Kunst und Gesellschaft - Zur Interpretation der Kunst der Deutschen Demokratischen Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Definition von Kunst

3. Soziologische Sichtweisen von Kunst

4. Arnold Hausers Ansatz im Kontext der Kunst der DDR
4.1. Künstler und Ausdruck
4.2. Beispiele aus der Dramengeschichte
4.3. Die Theaterlandschaft der DDR
4.4. Die Wahrheit von Kunst

5. Zur Deutung von Kunst
5.1. Die Abhängigkeit künstlerischer Stile von Daseinsbedingungen
5.2. Einwand gegen die ideologische Deutung von Kunst
5.3. Kunsthistorische Betrachtungsmöglichkeiten

6. Schluss

7. Literatur

Kunst und Gesellschaft

Zur Interpretation der Kunst der Deutschen Demokratischen Republik

1. Einleitung

Die Frage nach der Bedeutung der Kunst für eine Gesellschaft findet schon seit längerer Zeit nicht mehr nur in Künstlerkreisen, sondern auch in der Soziologie und anderen Wissenschaften größere Beachtung. In diesem Kontext entstanden eine Reihe von Theorien, die den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft zu erfassen versuchen, bzw. widerlegen möchten.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll sein, verschiedene historische und soziologische Kunstbegriff zu beschreiben und definieren, mit deren Hilfe die Betrachtung von Kunstwerken zu verschiedenen Epochen, in unterschiedlichen geographischen Regionen und mit dem Hintergrund verschiedener politischer Systeme und gesellschaftlicher Formen möglich ist. Basierend auf diesen Betrachtungsformen sollte letztendlich auch die Betrachtung der Kunst der Deutschen Demokratischen Republik möglich sein, deren Interpretation sich heute als nicht unproblematisch darstellt: Die Betrachtung der Kunstwerke eines Staates, der nicht mehr existiert und der eine Reihe von Vorgaben und Forderungen an die Kunst-schaffenden richtete, ist für ehemalige Bürger der DDR wie auch für die der BRD nicht einfach.

Im ersten Abschnitt soll ein allgemeiner, geschichtlicher Kunstbegriff definiert werden, um in den folgenden Kapiteln unterschiedliche soziologische Sichtweisen zu betrachten. Beschrieben und auf ihre Anwendbarkeit überprüft werden soll insbesondere eine Sichtweise auf Kunst und den Künstler, wie sie Arnold Hauser in seinem Text Kunst und Gesellschaft formuliert. Hierbei soll vor allem überprüft werden, ob sich sein Ansatz – der auf dem Grundgedanken der Ideologienbildung basiert – zur Interpretation ostdeutscher Kunst eignen könnte. Beispiele aus der Geschichte der DDR-Kunst sollen deshalb immer wieder herangezogen werden.

2. Zur historischen Definition von Kunst

Bevor verschiedene soziologische Kunstdefinitionen aufgezeigt werden können, ist eine geschichtliche Betrachtung unabdingbar.[1]

Der ursprüngliche Kunstbegriff basierte noch auf einem engen Zu-sammenhang zwischen Kunst- und Gebrauchsfunktion. Kunst hatte im Rahmen kultischer Handlungen immer auch einen religiösen oder ornamentalen Aspekt und war in das Alltagsleben der Menschen integriert. Erst allmählich löste sich die Kunst von dieser Betrachtungsweise: Immanuel Kant z.B. ging bei der Kunstbetrachtung schon von einem interesselosen Wohlgefallen aus. Ende des 18. Jahrhunderts schließlich vollzog sich die Unterscheidung von Kunst und Handwerk, bzw. Kunst und Wissenschaft. Mit diesen historischen und sozialen Voraussetzungen einhergehend wandelte sich auch die Vorstellung davon, welche spezifischen Fähigkeiten des Menschen zur Kunstproduktion notwendig seien. Kant betrachtete beispielsweise ästhetisches Vermögen, also eine Verstandesleistung, als Voraussetzung für den Schöpfungsakt, während im 18. Jahrhundert ein auf Intuition basierender Geniebegriff vorherrschte, demzufolge sich dem Künstler die Form des zu Schaffenden in einem Moment göttlicher Inspiration offenbart, wie im Sturm und Drang.

Nach Platon und Aristoteles galt Kunst lange Zeit als bloße Nachahmung der Natur, als mimesis, immer dem praktischen Handwerk untergeordnet. In der Renaissance hingegen wurde dem schöpferischen Akt – der inventio – ein höherer Rang zugesprochen. Kunst bekam einen individuellen Charakter und ihr wurde im Zuge des Neuplatonismus ein erheblicher Erkenntniswert zugesprochen. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte das Kunstwerk einen utopischen Charakter. In ihm wurde das Ideal, von welchem die Natur nur als das Abbild galt, anschaulich. So ging auch Goethe von der Vorstellung aus, dass sich im Besonderen das Allgemeine preisgibt.

Schopenhauer verstand Kunst als Beruhigungsmittel, Nietzsche hingegen als Stimulans des Lebens. In der Moderne wird dann die Künstlichkeit des Kunstwerks selbst zum Thema. Es entwickelt eine eigene, von der Realität autonome Wirklichkeit.

Traditionell setzt der Kunstbegriff also einen Erkenntnisprozess, eine spezifische Fertigkeit des Schaffenden sowie die gesellschaftliche Akzeptanz seines Produktes voraus. In der Moderne jedoch wurde diese Kunstauffassung immer wieder in Frage gestellt. Die künstlerische Idee hat das handwerkliche Können als Charakteristikum für die Kunst abgelöst; prinzipiell kann jede und jeder sich zum Künstler machen oder zum Künstler erklärt werden.

Ausdrucksformen von Kunst als Gestaltung geistig-seelischen Erlebens können hierbei Wort, Musik, Gegenständen etc. sein. Sie ist die Vermittlung der sicht- und wahrnehmbaren Realität durch Formen, die aus der Phantasie des Künstlers und seinem Umgang mit einem eigenständigen Material entstehen.[2]

3. Soziologische Sichtweisen von Kunst

Eine Betrachtungsweise der Einbettung von Kunst in die Gesellschaft beruht auf einer makrostrukturellen Beschreibung der Zusammenhänge. In diesem Konzept wird von der Kunst „als einem ausdifferenzierten System der Gesellschaft“[3] ausgegangen, dessen Rahmenbedingungen beschrieben werden. Indem die Kunst als unabhängiges Teilsystem aus der Gesellschaft ausdifferenziert wird, bleiben „kunstferne Sinnrationalitäten“[4] außen vor. Die Kunsthandlung bleibt somit autonom und kann sich an ihrem eigenen Sinnzusammenhang orientieren. Der Soziologe Niklas Luhmann reduziert diesen Sinnzusammenhang auf die zwei wichtigsten Hauptkriterien: Der Prozess der Kunstherstellung, d.h. das Auftragen von Farbe auf eine Leinwand oder das Schreiben eines künstlerischen Textes, schafft eine „Differenz zwischen dem Kunstwerk und dem, was ausgeschlossen bleibt.“[5]

Das Kunstwerk bewirkt dadurch eine Spaltung der Realität mit seinen eigenen Mitteln. Es entsteht eine reale und eine fiktionale Realität. In der Differenz zwischen beiden begründet sich, sowohl für den Künstler, als auch für den Betrachter, die Kunst. Das weitere Kriterium für den Sinnzusammenhang der Kunst stellt das Gebot der Neuschöpfung dar. Die Schaffung neuer Realitäten ist ein konstitutives Gebot für die Kunst. Dadurch erhält sie sich ihre Dynamik und sichert ihren Fortbestand.

„Die Reproduktion von Situationen, in denen die Herstellung fiktionaler und zugleich neuer Realitäten ermöglicht wird, bildet die Grundlage der Ausdifferenzierung eines eigenständigen Kunstsystems.“[6] Innerhalb dieses gesellschaftlichen Teilsystems jedoch bilden sich wiederum Binnensysteme aus. Diese sind die Folge des Wechselspiels einer Interessensfiguration und den nicht intendierten Handlungen von Akteuren. Sie bilden eine Vielzahl heterogener Kunstwelten mit fein differenzierten Stilrichtungen.

Folge dieser Ausdifferenzierung ist eine zunehmende Unübersichtlichkeit und die immer schwieriger werdende Dechiffrierung der Kunst. Diese bezieht sich nämlich in zunehmendem Maße auf sich selbst, so dass die Differenz zwischen der fiktionalen und realen Dimension immer geringer wird.

Da die Kunst ein autonomes System darstellt, kann auch die Künstlerrolle keine wirkliche Standardisierung und Funktionalisierung erfahren. Als einzige wirkliche Gemeinsamkeit zwischen Künstlern verschiedener Kategorien ist eine Art innere Berufung zu nennen. Die Realisierung einer Idee steht im Mittelpunkt künstlerischen Wollens, muss sich aber gleichzeitig ständig mit äußeren Zwängen und Nöten der Kunstproduktion auseinandersetzen.

Dies führt zu einem weiteren kunstsoziologischen Ansatz: der Theorie des rationalen Handelns. Bezieht sich die Kunstproduktion zwar eigentlich auf höhere Werte als auf materialistische, ist sie dennoch auch „zu einem wichtigen Sektor der Volkswirtschaft geworden.“[7] Dies führt innerhalb der Gesellschaft zu einem hybriden Charakter der Künstlerrolle. Kunst-produktion und -vermittlung sind aufgrund ihrer Unkalkulierbarkeit Risikoproduktionen, die trotzdem in unserer am rationalen Erfolg aus-gerichteten und auf materialistische Werte orientierten Welt Bestand haben.

[...]


[1] zur historischen Darstellung vgl. Kapitel in: Hauskeller, Michael. Was ist Kunst? Positionen der Ästhetik von Platon bis Dante. München, 1998

[2] vgl. www.brockhaus.de, Suchbegriff Kunst

[3] Gerhards, Jürgen (Hrsg.): Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten. Opladen, 1997, S. 11

[4] Gerhards, Jürgen (Hrsg.): Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten. Opladen, 1997, S. 11

[5] Gerhards, Jürgen (Hrsg.): Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten. Opladen, 1997, S. 11

[6] Gerhards, Jürgen (Hrsg.): Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten. Opladen, 1997, S. 11

[7] Gerhards, Jürgen (Hrsg.): Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten. Opladen, 1997, S. 41

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kunst und Gesellschaft - Zur Interpretation der Kunst der Deutschen Demokratischen Republik
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar: Ossis und Wessis - Zweisam einsam?
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V28204
ISBN (eBook)
9783638300544
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunst, Gesellschaft, Interpretation, Deutschen, Demokratischen, Republik, Seminar, Ossis, Wessis, Zweisam
Arbeit zitieren
Michael Kaiser (Autor), 2003, Kunst und Gesellschaft - Zur Interpretation der Kunst der Deutschen Demokratischen Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28204

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