Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges - Ein Untersuchung über die intellektuellen Kreise um das "Persische Comité" und die Zeitschrift "Kaveh"


Magisterarbeit, 2003
72 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Einleitung

1. Historischer Hintergrund
1.1. Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen
1.2. Deutsche Interessen in Iran vor Kriegsbeginn
1.3. Lage Irans bei Kriegsbeginn
1.3.1. Westliche Einflüsse
1.3.2. Reformen
1.3.3. Die Konstitutionelle Revolution

2. Deutsch-iranische Beziehungen während des Ersten Weltkrieges
2.1. Die „Nachrichtenstelle für den Orient“
2.1.1. „Korrespondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient“
2.1.2. „Der Neue Orient“
2.2. Das „Persische Comité“
2.2.1. Plan zur Gründung eines Komitees
2.2.2. Mitglieder
2.2.3. Das Programm
2.3. Die Zeitschrift „Kaveh“
2.3.1. Entstehung einer persischsprachigen Zeitschrift
2.3.2. Hintergründe zur Entstehung
2.3.3. Finanzierung und Organisation von „Kaveh“
2.3.4. Autoren und Inhalte der Zeitschrift
2.4. Sayyed Hasan Taqīzādeh
2.5. Sayyed Mohammad-Alī Ğamālzādeh

3. Deutsch-iranische Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg
3.1. Deutsch-iranische Beziehungen
3.2. Die Zeitschrift Kaveh und das Persisches Comité

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anlage

Vorwort

Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges waren auf der einen Seite geprägt von der politischen Situation in Europa zur damaligen Zeit sowie der expansionsgeprägten Kolonialpolitik Deutschlands als erhoffter zukünftiger Weltmacht und auf der anderen Seite von der Besatzungspolitik Großbritanniens und Russlands in Iran und dem daraus erwachten Nationalitätsdenken und Unabhängigkeitsstreben iranischer Intellektueller.

Die vorliegende Arbeit behandelt hauptsächlich die auf Iran bezogene Politik Deutschlands und den Versuch des Widerstandes seitens der Exiliraner im Ersten Weltkrieg. Dabei liegt der Schwerpunkt der Arbeit in der Untersuchung des „Persischen Comités“ und der Zeitschrift „Kaveh“. Sie ist ein Versuch, sowohl einen Überblick über deren Programme bzw. Inhalte als auch deren Hintergründe und Entstehungsgeschichte zu geben. Diese Arbeit gibt hierbei weder genaue Berichte über das eigentliche Kriegsgeschehen, noch behandelt sie die Entstehungsgeschichte oder den Ausgang des Krieges. Auf die genauen Rollen Großbritanniens, Russlands und des Osmanischen Reiches in Europa und Iran sowie Deutschlands Beziehungen zu diesen Ländern wird nur am Rande eingegangen. Vielmehr soll diese Arbeit eine Untersuchung zu den politisch-kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Iran sein.

Im Rahmen einer Magisterarbeit sind diesem Versuch natürlich gewisse Grenzen gesetzt, so dass die Arbeit keinen Anspruch auf umfassende bzw. vollständige Behandlung des Themas erhebt.

Im Literaturverzeichnis sind neben Originalliteratur der damaligen Zeit auch Titel aufgenommen, die zur Klärung der einzelnen Fragestellungen beigetragen haben oder von allgemeiner Bedeutung für die Arbeit waren.

Die Titel der Artikel von „Kaveh“ sind alle im Original – also in Persisch – übernommen worden und nur in den Fußnoten näher erläutert.

Ebenfalls im Original übernommen sind Zitate bzw. Notizen aus Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes (AA) in Berlin, die ich persönlich dort eingesehen habe. Diese und die Artikel der Zeitschriften „Der Neue Orient“ und des „Korrespondenzblattes der Nachrichtenstelle für den Orient“ wurden ebenfalls in den Fußnoten genauer beschrieben.

Die Transkription orientiert sich an der tatsächlichen Aussprache des jeweiligen Wortes. Zu den Übersetzungen aus dem Persischen wurde das Wörterbuch „Persisch-Deutsch“ von Junker und Alavi herangezogen.

Im Deutschen eingegliederte Begriffe wie ´Schah` oder die Namen iranischer Städte wie ´Tabriz` werden in der üblichen deutschen Schreibweise aufgeführt, Zitate in der Transkription und Orthographie der jeweiligen Autoren wiedergegeben.

Einleitung

Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges können als Grundstein der späteren Beziehungen zwischen den beiden Ländern angesehen werden.

Erst das plötzliche politische Interesse Deutschlands an Iran, das im Zusammenhang mit der politischen Situation in Europa und der Besetzung Irans durch Groß-britannien und Russland gesehen werden kann, hat die Zusammenarbeit der beiden Länder auf politischer, sozialer und kultureller Ebene entscheidend geprägt.

Die beiden von Berlin aus operierenden deutschen Propagandamittel - das „Persische Comité“ und die Zeitschrift „Kaveh“ - waren dabei die Projekte, an denen die deutsch-iranischen Beziehungen der damaligen Zeit besonders deutlich zu erkennen sind, und sollen deswegen neben den intellektuellen Kreisen um diese Organisationen Gegenstand der Untersuchungen dieser Arbeit sein.

Im Laufe der Arbeit an diesen Untersuchungen haben sich mir zwei Fragen gestellt, die entscheidend für die Entstehung, den Fortbestand und die Intensität der gesamten Beziehungen der beiden Länder waren:

1. Was wollte die deutsche Regierung in Iran und warum war sie so darauf bedacht, das Land als Mitglied der Mittelmächte zu gewinnen?
2. Welches Interesse hatten die in Europa bzw. Deutschland lebenden Exiliraner daran, Deutschland bei ihrer Propagandapolitik im Orient zu unterstützen?

Diese Arbeit soll nun versuchen, Antworten auf diese Fragen und damit auch einen Überblick über die Beziehungen zwischen Deutschland und Iran nicht nur während des Ersten Weltkrieges sondern auch kurz davor und kurz danach zu geben.

Das erste Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit den historischen Hintergründen der Beziehungen der beiden Länder, den Interessen Deutschlands, den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Iran unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges und den ersten Ansätzen einer Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern.

Im zweiten Kapitel werden neben den Hintergründen zur Entstehung, den Programmen, Inhalten und Mitgliedern des „Persischen Comités“ und der Zeitschrift „Kaveh“ auch die „Nachrichtenstelle für den Orient“ und deren Publikationen behandelt. Ebenso enthält dieses Kapitel zwei kurze Biographien der wohl bedeutendsten in Berlin tätig gewesenen Exiliraner, die maßgeblich an der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Iran beteiligt gewesen waren – Sayed Hasan Taqīzādeh und Mohammad-Alī Ğamālzādeh.

Das dritte Kapitel gibt einen kurzen Überblick über den Fortlauf der Entwicklungen unmittelbar nach Ende des Krieges und beleuchtet das Schicksal des „Persischen Comités“ und der Zeitschrift „Kaveh“.

Im Schlusswort wird die Bilanz der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Iran gezogen und untersucht, inwiefern die Ziele der beiden Länder erreicht wurden.

1. Historischer Hintergrund

1.1. Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen

Die Anfänge der Beziehungen zwischen Europäern und Orientalen reichen bis ins Mittelalter zurück. Neben anderen europäischen Reisenden sind auch Deutsche den Verlockungen des Orients gefolgt und haben in den letzten Jahrhunderten das Gebiet des heutigen Iran bereist.

Von diesen Reisen brachten sie interessante und aufschlussreiche Berichte und neue Erkenntnisse über das Abendland nach Deutschland mit.

Einer der ersten deutschen Reisenden war Hans Schildberger, der Iran bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts besuchte.[1]

Ihm folgten weitere deutsche Kaufleute wie Tecander, von Poser, Olearius, Kaempfer und viele andere.[2]

Ab dem 19. Jahrhundert vertieften sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern; über ein reges Interesse beider Seiten gingen sie aber dennoch nicht hinaus. Deutsche agierten in Iran vor allen Dingen in sozialen und medizinischen Bereichen. So arbeiteten im Regierungshospital in Teheran deutsche Ärzte, und in verschiedenen iranischen Städten eröffneten Deutsche Apotheken. Gemeinsam mit Frankreich und den USA beteiligte sich Deutschland am Auf- und Ausbau des iranischen Schul- und Bildungswesens.

Eines besonders guten Rufes erfreute sich die 1907 in Teheran gegründete deutsche Schule. Zusammen mit dem „Deutschen Schulverein für Persien“ bildete sie eine wichtige kulturelle Vereinigung in Iran.[3]

Im sozialen Bereich engagierte sich seit 1880 auch die „Deutsche Orientmission“, die Schulen und Waisenhäuser im Nordwesten Irans bauen ließ, und die „Deutsche Blindenmission“ in Tabriz und Esfahan.[4]

Die „Deutsche Missionsgesellschaft“ war ebenfalls fast ausschließlich im Nordwesten Irans tätig. Ihr Missionszentrum lag in der Stadt Urmia. Die Gesellschaft errichtete Schulen, Druckereien und bildete Ärzte aus. Allerdings stand sie dabei im ständigen Konkurrenzkampf mit anderen Missionsgesellschaften aus Amerika und Skandinavien, denn der Nordwesten des Landes hatte sich zu einer Hochburg ausländischer Missionsgesellschaften entwickelt.

Großen Erfolg konnten sie insofern nicht verzeichnen, zumal die iranische Regierung kurz nach dem Auftreten der Missionsgesellschaften den Übertritt von Moslems zum Christentum verboten hatte.[5] Die Missionsangehörigen mussten sich deshalb auf die Belehrung der iranischen Nicht-Moslems beschränken.

Die Aufgabe der Missionare hatte aber nicht ausschließlich seelsorgerische, sondern durchaus auch politische Aspekte. So war ein Schwerpunkt der bereits erwähnten „Deutschen Orientmission“ die Arbeit mit Armeniern, nachdem auch in Deutschland das vom Osmanischen Reich verübte Massaker an Armeniern bekannt wurde.

Die Zusammenarbeit Deutschlands und Irans auf politischer und wirtschaftlicher Ebene hingegen war schwieriger. Deutschland war als Nachzügler unter den europäischen Kolonialisten bekannt und betrieb aktive Kolonialpolitik erst ab 1878 mit der Neuordnung des zusammenbrechenden Osmanischen Reiches.[6]

Zwar gab es eine erste Reise der „Königlich Preußischen Gesandtschaft“ nach Iran, jedoch blieb diese ohne diplomatische bzw. politische Folgen.

Erst 1873 wurde der deutsch-persische Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag abgeschlossen, der die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern vorantreiben sollte. Im Jahre 1884 vertieften sich auch die diplomatischen Beziehungen Deutschlands und Irans durch die erste ständige deutsche Gesandtschaft in Teheran.[7]

Durch den Einfluss Russlands und Großbritanniens wurde es für deutsche Investitionen in Iran nicht einfach, denn als Deutschland in Europa zum wirtschaftlichen Faktor wurde, waren schon alle Schlüsselpositionen in Iran von Russen und Engländern besetzt. Obwohl alle finanziellen und organisatorischen Vorraussetzungen für deutsche Projekte in Iran (Banken, Straßenbau, etc.) gegeben waren und auch die iranische Regierung in die Pläne eingewilligt hatte, mussten alle Versuche Deutschlands, auch wirtschaftlich in Iran Fuß zu fassen, unter russischem und englischem Druck aufgegeben bzw. verschoben werden.

Die Besatzer Irans sahen in Deutschland nicht nur einen wirtschaftlichen Konkurrenten sondern auch einen Eindringling in eine privilegierte Wirtschaftszone. So konnte beispielsweise der Bau der Bagdad-Bahn, die eine Verbindung zwischen dem Osmanischen Reich und dem Persischen Golf herstellen sollte, erst im Jahr 1940 fertig gestellt werden, obwohl die Deutsche Bank schon 1899 die Konzession zum Bau von der iranischen Regierung erhalten hatte.[8]

„Bezeichnend für die Situation der Deutschen in Iran war die Einstellung der Reichsregierung, die alle Deutschen, die Rechte oder Konzessionen in Persien erworben hatten, um des lieben Friedens mit England und Rußland willen immer wieder zu veranlassen gewußt hatte, sich lieber nicht in Persien zu betätigen.“[9]

Nur zwei große deutsche Unternehmen schafften es, sich gegen die russische und englische Kolonialpolitik durchzusetzen und trotz Zwischenfällen mit Vertretern beider Länder ihre Position in der iranischen Wirtschaft zu behaupten. Das erste Unternehmen war die „Persische Teppichgesellschaft AG“ mit Sitz in Tabriz und anderen großen Städten und das zweite war die Spedition „Robert Woenkhaus & Co., Hamburg“, die am Persischen Golf saß und von dort den Schiffsverkehr zwischen Deutschland und Iran koordinierte.

Einfacher als die wirtschaftliche Zusammenarbeit stellte sich die wissenschaftliche dar. Ab dem 19. Jahrhundert gab es in Deutschland ständige wissenschaftliche Untersuchungen zu Iran, und den Grundstein dazu legte 1805 G.F. Grotefend mit der Entzifferung der Keilschrift.[10]

Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt kam auch die klassische persische Dichtung mit Werken wie „Leila und Mağnun“ (Leipzig, 1807) nach Deutschland. Aber erst Goethe machte durch seinen „West-östlichen Diwan“ (Weimar, 1814) die Poesie Persiens zur Weltliteratur in Europa. Friedrich Rückert übernahm sogar die Besonderheiten der persischen Dichtkunst und schrieb eigene Werke in persischen Metren.

Ebenfalls zu dieser Zeit reiste eine kaiserliche Expedition zur Erforschung der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen nach Iran, und deutsche Archäologen wie F. Sarre und E. Herzfeld begannen mit ersten Ausgrabungen unter anderem in Persepolis.

Mitte des 19. Jahrhunderts waren die ersten Anfänge der persischen Linguistik in Deutschland und besonders in Berlin zu beobachten. Dort eröffnete auch 1887 das „Seminar für orientalische Sprachen“, wo Studenten, deutsche Diplomaten, Kolonialbeamte und Militärs im Neupersischen ausgebildet wurden.

Im ersten Weltkrieg gaben die Mitarbeiter des Instituts genau dieses Wissen an das Auswärtige Amt für Militärmissionen weiter.

1.2. Deutsche Interessen in Iran vor Kriegsbeginn

Im 18. Jahrhundert empfahl Friedrich der Große seinem Nachfolger nachdrücklich die Abstinenz auf dem Gebiet des Kolonialerwerbs: „Deutschland ist eine Kontinentalmacht; es braucht eine gute Armee und keine Flotte […], wenn wir keine Kolonien in Afrika und Amerika haben […].“[11]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Deutschland jedoch zu einer europäischen Großmacht entwickelt und eine außereuropäische Expansion war nun nicht nur sinnvoll, sondern sogar nötig geworden, um im Vergleich mit den anderen europäischen Großmächten konkurrenzfähig bleiben zu können. Nicht nur Weltmächte wie Großbritannien und Frankreich sondern auch kleinere Staaten wie Belgien und die Niederlande besaßen im Gegensatz zu Deutschland Kolonien.[12]

Dieses plötzliche deutsche Interesse an etwaigen Kolonien hatte hauptsächlich wirtschaftliche Gründe. Zukünftige Kolonien sollten nicht nur die steigende Nachfrage nach Rohstoffen befriedigen, sondern auch Absatzmärkte für die Produkte der eigenen Industrie werden. Daneben erhoffte man sich, in Übersee potentielle Siedlungsgebiete für das zu erwartende und kaum zu bewältigende Bevölkerungswachstum zu finden.

Die Verbreitung der eigenen Kultur und die Missionierung spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Jedoch auch Jahre später konnte die deutsche Kolonialpolitik nur bescheidene Erfolge aufweisen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts besaß Deutschland einige Kolonien bzw. so genannte Schutzgebiete in Afrika und in der Südsee. Dazu gehörten in Afrika das Witu-Schutzgebiet (heutiges südliches Kenia), Deutsch-Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (auf dem Gebiet Tansanias, Ruandas und Burundis), Togoland (Togo) und Kamerun und Deutsch-Neugiunea (das Gebiet verteilt sich heute auf folgende Staaten: Mikronesien, Marshallinseln, Nord-Papua-Neugiunea, Nauru, Salomonen, Palau und Marianen) und Samoa in der Südsee. Außerdem gehörte das Kiautschou-Gebiet (heutige chinesische Provinz Shandong) und das Kaiser Wilhelm II.-Land in der Antarktis zu den deutschen Schutzgebieten.[13]

Erfolg versprechender hingegen war der wirtschaftliche Imperialismus Deutschlands. Besonders im Osmanischen Reich und im Nahen Osten war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Einfluss deutscher Ökonomen groß.

Auch in Iran besaß man – wenn überhaupt - zunächst nur wirtschaftliche Interessen, wie eine Äußerung Kaiser Wilhelms II. im Jahre 1902 bestätigte: „Persien ist mir gleichgültig. Mit Persien haben wir absolut nichts zu schaffen.“[14]

Die Interessen änderten sich grundlegend mit der Zuspitzung der Lage in Europa.

Die innereuropäische Konkurrenz mit Frankreich, Russland und Großbritannien dehnte sich nun auch auf die Kolonien bzw. die wirtschaftlichen Einflusszonen aus.

Hatte die deutsche Regierung zunächst noch deutsche Investoren davor gewarnt, mit Projekten in Iran den Unwillen der dortigen Besatzer Russland und Großbritannien auf sich zu ziehen und so eventuellen Repressionen zu entgehen, so plante sie nun selbst eine aktive deutsche Persienpolitik.

Iran hatte für deutsche Interessen eine entscheidende Bedeutung angenommen, nämlich eine wichtige Brückenfunktion auf dem Weg nach Afghanistan bzw. Indien, den Schwachpunkt des Feindes Großbritannien. (vgl. 2.)

Die deutschen Interessen an Iran hatten sich schließlich von fast ausschließlich wirtschaftlichen zu überwiegend politischen gewandelt.

1.3. Lage Irans bei Kriegsbeginn

1.3.1. Westliche Einflüsse

Ab dem 19. Jahrhundert wurden Iran und der gesamte Orient durch die europäische Expansionspolitik mit neuen Einflüssen aus dem Westen konfrontiert.

Hatten sich die Beziehungen Irans zu Europa bislang auf spärliche Handels- und Diplomatenbeziehungen beschränkt, so sollten die kommenden Einflüsse eine völlig neue Epoche in Iran einleiten und starke Veränderungen im Land herbeiführen.

Die neuen iranisch-europäischen Beziehungen leiteten „den sozialen Wandel in Iran ein und bewirkten die Politisierung der Bevölkerung und Einschränkung der Macht des Königs durch die Konstitutionelle Revolution in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts“.[15]

Die Konfrontation mit Europa war ganz entscheidend für die weitere Entwicklung des Landes, denn in dieser Zeit begannen kleine Gruppen von Intellektuellen, die militärische und wirtschaftliche Überlegenheit Europas gegenüber Iran zu analysieren und Fragen über die Ursachen der Unterlegenheit Irans zu stellen.

Iran war im 19. Jahrhundert durch seine strategisch günstige Lage nicht nur immer wieder Ziel von militärischen Angriffen Russlands und Großbritanniens, sondern verhalf durch Konsular- und Handelsverträge diesen Ländern auch zum Eindringen in die Wirtschaft Irans.

Nach kurzer Zeit schon verdrängten billige ausländische Importe traditionelle heimische Produkte von den iranischen Märkten. Im Laufe des 19. Jahrhundets verachtfachte sich der ausländische Handel in Iran.[16]

Durch die Privilegien, die ausländische Kaufleute in den Basaren genossen, war die Existenz vieler handwerklicher Betriebe – besonders in der Textilherstellung und -verarbeitung – bedroht.

Durch diese Benachteiligung und die Verluste waren die Händler gezwungen, neue Wege zu finden, um konkurrenzfähig zu bleiben. So bildete sich eine überregionale Mittelschicht heraus, die gemeinsam gegen diese Ungerechtigkeiten vorging und sich für eine Änderung der bestehenden Machtverhältnisse einsetzte. Der Stein für den sozialen Wandel in Iran war ins Rollen geraten.[17]

1.3.2. Reformen

Von nun an stand Iran im ständigen Konkurrenzkampf mit den Europäern im Orient, die unter Kronprinz Abbās Mīrzā (1789-1833) zu ersten Reformen führten. Die Niederlage im ersten iranisch-russischen Krieg (1804-1813) machte ihm deutlich, dass der iranischen Armee jegliche Ordnung und Leitung fehlte und ihre Größe und Effektivität von der finanziellen Lage der jeweiligen Regierung abhängig war. Abbās Mīrzā Šāh reorganisierte die Armee mit Hilfe ausländischer Ausbilder und Methoden, baute Waffenfabriken, um die Soldaten mit modernen Waffen ausrüsten zu können, und ließ das Ganze vom Staat finanzieren.[18]

Um den Erhalt dieser neuen Armee zu gewährleisten schickte er erstmals iranische Studenten auf Staatskosten nach Europa, damit diese in Militärkunde, Ingenieurwissenschaften, Waffenherstellung, Medizin und modernen Sprachen ausgebildet wurden.

Diese Studenten berichteten nach ihrer Rückkehr über ihre Erfahrungen und die Ereignisse in Europa und brachten damit politische und soziale Veränderung aus anderen Ländern nach Iran.

Der Tod Abbās Mīrzās war ein schwerer Schlag für diese Reformbewegungen, aber sein Sohn Mohammad Šāh (1834-1848) versuchte die Ansätze seines Vaters fortzusetzen, indem er die ersten Druckereien in Teheran bauen ließ und damit den Weg für die Herausgabe von Zeitungen in Iran ebnete. Die Entsendung von iranischen Studenten nach Europa wurde fortgesetzt, und diese brachten nun erstmals Übersetzungen europäischer Bücher mit in ihr Heimatland.

In der Regierungszeit Mohammad Šāhs nahm auch die Konkurrenz Russlands und Großbritanniens um die Einflussnahme in Iran zu. Durch Verträge bekamen sowohl russische als auch englische Kaufleute wirtschaftliche Vorrechte gegenüber iranischen Händlern, die ganze Wirtschaftsbereiche – wie die Textilbetriebe - zusammenbrechen ließen.[19]

Zum ersten Mal kamen durch diese Wirtschaftsabkommen, die die iranische Bevölkerung ruinierten, regierungsfeindliche Tendenzen unter den Iranern auf. Die Proteste gegen die Regierung kamen hauptsächlich von Intellektuellen, die für soziale Reformen in Iran waren, von iranischen Handwerkern, deren Existenz durch westliches Kapital bedroht war, und von iranischen Großhändlern, die nicht fähig zum Wettbewerb mit den Europäern in Iran waren. Sie alle protestierten gegen das Unrecht, das durch die traditionelle Herrschaft des Schahs und die westlichen Einflüsse verursacht worden war. Erste öffentliche Proteste um 1850 wurden jedoch blutig niedergeschlagen. Dennoch war der damalige Zeitgeist weiterhin kritisch und verbessernd.

Weitere Modernisierungsversuche kamen von Amīr Kabīr, der von 1848-1852 „Premierminister“ in Iran war. Durch Reisen nach Moskau und ins Osmanische Reich brachte er viele Ideen für Reformen mit nach Iran. Neben der Reorganisation des Heeres, dem Bau neuer Fabriken und der Herausgabe einer Zeitung gründete er eine Schule für Höhere Bildung in Teheran. Finanziert werden sollten diese Reformen vor allem durch Kostensenkung am Hof. Des Weiteren führte er harte Kontrollen gegenüber der russischen und englischen Einflussnahme in Iran ein.

Das Vertrauen und die enge Beziehung zu dem jungen Schah Nāser od-Dīn Mīrzā brachte ihm jedoch viel Neid am Hof und die Unzufriedenheit derer ein, die in ihren Privilegien eingeschränkt worden waren, darunter die Mutter des Schahs. Durch deren Intrigen wurde Amīr Kabīr 1852 nach einjähriger Gefangenschaft auf Befehl des Schahs ermordet.

Zwar endeten mit der Ermordung zunächst alle Modernisierungspläne für Iran, aber dennoch wirkte sich eine der bedeutendsten Initiativen Amīr Kabīrs auch nach dessen Tod auf die iranische Gesellschaft aus. Die Schule für Höhere Bildung entwickelte sich zu einer modernen kulturellen Einrichtung, die neue wissenschaftliche Inhalte und Methoden verbreitete und alte, traditionelle Lehrstoffe in Frage stellte. Die Lehrer dieser Fakultät waren entweder Europäer oder hatten in Europa studiert. Die Absolventen der Hochschule – meist Kinder aus gehobenen sozialen Schichten - bildeten eine neue Schicht von Intellektuellen in der iranischen Gesellschaft, die sich neue kritische Ideen angeeignet hatten und so großen Einfluss auf kommende Generationen ausübten.[20]

Nāser od-Dīn Šāh selbst brachte durch Reisen ins Ausland zwar gute Pläne zur Modernisierung mit nach Iran, die jedoch kaum realisierbar waren und meist scheiterten, da sie von oft völlig anderen Gesellschaften auf Iran übertragen wurden, ohne sie vorher den Gegebenheiten anzupassen.

In die Regierungszeit des Schahs fiel auch die Jagd ausländischer Investoren auf Konzessionen in Iran, die zwar Geld in die Staatskassen brachten, aber auch den Ruin der iranischen Händler durch westliche Übernahmen verursachten und damit verbunden den Zorn der Bevölkerung gegen die eigene Regierung schürten.

Aber nicht nur die iranischen Herrscher interessierten sich durch den zunehmenden Kontakt mit europäischen Ländern für die Durchführung von Reformen. Auch kleinere Gruppen iranischer Intellektueller – hauptsächlich aus der iranischen Oberschicht - waren entscheidend für das Schicksal Irans, denn durch die Beobachtung der Wechselbeziehungen zwischen Europa und dem Orient betrachteten sie die politischen und gesellschaftlichen Missstände in ihrem eigenen Land kritisch.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Orient Werke einer neuen Generation iranischer Schriftsteller veröffentlicht, die die ersten Impulse für den iranischen Nationalmodernismus gaben. Die meisten der Autoren dieser Werke waren Diplomaten im Ausland oder Intellektuelle, die engen Kontakt zu Europa hielten und sich in ihren Büchern mit dem Zustand Irans beschäftigten und Lösungen für die Probleme des Landes suchten. Sie übten Kritik an der Herrschaft des Schahs und äußerten den Wunsch nach wirtschaftlichen und sozialen Reformen. Zu ihnen gehörten Persönlichkeiten wie Mīrzā Fath-Alī Āhūndzādeh, Mīrzā Malkam Khān Nāzem od-Dōleh, Abd or-Rahīm Tālebof, Zayn ol-Ābedīn Marāġe-yī, Sayyed Ğamāl od-Dīn Asadābādī Afġānī und Mīrzā Āqā Khān Kermānī.[21]

In ihren Werken machten die Schriftsteller die Unterschiede zwischen Europa und Iran deutlich und diskutierten die Ursache für die Unterlegenheit Irans. Dabei machten sie die wirtschaftliche Not Irans, die Niederlage in den Kriegen gegen Russland, die Unwissenheit und den Aberglauben der Bevölkerung, die Existenz einer despotischen Regierung und das Fehlen von Gesetzen für diese Unterlegenheit und Rückständigkeit verantwortlich. Gemeinsam forderten sie statt religiös- traditioneller moderne, säkulare Bildung für alle Iraner und nicht nur für eine kleine Oberschicht und außerdem wirtschaftliche Verbesserungen unter Anderem durch weniger Einflussnahme ausländischer Investoren auf die iranische Wirtschaft.

Die Ideen dieser Modernisten wurden durch ihre eigenen Werke und durch persische Zeitungen im Ausland verbreitet und erreichten damit eine große Öffentlichkeit. Vor allem kleinere Intellektuelle Kreise nahmen diese Gedanken auf und verbreiteten sie über die Konstitutionelle Revolution hinaus und ebneten damit dem iranischen Nationalmodernismus den Weg ins 20. Jahrhundert.

1.3.3. Die Konstitutionelle Revolution

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert war Iran genau wie andere Länder des Mittleren Ostens in einem Wirtschaftsnetz verfangen. Eine Reihe von sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen sowie ein leichtes Bevölkerungswachstum, die Erweiterung des Außenhandels und eine beginnende Inflation hatten das Land in dieses Netz getrieben.

Gleichzeitig riefen die zunehmende Konfrontation mit Europa und dessen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen eine Veränderung unter der iranischen Bevölkerung hervor. Die Iraner lehnten die gen Westen gerichtete Konzessionspolitik und den Verfall des iranischen Staatswesens unter Nāser od-Dīn Šāh ab. So hatte der Herrscher Irans beispielsweise 1890 einem britischen Staatsbürger ein vollständiges Monopol für Anbau, Verkauf und Export des gesamten iranischen Tabaks gewährt. Nur durch Protestaktionen in iranischen Großstädten und schließlich durch den Aufruf zum Boykott des Tabakkonsums war der Schah gezwungen, die Tabakkonzession wieder aufzuheben.[22]

Ebenso verärgert blickte die Bevölkerung auf die Verschwendungspolitik des Monarchen und seiner Regierung: „Ämter-, Steuer- und Zollverpachtung sowie verschwenderisches Leben am Hofe und kostspielige Europareisen zerrütteten in Verbindung mit dem überhand nehmenden Traditionsübel der Korruption die Finanzen zusehends“.[23]

Das Zusammenspiel dieser Faktoren wird heute als der Auslöser zur Konstitutionellen Revolution (1905-1911) gesehen, welche der erste Versuch war, die Macht des Schahs zu begrenzen und sie einer gewählten Versammlung („Mağles“) zu übertragen.

Neben diesen innenpolitischen Problemen traten am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert auch vermehrt außenpolitische Probleme hinzu. Fremde Mächte versuchten Iran zu schwächen. Im Land konkurrierten die beiden europäischen Großmächte Russland und Großbritannien um ihre Einflussnahme.[24]

Durch den Druck, den die beiden Länder auf die Regierung und Bevölkerung Irans ausübten sowie die Schwäche des Schahs, wurde nicht nur das Land geschwächt, sondern auch die Bevölkerung gedemütigt.

Vor allem Exiliraner und städtische Großhändler, die mit den Verhältnissen in Europa vertraut waren und so direkte Vergleiche ziehen konnten, prangerten die Despotie des Schahs an. Sie kritisierten ihn hart dafür, dass er Iran zum Spielball Russlands und Großbritanniens gemacht hatte. Die allgemeine Unzufriedenheit und das mangelnde Vertrauen in den Staat trieben die Revolution voran, deren zentrale Ziele darin bestanden, „die absolute Herrschaft des Schahs zu mäßigen, seiner Gewaltherrschaft ein Ende zu setzen und dafür eine Staatsform zu schaffen, deren Legitimation vom Volk gegeben werden sollte. Die Revolutionäre strebten nach einer Staatsform, die es dem Schah unmöglich machte, weiterhin willkürlich zu regieren. Die vom Volk gewählten Vertreter sollten die Handlungen der Exekutive kontrollieren. Die Judikative sollte eine unabhängige Institution werden und im Rahmen von Straf- und Zivilrecht fungieren. […] die Unsicherheit des Lebens, des Eigentums und der Arbeit sollten durch Gesetze vermindert werden.“[25]

Die Revolutionsführer, die sich gemeinsam für diese Ziele einsetzten, kamen hauptsächlich aus den gehobenen sozialen Schichten der iranischen Bevölkerung. So gehörten ihnen Geschäftsleute, Grundbesitzer, Verwaltungsbeamte, Intellektuelle, Geistliche und Prediger an. Die Mehrheit der iranischen Bevölkerung allerdings, die der Landbevölkerung angehörte, nahm nicht an der Revolution teil, denn Forderungen nach mehr sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit für die Dorfbewohner gehörten nicht zu den erklärten Zielen der Revolution.

[...]


[1] vgl. B. Nirumand & G. Yonan (1994), S. 33

[2] vgl. ebd.

[3] vgl. F. Kochwasser (1961), S. 90f.

[4] F. Kochwasser (1961), S. 92f.

[5] vgl. B. Nirumand & G. Yonan (1994), S. 56

[6] ebd. S. 59

[7] vgl. F. Kochwasser (1961), S. 96

[8] vgl. F. Kochwasser (1961), S. 94

[9] ebd. S. 93

[10] vgl. B. Nirumand & G. Yonan (1994), S. 50

[11] G. Schöllgen (1992), S. 54f.

[12] vgl. ebd. S. 55

[13] vgl. www.deutsche-schutzgebiete.de

[14] vgl. F. Kochwasser (1961), S. 96

[15] K. Ghahari (2001), S. 18

[16] vgl. C. Issawi (1971), S. 131

[17] vgl. K. Ghahari (2001), S. 19f.

[18] ebd. S. 20

[19] vgl. C. Issawi (1971), S. 130ff.

[20] vgl. K. Ghahari (2001), S. 24

[21] vgl. K. Ghahari (2001), S. 26

[22] vgl. K. Ghahari (2001), S. 28

[23] U. Gehrke (1960), S. 7

[24] vgl. J. Foran (1994), S. 47

[25] K. Ghahari (2001), S. 29

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges - Ein Untersuchung über die intellektuellen Kreise um das "Persische Comité" und die Zeitschrift "Kaveh"
Hochschule
Universität Hamburg  (FB Orientalisitk)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
72
Katalognummer
V28202
ISBN (eBook)
9783638300520
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehungen, Ersten, Weltkrieges, Untersuchung, Kreise, Persische, Comité, Zeitschrift, Kaveh
Arbeit zitieren
Julia Müller (Autor), 2003, Die deutsch-iranischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges - Ein Untersuchung über die intellektuellen Kreise um das "Persische Comité" und die Zeitschrift "Kaveh", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28202

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