Der militante Islamismus und seine sakralpolitischen Grundlagen

Vorbilder und Jihad


Forschungsarbeit, 2014
32 Seiten

Leseprobe

Inhalt

I. Untersuchungsgegenstand
A. Vorüberlegungen
B. Ziele des Islamismus
C. Entstehung des Islamismus
D. Die Vorbilder des Islamismus
E. Der islamische Staat nach dem Koran
F. Die Institutionen des islamischen Staats
G. Der Jihad als Mittel zur Einführung der Scharia
1. Begriffliche Klärung des Jihad
2. Der Jihad in der Historie
3. Verschiedene Verse des Jihad
4. Die Belohnung für die Teilnahme am Jihad
5. Voraussetzungen des Jihad
6. Fälle des Jihad
H. Abschließende Betrachtung

II. Gesamtergebnis

III. Anhang: Scharia und Grundgesetz (Skizze)

I.Untersuchungsgegenstand

Militante Islamisten („Jihadisten“) berufen sich bei ihren Verbrechen auf den Islam, d.h. vor allem auf den Koran, seinen Propheten Mohammed sowie seine Historie. Hingegen erklären Vertreter muslimischer Organisationen, dass die Verbrechen der militanten Islamisten mit dem Islam und den Koran nichts zu tun haben. Vielmehr würden die militanten Islamisten eine friedliche Religion pervertieren und seien nur dem Namen nach islamisch. Wer darf nun im Namen des Islam sprechen? Meine Expertise soll beiden Sichtweisen widersprechen und zu einer differenzierten Beurteilung kommen.

Dazu sollen in dieser Abhandlung drei zentrale Aspekte des militanten Islamismus untersucht werden; anschließend (vgl. VII) soll der Frage nachgegangen werden, ob eine historische Lesart und Auslegung der islamischen Quellen angesichts der Instrumentalisierung des Islam geboten erscheint: Erstens ist der Jihad (Anstrengung oder Kampf) gegen die „Ungläubigen“ oder Nicht-Muslime in der Anfangszeit des Islam so betrieben worden, wie die militanten Islamisten es in der Gegenwart praktizieren. Zweitens steht die von ihnen propagierte Formel „Islam ist Staat und Religion“ im Koran bzw. lässt sie sich aus dem Koran[1] oder der Sunna (wörtlich: Brauch) des Propheten wenigstens mittelbar ableiten? Wie sah der „islamische Staat“ zur Zeit des Propheten (570-632 n. Chr.) bzw. der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ aus (632-661 n. Chr.)? Drittens und letztens, wie weit können sich die militanten Islamisten der Gegenwart bei ihren Zielen um die Errichtung einer „islamischen Weltordnung“ auf das sakrale Recht des Islam aus dem Koran und der „Sunna des Propheten“ (Sprüche und Handlungen) berufen? Alle anderen Gründe, die gleichfalls für die Entstehung des militanten Islamismus ursächlich sind, werden ihres Umfangs wegen ausgeklammert.

A. Vorüberlegungen

Die militanten Islamisten stützen sich von ihrer Ideologie her auf zentrale Verse des Koran und die „Überlieferungen des Propheten Mohammed,“ genannt Sunna [2]. Der Islamismus ist eine genuin politische Ideologie. Es lassen sich vor allem zwei „Gegner der Völkerrechtsordnung“ unter Islamisten feststellen, die sich von dieser Ideologie leiten lassen: Islamisten, die ihre Ziele innerhalb der Völkerrechtsordnung (legalistische Islamisten), und solche, die ihre Endziele durch Berufung auf den Jihad (militante Islamisten/Jihadisten) verfolgen. Doch insgesamt gibt es mindestens vier Ausrichtungen bzw. Bewegungen im Islamismus[3]. In diesem Artikel untersucht jedoch der Verfasser nur den sunnitisch geprägten „militanten Islamismus“ (Jihadismus), ohne auf andere Formen des Islamismus näher einzugehen. In diesem Zusammenhang dient der legalistische Islamismus nur zur begrifflichen Klärung, wird aber wegen des Umfangs ebenso nicht weiter untersucht. Im Übrigen wird eine Unterscheidung vor allem wegen der verschiedenen Formen der Islamismen nur insoweit vorgenommen, als es erforderlich bzw. geboten erscheint.

B. Ziele des Islamismus

Islamisten artikulieren sich sowohl politisch als auch religiös:[4] Dies lässt sich direkt an ihrem Vokabular erkennen.[5] Sie werfen dem „Westen“ vor, ein „aggressiver Usurpator“ zu sein, der einen „Vernichtungskrieg gegen den Islam“ führe. Ganz offen treten sie dafür ein, möglichst Politik und Gesellschaft auf den Islam zu gründen. Als Ideologie strebt der Islamismus die politische Umsetzung der „von Gott befohlenen Werte und Normen und deren ewig-gültige Konservierung“ (15, 9) an. Diese Werte und Normen[6] werden aber – wie noch zu zeigen sein wird – von den militanten Islamisten ahistorisch ausgelegt. Folglich betrachten sie, konkludent (Legalisten) oder explizit (Militanten), die Völkerrechtsordnung als nichtig und streben danach, die als unislamisch eingestufte „westliche Hegemonie“ durch die Gründung eines „genuin islamischen Staats“ zu beseitigen. Allerdings haben militante Organisationen oder selbst ernannte Staaten wie IS (Islamischer Staat) zwar politisch-ideologisch Gemeinsamkeiten, bilden jedoch keine Einheit oder Front: Sie alle verfolgen ein Ziel: die Einführung der islamischen Rechtsordnung Scharia und die allmähliche Aufhebung der von westlichen Vorstellungen dominierten Völkerrechtsordnung.

C. Entstehung des Islamismus

Während der Islam als Religion aus dem beginnenden 7. Jahrhundert n. Chr. stammt, stammen die Vertreter des Islamismus aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Islam als Glaube und der Islamismus als Ideologie leiten sich aus denselben Quellen ab. Doch der militante Islamismus konzentriert sich – wie noch unter VI bis VIII zu zeigen sein wird – vor allem auf „kriegerische Verse“ des Koran.[7] Von seinen Grundlagen her umfasst er Bewegungen, Denkrichtungen und Ideologien[8] und beansprucht, einen all-islamischen Staat bzw. Kalifat zu gründen. Entstanden ist er wie alle anderen islamistischen Formen aus der Rückbesinnung auf die „ideal verstandene Frühzeit des Islam“ (622 – 661 n. Chr.) sowie aus der geistigen Auseinandersetzung der politisierten Muslime mit der „westlichen Moderne.“ Anders als der fundamentalistisch ausgerichtete christliche Gegenpart reklamiert er die alleinige politische Macht.

Historisch erfährt der Islamismus mit der Niederlage[9] im arabisch-israelischen Krieg (1967) de facto einen Wendepunkt; was aber eine Revitalisierung bewirkt. In der „arabischen Welt“ war damals eine politische Legitimitätskrise entstanden, die mit einem Niedergang des Panarabismus einherging und den militanten Islamismus der Gegenwart ermöglichte. In der Folgezeit entstanden neue islamistische Bewegungen und Gruppierungen,[10] die seitdem ungebrochen die geistige Hauptströmung in der „arabischen Welt“ darstellen.[11] Doch geschichtlich tritt der militante Islamismus erst mit dem Einmarsch der ehemaligen sowjetischen Armee in Afghanistan (1979-1989) in Erscheinung.

Essentiell sind für militante wie auch legalistische Islamisten Authentizität, die Frage der Staatsform des Islam und seiner „sakralen Gesetzgebung.“ Was genau Authentizität im Sinne der Echtheit ist, bestimmen Islamisten selbst. Daher soll die Welt von dem „Unglauben“ und der „Tyrannei“ für immer befreit werden. Eine islamische Herrschaft soll die Welt ewig „beglücken“ bzw. regieren. Im „islamischen Gottesstaat“ sollen nur der Koran als „das Buch der Bücher“ und die Überlieferungen des Propheten (Sunna) das Leben bestimmen: Eine Ordnung, in der Abtreibung, Prostitution, Homosexualität, Unzucht und Ehebruch nicht existieren dürfen. Wer sind die „Vordenker“ des Islamismus und welche Ideologie liegt ihrer politisch-theologischen Ordnung zugrunde? Wie stellen sich die Islamisten diese Weltordnung vor?

D. Die Vorbilder des Islamismus

Alle Islamisten behaupten, dass mit einer „islamistischen Ordnung“ Gottes Wille auf Erden umgesetzt werde. Diese Ordnung würde alle Ungerechtigkeiten beheben und die Menschen auf ewig beglücken. Die Scharia als islamische Rechtsordnung müsse überall verwirklicht werden. Unter der Scharia verstehen sie die von Gott vorgegebenen Gesetze, die alle Lebensbereiche sowie die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer abschließend und für immer regelt.[12] Diese können weder geändert noch für obsolet erklärt werden. Nur diese Quellen entsprächen der menschlichen Natur. Folglich werde der Islam seinen Siegeszug fortsetzen und die von allen Menschen herbeigesehnte, zivilisierte Gesellschaft schaffen, in der Herrschaft nicht mehr von der Willkür der Gottesgeschöpfe abhänge, sondern allein von Gott, dem Unfehlbaren, ausgehe.

Maududi (1903-1979) , Sayyid Qutb (1906–1966) und Hassan al-Banna (1906-1949)[13] gelten als die wichtigsten Vordenker dieser theokratisch-islamistischen Ordnung. Die ersten beiden fassen den Islam als eine „ideale Weltordnung“ auf. Danach könne nur „der reine Islam“ den Staat vor seinen chronischen Defiziten retten. Nur er mache das gotteswidrige Mehrparteiensystem des „imperialen Westens“ ganz überflüssig. Der Koran und die Sunna des Propheten enthielten die perfekte Wahrheit. Der dritte Vordenker Hassan al-Banna ergänzt: "Der Koran ist unsere Verfassung, und der Prophet ist unser Führer"(al-Banna). Es liege „in der Natur des Islam, zu herrschen und nicht, beherrscht zu werden, seine Gesetze allen Nationen aufzuzwingen, seine Macht über den gesamten Planeten auszuweiten.”

Diese genannten Vordenker, Islamisten wie auch militante Islamisten, die meisten Gläubigen eingeschlossen, betrachten den Propheten Mohammed als das Vorbild per se.[14] Doch die militanten Islamisten idealisieren insbesondere die früh-islamische Herrschaftszeit unter den „vier recht geleiten Kalifen.“ Angestrebt wird ein Idealzustand als politisches Gemeinwesen, das die Islamisten in der Frühzeit des Islam bereits als verwirklicht betrachten – jene Zeit also, in der nach offizieller Lesart des Islam Gott durch seine Offenbarungen an Mohammed sein ewiggültiges Gesetz den Menschen gesandt habe. Diese Zeit gilt den Islamisten als das „Goldene Zeitalter“ des Islam. Gemeint ist die Gründungsphase des Islam, in der der islamische Prophet die neue Botschaft verkündete, später den „blutigen Kampf gegen die Ungläubigen“ führte, sowie die Phase der „vier rechtgeleiteten (ersten) Kalifen.“

Tatsächlich gelten im sunnitischen Islam (Mainstream-Islam) der Prophet und die „vier rechtgeleiteten Kalifen" als die wichtigsten Figuren der Gründungsphase des Islam.[15] Es ist der Prophet, der nach dem offiziellen Islam zu Lebzeiten mehrere Funktionen[16] wahrnimmt. So gilt er als Begründer des „Stadtstaats Medina“ und der neuen islamischen Gemeinschaft der Gläubigen, der umma. Als „Gesandter Gottes“ empfängt und predigt er den Koran. Gleichzeitig stellt er sich jahrzehntelang den theologisch-juristischen Fragen der neuen Gemeinschaft. Als Feldherr unbesiegbar, verkörpert er die Rolle des (Höchst-)Richters, des Stammesführers, des Vorbeters und des „Gesandten Gottes“. Als politisch-religiöser Führer in einer Person verlangte er von den Gläubigen strikten Gehorsam (4,59). Unterstellt man die Richtigkeit dieser islamischen Lesart, so ist es zunächst nachvollziehbar, warum sowohl die Islamisten als auch die einfachen Gläubigen Mohammed als das perfekte Vorbild der islamischen Gemeinschaft betrachten.

Allerdings steht diese Sichtweise im fundamentalen Widerspruch zu der politisch-theologischen Ansicht des Propheten selbst, wonach er sich als „einfachen Menschen“ verstand. Es ist Mohammed selbst, der erklärt, ein „normaler Mensch“ zu sein (41, 6). Und der Koran hebt dies immer wieder hervor, wenn Mohammed Fehler machte.[17] Tatsächlich ist Mohammeds Vorbildfunktion erst Generationen später nach seinem Tod von islamischen Schriftgelehrten aus theologisch-politischen Gründen geschaffen worden. Ermöglicht wurde dies durch die Lücke, die Mohammed durch seinen unerwarteten Tod[18] hinterließ, und durch den Eifer der späteren Rechtsgelehrten (ulema), die Sprüche und Handlungen des Propheten (Sunna) zu institutionalisieren. Damit wurde der Koran aus seinem historischen Kontext gelöst. Er wurde nun zur einzig wahren, überzeitlich gültigen Offenbarung erklärt. Mythos und Legendenbildung bilden seitdem die Biographie des Propheten und der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ mit Folgen für die Muslime und die Welt.

Wie aber verlief das Leben des Propheten Mohammed (570-632) und das der vier ersten Kalifen? Haben sich die Kalifen um den Aufbau des Staats gekümmert und sich somit nur dem „Willen Gottes“ gewidmet oder waren diese einfach „unrechtmäßige Tyrannen“? Nicht nur die Zehntausende von hadith -Sprüchen des Propheten, sondern die vielen Geschichten über das Leben des Propheten sind erst nachträglich erfunden und ihm unterstellt worden. In Wirklichkeit bestimmten Feldzüge und Siege das Leben des Propheten. Siege über die sog. Ungläubigen, reale wie erfundene, wurden in der islamischen, meist unkritischen Fachliteratur glorifiziert. Ähnliches gilt auch für das Leben der „vier rechtgeleiteten Kalifen“, die als Verbündete und Zeitzeugen des Propheten gelten. So stellt beispielsweise die von den islamistischen Vordenkern idealisierte Zeit nur eine sehr kurze Periode dar (622-661 n. Chr.); eine Phase von weniger als 40 Jahren, eine Zeit, die von Unruhen, Intrigen, Bürgerkriegen, Aufständen und Spaltungen der neuen islamischen Gemeinde geprägt war. In Wirklichkeit haben die Kalifen sich vornehmlich mit Kriegen beschäftigt.[19] Und es sind die Kalifen, die aus Angst jeden Oppositionellen des Komplottes verdächtigten, um dann sein Schicksal zu besiegeln.[20] Aber auch von diesen vier Kalifen der ersten Zeit wurden drei ermordet. Gehorsam gegenüber den Kalifen, den Nachfolgern des Propheten, war nur solange Pflicht, wie sie selbst nicht unmittelbar Handlungen befahlen, die zur Scharia im Widerspruch standen. So sah sich bereits der erste Kalif Abu Bakr (reg. 632-634 n. Chr.) vor große Aufgaben gestellt. Viele der früheren Stämme, die zu Mohammeds Lebzeiten zum Islam übergetreten waren, sagten sich später vom Islam los und weigerten sich, die Steuern zu zahlen. Daraufhin ließ Abu Bakr Truppen aufstellen und gegen die Stämme kriegerisch vorgehen.[21] Auch sein Nachfolger Umar (reg. 634-644) wurde ermordet. Der dritte Kalif Osman (reg. 644-656) fiel im Jahr 656 n. Chr. einem innerislamischen Konflikt zum Opfer.[22] Seine Ermordung löste den ersten „innerislamischen Krieg“ aus. Ali, der vierte Kalif, wurde von seinem Rivalen Muawiya nicht anerkannt und ermordet (661). Seitdem betrachten die Schiiten, eine Minderheit unter den Muslimen, die drei ersten Kalifen als „unrechtmäßige“ Herrscher. Unmittelbar danach kam es dann zum Bürgerkrieg, der zur Spaltung der jungen islamischen Gemeinschaft führte. In der Folgezeit verlor das neue islamische Reich der Umayaden [23] weiterhin an politischer Macht und an Einfluss, es schrumpfte nun zu einem relativ unbedeutenden Königreich. Doch die de jure alle Muslimen umfassende, bis in der Gegenwart von den militanten Islamisten idealisierte islamische Gemeinschaft, die umma, existierte nicht mehr.[24] Es sind also die in der Moderne von Islamisten glorifizierten Kalifate des dritten und vierten Kalifen, die eine Welle von Verschwörungen und Intrigen auslösten. Der anschließend ausbrechende Machtkampf innerhalb des Islam um Positionen, Ämter, Geldverteilung und blanke Eitelkeiten, mündete in Verleumdungen, innermuslimische Kriege und Abspaltungen aus der großen Gemeinschaft, der umma. [25]

Welche Züge weist aber der idealisierte islamische Staat nach den Koran-Versen auf? Reichen die Verse für den Aufbau eines islamischen Staates oder sind diese fundamental lückenhaft und somit im Wesentlichen auslegungsbedürftig, so dass diese den Anforderungen der Moderne nicht oder nicht mehr genügen?

E. Der islamische Staat nach dem Koran

In Wirklichkeit ist "der" islamische Staat im Koran nicht genau bestimmt. Die wenigen Vorschriften, die für den Aufbau eines Staates herangezogen werden können, beschränken sich auf die Befehlsgewalt innerhalb der islamischen Gemeinschaft (4, 59), die „Empfehlung“ der innerislamischen Beratung (42,38), die Tributpflicht der ungleichberechtigten Schriftbesitzer gegenüber der islamischen Gemeinschaft (9,29), die Einteilung der Menschen in „Schriftbesitzer“ (ahl al-kitab) und „Ungläubige“ (kafirun), die „Glaubensfreiheit“ (2,256) sowie Jihad mit dem Ziel der Bekehrung oder Unterwerfung aller Nichtmuslime unter die Herrschaft der islamischen Gemeinschaft.

So ist die „Beratung“ (shura) im Islam als zentrales Prinzip vorgeschrieben (42,38), doch die Formulierung „ihre Angelegenheiten in Beratung untereinander“ erledigen ist auslegungsbedürftig. Zwar lässt sich aus der Sure 42 Vers 38 schließen, dass der Chef der Exekutive und seine Mitglieder gewählt werden sollen.[26] Aber wie alles andere geschehen soll, ist unklar und bedarf der weiteren Auslegung. Dies gilt gleichfalls für die Frage der Befehlsgewalt (4, 59) innerhalb der islamischen Regierung. Danach muss zuerst Allah gegenüber Gehorsam geleistet werden, dann dem Propheten, dann erst der Autorität, was auf eine Theokratie hinweist. Welche Art Autorität aber gemeint ist, ist wiederum ein Problem der Auslegung. Gleiches gilt für die Tributpflicht (9,29), wonach die Muslime die „Leute der Schrift“ (Juden, Christen, Zoroastrier) zu bekämpfen haben. Auch hier muss die Formulierung „und nicht verwehren, was Allah und Sein Gesandter verwehrt haben“ umfassend ausgelegt und ihr Inhalt aus den weiteren im Koran niedergelegten Suren und Versen erst erschlossen werden. Schließlich gilt dies auch für den Grundsatz der Unterscheidung zwischen dem „Rechten“ und dem „Unrechten“ (vgl. 3,110). Diese Vorschrift lässt jedoch nur eine beschränkte Gesetzgebungszuständigkeit durch Muslime zu. Gleiches gilt für die „Glaubensfreiheit“ (2,256), die trotz des klaren Wortlauts („es gibt keinen Zwang im Glauben“) in der bisherigen Praxis keinen einklagbaren Schutzbereich aufweist. Außerdem wird diese Vorschrift sowohl von der herrschenden Mehrheit im Islam (Mainstream-Islam) als auch von den Islamisten der Gegenwart vollends ignoriert.

[...]


[1] Alle Zitate aus dem Koran stammen aus der Übersetzung von Max Henning, Philipp Reclam jun. Stuttgart, durchgesehene und verbesserte Ausgabe 1991.

[2] Mit der Sunna (Brauch) sind die vielen Sprüche und Berichte gemeint, die vom Propheten stammen oder ihm unterstellt werden.

[3] 1. Der Mainstream-Islamismus, der eine graduelle Islamisierung von Staat und Gesellschaft verfolgt (Türkei); 2. Die Ultra-Orthodoxie, der es vor allem um die strikte Einhaltung konservativ verstandener Normen geht (Saudi-Arabien); 3. der „Jihadismus,“ der den militärischen Kampf zur Pflicht macht und ihn ins Zentrum der Theologie rückt (IS); und 4. der schiitische Islamismus, der eine ganz eigene Form von „islamischer Republik“ hervorgebracht hat (Iran).

[4] “Islam is religion and State, Koran and sword, worship and command, fatherland and citizenship. God is our destination, the Prophet our model, the Koran our law, combat (jihad) our pathway, martyrdom our promise,” vgl. Brigitte Maréchal: The Muslim Brothers in Europe, Roots and Discourse, Boston 2008, S. 185.

[5] Siehe Karen J. Greenberg (edit.), Al Qaeda Now – Understanding Today’s Terrorists, New York 2005, S. 207-216.

[6] Siehe dazu 4, 59; 3, 110; 42, 38; 2, 228; 4, 11, 34; 5, 38; 24, 2; 9, 5; 9, 29; 3, 110; 4, 3, 129; 3, 19; 2, 256 usw.

[7] Vgl. z. B. 4, 59; 3, 110; 42, 38; 2, 228; 4, 11, 34; 5, 38; 24, 2; 9, 5; 9, 29; 4, 3, 129; 3, 19; 2, 256 oder 2, 190, 244; 4,74, 76; 9, 41, 111; 2, 191-193, 216-217; 8,39; 9, 41, 111, 123.

[8] Siehe dazu http://www.verfassungsschutz.de/download/SHOW/thema_0803_Islamismus.pdf.

[9] Islamisten machen für die Niederlage der arabischen Staaten „den Westen“ verantwortlich. Eigene Eliten werden beschuldigt, „Marionetten“ des Westens und Israels zu sein. Als „Hauptfeind“ der islamischen Welt gelten die USA (der „Große Satan“) und ihre Verbündeten, Michael Bonner: Jihad in Islamic History – Doctrines and Practice, New Jersey 2006, S. 163.

[10] Siehe dazu http://www.verfassungsschutz.brandenburg.de/sixcms/media.php/4055/Islamistische%20Extremisten%20%2030_09_09%20web.pdf

[11] Die Geburt des Islamismus war der politische Ausdruck dieser Identitätskrise, so Bassam Tibi, Kreuzzug und Djihad, München 1999, S. 244, 246.

[12] Die Quellen der Scharia sind Koran, Sunna, Konsens der Rechtsgelehrten (idschma), Analogieschluss (qiyas), vgl. Alexandra Petersohn, Islamisches Menschenrechtsverständnis unter Berücksichtigung der Vorbehalte muslimischer Staaten zu den UN-Menschenrechtsverträgen, Bonn 1999, S. 12.

[13] Zu Al-Banna und anderen islamistischen Vordenkern, siehe Brigitte Maréchal, aaO., S. 89-133.

[14] “In Islam, Mohammed is considered al-insan al-kamil (the "ideal man"). Details about the Prophet - how he lived, what he did, his non-Quranic utterances, his personal habits - are indispensable knowledge for any faithful Muslim,” siehe http://www.jihadwatch.org/islam101/

[15] Nur die Schiiten, eine Minderheit unter Muslimen, vertreten eine abweichende Meinung, wonach zwar der Prophet als das Vorbild schlechthin gilt, aber nicht alle „vier rechtgeleiteten Kalifen“, sondern nur Ali, der Schwiegersohn und Neffe des Propheten.

[16] Siehe dazu www.mizgin.net/modules.php?name=News&file=article&sid=214.

[17] Vgl. dazu Nasr Hamid Abu Zaid / Hilal Sezgin, Mohammed und die Zeichen Gottes – Der Koran und die Zukunft des Islam, Freiburg 2008, S. 54.

[18] Found Khalil, aaO., S. 19.

[19] Wöhler-Khalfallah, Islamischer Fundamentalismus – Von der Urgemeinde bis zur Deutschen Islamkonferenz, Berlin 2009, S. 63.

[20] „Die ersten vier Kalifen hatten ständig Angst vor Revolte und Ermordung und verdächtigten jeden Oppositionellen des Komplotts, um ihn in der Folgezeit blindlings zu lynchen,“ vgl. Bassam Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 76.

[21] He… approached the problem of apostasy by launching military campaigns against the groups who had reverted to their former faith, siehe Richard Bonney, aaO., S. 60.

[22] Seine Regierung wurde von Konflikten geprägt. Die Absetzung der Heerführer als Statthalter, die Verteilung der Kriegsbeute und die Einsetzung von Angehörigen seiner eigenen Sippe, der Umayaden, in den Provinzen, führte zu Spannungen. Als die Spannungen zwischen der Opposition in den Provinzen und Uthman eskalierten, meuterten Soldaten in mehreren Provinzen. Uthman wurde Opfer eines Attentates am 17. Juni 656, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Uthman_ibn_Affan.

[23] Die Omayyaden sind eine Dynastie von Kalifen, die von 661 bis 750 die Oberhäupter des sunnitischen Islam stellten.

[24] Die Gemeinschaft aller Muslime wird als umma, wörtlich "Volk, Gemeinschaft" bezeichnet. Ursprünglich war die umma eine relativ kleine muslimische Gemeinschaft, nämlich die islamische Gemeinschaft von Medina.

[25] Wöhler-Khalfallah, aaO., S. 280.

[26] Nach der klassischen islamischen Theorie muss die Umma ein Oberhaupt haben, eine Art Weltpräsidenten, den man als Kalif oder Imam bezeichnet.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Der militante Islamismus und seine sakralpolitischen Grundlagen
Untertitel
Vorbilder und Jihad
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Seminar für Religionswissenschaften)
Veranstaltung
Islamic Law and its Introduction Practice, theory and methods of interpretation
Autor
Jahr
2014
Seiten
32
Katalognummer
V282068
ISBN (eBook)
9783656762003
ISBN (Buch)
9783656762010
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gegenstand der Experise ist Islam, Scharia, militanter Islamismus, Vorbilder, Jihad, Koran, die Überlieferungen des Propheten (Sunna) und die Auslegung des Koran
Schlagworte
islamismus, grundlagen, vorbilder, jihad
Arbeit zitieren
Celalettin Kartal (Autor), 2014, Der militante Islamismus und seine sakralpolitischen Grundlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282068

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