Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Der didaktische Zugang zur Fischer Kontroverse mittels Strukturierter Kontroverse


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Sachanalyse

2. Didaktische Analyse
2.1. Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung des Themas
2.2. Exemplarität der Fischer-Kontroverse
2.3. Beitrag zur Entwicklung von fachspezifischen Kompetenzen und den allgemeinen Zielen des Geschichtsunterrichts
2.4. Fachspezifische Zugangsmöglichkeiten zum Unterrichtsgegenstand
2.5. Didaktische Reduktion

3. Die Strukturierte Kontroverse

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

0. Einleitung

Diese Hausarbeit befasst sich mit der didaktischen Umsetzung der Fischer-Kontroverse mittels der Methode der Strukturierten Kontroverse. Es geht dabei darum, das didaktische Potential einer historischen Debatte und der Strukturierten Kontroverse herauszuarbeiten.

Im ersten Teil der Arbeit, der Sachanalyse, werden der Gegenstand und der historische Verlauf der Fischer-Kontroverse dargestellt. Außerdem werden zentrale Argumentationen verschiedener beteiligter Historiker wiedergegeben.

In der Didaktischen Analyse wird begründet, warum das Thema im Unterricht behandelt werden soll. Die Punkte 2.1 bis 2.4 erläutern mögliche Lernziele der Beschäftigung mit der Kriegsschulddebatte. In Punk 2.1 wird die Relevanz des Themas für die Gegenwart und Zukunft der Schüler erläutert. In Punkt 2.2 wird die „höhere Relevanz“, der Sinnzusammenhang zwischen der Fischer-Kontroverse und prinzipiellen polit-historischen Gesichtspunkten wie Begrifflichkeiten und Objektivität der Erkenntnis erläutert. In Punkt 2.3 soll gezeigt werden, inwiefern Schüler durch den Umgang mit der Fischer-Debatte wichtige Kompetenzen erwerben. Punkt 2.4 befasst sich mit dem Prinzip der Multiperspektivität und stellt dar, inwiefern dieses durch die Beschäftigung mit der Fischer-Kontroverse erlernbar ist. In Punkt 2.5, der didaktischen Reduktion, wird die Frage beantwortet, wie der Gegenstand reduziert werden muss, um ihn für eine bestimmte Altersgruppe angemessen erfahrbar zu machen.

Im dritten Teil der Arbeit wird die Methode „Strukturierte Kontroverse“ in bezug auf die Fischer-Kontroverse vorgestellt. Dabei soll deutlich werden, wie sich die didaktischen Potentiale der Kriegsschulddebatte mit denen der Strukturierten Kontroverse verbinden lassen. Dieser Teil der Arbeit ist in Zusammenarbeit mit dem Kommilitonen Maximilian Geiss entstanden, der dasselbe Thema ebenfalls im Rahmen der Strukturierten Kontroverse bearbeitet hat.

Teil 4 der Arbeit bildet ein Fazit, in dem die Tauglichkeit der Methode und ihre Lernmöglichkeiten überprüft werden.

Im Anhang befinden sich die für die Strukturierte Kontroverse ausgewählten Positionen von Fritz Fischer, Egmont Zechlin und Karl-Dietrich Erdmann.

1. Sachanalyse

Die Fischer-Kontroverse war der erste Historikerstreit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Auslöser für die Kontroverse war die These des Hamburger Geschichtsprofessors Fritz Fischer in seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“, dass die deutsche Regierung im Juli 1914 den Zweck hatte, den Status quo der europäischen Mächte zu ihren Gunsten durch einen Krieg gegen Frankreich und Russland zu verändern.[1] Gegen diese Interpretation der Ereignisse wehrte sich fast die gesamte „Zunft“ der deutschen Historiker. Mit unterschiedlichen Theorien und Erklärungsansätzen kamen sie zu demselben Schluss: dass die deutsche Regierung den Krieg nicht gewollt hatte.

Die deutsche Regierung propagierte im Juli/August 1914, dass sie durch die Nachbarn Frankreich und Russland überfallen worden sei. Die Schuld am Krieg trage deshalb die Entente und nicht der Zweibund. Die eigene Politik wurde als Reaktion auf die französisch-russische Aggression dargestellt. Mit dieser Behauptung bezweckte die deutsche Regierung, die eigenen kriegspolitischen Vorhaben zu rechtfertigen und den eigenen Krieg nach innen gegenüber der anti-imperialistischen SPD und nach außen gegen England, auf dessen Neutralität man hoffte, zu rechtfertigen. Durch die Interpretation der eigenen imperialistischen Absichten als friedenssichernde Maßnahmen sollte der deutsche Imperialismus den Anschein eines defensiven Charakters erhalten.[2]

Innerhalb der deutschen Öffentlichkeit und von offizieller Seite ist von der großen Mehrheit auch nach dem Krieg diese Ansicht vertreten worden. Zweck war diesmal nicht mehr die Legitimation der eigenen Kriegsziele, sondern die Zurückweisung des Artikels 231 aus dem Versailler Vertrag, der Deutschland und seinem Verbündeten Österreich-Ungarn die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuwies. Der Standpunkt der Regierung wurde von der deutschen Öffentlichkeit mehrheitlich geteilt und um diesen nicht zu erschüttern, wurden Publikationen wie Richard Grellings Buch „J´ accuse!“ oder Hermann Kantorowiczs „Gutachten zur Kriegsschuldfrage“, die den Kriegswillen der deutschen Regierung unterstrichen, verboten.

Um den eigenen nationalen Anspruch auf die Revidierung des Versailler Kriegsschuldparagraphen zu untermauern, stützte sich die Öffentlichkeit bevorzugt auf die These des englischen Kriegspremiers Lloyd George. Dieser behauptete in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, dass keiner Regierung die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs gegeben werden könne, da die Nationen gegen ihren Willen in den Krieg „hineingeschlittert“ seien. Der Krieg sei dadurch zu erklären, dass das gegenseitige Misstrauen unter den Staaten gewachsen sei bis hin zu dem festen Glauben an die Angriffsabsichten des anderen Staates bzw. der anderen Staaten. Sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der Sachliteratur erfreut sich dieser Erklärungsansatz weiterhin großen Zuspruchs.

Die These, dass Deutschland überfallen worden sei, weist eine Kontinuität bis 1945 auf. Erst eine deutsch-französische Historikerkommission kam im Zuge der deutsch-französischen Annäherung 1951 zu dem Urteil, dass die Auswertung der Dokumente es nicht zulasse, einer Regierung den Willen zum Krieg zuzuschreiben.

Allerdings ist der Ansatz der Historikerkommission und auch der Lloyd Georges in der deutschen Geschichtswissenschaft bereits während der Fischer-Kontroverse überwunden worden. Die meisten Historiker vertraten in den 1960er Jahren den Standpunkt, dass sich Deutschland im Jahre 1914 aus dem Gefühl einer Bedrohung heraus zu einem Präventivkrieg gegen die Entente entschlossen hatte. Dieser Krieg habe aber nicht den Zweck gehabt, eine deutsche Hegemonie auf dem Kontinent und damit eine Weltmachtstellung zu erkämpfen. Vielmehr wurde ihm ein defensiver Charakter bescheinigt.

Als ein wichtiger Vertreter der Präventivkriegsthese ist Egmont Zechlin zu nennen, der seinen Lehrstuhl ebenfalls in Hamburg hatte. Er stimmt in der Beurteilung der deutschen Politik während der Julikrise mit Fischer darin überein, dass Deutschland den „kleinen Krieg“ zwischen Österreich-Ungarn und Serbien gewollt habe. Dadurch sollte das „Prestige“ des Bündnispartners auf dem Balkan gestärkt werden. Hierfür habe die Reichsleitung durch seine provokante Diplomatie gegenüber Russland das wahrscheinlich werdende Kriegsrisiko in Kauf genommen. Berlin habe den Kontinentalkrieg nicht gewollt, war aber bereit, das Risiko eines „großen Krieges“ einzugehen. Die Vermittlungsbemühungen der deutschen Regierung hätten nicht der Friedenssicherung in letzter Sekunde gedient, sondern sollten die innen- und außenpolitische Situation des Deutschen Reiches verbessern, indem sich Berlin den Anschein der Kompromissbereitschaft gab. Der Antrieb der deutschen Regierung lag nach Zechlin in dem Willen, sich gegenüber anderen Mächten zu behaupten. Die deutsche Politik im Vorfeld des Ersten Weltkriegs habe einen defensiven Charakter gehabt, weil sie einerseits den Bündnispartner Österreich-Ungarn stützen und zweitens eine Machtverschiebung in Europa verhindern wollte.[3] Dabei habe die Reichsleitung kein Programm, das konkrete, aber bisher nicht erfüllte wirtschafts- und machtpolitische Ziele durchsetzen wollte, verfolgt.

[...]


[1] Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf, 4. Aufl. 1971.

[2] Vgl.: Ebd.: Krieg der Illusionen. Düsseldorf 1969, S. 681.

[3] Vgl.: Fritz Fischer: Juli 1914. Wir sind nicht hineingeschlittert. Reinbek 1983, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Der didaktische Zugang zur Fischer Kontroverse mittels Strukturierter Kontroverse
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Seminar für Didaktik der Geschichte)
Veranstaltung
Kooperatives Lernen im Geschichtsunterricht
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V281809
ISBN (eBook)
9783656764038
ISBN (Buch)
9783656764090
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erster Weltkrieg, Kriegsschuld, Kriegsschuldfrage, Fischer-Kontroverse, Fritz Fischer, Didaktik, Didaktik der Geschichte, Geschichtsunterricht, Methoden, Methoden im Geschichtsunterricht, Kooperatives Lernen, Strukturierte Kontroverse, Didaktische Analyse, Schule, Bildung, Historisches Lernen
Arbeit zitieren
Robert Jonas (Autor), 2009, Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Der didaktische Zugang zur Fischer Kontroverse mittels Strukturierter Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281809

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