Unehrliche Berufe im Mittelalter


Seminararbeit, 2014

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft
2.1. Die Entstehung der Ständegesellschaft
2.2. Die Entstehung von Randgruppen
2.3. Die Heterogenität der Randgruppen

3. Die unehrlichen Berufe im Mittelalter
3.1. Einführung
3.2. Der Henker
3.3. Der Abdecker
3.4. Der Bader
3.5. Der Müller
3.6. Der Schäfer
3.7. Die Prostituierten

4. Ausblick in die Neuzeit

5. Zusammenfassung und Schluss

6. Literaturverzeichnis
6.1. Sekundärliteratur
6.2. Internetquellen

1. Einleitung

Die Gesellschaften der westlichen Welt mit ihren durchaus positiven, politisch und religiös toleranten Selbstbildern sprechen jedem Menschen das Recht zur persönlichen Selbstverwirklichung, etwa im Sinne von Beruf und Familie, zu, ungeachtet von Herkunft, Glaube, Geschlecht oder Überzeugungen. Erfolgsgeschichten von Einzelpersonen, finanziell armen Familien entstammend und durch eigene Fähigkeiten und Kraft zu Reichtum, Wohlstand und Macht gelangend, erfreuen sich großer Beliebtheit in breiten Schichten und halten die Flamme der Hoffnung für jene, die ebenfalls am Aufsteigen sind bzw. daran arbeiten, am Leben. Solche Beispiele bekräftigen naturgemäß die Argumente derer, die in den westlichen Gesellschaften Standesgrenzen für von Zynikern oder intoleranten Gruppierungen erdachte Illusionen halten.

So schön diese Vorstellungen von absolut freien Entfaltungsmöglichkeiten für jedermann auch sein mögen, die Realität relativiert dieses selbstgesetzte, gesellschaftliche Ziel. Zyniker würden wohl behaupten, Individuen in Positionen, das Vorankommen für sämtliche Mitglieder der Gesellschaft zu erleichtern bzw. zu ermöglichen, könnten daran gar kein Interesse mehr haben, da sie selbst bereits an der Spitze stehen, eventuell gesättigt sind in ihren individuellen Ambitionen und Zielen. So einfach mag diese Frage dann zwar doch nicht zu beantworten sein, jedoch zeugen auch objektivere Tatsachen vom Vorhandensein gewisser gesellschaftlicher Grenzen: Kinder von Akademikern werden in höherem Maße einen Studienabschluss erreichen als solche von Arbeitern. Frauen verdienen nach wie vor in den meisten Berufen deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen.[1] Nepotismus spielt in vielen Strukturen weiterhin eine Rolle und stellt die Existenz von persönlichen Beziehungen des einen über die beruflichen Leistungen des anderen Mitarbeiters. Davon abgesehen dürften wohl beide Augen geschlossen sein, wenn man ernsthaft argumentiert, Einwanderer hätten absolut dieselben Chancen wie der Rest der Gesellschaft. Unglücklicherweise bestehen also auch in der heutigen Gesellschaft nach wie vor viele ungelöste und sogar unbearbeitete Probleme, die sich nur durch die Mitarbeit und den Willen aller angehen lassen. Welche Methoden hier allerdings schließlich zu Erfolg führen werden, das kann uns wohl nur die Zukunft zeigen und übersteigt den Anspruch dieser Arbeit und die fachliche Qualifikation des Autors.

Diese wenigen Punkte sollten bloß einstimmen auf das Thema und uns als Menschen des 21. Jahrhunderts davon abhalten, kritiklos und unreflektiert die gesellschaftlichen Zustände im europäischen Mittelalter als moralisch und menschlich unterentwickelt anzusehen.

Die mittelalterliche Gesellschaft des Abendlandes teilte sich dogmatisch in drei große Gruppen: Geistliche, Adelige und Nichtadelige (Bauern, Arbeiter und Bürger). Diese recht einfache Struktur der drei sog. Stände spiegelte kaum die tatsächliche soziale Beschaffenheit wider. Zusätzlich zu diesen Dreien gab es nämlich noch weitere Gruppierungen, die außerhalb dieses Systems, also von der Gesellschaft exkludiert, standen. Diese Menschen gehörten unter anderem den sog. unehrlichen Berufen an, um die es hier im Folgenden gehen soll. Das wenig schmeichelhafte Attribut dieser Gruppe findet seinen Ursprung nicht, wie man zunächst vermuten könnte, in irgendeiner grundsätzlich kriminellen Vorgeschichte, weder Mörder noch Räuber zählten sich zu diesen Berufen. Unehrlich bedeutete in diesem Zusammenhang rechtlos, verfemt oder ausgestoßen. Berufe wie der des Henkers, Abdeckers zählten hierzu, aber auch Müller, Schornsteinfeger und Straßenkehrer.

Der einführende Teil dieser Arbeit soll einen Einblick geben in die Zusammensetzung der mittelalterlichen Gesellschaft und die bereits erwähnte Dreiteilung bzw. die darin nicht inkludierten Gruppen näher erläutern. Ebenso soll die allgemeine Entwicklung von Randgruppen beleuchtet werden.

Den Hauptteil beansprucht eine Auswahl unehrlicher Berufe. Eingegangen werden soll, soweit möglich, auf ihre jeweiligen Berufsgeschichten, ihre Funktionen in der mittelalterlichen Gesellschaft und den Ursprung bzw. die Folgen ihrer Unehrlichkeit. Dies scheint zwar bei mit dem Tode verbundenen Arbeiten wie der des Scharfrichters auf den ersten Blick bereits mit der Natur des Berufes erklärt zu sein, jedoch bietet dies für viele andere unehrliche Berufe kaum eine Erklärung an.

Den Abschluss soll ein zeitlicher Ausblick in die Neuzeit für ausgewählte Gruppierungen bilden.

Besonders wenn man sich die Heterogenität der unehrlichen Berufe vor Augen führt, stellt sich die Frage nach den Ursprüngen dieser Einteilungen. Warum gehörten neben solchen Tätigkeiten wie Gefängniswärter, Gerichtsdiener, Totengräber und Abdecker, auch Schäfer, Hirten oder Müller zu den Unehrlichen? Was bietet die Sekundärliteratur für Erklärungen in dieser Hinsicht? Und welche für die Gesellschaft (lebens)wichtigen Funktionen erfüllten diese Berufe? Und wie veränderte sich das soziale und eigene Berufsbild im Laufe der Zeit?

An Sekundärliteratur wurden vor allem die Werke von Werner Danckert[2], Frank Meier[3] und Kay Peter Jankrift[4] verwendet. Auch die Bücher von Jutta Nowosadtko[5] und Bernd-Ulrich Hergemöller[6] gestalteten sich als sehr hilfreich.

2. Der Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft

2.1. Die Entstehung der Ständegesellschaft

Nach der Annahme des lateinischen Christentums durch das fränkische Königsgeschlecht der Merowinger an der Wende von Antike und Mittelalter, präsentierte sich der Kirche nördlich der Alpen eine soziale Stratifikation. Im Frankenreich schloss in dieser Phase nämlich eine soziostrukturelle Entwicklung ab: Aus der spätantiken bzw. frühmittelalterlichen Rang- oder Stammesgesellschaft mit verhältnismäßiger Gleichberechtigung erwuchs eine ständisch geprägte soziale Ordnung.[7] Eine grobe Dreiteilung in Adel, Freie/Halbfreie und Unfreie, aufgebaut auf „Blut, Macht, Besitz und geistige(r) Überlegenheit“[8] dominierte die mittelalterliche Gesellschaft.

Auch die Kirche selbst trug zur weiteren Etablierung dieser Ständegesellschaft bei, unterschied sie doch immerhin bereits seit Jahrhunderten zwischen Klerikern und Laien. Erstere dienten Gott mit ihrem Leben und versagten sich weltliche Bedürfnisse wie Besitz, Handel und Heirat. In der christlichen Wertegemeinschaft, verbunden mit der zeitgenössischen Annahme einer Imparität der Menschheit, standen diese besonders gläubigen Gottesdiener damit an der Spitze, immerhin sorgten sie auch für das menschliche Seelenheil.[9] Zur Veranschaulichung dieser Ungleichheit zwischen Menschen bemühten sich Kirche und Adel vermehrt auch um Metaphern zum besseren Verständnis der ungebildeten Schichten. Ein Beispiel dafür ist die Körpermetapher, alle Teile des menschlichen Körpers haben verschiedene Aufgaben, funktionieren tun diese allerdings nur als Gesamtes. Der kirchliche Gelehrte Honorius Augustodunus schrieb etwa: „Ihr, die ihr den Acker bebaut, seid die Füße der Christenheit, weil ihr sie nährt und tragt.“[10]

Zu den Klerikern und Laien gesellten sich allerdings seit spätantiker Zeit die Mönche, welche sich zwar als Laien ansahen, jedoch gemeinsamen Besitz und Gebet pflegten. Die Grenze zwischen den Klerikern und den Mönchen verwischte sich bereits während der Karolingerzeit zusehends. Die Gruppe der Laien unterteilte die Kirche nach den jeweiligen Verdiensten, verbunden mit entsprechender sozialer Anerkennung. Wie schon angedeutet, bedeutete dies für die fränkische Gesellschaft eine Aufgliederung nach den beiden Faktoren Freiheit bzw. Unfreiheit. Allerdings existierten mehrere Facetten: Der Adelige befand sich klar an der Spitze der Pyramide, ihm folgten der (Voll)Freie, der Minderfreie und der Freigelassene, schließlich kamen Knechte bzw. Hörige und Sklaven.[11]

Vollfreie arbeiteten unbeeinflusst auf ihren Besitzungen und heirateten zum Beispiel auch ohne vorheriges Fragen. Der unter ihm stehende Minderfreie musste eine gewisse Abhängigkeit hinnehmen, der Freigelassene zumindest zunächst eine schlechtere Rechtsstellung. Knechte verfügten über gewisse Rechte und galten, im Gegensatz zu Sklaven, vor dem Gesetz als Person.[12]

Jedoch verriet der Freiheits- oder Unfreiheitsstatus nichts über die finanzielle und wirtschaftliche Situation der Betreffenden. Freie Bauern konnten sich in Notzeiten unter den Schutz adeliger Grundherren begeben und im Gegenzug gewisse Einbußen ihres Status hinnehmen. Unfreie konnten dahingegen beispielsweise im Dienste eines Herrn einen gewissen Rang bekleiden. Schließlich orientierten sich die Zeitgenossen weniger am Faktor Freiheit als an der Finanzkraft und Macht der Menschen.

Die Adeligen profitierten vom Zulauf freier Bauern unter ihren Schutz und konnten ab dem Frühmittelalter mit der Ausbildung von großen Grundherrschaften sowohl Macht als auch Kapital ansammeln.[13] Sie stellten beinahe exklusiv die Klasse der Mächtigen, der potentes, und der restliche Anteil der Bevölkerung zählte sich zu den Armen, den pauperes. Freie Bauern fielen auch deswegen in die letztere Gruppe, da häufige Krisenzeiten sie schnell in die Abhängigkeit trieb.[14]

Die Verbesserungen in der Landwirtschaft, im Sinne von ausgeklügelteren Gerätschaften, wie zum Beispiel verbesserten Pflügen, und neuen Anbaumethoden, wie der Dreifelderwirtschaft, verhalfen theoretisch zu einem besseren Leben, jedoch stürzten häufig auch militärische Auseinandersetzungen breite Teile der Bevölkerung in die Armut.[15] Immerhin bedeutete Krieg zumeist nicht nur einen Angriff auf Leib und Leben, sondern auch auf wirtschaftliche Ressourcen. Diese Phase zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert vermochte aber auch neue Möglichkeiten der Existenz zu bieten, wo Kriege stattfanden, benötigten die kriegsführenden Parteien auch Personal zur Umsetzung ihrer Interessen. Die dafür angestellten Krieger, miles, verfügten entsprechend über eigene Rechte, so etwa das Recht des Waffentragens. Bald sollte nicht mehr der Freiheitsstatus, sondern der jeweilige Beruf das Urteil über einen Menschen bestimmen.[16]

Im 11. und 12. Jahrhundert ermöglichte der sich verbreiternde Einsatz von den oben genannten Methoden zur Förderung der landwirtschaftlichen Erträge einen ungeheuren Bevölkerungsanstieg, dürften um 1000 ca. 38 Millionen Menschen in Europa gelebt haben, waren es 200 Jahre später bereits 60 Millionen.[17] Allerdings vermochten es die bestehenden Landwirtschaften auch bei maximaler Bewirtschaftung nicht, den Nahrungsbedarf aller zu decken. Neue Ackerflächen mussten gewonnen werden, die größte davon befand sich östlich der Elbe. In diese Ostsiedlung brachen die Menschen nicht nur auf herrschaftlichen Befehl oder wegen einer Notlage auf, sondern auch in der Hoffnung in einer neuen Umgebung ihren Status zu verbessern.[18]

Auch die Städte erlebten eine Blütezeit, verzehnfachte sich ihre Zahl in Mitteleuropa in diesen beiden Jahrhunderten und auch die vorhandenen wuchsen beträchtlich. Die größte mittelalterliche Stadt im heutigen Deutschland war Köln mit ca. 40.000 Bewohnern.[19]

Diese Vervielfachung menschlicher Lebensformen und der damit einhergehende soziale Wandel riefen aber gleichzeitig den obrigkeitlichen Wunsch nach einer an die Umstände adaptierten Hierarchie hervor. Die Standesgrenzen erfuhren zu dieser Zeit eine weitere Verfestigung, speziell die Abgrenzung des Adels vom Nichtadel wurde forciert. Allerdings gab es auch innerhalb der großen drei Stände, Klerus, Adel und Nichtadel, weitere Abstufungen, distanzierte sich zum Beispiel der hohe Adel doch gerne vom aufstrebenden niederen Adel, dem die Ministerialen angehörten.[20]

Zeitgenössische Überlieferungen fassen uns diese Vorstellungen über die angeblich gottgewollte Gesellschaftsordnung zusammen: „Dreigeteilt ist das Haus Gottes, das man als Einheit glaubt: Die einen beten, die anderen kämpfen und andere arbeiten. Diese drei sind vereint und leiden keine Spaltung. Durch die Aufgaben des einen Teils werden auch die beiden anderen bedacht, im Wechsel der Pflichten erwächst allen Trost.“[21]

Auf einem berühmten Holzschnitt aus dem Werk des Astrologen Johannes Lichtenberger, veröffentlicht gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wies Jesus den drei Ständen zudem ihre jeweiligen Aufgaben zu: Der Klerus, oratores, sollte demütig beten („ Tu supplex ora“), der kämpfende Adel, bellatores, beschützen („Tu protege“) und die Arbeiter, Bauern und Bürgern, laboratores, arbeiten („Tuque labora“).[22]

[...]


[1] Demling Alexander, Niestedt Michael, Gehaltsvergleich: Was bringt mein Studium?, URL: http://tinyurl.com/lfymq3z (abgerufen am 25.08.2014).

[2] Danckert Werner, Unehrliche Leute. Die verfemten Berufe, Bern München 19792.

[3] Meier Frank, Gaukler, Dirnen, Rattenfänger. Außenseiter im Mittelalter, Ostfildern 2005.

[4] Jankrift Kay Peter, Henker, Huren, Handelsherren. Alltag in einer mittelalterlichen Stadt, Stuttgart 2008.

[5] Nowosadtko Jutta, Scharfrichter und Abdecker. Der Alltag zweier „unehrlicher Berufe“ in der Frühen Neuzeit. Paderborn München Wien Zürich 1994.

[6] Hergemöller Bernd-Ulrich (Hg.), Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, Warendorf 1990.

[7] Vgl. Schwer Wilhelm, Stand und Ständeordnung im Weltbild des Mittelalters. Die geistes- und gesellschaftsgeschichtlichen Grundlagen der berufsständischen Idee, Paderborn 19702, 17.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Rexroth Frank, Deutsche Geschichte im Mittelalter, München 2005, 25.

[10] Zitiert nach: Schwer, Ständeordnung, 66-67.

[11] Vgl. Rexroth, Geschichte, 26.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Schwarz Jörg, Stadtluft macht frei. Leben in der mittelalterlichen Stadt, Darmstadt 2008, 9.

[14] Vgl. Rexroth, Geschichte, 27.

[15] Vgl. Seltmann Ingeborg, Handwerker/Henker/Heilige. Bilder erzählen vom Leben im Mittelalter, Ostfildern 2005, 112f.

[16] Vgl. Rexroth, Geschichte, 27.

[17] Vgl. Rexroth, Geschichte, 51.

[18] Vgl. ebd., 52.

[19] Vgl. Schwarz, Stadtluft, 45.

[20] Vgl. Rexroth, Geschichte, 54f.

[21] Adalbero von Laon, zitiert nach: Meier, Gaukler, 9.

[22] Vgl. Meier, Gaukler, 13.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Unehrliche Berufe im Mittelalter
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Stadt und städtisches Leben im Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V282013
ISBN (eBook)
9783656759751
ISBN (Buch)
9783656759768
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Unehrliche Berufe, Henker, Abdecker, Schinder, Bader, Barbier, Müller, Prostituierte, Huren, Neuzeit
Arbeit zitieren
Dr.med.univ. Christian Lechner (Autor), 2014, Unehrliche Berufe im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282013

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