Feldforschung bei Friseursalons in Esch-sur-Alzette, Luxemburg

Exkursionsbericht


Praktikumsbericht / -arbeit, 2014

7 Seiten

Lisa Fink (Autor)


Leseprobe

Exkursionsbericht Friseursalons in Esch-sur-Alzette - Eine teilnehmende Beobachtung

Kein Stadtplan, keinerlei konkrete Handlungsanweisung, keine ausformulierte For- schungsfrage. Lediglich ausgestattet mit der Hintergrundinformation, dass die nach der Hauptstadt zweitgrößte Stadt Luxemburgs, Esch-sur-Alzette, bei ihren rund 32.600 Einwohnern einen beachtlichen Anteil von Menschen mit Migrationshinter- grund aufweist sowie mit einem Zettel, der im Losverfahren über unser jeweiliges zentrales Forschungsinteresse entscheidet, machen wir uns einzeln auf den Weg in das Zentrum von Esch-sur-Alzette. »Friseur« steht als Thema auf meinem Zettel, während meine KommilitonInnen sich etwa mit Kaufhäusern, Fast-Food-Restaurants, Schulen, Leiharbeitsfirmen, Cafés, portugiesischen Lokalen, Schrebergärten, Banken und vielem mehr befassen werden. Ziel unserer Exkursion in die Grenzregion Saar- LorLux soll es schließlich auch sein, die kulturwissenschaftlichen Methoden unseres Studiums einmal in der Praxis und in kurzer Zeit auszuprobieren und auf sich wirken zu lassen. Die Besonderheit dieser Übung liegt dabei sicherlich darin, dass wir un- vorbereitet in ein unbekanntes, eventuell völlig fremdes Feld und noch dazu in frem- der Umgebung, geschickt werden. Auf diese Weise ins kalte Wasser geworfen, liegt es an uns, je nach Fall aus dem Stegreif geeignete Methoden und Vorgehensweisen auszuwählen und anzuwenden. Zweieinhalb Stunden haben wir hierfür Zeit, ehe wir uns gegen 12:30 Uhr am verabredeten Treffpunkt im »Café Casablanca« über die gesammelten Erfahrungen austauschen wollen. So mache ich mich also auf den Weg - mit einem, wie ich zunächst noch denke, bereits festen Plan im Kopf.

Mit der Information unseres Professors im Hinterkopf, dass ein erheblicher Großteil der Einwohner Esch-sur Alzettes nicht-luxemburgischer Abstammung ist, gehe ich sofort und automatisch mit der Erwartung in mein Feld, vermeintlich typische türki- sche Friseursalons à la »Hakim's Hair Cut« vorzufinden, in denen die türkische Community zusammenkommt und beim neuesten Klatsch und Tratsch gemeinsam Tee trinkt. Ein weiteres Stereotyp kommt mir in Form asiatischer Friseursalons in den Sinn, wie die kleinen Schwabinger Läden, in denen ich während meiner Studienzeit in München hin und wieder für gerade mal 10 Euro zum Spitzenschneiden ging. Dass diese stereotypen Assoziationen unangebracht, ja schlichtweg unzutreffend sein könnten, kommt mir zunächst gar nicht in den Sinn. Mein Plan sieht vor, dass ich die zweieinhalb Stunden für einen Wahrnehmungsspaziergang nutze, bei dem ich den folgenden zentralen Fragen nachgehen möchte: Wie viele und welche Art von Fri- seursalons gibt es im Zentrum von Esch? Wie sind diese ausgestattet und eingerich- tet? Wie heißen sie und wer arbeitet dort? Wer sind die Kunden und wie gestaltet sich das jeweilige Preis-Leistungs-Verhältnis?

Schnell bin ich jedoch überrascht, meine Assoziationen nicht in der Realität bestä- tigt zu sehen. Keine überfüllten türkischen oder chinesischen Friseurläden. Stattdes- sen lese ich überwiegend französische Namen, mit wenigen Ausnahmen, wie etwa dem »Salon Antonia«, »Chez Paula« oder dem »Backstage«. In Letzterem lasse ich mir - auf Französisch - einen Kostenvoranschlag für die Leistungen Spitzenschnei- den, Waschen, Ansatzfärben und Föhnen ausstellen. Dort und auch im nächsten Sa- lon komme ich dabei auf Kosten von über 100 Euro, was für die genannten Leistun- gen im Durchschnitt eher teurer ist, als ich es aus Deutschland oder Österreich ge- wohnt bin. Ein Vergleich der Schaufenster-Preislisten weiterer Salons zeigt mir, dass ich wohl so schnell kein preiswerteres Angebot finden werde. Inzwischen habe ich mich entschieden, als Kundin in einen der Salons zu gehen. Nicht auf Grund von Sprachproblemen, denn mit Französisch komme ich in den Salons gut zurecht und die Dame, die mich im Salon »Chez Paula« empfängt, berät mich sogar in fließen- dem Deutsch. Es sind demnach weniger die Sprachprobleme, die mich zu meinem Entschluss führen, in die Rolle einer Kundin zu schlüpfen. Vielmehr ist es die Ratlo- sigkeit, die ich zunächst empfinde, als meine Beobachtungen so gar nichts mit mei- nen Erwartungen zu tun haben und der Wahrnehmungsspaziergang sich als Metho- de für mein Thema demnach nur bedingt geeignet hat. Die wenigen anwesenden Herren und vor allem Damen mittleren Alters anzusprechen traue ich mich ebenso wenig, wie in Form eines spontanen Leitfadeninterviews die Mitarbeiter zu befragen. Obgleich ich auf diese Weise wohl am schnellsten an Informationen gelangen würde, erscheint mir ein direktes Interview ohne Ankündigung, geschweige denn eine ge- wisse Form der Gegenleistung, nicht angebracht. Es scheint mir geradezu vermes- sen, mit meinem wenig strukturierten Thema die wertvolle Zeit der Arbeitenden zu rauben; noch dazu ohne Garantie, dass bei meinem unstrukturierten Vorgehen etwas Brauchbares herauskommt. Eine direkte Befragung lehne ich also ab. Beinahe schon verzweifelt, da ich keinen günstigeren Salon finde, nicht einmal in den Neben- und Parallelstraßen, stoße ich schließlich auf einen außergewöhnlichen Salon im Herzen der Fußgängerzone. Es erfordert zweimaliges Hinsehen, ehe ich »Ryanhair« überhaupt als Friseursalon erkenne. Dieser Friseurladen besticht durch eine ungewohnte Ausstattung, die in mir zunächst die Assoziation mit einem Fast- Food-Restaurant weckt. Über dem »Check In«, dem Empfangstresen, sind große, knallbunte Schilder angebracht, die ähnlich wie Menütafeln in Schnellimbissen, auf Deutsch, Englisch und Französisch, die unterschiedlichen Leistungs-Kombinationen, sogenannte »EcoPacks«, veranschaulichen. Da ich mit den für mich unübersichtli- chen Tafeln zunächst überfordert bin, berät mich eine der drei Mitarbeiter. Eine jun- ge, dunkelhaarige Friseuse, die fließendes Deutsch spricht. Ich beschließe spontan, meine Forschungsabsicht zunächst für mich zu behalten. Wie geplant entscheide ich mich daraufhin für eine individuelle Kombination aus Waschen, Spitzenschneiden, Ansatzfarbe und Föhnen. Dank eines Studentenrabatts komme ich auf insgesamt sehr preiswerte 56 Euro. Meine Friseuse erklärt mir das Konzept des »First Quality Hairdiscounts«, wie sich der Laden selbst bezeichnet. Ich erfahre, dass in diesen Filialen möglichst geringe Preise bei dennoch höherer Qualität angeboten wird, so dass sich auch junge Personen und solche mit kleinem Budget einen »vernünftigen Friseurbesuch« leisten können. Wie ich während der Behandlung erfahre, gibt es insgesamt 11 Filialen von »Ryanhair« in Luxemburg, sowie eine weitere Filiale, die sich durch eine noblere Ausstattung und höhere Preise abhebt. Der Besitzer der Ket- te sei Österreicher, bereits seine Mutter habe einen Friseursalon in Luxemburg be- sessen. Wie die Dame nach Luxemburg kam, weiß die Friseuse allerdings nicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Feldforschung bei Friseursalons in Esch-sur-Alzette, Luxemburg
Untertitel
Exkursionsbericht
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Exkursion in die Region SaarLorLux
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V281783
ISBN (eBook)
9783656768715
ISBN (Buch)
9783656768678
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feldforschung, friseursalons, esch-sur-alzette, luxemburg, exkursionsbericht
Arbeit zitieren
Lisa Fink (Autor), 2014, Feldforschung bei Friseursalons in Esch-sur-Alzette, Luxemburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281783

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