbewältigung, Sozialisation, Erbsünde, Kriminologie, Entwicklungspsychologie, Abweichendes Verhalten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Herleitung und Analyse von Erklärungsansätzen für delinquentes Verhalten bei Jugendlichen und Heranwachsenden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit gliedert sich primär in psychologische, soziologische, biologische und religiöse Erklärungsmodelle sowie einen integrativen, multifaktoriellen Ansatz.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Komplexität von delinquentem Verhalten zu beleuchten, indem verschiedene Fachdisziplinen und deren theoretische Ansätze zur Entstehung von Kriminalität gegenübergestellt werden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturarbeit, die bestehende kriminologische, psychologische und soziologische Theorien analysiert und synthetisiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil erörtert detailliert Konzepte wie die psychoanalytische Theorie, Lerntheorien, die Anomietheorie, den Labeling Approach sowie das Konzept der Lebensbewältigung nach Böhnisch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Delinquenz, Jugendkriminalität, Lebensbewältigung, Sozialisation, Selbstkontrolle und der Labeling Approach.
Wie unterscheidet sich die "neurotisch bedingte Delinquenz" von der "Delinquenz durch Verwahrlosung"?
Während bei der neurotisch bedingten Delinquenz ein überstarkes Über-Ich Ursache für Konflikte ist, beruht die Delinquenz durch Verwahrlosung auf einem zu schwach ausgebildeten Über-Ich, wodurch Schuldgefühle fehlen.
Welche Rolle spielt das "Konzept der Lebensbewältigung" nach Böhnisch in der Analyse?
Dieses Konzept dient als multifaktorieller Ansatz, der das Individuum in seinem sozialen Kontext betrachtet und delinquentes Verhalten als Versuch der Lebensbewältigung in einer anomischen Gesellschaft interpretiert.
- Arbeit zitieren
- Antonia Anzenhofer (Autor:in), 2012, Erklärungsansätze für die Straffälligkeit von Jugendlichen und Heranwachsenden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281578