Das Leitbild des idealen Herrschers. Karl der Große als Vater Europas


Seminararbeit, 2013

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die identitätsstiftende Funktion von Mythen.
2.1 Definition und Eingrenzung von „europäischer Identität“..
2.2 Mythentypen und ihre Funktionen
2.3 Der Personenmythos als mögliche identitätsbildende Ressource

3. Die Idealisierung von Karl dem Großen als Gründungsvater Europas
3.1 Entstehung und Entwicklung des Karlsbildes.
3.2 Der identitätsstiftende Charakter des modernen Karlsmythos als „Vater Europas“

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Karl der Große gilt als Symbolfigur Europas und Leitbild des idealen Herrschers. Franzosen und Deutsche bezeichnen ihn gleichermaßen als ihren Gründervater und betrachten ihn als Einer des europäischen Reiches, der das Fundament für eine gemeinsame religiöse und kulturelle europäische Identität schuf. Bereits in einer Quelle des Mittelalters, dem Aachener Karlsepos aus dem 9. Jahrhundert, wird er erstmals als „pater europae“, als Vater Europas bezeichnet.

Das Karlsbild hat sich über die vergangenen 12 Jahrhunderte hinweg immer wieder verändert. Im modernen Europa des 21. Jahrhunderts wird der Mythos von Karl dem Großen als erstem Europäer verwendet, um den Einheitsgedanken Europas zu untermauern. Ausdruck findet dies in der Verleihung des internationalen Karlspreises für besondere Verdienste um die Europäische Einheit, die alljährlich seit 1950 an Christi Himmelfahrt in Aachen stattfindet.

Es stellt sich die Frage, warum in politischen Reden zur Europäischen Idee und Integration Karl der Große als Identifikationsfigur herangezogen wird. Brauchen wir den Karlsmythos, um ein europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl zu generieren? In dieser Studienarbeit soll die Idealisierung von Karl dem Großen als Gründungsvater Europas thematisiert werden. Inwiefern dient das moderne Karlsbild zur Schaffung einer europäischen Identität in Deutschland?

Zur Untersuchung dieser Fragestellung soll im ersten Teil dieser Seminararbeit allgemein erörtert werden, ob Mythen in einem Sozialraum ein übergeordnetes Zusammengehörigkeitsgefühl generieren können. Zur Klärung dieser Funktionsweise wird zunächst dargelegt, was unter „Europäischer Identität“ verstanden wird und wie diese gebildet werden kann. Zweitens wird auf den Begriff des Mythos und seine verschiedenen Ausprägungen eingegangen. In einem daran anschließenden dritten Schritt wird thematisiert, ob es einer Leitfigur bedarf, um eine soziale Identität zu erzeugen. Auf Grundlage dieser Ausführungen wird im zweiten Teil das Fallbeispiel des modernen Karlsmythos beleuchtet. Zunächst wird illustriert, wie sich das Karlsbild im Wandel der Zeit verändert hat, um dann darauf eingehen zu können, welche Funktion der moderne Mythos von Karl dem Großen als Vater Europas im 21. Jahrhundert bei der Bildung von europäischer Identität in Deutschland erfüllt.

2. Die identitätsstiftende Funktion von Mythen

2.1 Definition und Eingrenzung von „Europäischer Identität“

Um der Frage nachgehen zu können, ob der Karlsmythos eine Identifikation mit Europa in Deutschland generiert, muss zunächst definiert werden, welches Verständnis von „europäischer Identität“ dieser Studienarbeit zugrunde liegt. Mit Hilfe des „sozialen Identitätsansatzes“ nach Henri Tajfel und John C. Turner wird aus sozialpsychologischer Sicht erklärt, aus welchen Ebenen sich die Identität eines Menschen zusammensetzt und wie das Selbst eines Individuums auf Gruppen erweitert werden kann. Auf diesem Erklärungsansatz aufbauend, soll in einem daran anschließenden Schritt dargelegt werden, wie Konformität in einem Sozialraum gebildet werden kann.

Das vielfach aufgegriffene Zitat „Der Glaube, unter Wörtern wie Europa und europäisch verstehe man überall in etwa das Gleiche oder doch sehr Ähnliches, erweist sich als trügerisch; jede Nation stellt sich offenbar unter Europa etwas vor, was ihr selbst und ihrer Vorstellung von sich entspricht. “ des Schweizer Philologen Karl Schmid verdeutlicht die Schwierigkeit, eine allgemeingültige, supranationale Definition für „europäische Identität“ zu finden.1 Jede Volksgemeinschaft hat ihre eigene Erinnerungskultur und Geschichtswahrnehmung. Infolgedessen existieren in den einzelnen Mitgliedsstaaten nationale Europabilder, die voneinander abweichen.2 Darüber hinaus kann Europa unter geographischen, historischen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und ideellen Aspekten betrachtet werden. Im Folgenden wird Europa als der aus derzeit (Stand Januar 2013) 27 europäischen Staaten bestehende Staatenverbund der Europäischen Union (EU) aufgefasst.

Ausgehend von Artikel 6 Absatz 1 des Vertrages über die europäische Union (Vertrag von Maastricht), welcher als Homogenitätsklausel interpretiert wird, definiert sich die EU selbst als Wertegemeinschaft. Unter Homogenität wird hierbei verstanden, dass sich die Mitgliedsstaaten trotz kultureller Unterschiede in gewissen Grundsätzen gleichen sollen und so eine allen 27 Ländern übergeordnete europäische Identität geschaffen wird.3 Auf Grundlage dieses Leitgedankens wird die Identifikation mit Europa im weiteren Verlauf als eine gemeinsame politische Bürgeridentität in den Mitgliedsstaaten der EU aufgefasst.

In den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen existieren unterscheidbare Konzepte von „Identität“. Nachfolgend wird das Konstrukt aus der modernen Sozialpsychologie verwendet, welche Selbst und Identität als „Platzhalter für eine Gesamtheit psychologischer Erfahrungen (Gedanken, Gefühle, Motive etc.)“, definiert, „die das Verständnis einer Person in der sozialen Welt widerspiegeln.“4 Nach dem sozialen Identitätsansatz von den britischen Sozialpsychologen Henri Tajfel und John C. Turner strebt eine Person nach einem positiven Selbstkonzept.5 Dieses bestehe aus zwei Subsystemen: der persönlichen, individuellen sowie der sozialen, kollektiven Identität.6 Ersteres bedeutet, dass sich ein Individuum seiner eigenen Beständigkeit über die Zeit hinweg bewusst ist. Die kollektive Identität begründet sich hingegen in der Fähigkeit des Menschen, sein Selbstkonzept auf Objekte, andere Personen oder Ideale auszuweiten.7 Grundannahme der Theorie von Tajfel und Turner ist, dass es zu Kategorisierungsprozessen kommt. Sie definieren Identitäten als „Vergleichskonstrukte“.8 Konkretisiert bedeutet das, dass sich das persönliche Ebenbild als Individuum dadurch entfalten würde, dass eine Person Unterschiede zwischen sich und anderen lokalisiere. Parallel dazu entwickle sich die soziale Identität eines Menschen ihrer Ansicht nach dadurch, dass er zwischen einer Eigengruppe, zu der er sich selbst zugehörig fühle und einer Fremdgruppe differenziere und danach strebe, sich positiv von Nichtangehörigen der Gruppe abzuheben.9 Der so gebildete Zusammenhalt der Gruppe auf der Grundlage gemeinsamer Zielerreichung wird als Gruppenkohäsion bezeichnet.10 Im Umstand der „Depersonalisation“ rücke die soziale vor der persönlichen Identität in den Vordergrund. Einerseits würden Ähnlichkeiten innerhalb der Gemeinschaft und andererseits intergruppale Gegensätzlichkeit stärker gewichtet. In diesem Stadium definiere sich ein Individuum über seine Gruppenmitgliedschaft und handle als Teil der Eigengruppe.11 Auf einer tiefergehenden Analysestufe trennen Tajfel und Turner neben dem persönlichen und sozialen Selbst zwischen zusätzlichen hierarisch angeordneten Identitätsebenen.12 Auf das Beispiel der europäischen Identität angewendet, würde dies bedeuten, dass diese abstrakter ist, als die nationale Identität und darum die darunter liegenden Ebenen anderer sozialer Selbstkonzepte integriert.

Im Rahmen des sozialen Identitätsansatzes kann die europäische Identität als eine kollektive Übereinstimmung gesehen werden. Bei Personen, die sich als europäische Staatsbürger fühlen, existiert demnach neben der persönlichen und der nationalen Identität ein diesen Ebenen übergeordnetes Zugehörigkeitsgefühl zur Europäischen Union. Der Argumentation von Tajfel und Turner folgend, könnte als kategorisierte Eigengruppe die Bevölkerung der europäischen Union charakterisiert werden. An dem Beispiel eines deutschen Staatsangehörigen illustriert, würde dies bedeuten, dass er sich als Mitbürger der EU sieht und Übereinstimmungen zwischen sich und den anderen Zivilisten der Europäischen Union festmacht. Wie stark dieses Zugehörigkeitsgefühl in den Ländern der EU ausgeprägt ist, versucht die Europäische Kommission durch das „Eurobarometer“ zu messen. Hierbei handelt es sich um eine in regelmäßigen Abständen stattfindende Meinungsumfrage, die die Herausbildung der Einstellungsentwicklung in der europäischen Bevölkerung abbilden soll.13

2.2 Mythentypen und ihre Funktionen

In der Wissenschaft existiert ein großes Spektrum an Mythentheorien und Begriffsbestimmungen des Terminus, die zum Teil stark differieren. Dies erschwert die Bildung einer „gültige(n) festumrissene(n) Theorie des Mythos“.14 Nachstehend wird die populäre, vielfach zitierte Arbeitsdefinition von Jan und Aleida Assmann verwendet. Das Kulturwissenschaftler-Ehepaar schlägt vor, zwischen sieben MythosBegriffen zu unterscheiden, deren gemeinsamer Nenner der „einer Gruppe vorgegebene Fundus an Bildern und Geschichten“ sei.15

Je nach ihrer Funktion könne eingangs in deutende und legitimierende Mythen unterteilt werden. Erstere hätten Fragen nach dem Existenzgrund zum Thema. Bestimmung der legitimierenden Mythen sei es hingegen, das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe zu festigen. Assmann benutzt in diesem Zusammenhang den Terminus „kollektives Gedächtnis“.16 Bestandteile dieses kollektiven Gedächtnisses seien Bilder, Symbole und Geschichten. Um das Selbstbild einer Einheit zu formen, könne der Mythos als „verinnerlichte und erinnerte Geschichte“ fungieren und so als „fundierende, legitimierende und weltmodellierende Erzählung“ identitätsbildend wirken.17 Die auf dieser Grundlage gebildete Idee der Vergangenheit würde einerseits für die externe Darstellung der Gruppe benutzt werden und andererseits ein Antrieb zur Erreichung gemeinschaftlicher Ziele und Maximen seien.18 Die Vergangenheit diene so einerseits als legitimierende Grundlage für die gegenwärtige Zeit und funktioniere andererseits als ein „Motor für die Verwirklichung kollektiver Ziele, Ideale, Hoffnungen“ (Mythomotorik).19

Auch auf der Ebene des Inhalts kann zwischen zahlreichen Mythenkategorien unterschieden werden. Von der Einstufung ausgehend, dass es sich bei Karl dem Großen um einen Personenmythos handelt, soll im Folgenden lediglich die Klasse der Personenmythen thematisiert werden. Hierbei handelt es sich um „Erzähltraditionen, die sich um konkrete Personen bilden“.20 Die Leistungen der historischen Figur werden einseitig und unkritisch interpretiert. Dies mündet darin, dass die Persönlichkeit als die alleinig formende Kraft dargestellt wird.21 Am häufigsten wird dieser Mythentypus zur Erklärung von Gründungsakten verwendet. Dabei wird die verehrte Persönlichkeit zum Symbol des Staates hochstilisiert und häufig auch als Vorbild dargestellt. Die geschichtliche Entwicklung wird auf diese eine überbewertete Person bezogen, wodurch eine „historische Tradition geschaffen und/ oder eine (fiktive) historische Kontinuität hergestellt und dadurch das bisher Erreichte in spezifischer Weise verklärt“ wird.22

[...]


1 Schmid, Karl. Europa zwischen Ideologie und Verwirklichung. Psychologische Aspekte der europäischen Integration: mit zwei Vorträgen über die Stimmung der Nation und die Zukunft des Staates. Schaffhausen: Novalis/ Rothenhäuser, 1990, S. 18.

2 Vgl. Kerski, Basil. Ist gemeinsame Erinnerung möglich?: Polen und Deutschland 60 Jahre nach der Potsdamer Konferenz. Berlin: Polnisches Inst. (u.a.), 2005, S. 7 f.

3 Vgl. Cavallar, Georg. Die europäische Union - von der Utopie zur Friedens- und Wertegemeinschaft. Wien: Lit, 2006, S. 71-76.

4 Simon, Bernd/ Trötschel, Roman. „Das Selbst und die soziale Identität.“ In: Jonas, Klaus/ Stroebe, Wolfgang/ Hewstone, Miles (Hrsg.). Sozialpsychologie. Eine Einführung. Übersetzt von Matthias Reiss/ Carmen Lebherz. 5. Aufl., Heidelberg: Springer Medizin, 2007, S. 150.

5 Vgl. Hartung, Johanna. Sozialpsychologie. 3. Aufl., Stuttgart: Kohlhammer, 2010, S.125-130.

6 Vgl. Güttler, Peter O. Sozialpsychologie. 4. Aufl., München: Oldenbourg, 2003, S. 164-166.

7 Vgl. Turner, John C. “Towards a Cognitive Redefinition of the Social Group.” In: Tajfel, Henri (Hrsg.) Social identity and intergroup relations. Cambridge: Cambridge University, 2010, S. 15-40.

8 Simon/ Trötschel, 2007, S.173.

9 Vgl. Wagner, Peter. „Fest-Stellungen. Beobachtungen zur sozialwissenschaftlichen Diskussion über Identität“. In: Assmann, Aleida/ Friese, Heidrun. Identitäten. Erinnerung, Geschichte Identität. Bd. 3, 2. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1998, S. 44-72.

10 Vgl. Bierhoff, Hans-Werner. Sozialpsychologie: ein Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer, 2000, S.338-373.

11 Vgl. Schaupp, Ulrike. Soziale Identität und schulische Transition. Gruppengefühl und - zugehörigkeit beim Übergang von der Primar- in die Sekundarschule. Wiesbaden : Springer, 2012 [zugleich Dissertation Universität Augsburg 2011], S. 98-122.

12 Vgl. Simon/ Trötschel, 2007, S.173.

13 Vgl. GESIS - Leibniz Institut für Sozialwissenschaften. Eurobarometer Data Service. Url: http://www.gesis.org/eurobarometer-data-service/home/ [aufgerufen am: 06.03.2013].

14 Friedrich, Udo/ Quast, Bruno. „Mediävistische Mythosforschung“. In: Friedrich, Udo/ Quast, Bruno. Präsenz des Mythos - Konfigurationen einer Denkform in Mittelalter und Früher Neuzeit. Berlin: WdeG, 2004, S.1.

15 Assmann, Aleida/ Assmann, Jan. „Mythos“. In: Cancik, Hubert/ Gladigow, Burkhard/ Kohl, Karl-Heinz (Hrsg.). Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Bd. 4, Stuttgart: Kohlhammer, 1998, S.179.

16 Assmann, Jan. Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 6. Aufl., München: Beck, 2007, S.36.

17 Assmann/ Assmann, 1998, S.197.

18 Henning, Carolin. „Petrarkismus und Mythomotorik“. In: Bernsen, Michael/ Huss, Bernhard (Hrsg.) Der Petrarkismus - ein europäischer Gründungsmythos. Göttingen: V&R unipress, 2011,S. 109-128.

19 Assmann/ Assmann, 1998, S.197.

20 Grabner-Haider, Anton. Strukturen des Mythos. Theorie einer Lebenswelt. Frankfurt a. Main: Peter Lang, 1989, S.88.

21 Vgl. Hein, Heidi. „Historische Mythos-und Kultforschung. Thesen zur Definition, Vermittlung, zu den Inhalten und Funktionen von historischen Mythen und Kulten“. In: Tepe, Peter/ Bizeul, Yves. Mythos. Politische Mythen. Bd. 2, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006, S. 30-45.

22 Ebd., S. 43.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Leitbild des idealen Herrschers. Karl der Große als Vater Europas
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Wirtschaftspsychologie)
Veranstaltung
Modul: Wissenschaft macht Geschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V281866
ISBN (eBook)
9783656764144
ISBN (Buch)
9783656764120
Dateigröße
839 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leitbild, herrschers, karl, große, vater, europas
Arbeit zitieren
Marie-Celine Gräber (Autor), 2013, Das Leitbild des idealen Herrschers. Karl der Große als Vater Europas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281866

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