Design your Community! Wie sich mit Design Thinking Partizipation neu gestalten lässt


Bachelorarbeit, 2013
56 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

Teil I: Politische Teilhabe
2. Was ist Teilhabe?
3. Was ist politische Teilhabe?
4. Inwieweit ist Teilhabe konstituierend für eine Demokratie?
5. Was lässt in Deutschland auf die (Nicht-)Verwirklichung von Teilhabe schließen?
6. Wie lässt sich politische Teilhabe verwirklichen?

Teil II: Design Thinking
7. Was ist Design Thinking?
8. Was lässt Design Thinking als geeignetes Instrument zur Verwirklichung von Teilhabe erscheinen?
a) Was könnte für Design Thinking als Teilhabe-Instrument sprechen?
b) Was könnte gegen Design Thinking als Teilhabe-Instrument sprechen?
c) Zusammenfassung
9. Fazit
10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit einem dreiviertel Jahr studiere ich an der d.school des Hasso-Plattner-Instituts der Universität Potsdam Design Thinking. Die d.school Potsdam ist „europaweit die erste Innovationsschule, die sich am Vorbild der berühmten d.school der Stanford Universität (Kalifornien) orientiert“1. Dort wie auch hier in Potsdam wird Design Thinking als eine Methode gelehrt, die es multidisziplinären Teams ermöglicht zu zahlreichen, nicht an bestimmte Themenbereiche gebundenen Problemstellungen innovative Lösungen zu erarbeiten. Die Vermittlung der Methode erfolgt konsequent anwendungsbezogen und auf eine grundlegend andere Art und Weise, als man es aus deutschen Seminar- und Klassenräumen gewohnt ist. Statt LehrerInnen und DozentInnen gibt es Coaches, die die Studierendengruppen in ihrem Lernprozess fördern und begleiten, jedoch ohne vorgefertigte Lösungen bereitzuhalten. Die Vermittlung von Design Thinking ist daher grundlegend „empowering“ und partizipativ. Hilfe zur Selbsthilfe wird durchgängig angeboten, die Verantwortung für den eigenen Projekt- und Lernerfolg liegt jedoch bei den Studierenden selbst. In keiner anderen Bildungsumgebung hatte ich bislang so vielfältige Möglichkeiten über meine Lernumgebung, meine Lerninhalte, meine Lernpartner, meine Lerngeschwindigkeit und vieles andere mitzubestimmen und sie aktiv mitzugestalten. Zugleich hat mich die Methode des Design Thinking inhaltlich überzeugt, da im Rahmen der Projekte meines ersten Semesters an der d.school vielversprechende Lösungsansätze für Problemstellungen aus unterschiedlichsten Gebieten entwickelt worden sind. Die meisten Themen wiesen eine deutliche gesellschaftliche Relevanz und Übertragbarkeit auf, die mich in Verbindung mit der direkten Erfahrung einer umfassenden Teilhabe an meinem eigenen Bildungsprozess auf die Idee brachten, die Eignung von Design Thinking als Tool für politische Teilhabe zu untersuchen.

Teilhabe und Partizipation sind wesentlicher Bestandteil fast aller Demokratietheorien und insbesondere in den letzten Jahren wieder stark in den theoretischen wie auch alltagspraktischen Fokus geraten. Proteste in Stuttgart, Paris, London, Athen, Madrid und andernorts verdeutlichen trotz „unterschiedlich[er] Anlässe, Motive und soziale[r] Herkunft der Protestierenden“ eine gemeinsame Problematik: „Bürgerinnen und Bürger fühlen sich zunehmend weniger ernst genommen und in ihren Interessen repräsentiert“2. Darüber hinaus muss sich jede in Entstehung begriffene Demokratie mit der Frage nach der Ausgestaltung von Teilhabe befassen, wie es derzeit beispielsweise in den Ländern des sogenannten Arabischen Frühlings geschieht. Die Bewertung von Teilhabe ist eine Frage der politischen Kultur und Sozialisation. Diese unterscheiden sich nicht nur zwischen Ländern wie Deutschland und Ägypten, sondern auch innerhalb dieser Länder zwischen einzelnen Interessengruppen. Dies führt zu mehr oder weniger konflikthaften, nicht immer friedlichen Aushandlungsprozessen. Dass diese Aushandlungsprozesse nicht mit der Verabschiedung einer Verfassung abgeschlossen sind, zeigt sich in unseren eigenen politischen Debatten. Die zunehmende Pluralisierung, Säkularisierung und Individualisierung der Gesellschaft haben zu einer erhöhten Heterogenität und abnehmenden Bindungen geführt, die Teilhabe und sozialen Zusammenhalt zu einer besonderen Herausforderung machen. Insbesondere Streitfragen der sozialen Teilhabe, wie zum Beispiel die Armuts- oder Migrationsdebatte, werfen auch bei uns Fragen nach dem gewünschten Grad sowie den Voraussetzungen von Teilhabe auf. So deuten Untersuchungen darauf hin, dass „soziale Beteiligung sicher als eine ‚Schule der Demokratie‘ zu betrachten“3 ist – und eine soziale Exklusion zum Beispiel durch Armut oder fehlende Bildung auch eine politische Exklusion nach sich ziehen wird.

Auch neue technische Möglichkeiten verändern den Spielraum politischer Teilhabe. So schreibt Süssmuth: „Politik IST Kommunikation, und seit der Digitalisierung hat sich die Kommunikation grundlegend gewandelt. Aufgrund dieser engen Beziehung musste sich auch die Politik verändern“4. Dabei hat sich nicht nur eine Entwicklung von analog zu digital vollzogen, sondern mit der Entstehung des Web 2.0 auch vom Monolog zum Dialog. Ein faszinierendes Beispiel hierfür ist die Internetplattform abgeordnetenwatch.de. Neben Informationen, beispielsweise zu Abstimmungsverhalten und Nebentätigkeiten der Bundestagsabgeordneten, findet man hier vor allem die Möglichkeit, diesen öffentlich Fragen zu stellen. Allein im Bundestagswahlkampf 2009 wurden dort nach eigenen Angaben 7.890 Fragen gestellt und 6.199 davon beantwortet, was einer Antwortquote von fast 80 Prozent entspricht.5 Die Beliebtheit eines solchen Angebots steht im Kontrast zu Diagnosen der Politikverdrossenheit, die beispielsweise mit dem Mitgliederschwund der großen Volksparteien6 und mit der tendenziell sinkenden Wahlbeteiligung7 begründet werden. Besonders an der sinkenden Wahlbeteiligung lassen sich die divergenten Argumentationen verschiedener Demokratie- und Teilhabe-Auffassungen deutlich illustrieren, denn „[d]as Sinken der Wahlbeteiligung wird unter anderem auch durch die Stabilität des politischen Systems in Deutschland erklärt – dabei wird davon ausgegangen, dass die Wählerinnen und Wähler ihre Stimme nicht abgeben, gerade weil sie mit der Politik weitgehend zufrieden sind. Andere Erklärungsansätze sehen eine wachsende Politikverdrossenheit als Ursache für die sinkende Wahlbeteiligung“8.

Es gibt also Hinweise auf ein sinkendes Interesse, sich politisch einzubringen, aber auch auf ein wachsendes. Ist vielleicht die Methode entscheidend? Meine Arbeit soll von der Frage geleitet sein, wie sich Teilhabe zur Zufriedenheit der Bürger – sowohl im Hinblick auf den Prozess als auch auf die Ergebnisse – verwirklichen lässt. Meine zentrale Hypothese lautet, dass sich Design Thinking hierfür als eine vielversprechende Option anbietet. Um diese zu überprüfen werde ich im ersten Teil der Arbeit den Zielen, Bedingungen und Kriterien von Teilhabe auf den Grund gehen und im zweiten Teil deren Kompatibilität mit der Design-Thinking-Methode prüfen. Zunächst werde ich den Begriff der Teilhabe näher untersuchen und verwandte Konzepte, wie beispielsweise Integration und Ownership, davon abgrenzen. Im dritten Kapitel wird es insbesondere um das Konzept der politischen Teilhabe gehen. Hierbei versuche ich die Vielfalt der Definitionen und Kategorisierungen zumindest in ausschnittweise widerzuspiegeln. Im darauffolgenden Kapitel muss die Frage untersucht werden, ob politische Teilhabe konstituierend für eine Demokratie sei. Schließlich ist die Prüfung von Design Thinking als Partizipationsmethode nur dann relevant, wenn diese Partizipation oder sogar ihr Ausbau überhaupt gewünscht werden. In diesem Kapitel kommen auch partizipationskritische Argumente zur Sprache, da nicht alle Demokratietheorien eine umfassende Bürgerbeteiligung positiv werten. Dass vielfältige Teilhabemöglichkeiten dennoch meist als unabdingbar zu einer Demokratie gehörend eingestuft werden, zeigt sich insbesondere daran, dass viele Krisendiagnosen der Demokratie, wie sie beispielsweise unter dem Begriff der Postdemokratie firmieren, eng mit dem Thema mangelnder Teilhabe verknüpft sind. Im fünften Kapitel sollen weitere aktuelle Positionen Thema sein, die darauf schließen lassen, dass in Deutschland durchaus Interesse an und Bedarf nach mehr politischer Teilhabe bestehen. Im letzten Kapitel des ersten Teils der Arbeit sollen bereits bestehende Ansätze zur Überwindung dieses Mangels angerissen werden. Eine allen zugängliche und auf die Voraussetzungen von Teilhabe abgestimmte Bildung erweist sich hier als ausschlaggebend. So ergibt sich auch der direkte Zusammenhang zum zweiten Teil der Arbeit, in dem zunächst die Methode des Design Thinking vorgestellt wird. Dabei handelt es sich nämlich nicht nur um eine Problemlösungs- und Innovationsmethode, sondern auch um eine Lehr- und Lernmethode. Im achten Kapitel werden schließlich die Pro- und Contra-Argumente für bzw. gegen Design Thinking als politisches Partizipationstool entwickelt. Welches Bild und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, wird im Fazit noch einmal zusammengefasst.

Teil I: Politische Teilhabe

2. Was ist Teilhabe?

Es handelt sich beim Begriff der Teilhabe um ein Konzept, das nicht an bestimmte Lebensbereiche gebunden ist, sondern allgemein definiert werden kann als das „Einbezogensein in eine Lebenssituation“9. Dass diese Definition von der Weltgesundheitsorganisation stammt, liefert jedoch einen Hinweis darauf, dass sich das Konzept vor allem im Zusammenhang mit Behinderung etabliert hat. Diese Etablierung spiegelt einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Menschen mit Behinderung: Wurden sie früher noch als der Fürsorge bedürftige Objekte betrachtet, so besteht heute der Anspruch, sie als Subjekte ihrer eigenen Verantwortung und Selbstbestimmung zu respektieren.10 Diese nicht auf punktuelle Mitbestimmung beschränkte, umfassende Teilhabe soll durch unterschiedliche Instrumente realisiert werden: von Einzelhilfen wie dem Teilhabegeld und dem Persönlichen Budget über ambulante Wohnformen und selbstorganisierte Nachbarschaftshilfe bis hin zu übergreifenden Ansätzen wie „disability mainstreaming“ und „Design for all“, die für eine umfassende, nicht allein auf Behinderung bezogene Barrierefreiheit und somit eine verbesserte Zugänglichkeit aller Gesellschaftsbereiche für alle Gesellschaftsmitglieder sorgen. Ein Beispiel für nicht notwendigerweise an Behinderung gekoppelte Barrierefreiheit ist die „Leichte Sprache“. Auf der Website www.ich-kenne-meine-rechte.de erklärt das Deutsche Institut für Menschenrechte das „Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ in Leichter Sprache. Solche Angebote ermöglichen Teilhabe, zum Beispiel an Informationen, für eine größere Zahl an Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die ansonsten, zum Beispiel durch Lernschwierigkeiten oder geringe Kenntnis der deutschen Sprache, ausgeschlossen wären.11 Teilhaberechte sind auch im Grundgesetz verankert. Neben den Freiheitsrechten sichern die sogenannten „soziale Grundrechte“ Mitwirkungs- und ggf. Leistungsansprüche.12 Ziel dieser Verankerung in den Grundrechten, wie auch der anderen Instrumente, ist die umfassende Teilhabe möglichst vieler Menschen in möglichst vielen Lebensbereichen, sei es sozial, politisch, beruflich oder kulturell.

Synonym für Teilhabe wird vor allem im politischen Bereich der internationalere Begriff Partizipation verwendet. Er leitet sich vom lateinischen partis, dem Genitiv von pars für „Teil“, und capere (in Zusammensetzungen -cipare) für „fassen“, „ergreifen“, d. h. auch von participare ab, das „teilnehmen“ bzw. „teilhaben“ bedeutet.13 Entsprechend ihrer identischen Denotation, werde ich beide Begriffe im Verlauf dieser Arbeit synonym verwenden. Allerdings sind sie – auch in meinen Augen – unterschiedlich konnotiert: „Sehr wahrscheinlich werden aber die Wörter ‚Teilnahme‘ und ‚Beteiligung‘ als weniger aktiv empfunden als Partizipation“14. So drückt Partizipation für mich aktive Einflussnahme aus, während Teilhabe auch die Voraussetzung und Befähigung zur Einflussnahme umfasst. Um diese Bedingtheit und Tragweite des Begriffs zu betonen, spreche ich an vielen Stellen und im Titel der Arbeit von Teilhabe statt Partizipation.

Einige solcher Voraussetzungen von Teilhabe werden mit den von Teilhabe selbst abzugrenzenden Konzepten von Empowerment und Ownership behandelt. Entlehnt aus dem Bereich der Psychologie und Sozialpädagogik, kann Empowerment mit „Selbstbemächtigung“ oder auch „Selbstkompetenz“ übersetzt werden. Ziel ist, ähnlich wie bei Teilhabe, ein selbstbestimmtes Leben. Empowerment hilft den Menschen bei der Entdeckung und Entfaltung ihrer Potenziale. Das führt zu mehr Selbstvertrauen und erleichtert es, ihre Interessen zu artikulieren und in den politischen Prozess einzubringen.15

Selbstvertrauen spielt auch im Ownership-Konzept eine große Rolle. Es soll die Menschen motivieren, ihre eigenen Erfahrungen und Wertvorstellungen in politische Vorhaben einfließen zu lassen. So übernehmen sie Verantwortung dafür und identifizieren sich stärker mit ihnen. Erfolg, Effizienz und Nachhaltigkeit der Vorhaben hängen von dieser „Eigentümerschaft“ der Betroffenen ab.16

Von großer Bedeutung für die Entstehung unterschiedlicher Teilhabe-Konzepte ist der Umgang mit der Vielfalt der Teilhabenden. Die Unterschiedlichkeit von Erfahrungen und Wertvorstellungen wird beim Diversity-Ansatz als Wert an sich positiv gedeutet. Im Zeitalter der Globalisierung begegnen sich immer mehr unterschiedlichste Menschen. Gesellschaften sind nicht mehr homogen, sondern umfassen sowohl Trennendes als auch Verbindendes. Aufgabe der Gesellschaft ist es daher, Diskriminierung zu verhindern und so Chancengleichheit herzustellen.17 Solch eine Vielfalt würdigende Position nimmt auch die UN-Behindertenrechtskonvention ein: „Die Konvention beschränkt sich indessen nicht darauf, Behinderung als Bestandteil der Normalität menschlichen Lebens zu begreifen. Sie geht einen Schritt weiter, indem sie das Leben mit Behinderungen als Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt positiv würdigt“18.

Um trotz hoher gesellschaftlicher Vielfalt nicht auseinanderzubrechen, sind Gesellschaften um Integration bemüht. Während darunter früher vor allem eine Anpassung an bzw. Eingliederung in ein relativ feststehendes Ganzes verstanden wurde, ist heute eine Interpretation des Begriffs als offener, wechselseitiger Lernprozess gebräuchlicher. Wie solch ein Lernprozess aussehen könnte, beschreibt Feuser: „Integration bedeutet pädagogisch (in gleicher Weise für Kindergarten und Schule), daß a l l e Kinder und Schüler (ohne Ausschluß behinderter Kinder und Jugendlicher wegen Art und/oder Schweregrad einer vorliegenden Behinderung) in Kooperation miteinander auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau nach Maßgabe ihrer momentanen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungskompetenzen an und mit einem ‚gemeinsamen Gegenstand‘ (Projekt / Vorhaben / Inhalt / Thema) spielen, lernen und arbeiten. Integration ist kooperative (dialogische, interaktive, kommunikative) Tätigkeit im Kollektiv“19.

Obwohl politisch in Form von „Integrationsdebatten“ noch immer vielfach im Gespräch, wird die Idee der Integration vor allem im sozialen Sektor zunehmend von der der Inklusion abgelöst. Bielefeldt verdeutlicht den Unterschied anhand der UN-Behindertenrechtskonvention. Es gehe nicht wie bei einem traditionellen Integrationsansatz darum, die „Türen zu öffnen“ und „Platz zu schaffen“ für das Neue oder Andere, in diesem Fall die Menschen mit Behinderung, sondern der Anspruch sei es, „die Gesellschaft und ihre Subsysteme so zu verstehen, dass Menschen mit Behinderung von vornherein darin selbstverständlich zugehörig sind“20. Inklusion bedeutet „Einschluss“ oder „Enthaltensein“. Inklusive Theorien postulieren nicht nur eine selbstverständliche Zugehörigkeit aller Gesellschaftsmitglieder, sondern damit einhergehend auch deren uneingeschränkte Teilhabe an allen Gesellschaftsbereichen. Verschiedenheit wird nicht als Anlass zur Diskriminierung und Marginalisierung gewertet, sondern als „positiver Bestandteil von Normalität“ betrachtet.21

Nach dieser Differenzierung verwandter, jedoch nicht identischer Konzepte, die alle gewisse Facetten des vielschichtigen Teilhabe-Begriffs beleuchten, soll das Thema im nun folgenden Kapitel vom politikwissenschaftlichen Standpunkt aus erschlossen werden.

3. Was ist politische Teilhabe?

„Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren.“

J. W. von Goethe

Teilhabe betrifft alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Eine besondere Rolle fällt jedoch der politischen Teilhabe zu, da in der Politik die Entscheidungen über die Ausgestaltung des künftigen gesellschaftlichen Zusammenlebens fallen, also auch Meta-Entscheidungen darüber, mit welchem Grad an Teilhabe in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen Entscheidungen getroffen werden sollen. Aufgrund dieser zentralen Bedeutung beschäftigt sich die vorliegende Arbeit nach einer allgemeineren Begriffsklärung nun vor allem mit politischer Teilhabe. Was darunter zu verstehen ist, soll Thema dieses Kapitels sein.

Unterschiedliche Definitionen beziehen Teilhabe auf unterschiedliche Stufen des politischen Prozesses. Kersting unterscheidet hierbei in Anlehnung an Eastons Input-Output-Modell22: Input, Entscheidung, Outputerstellung und Output.23 Ebenso könnte man die klassischen Stufen des Policy-Zyklus heranziehen (Initiation, Estimation, Selektion, Implementation, Evaluation und Termination).

Kaase definiert 1993: „Unter politischer Beteiligung werden in der Regel jene Verhaltensweisen von Bürgern verstanden, die sie alleine oder mit anderen freiwillig mit dem Ziel unternehmen, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen“24, beendet seine Definition wenig später jedoch mit: „[…] auf verschiedenen Ebenen des politischen Systems zu beeinflussen“25. Er erweitert seine Definition also um andere Ebenen außer der Entscheidungsebene, die im Policy-Zyklus der Phase der Selektion entspricht.

Nicht nur die Phasen des politischen Prozesses, sondern auch viele andere Aspekte des Verständnisses und der Ausgestaltung von Teilhabe werden genutzt, um Teilhabe-Definitionen einen bestimmten Schwerpunkt zu verleihen. Verba und Nie verstehen politische Partizipation als „die legalen Handlungen von Privatpersonen, die mehr oder weniger ausdrücklich dem Zweck dienen, die Auswahl des politischen Führungspersonals oder dessen Aktivitäten zu beeinflussen“26. Sie führen so einerseits die Kategorie der Legalität ein und verweisen andererseits klar auf repräsentative Systeme, in denen „politisches Führungspersonal“ eine Hauptrolle spielt. Noch unberücksichtigt bleibt bei dieser Definition jedoch der Umstand, dass rein repräsentative Demokratien eine Seltenheit sind, da es sich bei den meisten demokratischen Systemen um eine Mischform aus repräsentativen und direktdemokratischen Elementen handelt. Darüber hinaus gibt es im politischen Prozess, selbst unter der Bedingung eines rein repräsentativen Systems, Phasen, in denen andere als die parlamentarischen Akteure wichtig sind, so zum Beispiel die Phase der Initiation, in der Impulse aus der Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle spielen bzw. spielen sollten, und die Phase der Implementation, also der Ausführung, die, wie der Name bereits andeutet, vor allem in der Verantwortung der Exekutive bzw. Verwaltung liegt.

Einen sehr viel breiteren Ansatz verfolgt Tiemann, der Partizipation als „verantwortliche Beteiligung der Betroffenen an der Verfügungsgewalt über ihre Gegenwart und Zukunft“27 beschreibt. In dieser Definition klingt bereits an, was in der folgenden präzisiert wird, nämlich der Doppelcharakter des Teilhabe-Begriffs im Hinblick auf ein eher instrumentelles bzw. ein normatives Verständnis: „Für das Interesse von Menschen an den Entscheidungsprozessen, die ihre Lebenswelt beeinflussen, und für den Wunsch an diesen Prozessen verantwortungsvoll mitzuwirken, gibt es einen Begriff: Partizipation“28. Das Interesse an einen selbst betreffenden Entscheidungsprozessen ist unschwer allein durch ein instrumentelles Verständnis von Teilhabe zu erklären: Um individuelle Bedürfnisse problemlos befriedigen zu können, werden Beteiligungsinstrumente zur Durchsetzung der eigenen Interessen genutzt. Der Wunsch nach verantwortungsvoller Mitwirkung deutet jedoch auf den normativen Gehalt und intrinsischen Wert von Teilhabe hin. Eine bereits 27 Jahre alte Definition bringt diesen Doppelcharakter noch präziser zum Ausdruck: „Beteiligung (Partizipation) ist […] sowohl als Mittel zur Einbringung und Durchsetzung von Interessen wie auch als Zweck i. S. einer Selbstverwirklichung der Menschen durch Beteiligung zu verstehen“29. Teilhabe kann also auch als normativer Zielwert an sich verstanden werden, da sie sowohl eine gesamtgesellschaftliche Integration leistet als auch persönliche Erfüllung ermöglicht. Gerade die Verantwortlichkeit des Sich-Einbringens, d. h. die Anwaltschaft für ein über-persönliches Thema stiftet Sinn und dadurch Zufriedenheit.30

Teilhabe spielt also eine entscheidende Rolle für 1) die Selbstverwirklichung von Individuen in der Gesellschaft, 2) die Einbringung und Durchsetzung von unterschiedlichen Interessen und 3) die gesamtgesellschaftliche Integration. Vor allem seit der Zeit des homogenisierenden Wirtschaftswunders in den 1950er und 1960er Jahren ist unsere Gesellschaft sehr viel pluraler und heterogener geworden. Umso schwieriger und zugleich bedeutsamer ist der letztgenannte Punkt, die gesamtgesellschaftliche Integration, geworden. Um soziale und politische Zersplitterung und Grabenbildung zu vermeiden, kommt gelingender politischer Teilhabe heute wohl eine größere Bedeutung zu denn je. Viele individuell verschiedene „Wirklichkeiten“ müssen politisch berücksichtigt werden. Partizipation kann helfen, „Konflikte friedlich zu lösen und Entscheidungen tragfähig herbeizuführen und abzusichern“. Sie wird somit zum entscheidenden Instrument für die „Legitimierung und Steuerung schnelllebiger, pluralistischer und multiperspektivischer Gesellschaften“31. Die integrative Wirkung von Teilhabe erlaubt eine größere Identifikation mit den politischen Entscheidungen, selbst dann, wenn diese nicht zu den eigenen Gunsten ausfallen. Für belastbares staatliches, insbesondere parlamentarisches Handeln und die rechtzeitige Austragung von Konflikten in einem fairen, demokratischen Prozess ist ein vielfältiges Partizipationsangebot also von hohem Wert.

Es herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass das Konzept der politischen Teilhabe nicht leicht zu definieren sei, da „der wissenschaftliche Partizipationsbegriff von den historischen Entwicklungen politischer Beteiligung abhängt“32. Dementsprechend verstand man bis Ende der 1970er Jahre unter Partizipation die „Teilnahme der BürgerInnen an politischen Willensbildungs- wie Entscheidungsprozessen im Rahmen institutionalisierter Beteiligungsformen wie Wahlen und Parteien“33, da dies die damals gängigen und erprobten Partizipationsangebote waren. Durch die in den 1970er und 1980er Jahren an Bedeutung gewinnenden Neuen Sozialen Bewegungen und Bürgerinitiativen entwickelten sich Unterscheidungen zwischen legalen und illegalen, konventionellen und unkonventionellen Beteiligungsformen. Der Partizipationsbegriff wurde teilweise bis hin zum Zeitunglesen verbreitert. Ein derart weites Verständnis wurde jedoch vom Mainstream kaum angenommen: „Vielmehr setzte sich eine instrumentelle, zweckrationale Definition durch, die als ‚politische Beteiligung’ nur jenes Handeln mit einem explizit politischen Impetus versteht. Das heißt, es werden Handlungen ausgeklammert, die lediglich in ihren Konsequenzen, nicht aber in ihren Intentionen politisch sind […]. Dabei wird auch eine strikte Trennung zwischen ‚politischen’ und nicht- bzw. ‚vorpolitischen’ Partizipationsfeldern gezogen.“34.

Denkt man an die im letzten Kapitel eingeführte WHO-Definition von Teilhabe als das Einbezogensein in eine „Lebenssituation“ und überträgt diese auf politische Teilhabe im Speziellen, so stellt sich die Frage, wodurch „politische Situationen“ charakterisiert sein könnten. Ist das Private politisch, wie es vor allem im Rahmen der zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren proklamiert wurde? Ist zum Beispiel das Lesen der Tageszeitung eine politische Situation? Zumindest auf letztere Frage gibt Massing eine Antwort, wenn er unterscheidet in kommunikatives politisches Handeln und partizipatives politisches Handeln, wobei ersteres „Gespräche oder Diskussionen über Politik im sozialen Umfeld“ sowie „die Nutzung der politischen Berichterstattung der Massenmedien“ einschließt. Ziele kommunikativen politischen Handelns sind zum Beispiel: „politisches Wissen zu erwerben, seine politische Meinung zu sagen, Freunde und Bekannte für die eigenen politischen Ansichten zu gewinnen sowie Unsicherheiten in einer komplexen und nicht unmittelbar erfahrbaren politischen Umwelt zu reduzieren“. Zum partizipativen politischen Handeln gehören wiederum die „Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen über parteibezogene, Gemeinde-, Wahlkampf- und politikerbezogene Aktivitäten, legalen Protest und zivilen Ungehorsam bis hin zur politischen Gewalt“35.

Um die Frage der Kategorisierung von Teilhabe und Partizipation kreisen ebenfalls zahlreiche Bemühungen, die jedoch stets nur einem bestimmten historischen Ausschnitt von Partizipation gerecht werden können und demnach kontinuierlich angepasst werden müssen. So ist beispielsweise die bereits erwähnte Unterteilung in konventionelle und unkonventionelle Beteiligungsformen dem stetigen Wandel sozialer Normen unterworfen, da eben diese die Grenze zwischen sozial üblich (= konventionell) und noch wenig etabliert (= unkonventionell) markieren.

Ein gut abgrenzbares Unterscheidungsmerkmal ist die Bezogenheit auf Sach- oder Personalfragen. So hebt beispielsweise Stange die Unterscheidung zwischen „repräsentativ-demokratischer und direkt-demokratischer Partizipation (indirekter und direkter Partizipation)“ hervor: „Während bei direkter Partizipation der unmittelbare Einfluss der Betroffenen auf Sachentscheidungen selbst gewährleistet sein muss, wird diese Einflussnahme bei der indirekten Partizipation von legitimierten Vertretern der Betroffenen wahrgenommen“36. Geißel und Penrose arbeiten mit folgender Kategorisierung, die viele Aspekte abdeckt: „In der Mainstream- sowie genderorientierten Partizipationsforschung wird heute zwischen direkten und indirekten, legalen und illegalen, verfassten und nicht verfassten, institutionalisierten und nicht-institutionalisierten, unmittelbaren und mittelbaren, konventionellen und unkonventionellen Formen unterschieden“37.

Es ist verbreitete Auffassung, dass man Teilhabe nicht nur deskriptiv, sondern auch normativ klassifizieren kann. Dahinter steht die Annahme, dass nicht nur die Quantität an möglichen Beteiligungsformen ausschlaggebend ist, sondern auch deren Qualität bzw. Intensität.

Eine solche Rangordnung der Beteiligungsarten stellt Arnsteins „ladder of participation“38 dar. Sie unterscheidet in drei Hauptkategorien von Nicht-Partizipation über symbolische Beteiligung bis hin zur Bürgermacht („citizen power“). Die Bürgermacht setzt sich aus den drei Unterkategorien Partnerschaft, delegierte Macht und Bürgerkontrolle zusammen. Nur diese drei Unterkategorien sind für Arnstein echte Partizipation. Es fällt auf, dass sie die darunter liegenden Hauptkategorien noch einmal in fünf Unterkategorien unechter Partizipation differenziert. Hierzu zählen für sie unter anderem Manipulation, aber auch Information und Konsultation bzw. Beratung. Die „ladder of participation“ weist also deutlich auf die Gefahren der nur vorgegaukelten Beteiligung hin.

Einen anderen Ansatz wählen Milbrath und Goel. Sie betrachten die Partizipationsintensität aus der Perspektive des Individuums und seines persönlichen Aufwands. Dieser ist bei den „apathetics“ quasi nicht vorhanden, sie liefern keinerlei Input. Die „spectators“ geben ihre Stimme für die zu wählenden Amtsinhaber ab. Die „transitionals“ engagieren sich sporadisch für Parteien oder bei Protesten. Am meisten investieren die „gladiators“, die sich selbst als Amtsinhaber zur Wahl stellen.39

Eine recht umfassende und leicht nachvollziehbare Rangordnung der Beteiligungsarten legt Stange vor. Sie beginnt mit den Fehlformen. Dazu zählen erzwungene Beteiligung sowie Alibi- und rein dekorative Partizipation. Darauf folgen Mitwirkung, Mitbestimmung und schließlich Selbstbestimmung. Die drei letztgenannten Stufen können auch als Unterscheidung in „unverbindliche Partizipation, die sich in Informations- und Beratungsrechten erschöpft, in verbindliche Partizipation (echte Einschränkung der Entscheidungsvollmacht der ‚Dirigierenden‘) sowie in Selbstverwaltung (Aufhebung dieser Entscheidungsvollmacht zugunsten der Selbstorganisation Betroffener)“ aufgefasst werden.40

Ein der Teilhabe verwandtes Konzept ist das der Bürgergesellschaft. Wie auch politische Partizipation eröffnet diese den Bürgerinnen und Bürgern die „Möglichkeit für selbstorganisierte Mitgestaltung und Beteiligung“41. Die Bürgergesellschaft stützt sich auf bürgerschaftliches Engagement, das auch als Selbsthilfe bezeichnet wird. Kersting definiert Selbsthilfe als „Aktivitäten, die bei begrenzter staatlicher Fremdhilfe auf der Basis eigenen Engagements gemeinwohlorientiert und nicht primär individuell ausgerichtet sind“42. Diese Aktivitäten müssen jedoch nicht unbedingt auf die Veränderung der Gesellschaft bzw. auf eine der Phasen des politischen Prozesses gerichtet sein. Ein typisches Beispiel ist die sogenannte Nachbarschaftshilfe. Dies erinnert an Geißels und Penroses Handlungen, die „lediglich in ihren Konsequenzen, nicht aber in ihren Intentionen politisch sind“ bzw. die „‚vorpolitischen‘ Partizipationsfelder“ 43. Es ist also umstritten, ob hier eine Trennung zwischen einer – erweiterten – Privatsphäre und einer Sphäre der politischen Partizipation gezogen werden sollte oder nicht.

Klatt hat diese potenzielle Trennung, mehr aber noch den Zusammenhang zwischen den beiden Sphären untersucht und betrachtet „das Kegeln in einem Verein, das Spenden für eine politische NGO oder […] das karitative Umsorgen eines Nächsten“44 als gleichwertige Formen des bürgerschaftlichen Engagements. Er verweist auf Alexis de Tocqueville, der im 19. Jahrhundert die Vereinigten Staaten besuchte und meinte „in deren Vereinswesen einen maßgeblichen und der dortigen Demokratie zuträglichen Faktor zu entdecken“45. Van Deth konkretisiert diese Zuträglichkeit: „Empirische Analysen zeigen, dass insbesondere Wahlbeteiligung und Beteiligung an sogenannten konventionellen Formen politischer Partizipation durch soziales Engagement der Bürger gefördert werden. In diesem Sinne ist soziale Beteiligung sicher als eine ‚Schule der Demokratie‘ zu betrachten“46. Wenn man es also auch aus Definitionen politischer Teilhabe ausklammern kann, um nicht eine Definition der politischen Sphäre an sich nachliefern zu müssen, so ist doch belegt, dass soziales Engagement die Entstehung eines Bürgersinns fördert, der wiederum politischer Teilhabe zuträglich ist. Ein Terminus, der sowohl bürgerschaftliches Engagement als auch politische Partizipation umfasst, ist „Citizenship“: „Anders als im Englischen mit dem Begriff citizenship und im Französischen mit dem Begriff citoyenneté, die explizit auf eine aktive Bürgerschaft anspielt (und somit auch auf deren Inhalt und Umsetzung, und nicht allein auf einen rechtlichen Status), fehlt ein Begriff, der explizit auch die aktivbürgerschaftliche Komponente einschließt. Im deutschen politikwissenschaftlichen Sprachgebrauch wird deshalb im Hinblick auf republikanische, kommunitaristisch oder deliberativ orientierte Demokratiemodelle zumeist zusätzlich von Aktivbürgerschaft gesprochen“47.

Holtkamp bringt diese unterschiedlichen Spielarten von Engagement und Teilhabe in seinen drei „Beteiligungsrollen des Bürgers“ zum Ausdruck. Er sieht diesen nämlich 1) als politischen Auftraggeber, wenn er sich an der politischen Willensbildung beteiligt, 2) als Mitgestalter des Gemeinwesens, wenn er sich ehrenamtlich bzw. „bürgerschaftlich“ engagiert („bürgerschaftliche Leistungsproduktion, die nicht zu Erwerbszwecken oder in verwandtschaftlichen Netzwerken stattfindet“) und 3) als Kunden der Leistungserstellung, vor allem im Zuge der Verwaltungsmodernisierung, wenn der Bürger Adressat staatlichen Handelns, zum Beispiel Empfänger staatlicher Transfers ist.48 Insbesondere die Beteiligungsrollen des Auftraggebers und Mitgestalters scheinen jedoch immer mehr zu verschmelzen. Ähnlich wie sich in der Wirtschaft die Ansicht durchsetzt, dass Auftraggeber auch nach ihrer Auftragsvergabe Teil des Prozesses bleiben, also eine mitgestaltende Rolle übernehmen sollten, zeichnet sich auch im Bereich der politischen Teilhabe eine Entwicklung ab, die den Bürgern größere Freiheiten hinsichtlich der Art ihrer Willensbekundung und des Ausmaßes ihres sich daran anschließenden Engagements eröffnet. Anders ausgedrückt: „Zielten formalisierte Verfahren direkt auf die Entscheidungsfindung des Staates, so richten sich die neuen Beteiligungsformen mehr auf eine bürgergesellschaftliche Aneignung des Politischen“49. Man könnte gar so weit gehen zu sagen, dass echte Teilhabe nur durch Aneignung geschehen kann und dass „Aneignung des Politischen“ in diesem Sinne nicht nur auf die Politikinhalte (policies), sondern auch auf politische Institutionen und Prozesse (polity, politics) abzielt, d. h.: Erst wenn sich die Bürgerschaft die politischen Prozesse insoweit angeeignet hat, dass sie selbst die Formen der Teilhabe bestimmt, kann sich echte Teilhabe realisieren.

Auf einen unumkehrbaren Wandel in der Form von Partizipationsverfahren deutet auch Becks vorausschauende Analyse von 1997 hin: „Ohne den Ausbau und die Stärkung politischer Freiheit und ihrer Sozialform, der Bürgergesellschaft, läuft in Zukunft gar nichts. Dazu ist es zunächst wichtig zu erkennen: Wertewandel und Demokratieakzeptanz gehen Hand in Hand. Zwischen den Selbstentfaltungswerten und dem Ideal der Demokratie besteht eine innere Verwandtschaft. Viele Befunde, welche Wertewandelforschung erbracht hat – z. B. Spontaneität und Freiwilligkeit des politischen Engagements, Selbstorganisation, Abwehr von Formalismen und Hierarchie, Widerborstigkeit, Kurzfristigkeit, auch der Vorbehalt, sich nur dort einzusetzen, wo man Subjekt des Handelns bleibt – kollidieren zwar mit dem Parteiapparat, machen aber durchaus Sinn in Formen und Foren der Bürgergesellschaft“50. Diese Entwicklung wird häufig aus einem wachsenden Defizit an gesellschaftlichen Bindungen heraus erklärt. Gewerkschaften, die Kirche und ebenso die Parteien verlieren an Zugkraft, d. h. sie verlieren an integrativer Wirkung. Demgegenüber ist „[d]ie heutige Zivilgesellschaft […] stark von informellen und individuellen Formen des Mitmachens geprägt. Beispiele gibt es dafür in breiter Fülle: vom Gang zu einer Freiwilligenagentur über das spontane Mitmachen bei einer Demonstration oder einem Flashmob bis hin zum einmaligen Unterschreiben einer Online-Petition“51. Beck erinnert daran, dass ein Wandel der Form nicht auf gesunkene Qualität oder Intensität schließen lässt. Im Gegenteil, unter oben genannter Prämisse wäre die zivilgesellschaftliche Aneignung, Gestaltung und Weiterentwicklung von Teilhabeformen erst die wahre Demokratisierung. Diese Überlegungen sind allerdings an ein nicht nur instrumentelles, sondern normatives Verständnis von Teilhabe geknüpft, das einen Zusammenhang von Demokratisierung und Selbstverwirklichung anerkennt.

4. Inwieweit ist Teilhabe konstituierend für eine Demokratie?

Im letzten Kapitel wurde das Konzept der politischen Teilhabe eingeführt und erläutert. Teilweise wurde bereits angedeutet, warum Partizipation generell und besonders angesichts gegenwärtiger Entwicklungen, wie der zunehmenden Pluralisierung der Gesellschaft, eine hohe Bedeutung zukommt. In diesem Kapitel soll konkretisiert werden, in welchem Verhältnis Demokratie und Teilhabe stehen bzw. ob und warum Partizipation eine notwendige Bedingung für demokratische Systeme ist.

Viele etablierte Prinzipien moderner Demokratien zielen direkt oder indirekt auf die Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger. Ungehinderte Beteiligung am politischen Prozess ermöglichen beispielsweise das Petitionsrecht, die Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit, die Presse- und Meinungsfreiheit sowie die intermediären Institutionen, wie Medien, Parteien oder Verbände, die helfen Interessen zu aggregieren und zu artikulieren, was insbesondere für die erste Phase des Policy-Zyklus, die Initiation, eine zentrale Rolle spielt. Auch durch Gewaltenteilung wird Teilhabe gewährleistet: „Checks and balances“ verhindern Einflusskonzentrationen bei einzelnen Organen, so dass stets das Volk der Souverän bleibt, und sichern Grundrechte, zu denen auch Teilhaberechte zählen. In ihrer Kontinuität und wohl auch Intensität eingeschränkt wird Teilhabe durch das Repräsentationsprinzip. Ein möglichst umfassendes Wahlrecht soll dies abmildern. Ebenfalls organisatorisch bedingt ist das Mehrheitsprinzip, das zumindest im Moment der Selektion den Input der Minderheit unberücksichtigt lässt. Nicht zuletzt um dennoch Teilhabeanreize zu schaffen, existieren in pluralistischen Gesellschaften Regeln, die dem Schutz und der Integration von Minderheiten sowie der aktiven Gewährleistung ihrer Beteiligung dienen. Je weiter dabei vom Mehrheitsprinzip abgerückt wird, umso näher ist das System am Ideal der Konsensdemokratie, über die später noch einmal zu sprechen sein wird. Folgt man Dahl, zählt die aufgeklärte politische Beteiligung großer Teile der Bevölkerung zu den wichtigsten Qualifikationskriterien für Demokratien, neben dem beispielsweise durch die oben genannten Prinzipien geregelten politischen Wettbewerb und der Beachtung normativer Standards wie der Menschenrechte.52

Diese sich abzeichnende empirische und theoretische Relevanz des Teilhabe-Gedankens lässt jedoch nicht darauf schließen, dass es sich um ein unstrittiges Konzept handelt: „Als ‚Demokratie’ wird eine Vielzahl an Formen des politischen Regierens (und Lebens) bezeichnet. Gemeinsam ist allen Demokratien, dass die Herrschaft aus dem Volk hervorgeht und unter Berufung auf seine Interessen ausgeübt wird. Aus dieser allgemeingültigen Definition lässt sich allerdings kaum die Bedeutung von politischer Partizipation ableiten. Es ist daher nicht erstaunlich, dass politische Beteiligung in unterschiedlichen Demokratietheorien höchst divergent bewertet wird. Das Spektrum der als ideal erachteten Partizipation bewegt sich zwischen den elitetheoretischen Ansätzen à la Schumpeter, die politische Partizipation in periodisch stattfindenden Wahlen der Eliten erschöpft sehen, und den partizipativen Ansätzen im Sinne Rousseaus, die eine aktive Rolle der BürgerInnen in (fast) allen Phasen des Willensbildungs-und Entscheidungsprozesses fordern […]. Die Debatte, welche Partizipationsmöglichkeiten und welches Ausmaß an politischer Mitbestimmung der BürgerInnen ideal sind, ist bis heute in der Politikwissenschaft aktuell“53.

Eine besonders prominente Rolle spielt Partizipation in der Kritischen (vgl. z. B. Offe), Komplexen (vgl. z. B. Scharpf), Deliberativen (vgl. z. B. Habermas) sowie vor allem in der Partizipatorischen Demokratietheorie (vgl. z. B. Barber). Im Verhältnis dazu haben elitentheoretische Ansätze im Verlauf der letzten Jahrzehnte an Strahlkraft verloren. Eine politisch apathische Bevölkerung wird heute sehr viel eher als Bedrohung für das demokratische Gemeinwesen, denn als förderlich betrachtet. Diese Sichtweise begann sich bereits in den 1980er Jahren zu etablieren: „Aktive Beteiligung der Bürger an politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten ist eine notwendige Voraussetzung zur Verwirklichung eines demokratischen Gemeinwesens“54. Auch Rita Süssmuth schreibt: „Die Demokratie lebt von der Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger“55. Einen sogar identitären Zusammenhang konstatiert van Deth: „Wer Demokratie sagt, meint Partizipation“56.

Wichtige Einblicke in die Rolle der Partizipation für unsere Demokratie erlauben insbesondere deren zahlreich diagnostizierte Krisensymptome. Es besteht die Sorge, dass die Heterogenität und Komplexität der Gesellschaft durch die Politik nicht mehr angemessen abgebildet würden. Auch die zunehmende Medialisierung der Politik verflacht komplexe Entscheidungen zu personalisierten und emotionalisierten Inszenierungen. Generell sind ein sinkendes Vertrauen in Politiker und eine tendenziell abnehmende Beteiligung an Wahlen zu beobachten, vor allem in den einkommensschwachen und sogenannten bildungsfernen Schichten.57 Süssmuth sieht darin weniger einen Ausdruck von Politikverdrossenheit, als vielmehr das Bedürfnis nach mehr Transparenz, Information und Kommunikation. Schwer oder gar nicht lösbare Probleme würden durch die Politik nicht thematisiert. Dies führe teilweise zu Handlungsunfähigkeit und einem verbreiteten Empfinden von Stillstand.58 All diese Kritikpunkte verweisen auf eine wachsende Distanz zwischen Regierenden und Regierten, obwohl doch nach Lincoln jede Demokratie eine Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk sein sollte.

Dass sich solch eine Grabenbildung zwischen der Sphäre der hauptberuflichen Politikerinnen und Politiker und der heterogenen, vielfach politisch enttäuschten Bevölkerung negativ auf gelingende Inklusion und Teilhabe auswirkt, ist auch Kern der wohl umfassendsten gegenwärtigen Demokratiekritik, die unter der Bezeichnung Postdemokratie59 firmiert.

In der Postdemokratie sind zwar die formalen Institutionen der Demokratie intakt, doch es fehlt ihnen an ausreichender Legitimation durch die Partizipation der Bürger. Dies werde vor allem durch den häufigen Vorrang wirtschaftlicher Interessen und die damit einhergehende Privatisierung und Kommerzialisierung der Politik bewirkt. Die zunehmende Personalisierung von politischen Vorgängen und ihre jüngste Darstellungsform, das Politainment, sind naheliegende Konsequenzen.60 Die zentralen Merkmale der Postdemokratie sind also 1) ein Legitimitätsverlust der politischen Akteure, da sie zunehmend unter den Einfluss „privater und partikularer Interessengruppen“ geraten, 2) ein „Management von Sachzwängen“ anstelle des „Aushandelns von divergierenden gesellschaftlichen Interessen“, 3) abnehmende Responsivität der Politik auf gesellschaftliche Missstände sowie 4) verbreitete Gefühle von Ohnmacht, Verdrossenheit und schwindendem Vertrauen gegenüber den Institutionen der repräsentativen Demokratie.61 Als „Expertokratie“ oder auch TINA-Politik („There is no alternative.“) ist besonders das erwähnte „Management von Sachzwängen“ in den Fokus und die Kritik geraten: „Wenn Bürgerinnen und Bürger den Eindruck haben, dass sie bei den grundsätzlichen Entscheidungen über ihre gemeinsamen Angelegenheiten nicht mehr mitreden können, und dass sich nur noch Experten mit politischen Fragen beschäftigen, weil sie als komplexe technische Probleme angesehen werden, werden demokratische Institutionen ihrer Substanz entblößt und ihrer Legitimität beraubt. Wahlen werden darauf reduziert, der Absegnung von Maßnahmen unterschiedlicher Akteure zu dienen, deren Interessen nicht öffentlich verantwortet werden müssen. Damit verliert der demokratische Prozess seine Daseinsberechtigung“62. Dem Volk stehe keine echte Wahl zwischen Alternativen mehr frei. Dieser Umstand ist laut Mouffe vor allem einer Entpolitisierung durch die zunehmende Anpassung der Parteien des linken Spektrums an die politische Mitte geschuldet.63

[...]


1 http://www.hpi.uni-potsdam.de/d_school/home.html

2 Merkel 2011, S. 47

3 van Deth, 2001. S. 195

4 Süssmuth 2011, S. 5

5 http://www.abgeordnetenwatch.de/bundestagswahl-951-0.html

6 http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1214/umfrage/mitgliederentwicklung-der-spd-seit-1978/,

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1215/umfrage/mitgliederentwicklung-der-cdu-seit-1978/

7 http://www.bpb.de/wissen/C11SZM,,0,Wahlbeteiligung_nach_Altersgruppen_

8 http://www.bpb.de/wissen/C11SZM,,0,Wahlbeteiligung_nach_Altersgruppen_

9 WHO 2005, S. 16

10 http://www.fdst.de/aktuellesundpresse/imgespraech/wasbedeuteteigentlichteilhabe

11 Vgl. http://www.leichtesprache.org/

12 Vgl. http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/40290/grundrechte-abwehr-und-teilhaberechte

13 http://www.wissen.de/wortherkunft/partizipieren

14 Oser et al. 2000, S. 13, zit. nach Stange 2007, S. 3f.

15 http://www.bmz.de/de/service/glossar/E/empowerment.html

16 http://www.bmz.de/de/service/glossar/O/ownership.html

17 Vgl. Schwarz-Wölzl und Maad 2003/2004, S. 4

18 Bielefeldt 2009, S. 7

19 Feuser 1996, Hervorh. im Orig.

20 Bielefeldt 2009, S. 11

21 http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/inklusion.html

22 Vgl. Easton 1965

23 Kersting 2008, S. 20

24 Kaase 1993, S. 429, Hervorh. d. Verf.

25 Kaase 1995, S. 521, Hervorh. d. Verf.

26 Verba und Nie 1972, S. 2f., zit. nach Kersting 2008, S. 22

27 Tiemann 1996, zit. nach Stange 2007, S. 10

28 Stange 2007, S. 3

29 Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 1986, zit. nach Stange 2007, S. 10

30 Vgl. Kohl 1998, S. 12

31 Becker 2012, S. 17

32 Geißel und Penrose 2003, S. 3

33 Ebd.

34 Ebd.

35 Massing 2012, S. 26

36 Stange 2007, S. 28

37 Geißel und Penrose 2003, S. 4

38 Vgl. Arnstein 1969

39 Milbrath und Goel 1965, zit. nach Kersting 2008, S. 26

40 Stange 2007, S. 27, Hervorh. im Orig.

41 http://www.buergergesellschaft.de/ueber-uns/glossar/106871/?tx_a21glossary[uid]=37&cHash=2ac078ab381d95b3c32199dbc26d4f98

42 Kersting 2008, S. 21

43 Geißel und Penrose 2003, S. 3

44 Klatt 2012, S. 7

45 Ebd.

46 Van Deth 2001, S. 195

47 Wiesner 2006, S. 197

48 Holtkamp et. al. 2006, S. 12

49 Jörke 2011, S. 14

50 Beck 1997, S. 17f. zit. nach Stange 2007, S. 36

51 Klatt 2012, S. 5

52 Dahl 1961, zit. nach Kersting 2008, S. 13

53 Geißel und Penrose 2003, S. 2

54 Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 1986, zit. nach Stange 2007, S. 10

55 Süssmuth 2011, S. 3

56 van Deth 2009, S. 141

57 Vgl. Golz 2011, S. 2

58 Süssmuth 2011, S. 3

59 Vgl. Crouch 2009

60 Jörke 2011, S. 13

61 Öztürk 2011, S. 2

62 Mouffe 2011, S. 4

63 Vgl. Mouffe 2011

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Design your Community! Wie sich mit Design Thinking Partizipation neu gestalten lässt
Hochschule
Hochschule Bremen
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
56
Katalognummer
V281840
ISBN (eBook)
9783656865087
ISBN (Buch)
9783656865094
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
teilhabe, design, thinking, chancen, instruments, problemlösung
Arbeit zitieren
Lisa Wegener (Autor), 2013, Design your Community! Wie sich mit Design Thinking Partizipation neu gestalten lässt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281840

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Design your Community! Wie sich mit Design Thinking Partizipation neu gestalten lässt


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden