Kulturtheorie: Der Gegensatz von "hoher" und "niederer" Kultur bei Bürger, Eco und Grimm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur
2.1 Umbruchstellen innerhalb der Literaturgeschichte
2.2. Folgen der Dichotomie hoher und niederer Literatur
2.3. Thesen und Lösungsvorschläge

3. Massenkultur und Kultur-Niveaus
3.1. Die Massenkultur unter Anklage
3.2. Die Verteidigung der Massenkultur
3.3. Forschungs- und Lösungsansätze

4. Medienkitsch als Wertungs- und Rezeptionsphänomen
4.1. Ausgangspunkt und Ziele
4.2. Thesen zum Kitsch
4.3. Kultivierungsbedarf

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dichotomisierungsprozesse, die zur Trennung von hoher und niederer Literatur führen, spiegeln gesellschaftliche Widersprüche und Ausgrenzungen wider. Während ein Teil der Kunst oder Literatur von einer bestimmten Elite anerkannt und als geltende Norm kanonisiert wird, werden die übrigen Kunst- oder Literaturwerke als niedere oder Nicht-Kultur[1] ausgegrenzt und somit gleichzeitig die Rezipienten dieser Werke, die häufig den größten Teil der Gesellschaft darstellen.

Die Entstehung kultureller Teilungsprozesse, deren gesellschaftliche Voraussetzungen und Konsequenzen sowie mögliche neue Betrachtungsweisen des Wertungsproblems sollen im Folgenden anhand der Texte „Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur“ (Christa Bürger), „Massenkultur und Kultur-Niveaus“ (Umberto Eco) und „Medienkitsch als Wertungs- und Rezeptionsphänomen“ (Jürgen Grimm) untersucht werden. Zunächst werden historische Entwicklungsprozesse dargestellt, die an Umbruchstellen der Literaturgeschichte zu einer Dichotomie von hoher und niederer Literatur geführt haben, wobei vor allem auf die gesellschaftlichen bzw. politischen Hintergründe und Konsequenzen der Entwicklung in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert eingegangen wird. Damit verbunden sind unterschiedliche Forschungs- und Lösungsansätze, welche die Autorin nutzt, um zu einem eigenen Ansatz im Wertungsproblem von hoher und niederer Kultur zu kommen und Forderungen bezüglich künftiger Aufgaben und Wertmaßstäbe in der Literatur zu stellen. Auch Umberto Eco setzt sich mit dem Wertungsproblem innerhalb der Kultur auseinander; sein Ansatzpunkt sind jedoch die durch Massenmedien vermittelten kulturellen Beiträge. Anhand seines Textes „Massenkultur und Kultur-Niveaus“ sollen Ecos wichtigste Ziele und Forderungen bei der Nutzung der Massenmedien zur Vermittlung kultureller Werte herausgearbeitet werden. Außerdem wird seine dialektische Vorgehensweise bei der Analyse der Massenkultur vorgestellt. An Ecos Ergebnisse und Forschungsvorschläge knüpft der Text „Medienkitsch als Wertungs- und Rezeptionsphänomen“ an, indem hier der gesellschaftliche Umgang mit Medienkitsch als einem Teil der Unterhaltungskultur untersucht und mit einer Analyse der in diesem Zusammenhang entstandenen Echtheitsdebatte verknüpft wird. Neben den Thesen zum Medienkitsch sollen hier vor allem die Neudefinition, neue Perspektivierungsansätze sowie sich dadurch ergebende gesellschaftliche Möglichkeiten und Anforderungen vorgestellt werden.

2. Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur

2.1 Umbruchstellen innerhalb der Literaturgeschichte

Dichotomisierungsprozesse innerhalb der Kultur bzw. Literatur erfolgen auf Grund von Ausgrenzungsregeln, die zum Ausschluss einer bestimmten Rezipientengruppe bzw. Stilrichtung von einem durch Eliten bestimmten Kanon anerkannter Kulturobjekten führen. Die Entwicklung der jeweiligen Regeln ist abhängig von den herrschenden institutionellen Rahmenbedingungen im gesellschaftlichen oder politischen Bereich. In ihrem Beitrag zeigt die Autorin verschiedene Umbruchstellen in der Entwicklung der Literatur auf, welche den Verlauf der Dichotomisierungsprozesse entscheidend geprägt haben:

In der Epoche des französischen Absolutismus wird die klassische Regelpoetik, die „doctrine classique“, institutionalisiert; gleichzeitig wird mit der Abfolge Epos, Tragödie, Komödie eine Hierarchie der Theatergattungen aufgestellt. Dadurch kommt es zu einer Ausgrenzung aller anderen Gattungen, wie zum Beispiel der Tragikomödie, aus dem vom Hof anerkannten Kanon. In der feudalabsolutistischen Kultur dient das Theater nun lediglich als Repräsentationsinstrument absolutistischer Herrschaft bzw. zur Unterhaltung der kulturellen Elite. Durchgesetzt wird dieses Instrument gegen vorherrschende ästhetische Wahrnehmungs- und Urteilsgewohnheiten eines breiten Publikums, dessen Unterhaltungsbedürfnis durch das Theater nicht mehr befriedigt werden kann. Dadurch dass Werken außerhalb der festgelegten Regeln und Gattungen jeglicher ästhetischer und inhaltlicher Wert abgesprochen wird, ist das Publikum im französischen Absolutismus gespalten in Literaturkenner und eine bloße schaulustige Menge.

Von dieser Dichotomisierung des Publikums wenden sich die Frühaufklärer ab. Ihrer Forderung nach soll Kunst prinzipiell jedem Mitglied der Gesellschaft zugänglich sein, weshalb ein ästhetisches Urteil spontan und aus dem Gefühl heraus erfolgen und anerkannt werden muss und nicht mehr abhängig von der gesellschaftlichen Bildung sein darf. Dadurch kann die Kunst nach Meinung der Frühaufklärer ihre lebenspraktische Funktion wieder erfüllen, da der Beitrag bzw. Wert eines Werkes nun wieder in der öffentlichen Diskussion ermittelt werden kann. Die öffentliche Funktion der Kunst ist Voraussetzung dafür, dass keine Instrumentalisierung durch den Herrschaftswillen erfolgen kann.

Die Forderungen der Frühaufklärer haben jedoch vor allem in Deutschland keinen langfristigen Erfolg. Ende des 18. Jahrhunderts setzt hier ein Dichotomisierungsprozess ein, der zur Kanonisierung einer hohen Literatur und zu einem damit verbundenen Trivialisierungs- bzw. Ausgrenzungsprozess der Unterhaltungsliteratur führt. Auch wenn ähnliche Tendenzen in ganz Europa zu beobachten sind, wird der kulturelle Teilungsprozess auf Grund der speziellen gesellschaftlichen und politischen Lage in Deutschland besonders deutlich. Zum einen fallen in Deutschland der Aufstieg des modernen Romans und seine massenhafte Produktion zeitlich zusammen, was eine Expansion des literarischen Marktes zur Folge hat. Dieser Prozess stellt sich Schriftstellern und Literaturgeschichte als Konkurrenz zwischen guter und trivialer Literatur dar.[2] Die neuen materiellen Bedingungen der Literaturproduktion erfordern, dass die Autoren ihr Selbstverständnis und ihre Literaturvorstellungen im Verhältnis zum literarischen Markt klären, wodurch sich eine Dichotomisierung der Schriftsteller in „schreibende Gelehrte“ und „schriftstellerische Lohnarbeiter“[3] ergibt. Die Trivialisierung der Unterhaltungsliteratur einerseits und die Autonomieästhetik der übrigen Literatur andererseits kann also als historische Konsequenz betrachtet werden, die aus dem zentralen Prinzip des bürgerlichen Marktes, der Profitmaximierung, entstanden ist.

Ein weiterer wichtiger Grund, der zur Dichotomie hoher und niederer Literatur geführt hat, ist ein gesamtgesellschaftlicher Modernisierungsprozess im 18. bzw. 19. Jahrhundert. In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nimmt der Rationalisierungsdruck stetig zu; verschiedene Bereiche der menschlichen Tätigkeit werden dem Prinzip der Zweckrationalität unterworfen. Gleichzeitig verlieren die bis dahin sinn- und haltgebenden religiösen Weltbilder zunehmend an Bedeutung, weshalb der Wunsch nach neuen ganzheitlichen Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten in einer von Entfremdung und Inauthentizität geprägten Welt entsteht. Die hohe Kunst bietet sich in dieser Phase einem Teil der Gesellschaft als ganzheitlicher und abgehobener Bereich an, der die negativen Seiten der Welt in einem Reich der Zweckfreiheit wegarbeitet und als neues Versöhnungsparadigma fungiert. Die populäre Literatur liefert durch Utopien einer besseren Welt und durch Fluchten aus der Realität eine andere Antwort auf den Modernisierungsprozess, wird jedoch durch Ablehnung der intellektuellen Elite ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, obwohl sie vom größten Teil der Bevölkerung genutzt wird.

Der vielleicht wichtigste Grund der kulturellen Zweiteilung ist jedoch die politische Lage. Die Enttäuschung vieler Intellektueller über den Verlauf und die Folgen der Französischen Revolution sowie die empfundene Demütigung und Handlungsunfähigkeit durch die napoleonische Fremdherrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts führen zu einem Verzicht der Intellektuellen auf die politische Praxis. Die kulturelle Revolution nimmt daher eine stellvertretende bzw. kompensierende Funktion ein. Getragen wird diese jedoch nur von den bürgerlichen Intellektuellen, so dass in der entstehenden Kunstautonomie auch die Bildung vom Bewusstsein des Volkes und dessen Kulturbedürfnis abgelöst wird. Die meisten Schriftsteller machen keinen Versuch, eine vom Volk gelesene Unterhaltungsliteratur zu schaffen, so dass diese nahezu vollkommen den Marktprozessen unterworfen und zunehmend trivialisiert wird. In diesem politisch bedingten Prozess zeigen sich Widersprüche in der modernen bürgerlichen Gesellschaft: die bürgerliche Elite beansprucht, Träger einer nationalen Kultur zu sein, grenzt aber gleichzeitig die Masse von dieser Kultur bewusst aus, so dass man keinesfalls von einer nationalen Kultur sprechen kann, sondern in der Dichotomie der Kultur ein Spiegelbild gesellschaftlicher Ausgrenzungsprozesse sehen muss.

2.2. Folgen der Dichotomie hoher und niederer Literatur

Die Trennung der Literatur in die kanonisierten Werke der hohen und trivialisierten Werke der niederen Literatur hat tiefgreifende Folgen für die gesellschaftliche Entwicklung. Zum einen führt die kulturelle Zweiteilung auch zu einer Verstärkung der gesellschaftlichen Trennung. Die Kulturgüter innerhalb der Gesellschaft sind ungleich verteilt, da die hohe Kunst nur noch denjenigen mit einer hohen Formalbildung zugänglich ist. Die Unterprivilegierten mit geringen Zugangschancen zu Bildungsmöglichkeiten werden auch vom gesellschaftlich anerkannten Kulturkonsum ausgeschlossen; Geschmack und Schönheitsgefühl sind dadurch Privilegien der Elite. Häufig wird der Ästhetizismus der hohen Literatur auch als Statussymbol genutzt, um so bürgerliche Besitz- und Bildungsideologien zu stabilisieren.[4] Ihren Herrschaftsanspruch untermauert die bürgerliche Elite, indem sie als Nicht-Kunst ausgrenzt, was den durch sie definierten Funktionsbestimmungen widerspricht. Die Dichotomie von hoher und niederer Literatur ist also vielfach bewusster Ausdruck der Trennung von Bildungselite und Kulturkonsumenten.[5]

[...]


[1] Die Begriffe hohe und niedere Kultur werden im Folgenden verwendet, da diese Bezeichnungen auch in der Literatur zu finden sind. Diese Begriffe sollen hier jedoch nicht als Bewertungen verstanden werden.

[2] Peter U. Hohendahl in „Der europäische Roman der Empfindsamkeit“, vgl. „Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur“, S. 18

[3] „Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur“, S. 18

[4] diesen Aspekt arbeitet Pierre Bourdieu in seiner Kunstsoziologie heraus, vgl. „Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur“, S. 12

[5] die Autorin weist in diesem Zusammenhang beispielsweise auf die Aussagen Schillers hin, vgl. „Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur“, S. 21f

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kulturtheorie: Der Gegensatz von "hoher" und "niederer" Kultur bei Bürger, Eco und Grimm
Hochschule
Universität Siegen  (Studiengang Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung)
Veranstaltung
Politik und Unterhaltung: Weltbild- und Politikvermittlung durch unterhaltsame Medienformate
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V28189
ISBN (eBook)
9783638300421
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichotomisierungsprozesse, die zur Trennung von hoher und niederer Literatur führen, spiegeln gesellsch. Widersprüche und Ausgrenzungen wider. Die Entstehung kultureller Teilungsprozesse, deren gesellschaftliche Voraussetzungen u. Konsequenzen sowie mögliche neue Betrachtungsweisen d. Wertungsproblems werden anhand d. Texte 'Die Dichotomisierung hoher und niederer Literatur' (Bürger), 'Massenkultur und Kulturniveaus' (Eco), 'Medienkitsch als Wertungs- und Rezeptionsphänomen' (Grimm)untersucht
Schlagworte
Kulturtheorie, Gegensatz, Kultur, Bürger, Grimm, Politik, Unterhaltung, Weltbild-, Politikvermittlung, Medienformate
Arbeit zitieren
Veronika Petzold (Autor), 2002, Kulturtheorie: Der Gegensatz von "hoher" und "niederer" Kultur bei Bürger, Eco und Grimm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28189

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