Textlinguistische Analyse des Artikels "Migrantenland ist abgebrannt"


Seminararbeit, 2011
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Intratextuelle Datenanalyse
2.1 Wortorientierte Analyse
2.1.1 Stigmawörter/Fahnenwörter
2.1.2 Schlagwörter
2.1.3 Ad-hoc-Komposita
2.2 Propositionsorientierte Analyse
2.2.1 Präsuppositionen und Implikatur
2.2.2 Rhetorische Figuren
2.3 Textorientierte Analyse
2.3.1 Textfunktion
2.3.2 Lexikalische Felder

3 Transtextuelle Datenanalyse
3.1 Intertextualität
3.2 Argumentationstopoi

4 Zusammenfassung

5 Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellenangabe
5.2 Literaturverzeichnis
5.3 Internetangaben

6 Anhang: Migrantenland ist abgebrannt - Quellentext

1 Einleitung

In seiner Anleitung zur Analyse politischer Texte schreibt Siegfried Jäger:

„Zunächst zur Textlinguistik. Das ist ein weites Feld, das ich hier nur grob umreißen kann. Ich muss es aber tun, wenn ich vermitteln will, weshalb die Linguistik – und das gilt leider auch noch für die Textlinguistik – so ungemütlich ist, und erst recht, wenn es mir darum geht, sie zwar nicht gemütlicher zu machen, aber doch als zwar anstrengende, aber lohnende Betätigung zu verteidigen. Der Hauptgrund für ihre ‚Ungemütlichkeit‘ besteht nämlich in ihrem fehlenden oder lächerlich mangelhaften Bezug zur Praxis.“[1]

Weiterhin kritisiert er die Methoden der Textanalyse, die sich weniger für den Inhalt von Texten interessiere, sondern die kommunikative Funktion und Wirkung von Texten aufgrund regelhafter Vorgänge losgelöst vom Inhalt analysiere.[2] Ich hingegen vertrete Jägers Ansicht, dass eine Textanalyse im Rahmen einer Diskursuntersuchung zwingend den Inhalt des Fragments berücksichtigen muss.

Der Text, den es als Beispiel eines Diskursfragments des Migrationsdiskurses zu untersuchen gilt, erschien in der Online-Zeitschrift der Deutschen Stimme, dem Parteiorgan der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, unter dem Titel Migrantenland ist abgebrannt [3] . Über den Verfasser Peter Schüssler-Paasche sind durch konventionelle Recherche keine weiteren Informationen zu erhalten; in den archivierten Online-Ausgaben der Deutschen Stimme hat er keine weiteren Artikel verfasst. Fest steht selbstredend, dass der Artikel einen rechtspopulistischen Kontext zum Ursprung hat.

Er ist in der Folge der Veröffentlichung des Jahresgutachten 2010 des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) entstanden und dient als politischer Kommentar zu den darin angeführten Ergebnissen.

Stellt man die Frage danach warum Schüssler-Paasche den Kommentar verfasst, dann ist dies mit politischem Hintergrundwissen weitaus leichter zu beantworten (er handelt von Migration: die NPD ist als Einwanderungsgegner bekannt) als die Frage danach, wie er sein Ziel, einer Leserschaft seine teilweise unsagbaren Ansichten zu kommunizieren und davon zu überzeugen, erreicht. In diesem Rahmen ist es wie erwähnt notwendig Struktur und Inhalt des Textes als Teile eines Ganzen zu betrachten.

Zudem wird der Text als Diskursfragment innerhalb des Diskurses platziert und es werden mögliche Folgen der Position diskutiert. Für die Analyse des Textes als Diskursfragment bediene ich mich der DIMEAN-Methode von Warnke, um damit hinter der Sprache vermutete Phänomene aufdecken zu können.[4] Im Sinne der Methode wird auf intratextueller und transtextueller Ebene gearbeitet, auf die detaillierte Analyse der Diskurshandlungen/Akteure (wie von Warnke als Zwischenschritt zwischen intratextueller und transtextueller Analyse nahe gelegt) wird aufgrund des Arbeitsumfangs und weil deren Aspekte auch im Zuge der anderen Kapitel offen gelegt werden verzichtet. Statt eine Inhaltsangabe vorzunehmen wird zum besseren Nachvollzug die kurze Lektüre des besprochenen, anhängenden Textes vorgeschlagen.

Aus den optionalen Analysebereichen wurden diejenigen ausgewählt, die der Fragestellung und der Textsorte des politischen Kommentars am dienlichsten schienen. Es werden pro Kapitel exemplarische Beispiele erläutert, eine vollständige Analyse ermöglicht der Rahmen der Seminararbeit nicht.

2 Intratextuelle Datenanalyse

2.1 Wortorientierte Analyse

Ein- und Mehrworteinheiten werden hier gleichermaßen unter den ausgewählten Kategorien Stigma-/Fahnen- und Schlagwörter, sowie Ad-hoc-Komposita analysiert. Die Grenzen zwischen den getroffenen Klassifikationen sind jedoch fließend.

2.1.1 Stigmawörter/Fahnenwörter

Migrantenland (Z. 1) – Stigmawort, eigentlich Migrationsland

national denkender Mensch (Z. 13f) – Fahnenwort

Heimat und Volk (Z. 14) – Fahnenwort

Ausländerbeauftragter/Integrationsbeauftragter (Z. 18f) – Stigmawort

Rechtsextremisten (Z. 42) – Stigmawort

psychopathologische Kollektivhaft (Z. 57) – Stigmawort

Bunte Gesellschaft der Neudeutschen (Z. 62) – Stigmawort

Das Verhältnis der Stigmawörter gegenüber den Fahnenwörtern ist offensichtlich ungleich verteilt. Es überrascht nicht, dass die Stigmawörter überwiegen. Die Absicht des Autors ist primär also nicht, seine Ansicht positiv hervorzuheben, sondern die Position des politischen Gegners negativ zu kennzeichnen. Dadurch erhofft er sich sekundär Zulauf zu seiner Gesinnung.

Der Autor setzt den Begriff Rechtsextremist im Zusammenhang mit der „Umvolkung über die Kreißsäle“ (Z. 35) als „Panikmache von ,Rechtsextremisten‘ “ (Z. 42) in Anführungszeichen. Dadurch soll der Begriff „Rechtsextremist“ bereits als ein Stigmawort erscheinen, das im Diskurs national denkende Menschen, Menschen, die in Kategorien wie Volk und Heimat denken würden, nur als rechtsextrem stigmatisiere. „Volk und Heimat“ sind hierbei positiv konnotierte Begriffskonzepte, die durch ihre Verwendung eine idyllische deutsche Welt suggerieren sollen, die der Einwanderer unter Zustimmung des Staates durch fehlende „Handlungsbereitschaft“ zerstören will, respektive zerstört hat.

Der Begriff „psychopathologische Kollektivhaft“ gehört zum Gedankengang des Autors, der in Kapitel 2.1.3 behandelt wird, die Verantwortung für Auschwitz nicht anzuerkennen, beinhaltet jedoch zusätzlich die These, dass der „bunte[n] Gesellschaft der Neudeutschen“ diese Verantwortung auch mit „psychologischen Mätzchen nicht beizubringen“ (Z. 60) sei. Zur Argumentation, dass eine „Umvolkung über die Kreißsäle“ nicht akzeptabel sei, weil die nachwachsenden Generationen die Verantwortung für die Shoah nicht adaptierten, stimmt er also kurzfristig der Tatsache zu, dass es eine zu tragende Verantwortung dafür gibt; um sie dann wie im Folgenden erläutert wird wieder abzustreiten.

2.1.2 Schlagwörter

Einwanderungsgesellschaft (Z. 6)

unumkehrbare Wahrheit (Z. 11)

Normalbürger (Z. 29)

Umvolkung über die Kreißsäle (Z. 35)

Auflösung durch Überfremdung (Z. 55)

geschaffene multikulturelle Gesellschaft (Z. 56)

Überfremdete Stadtteile (Z. 66)

Verteilungskampf (Z. 96)

Sozialsysteme (Z. 96)

Die Schlagwörter sind gleichsam stigmatisierend und wie die ausgewählten Ad-hoc-Komposita teilweise ironisierend. Zusätzlich sind sie besonders geeignet das Gefahren-szenario zu zeichnen, welches der Autor heraufbeschwören möchte, falls man der Einwanderung keinen Riegel vorschiebt.

Der Gebrauch des Begriffs „Normalbürger“ soll im Kontext mit dem häufig verwendeten Personalpronomen „wir“ („Versuchen wir eine Übersetzung dieses Migrations-Geschwurbels für den Normalbürger“ Z. 29) einen gemeinsamen (Verstehens-) Horizont mit dem Leser suggerieren. Er grenzt sich und die anderen Normalbürger von einer „herrschenden Elite“ (Z. 114) ab. Gleichsam möchte er als Autorität erscheinen, indem er die „Übersetzung“ vornimmt und durch die Strukturierung seines Textes und Erläuterung der Stichpunkte eine wissenschaftliche Arbeitsweise und Fachkompetenz vorgibt.

Die Vokabel „Überfremdung“ klingt beim „Normalbürger“ mit den Verweisen auf die politischen Ereignisse in „Pariser Vororten“, „Italien“ und „Palästina“ (Z.75ff) möglicherweise warnend (zu beachten ist die scheinbar willkürliche Vermischung von Städten, Ländern, Regionen und Sachverhalten, die jedoch einzeln für sich dem Tagesschau-Kenner plakative Bilder ins Gedächtnis rufen), so galt sie doch bereits im Nationalsozialismus als Begründung für die Judenverfolgung und Rassenideologie.[5] Ebenso ist das Schlagwort „Umvolkung“ der Sprache der Nationalsozialisten entlehnt, bezeichnet heute aber im Grunde das Gegenteil seiner damaligen Bedeutung, die darin lag das deutsche Volk in östlich an Deutschland angrenzende Länder umzuvolken; heute benutzen es Anhänger rechter Gruppierungen, um ihrer Angst vor Überfremdung Ausdruck zu verleihen, da ihrer Ansicht nach der Anteil eingewanderter Ausländer zu hoch ist.[6]

Es gilt demnach auch für dieses Diskursfragment, dass Schlagwörter in der politischen Auseinandersetzung tragend für die Positionierung und Überzeugung sind, indem sie komplexe Sachverhalte kognitiv erleichtern.[7]

2.1.3 Ad-hoc-Komposita

Migrations-Geschwurbel (Z. 29)

Einwanderungsfanatiker (Z. 52)

Schuldkult (Z. 53)

Holocaust-Industrie (Z. 64)

Gutmenschen (Z. 65)

An den Ad-hoc-Komposita ist zu erkennen, dass sie auf Ironie und Zynismus basieren. Mit dem Begriff „Schuldkult“ gibt der Autor klar zu erkennen, dass er die deutsche Erinnerungskultur seitens der Regierung für inszeniert hält und kein tatsächlicher Grund für ein Schuldgefühl existiere. Die Bezeichnung der Shoah als „Holocaust-Industrie“ (wenn auch in Anführungszeichen) steigert diese weltanschauliche Äußerung einer fehlenden Schuldgrundlage noch einmal um drastischere Implikationen. Industriell gefertigt bedeutet immer auch a) nicht natürlich, b) massenhaft und c) gewinnorientiert. Daraus lässt sich die Ideologie des Autors ableiten, dass er die Schuldgefühle im Bezug auf die deutsche Verantwortung für den Holocaust für künstlich instruiert, unnatürlich und im Hinblick auf massenhaft für eine Art Gehirnwäsche der Regierung hält. In weiterer Konsequenz der Aussage gäbe es keinen Grund für Schuldgefühle. Das heißt, dass der Autor entweder ein Befürworter des Holocaust ist oder ihn aber abstreitet!

Der Begriff Gutmensch unterstützt abermals diese Anschauung. Legt man dem Begriffskonzept „Gutmensch“ den Definitionsversuch eines überzogen nach außen getragenen Altruismuses zugrunde, dann geben diese Schüssler-Paasches Ansicht nach nur vor einen Schuldausgleich anzustreben – und zwar mit dem Ziel ein positives Bild in der Öffentlichkeit abzugeben und nicht der Sache wegen. Gutmensch ist als Neologismus bereits in die Wörterbücher eingegangen und kann in vorliegender Verwendung auch als Stigmawort bezeichnet werden ob der ursprünglich positiven Konnotation.

2.2 Propositionsorientierte Analyse

2.2.1 Präsuppositionen und Implikatur

Um ein erkenntnistheoretisches Ergebnis aus der Analyse von Präsuppositionen und Implikationen zu erreichen ist es notwendig Aussagen zu filtern, die beide Phänomene mit einbeziehen. Nur in der Gegenüberstellung von tatsächlich Referiertem und Implikatiertem entsteht ein Spannungsfeld, dessen Untersuchung sich lohnt. Angeführt werden einige Satzbeispiele, die satzintern betrachtet scheinbar keine große Brisanz entwickeln, jedoch plakativ für die Methodik des Verfassers sind:

a) „Versuchen wir eine Übersetzung dieses Migrations-Geschwurbels für den Normalbürger“ (Z. 29)

Die Präsupposition bezieht sich darauf, dass es Normalbürger und also auch Nicht-Normalbürger gibt. Dies implementiert die Ansicht des Autors, dass Normalbürger seine Übersetzung benötigen; auch wenn er durch die Verwendung des Adhortativ (der zugleich als exklusives wir benutzt wird[8] ) eine symmetrische Kommunikation mit der Leserschaft suggeriert, maßt er sich dennoch an, die kompetente Instanz zu sein, die erstens eine Übersetzung anfertigen kann und zweitens weiß, dass der Normalbürger eine Übersetzung benötigt.

b) „Nicht einmal, wirklich kein einziges Mal taucht in diesem Gutachten das Wort ‚Volk‘ oder gar ‚deutsches Volk‘ auf.“ (Z. 12f)

Die Präsupposition lautet, dass es ein Gutachten und die Wörter „deutsches Volk“ gibt; das Implikat offenbart die Meinung, dass im Gutachten folgerichtig die Wörter „deutsches Volk“ verwendet werden müssten. Das ist eine schein-logische Implikation, die Notwendigkeit der Verwendung der Wörter ist selbstverständlich nur aus rechtspopulistischer Sicht gegeben und erklärt sich auch nur unter Berücksichtigung des folgenden Beispiels: eine Unterscheidung zwischen Fremden und Einheimischen Deutschen zu proklamieren.

c) „Integrationsbeauftragter ist die Steigerung von Ausländerbeauftragter, beides sind wertvolle Mitglieder der Einwanderungsgesellschaft, der Integrationsbeauftragte ist aber noch ein wenig wertvoller, weil er schon in der Namensgebung jede Unterscheidung zwischen vermeintlich Fremden und Einheimischen vermeidet.“ (Z. 18ff)

Präsupponiert ist die Unterscheidung von Ausländerbeauftragter und Integrationsbeauftragter in Form einer Klimax (tatsächlich bezeichnen die beiden Begriffe dasselbe Amt). Schüssler-Paasche impliziert in seine Aussage, dass zwischen Fremden und Einheimischen unterschieden werden sollte; eine dezidierte Trennung zwischen Fremdem und Einheimischem anzustreben erinnert meiner Ansicht nach an die Nürnberger (Rasse-) Gesetze.

[...]


[1] Jäger, Siegfried, Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte (= DISS-Texte, Bd. 16), 5. Auflage, Duisburg 1994, S. 14.

[2] Ebd., S. 15.

[3] Schüssler-Paasche, Peter, Migrantenland ist abgebrannt. 2. Juli 2010, URL: http://www.deutsche-stimme.de/ds/?p=3441. Stand: 29. Juni 2011.

[4] Vgl. Warnke, Ingo und Jürgen Spitzmüller, Methoden und Methodologie der Diskurslinguistik – Grundlagen und Verfahren einer Sprachwissenschaft jenseits textueller Grenzen, in: Ingo Warnke und Jürgen Spitzmüller (Hgg.), Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftliche Zugänge zur transtextuellen Ebene (= Linguistik – Impulse & Tendenzen, Bd. 31), Berlin 2008, S. 14.

[5] Vgl. Wikipedia, Überfremdung. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfremdung. Stand: 2. Juli 2011.

[6] Vgl. Wikipedia, Umvolkung. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Umvolkung. Stand: 2. Juli 2011.

[7] Vgl. Schröter, Melanie und Björn Carius, Vom politischen Gebrauch der Sprache. Wort-Text-Diskurs. Eine Einführung, Frankfurt am Main 2009, S. 20.

[8] Vgl. Meibauer, Jörg, Pragmatik. Eine Einführung, 2. Auflage, Tübingen 2008, S.13.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Textlinguistische Analyse des Artikels "Migrantenland ist abgebrannt"
Hochschule
Universität Kassel  (Germanistik)
Veranstaltung
Textlinguistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
33
Katalognummer
V281792
ISBN (eBook)
9783656764892
ISBN (Buch)
9783656764915
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Textlinguistik, warnke, müller, maren keller, DIMEAN, deutsche stimme, migrantenland, germanistik, analyse, Stigmawörter, schlagwörter, fahnenwörter, komposita, propositionsorientierte analyse, rhetorische figuren, textfunktion, lexikalische felder, intertextualität, argumentationstopoi, intratextuelle datenanalyse, transtextuelle datenanalyse
Arbeit zitieren
Maren Keller (Autor), 2011, Textlinguistische Analyse des Artikels "Migrantenland ist abgebrannt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281792

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