Kreativität, Melancholie und Wahnsinn

Versuch eines Zusammenhangs anhand der Entstehung von Nietzsches Zarathustra


Essay, 2009
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und anthropologische Prämisse

2. Der archaische Widerspruch oder die kreative Reibung

3. Zur Entstehung von Nietzsches Zarathustra

4. Zur Stellung der Melancholie

5. Integration und Grenzen: der Wahnsinn und der Märtyrer

1. Mit dieser Abhandlung möchte ich meinen Standpunkt deutlich machen, dass Kreativität viel weniger aus externalen Faktoren entspringt, sondern viel mehr Ausfluss eines inneren Widerspruchs ist, den es zu überwinden gilt. Betrachten wir hierzu zunächst, wieso der Mensch sich überhaupt progressiv verhält, wieso er also kreative Leistungen geradezu nötig hat. Ich folge hierbei der Argumentationslinie Arnold Gehlens, der den Menschen als „Mängelwesen“[1] auffasst, welches sich nur durch seine kulturellen Leistungen überhaupt erhalten kann. Der Mensch, der geradezu gegensätzlich zur Struktur der Welt geformt ist, indem sein Körper an sich nicht ausreichend an die Witterungsbedingungen angepasst ist, sowie sein Geist, d.h., dessen Fähigkeit „Nein“ zum Leben zu sagen, sich dem vitalistischen Prinzip des Lebens durch das Prinzip des Geistes entgegenzustellen, wie es Max Scheler proklamiert[2], ist nichts anderes als gezwungen dazu, seine Umwelt zu verändern; - anders wäre es geradezu paradox, dass sich das „Mängelwesen“ derzeitig an sämtlichen Orten der Welt und sogar im Weltall zu erhalten vermag. Mit seinem Einfluss auf seine Umgebung geht natürlich eine Wechselwirkung einher: der Mensch erschafft sich selbst, er fungiert als „creatura creatrix“[3], wie es Michael Landmann bezeichnet. Entwicklungspsychologisch wurde dieser sich ergänzende Gegensatz bei Piaget, der damit eigentlich selbst anthropologische Fragen beantworten wollte, unter dem Begriffspaar „Assimilation und Akkommodation“ behandelt.

Mit diesen systematischen Gegenüberstellungen zwischen zwei primären menschlichen Gegenüberstellungsprinzipien gegen die Beschaffenheit der Welt, möchte ich deutlich machen, dass dieser Grundgegensatz auch tief in der menschlichen Psyche verankert sein muss, wenn dieser es schafft, die Welt und sich selbst zu seinen Gunsten zu verändern. Dieser Gegensatz, um den sich die moderne Wissenschaft quasi seit der kartesischen Aufteilung der Welt in eine „res cogitans“ und eine „res extensa“ dreht, wird besonders deutlich im künstlerischen Schaffen, wenn das erwähnte „Mängelwesen“ Mensch aus seiner Not her, sprichwörtlich erfinderisch gemacht wird. Dies kann sich steigern bis hinein in einen existenziellen Konflikt, der nur durch Kreativität gelöst werden kann, wie es etwa der Aphoristiker E.M. Cioran ausdrückt: „Jedes Buch ist ein aufgeschobener Selbstmord.“

2. Den hier ausgedrückten seelischen Zwiespalt nenne ich im folgenden den archaischen Widerspruch. Eben dieser ist es auch, welcher kreative Energie im höchsten Maße (ich negiere nicht, dass diese auch anderswoher ihren Ursprung finden kann), freisetzt und den Menschen in seiner Sonderstellung als Kulturwesen im Allgemeinsten legitimiert, was im Folgenden an verschiedenen Künstlern und ihren Werken deutlich zu machen versucht wird.

Der archaische Widerspruch, sowohl enthalten in der Struktur der Welt (Leben und Tod) als auch in der menschlichen Seele (Libido und Destrudo) erzeugt eine Wechselspiel im Sinne der Erkenntnis der Welt und erst dadurch die Erkenntnis des Menschen durch sich selbst. Auf eine allgemeinere Ebene hob Friedrich Nietzsche dieses widersprüchliche und sich dadurch ergänzende Prinzip in seiner Ästhetik durch den Gegensatz des Dionysischen und des Apollinischen, indem er Kunst als Produkt eines jeweiligen Rausches versteht[4], welche kanalisiert in kreative Energie umgewandelt werden kann. Visuell könnte man sich dies deutlich machen, indem man sich zwei Stränge vorstellt, jeweils einen für das Dionysische und einen anderen für das Apollinische, welche im Kampf miteinander eine Helixstruktur bilden, in deren Mitte durch die Reibung der beiden Stränge die kreative Energie freigesetzt wird. Nun ist es offensichtlich, dass zwar ein jeder Mensch zu einem Rausch fähig ist, jedoch nicht zu einer kreativen Tätigkeit. Dies liegt zum einen daran, dass man zunächst zu beiden Rauschen fähig sein muss (den physiologischen und den psychischen) und zum anderen, dass man diese in dieser Helixstruktur zu verbinden vermag, denn andernfalls würden diese in verschiedene Richtungen zielen und es käme nicht zu der oben erwähnten Reibung, die Vorrausetzung für die Freisetzung kreativer Energie ist. Der Künstler ist hierbei eben dazu fähig, seinen Rausch nicht etwa „auszunüchtern“, sondern ihn in ein produktives „arousal“ zu transferieren. Die Überlegung einer „kreativen Reibung“ in sog. „hot-groups“ entspricht dabei der Separation der beiden Rausche durch verschiedene Personen, währenddessen der Künstler diesen Widerspruch in sich zu vereinigen vermag. Die „hot-groups“ imitieren und provozieren in gewisser Weise lediglich diesen Effekt.

3. Halten wir hier zunächst fest, dass es in der menschlichen Seele einen Gegensatz, gar einen „Kampf“ zwischen den Energien der Libido und der Destrudo gibt, der sich nicht von selbst aufzuheben vermag und welcher im Makrokosmos dem Verhältnis von Leben und Tod entspricht. Auf die Kunst, also die kreative Energie bezogen, entfaltet sich dieser Gegensatz im Konflikt zwischen der dionysischen und apollinischen Energie, die durch einen jeweiligen Rauschzustand ihren Ausfluss findet und so kanalisiert werden kann, dass sie produktiv eingesetzt werden kann.

Diese Erkenntnis möchte ich nun an einem praktischen Beispiel erhellen, indem ich die Entstehung des ersten Teils von Nietzsches Zarathustra auf seine damalige psychische und physische Kondition beziehe. Hierzu dient im Besonderen sein reger Briefwechsel zu dieser Zeit. Anschließend möchte ich die Faktoren herausstellen, welche dieses einzigartige Werk bedingt haben mögen und erneut einen Bezug zu der allgemeinen Ebene, also dem archaischen Widerspruch diskutieren.

Zum dionysischen Strang: Hier muss zunächst erwähnt werden, dass Nietzsche bekanntlich schon lange vor der Abfassung des Zarathustra mit heftigen körperlichen Leiden zu kämpfen hatte und unter starker Selbstmedikation stand. Besonders deutlich geht dies aus einem Briefentwurf an seine ehemaligen Freunde Paul Reé und Lou von Salomé hervor: „[…] – Zu dieser, wie ich meine verständigen Einsicht in die Lage der Dinge komme ich, nachdem ich eine ungeheure Dosis Opium aus Verzweiflung eingenommen habe. Statt aber den Verstand dadurch zu verlieren, scheint er mir endlich zu kommen. […]“[5] .

Dieser Entwurf wurde Ende Dezember des Jahres 1882 geschrieben; der 1.Teil des Zarathustra bereits im Januar des Folgejahres. Nietzsches physiologischer oder dionysischer Rausch lag also vor, und zwar in jenem Maße, dass sein Verstand wie aus dem Entwurf ersichtlich nicht betäubt, sondern erhellt wurde, folglich in eine produktive Richtung kanalisiert wurde.

[...]


[1] Vgl. Arnold Gehlen: Anthropologische Forschung, Kap.3: Ein Bild vom Menschen (1942), Reinbek, 1961

[2] Vgl. Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos, S.52 ff., Bern, 1983

[3] Vgl. Michael Landmann: Fundamental-Anthropologie, S.36, Bonn, 1979

[4] Vgl. Colli und Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche: Götzendämmerung: Zur Psychologie des Künstlers, S.116, KSA, Bd. 6, Neuausgabe 1999, München

[5] Colli und Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche: Sämtliche Briefe, Band 6, S.307, 2. Auflage, München, 2003

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Kreativität, Melancholie und Wahnsinn
Untertitel
Versuch eines Zusammenhangs anhand der Entstehung von Nietzsches Zarathustra
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Psychologie IV)
Veranstaltung
Persönlichkeitspsychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V281994
ISBN (eBook)
9783656759157
ISBN (Buch)
9783656759140
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreativität, Melancholie, Wahnsinn, Nietzsche, Zarathustra, kreative Reibung, hot-groups, Rausch, Apollinisch, Dionysisch
Arbeit zitieren
Markus Uehleke (Autor), 2009, Kreativität, Melancholie und Wahnsinn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281994

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