Die großen Fortschritte der modernen Wissenschaft und Technik – insbesondere der Kybernetik, der Informationstechnik, der Computertechnik, der Sensorik, der Robotik, der künstlichen Intelligenz und der Konstruktion von ‚Cyborgs‘ – lassen auch traditionelle Problemstellungen verschiedener Wissenschaften in neuem Licht erscheinen. Das trifft besonders auf das Konzept des Cyborg zu, weshalb sich eine ganze Reihe von Veröffentlichungen speziell mit dessen Auswirkungen auf verschiedene Wissensgebiete befassen. Der Begriff ‚Cyborg‘ geht auf eine Wortneuschöpfung aus ‚cyber‘ und ‚Organismus‘ zurück. Eine Internetrecherche zu diesem Begriff zeigt auf unzähligen Bildern vor allem Menschen, die wie Maschinen aussehen sowie Maschinen, die wiederum wie Menschen aussehen. Jedoch auch Cyborg-Tiere sind unter den Ergebnissen. Erst spätere Treffer zeigen Menschen, die mit Hilfe von technischen Prothesen besser sehen, gehen oder greifen können. Aus den Bildern blicken uns vorrangig kriegerische und gefährliche Geschöpfe entgegen. Eine Cyborg-Welt scheint, nach diesen Bildern zu urteilen, von unheimlichen und unberechenbaren künstlichen Kreaturen bevölkert zu sein.
Es trifft zweifellos zu, dass sich eine Untersuchung des Begriffs Cyborg nicht nur mit Technologie und Wissenschaft auseinandersetzen muss, sondern auch mit bisherigen Konzepten des menschlichen Körpers, der Persönlichkeit und der Identität. Diese Zusammenhänge untersucht Donna Haraway in ihrem 1985 erstmals erschienenen Cyborg Manifesto und versucht eine Revision dieser Konzepte. Darin macht sie zudem deutlich, welche Rolle Geschlecht in einer solchen Auseinandersetzung spielt. Mit Geschlecht befasst sich auch die Science Fiction und Fantasy Autorin Ursula K. Le Guin. In ihrem bereits 1969 erschienenen Roman entwirft sie eine extraterrestrische Welt ohne binäres Geschlechtersystem. Trotz der zeitlichen Differenz der Erscheinungsdaten finden sich in Le Guin's Roman Anknüpfungspunkte zu Haraways Theorie. Das Bindeglied zwischen diesen Punkten stellt der Cyborg dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Von einer feministischen Geschlechterforschung zur Technoscience
2. Der Cyborg als Bindeglied
2.1 Die theoretische Herleitung des Begriffes ‚geschlechtlicher Körper‘
2.2 Wissen, (Natur-) Wissenschaft & Natur
2.3 Die Verortung des Cyborgs
2.4 Die Rolle der Science Fiction
2.5 Le Guins »Left Hand of Darkness«
3. Fazit
4. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verbindung zwischen Donna Haraways „Cyborg Manifesto“ und Ursula K. Le Guins Roman „The Left Hand of Darkness“. Ziel ist es, den Cyborg als Bindeglied zu nutzen, um zu analysieren, wie feministische Geschlechterforschung und Science Fiction gemeinsam Konzepte von Körperlichkeit, Identität und der binären Ordnung von Natur und Kultur dekonstruieren und neu verhandeln.
- Dekonstruktion des binären Geschlechtersystems
- Die Rolle des Cyborgs als oppositionelle Erzählfigur
- Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik und gesellschaftlicher Konstruktion
- Science Fiction als Instrument der sozialen und technologischen Kritik
- Kritik an universalen, totalisierenden Theorien im Feminismus
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Verortung des Cyborgs
Als 1985 das Cyborg Manifesto erschien, beschäftigte sich Haraway mit der Art wie sich der US-amerikanische (Öko-) Feminismus der 1970er Jahre mit dem Thema Wissenschaft auseinandergesetzt hatte. Ihr Kritikpunkt war vor allem, Wissenschaft als maskulinistisch abzuweisen und so sich selbst die Chance zu nehmen, das Verhältnis von Feminismus und der neuen Technoscience zu verorten. Ebenso nahm sie die Konflikte der ‚Women of Color‘ mit dem Frauenbild innerhalb des Feminismus wahr. (Bastian 2006). Aus diesen Versäumnissen des Feminismus entwickelte Haraway in ihrem durch Ironie geprägten Text die Figur des Cyborgs: „Consequently, Haraway's cyborg presented a way of intimately connecting feminism with technoscience and a way of envisioning political coalition that did not rest on an exclusivist notion of women” (dies., 1028). Der Begriff ‚Cyborg‘ geht auf M. E. Clynes und N. S. Kline zurück, die in den 1960er Jahren mit ihrer neuro-chemischen Forschung das Ziel verfolgten, einen erweiterten Menschen zu schaffen, der in extra-terrestrischen Umgebungen überleben kann. Die Vorstellung, die Haraway diesen Versuchen zugrunde legt, ist, dass Cyborgs als selbst-regulierende Mensch-Maschinen-Systeme nötig sind, um im nächsten technohumanistischen Wettkampf-Raumflug Schritt zu halten (1995).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Von einer feministischen Geschlechterforschung zur Technoscience: Das Kapitel führt in die Cyborg-Thematik ein und erläutert, warum eine Auseinandersetzung mit Technologie, Körperkonzepten und Identität für eine moderne feministische Forschung unerlässlich ist.
2. Der Cyborg als Bindeglied: Dieser zentrale Teil untersucht die theoretischen Grundlagen des geschlechtlichen Körpers, das Verhältnis von Naturwissenschaft und Natur sowie die spezifische Rolle der Science Fiction, um schließlich Le Guins Roman als Fallbeispiel einer Cyborg-Erzählung zu analysieren.
3. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass die Cyborg-Figur ein wirkungsvolles Instrument bietet, um technowissenschaftliche Herrschaftsverhältnisse zu interpretieren und klassische Dualismen durch eine partielle Identitätskonstruktion zu überwinden.
Schlüsselwörter
Cyborg, Feminismus, Science Fiction, Geschlecht, Körperkonstruktion, Technoscience, Identität, Dualismus, Postmoderne, Naturwissenschaft, Herrschaftsverhältnisse, Donna Haraway, Ursula K. Le Guin, Technologisierung, Androgynität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept des Cyborgs als eine zentrale, verbindende Erzählfigur, die hilft, feministische Perspektiven auf technologische Entwicklungen und binäre Geschlechterordnungen zu schärfen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Dekonstruktion von Geschlecht, der Kritik am klassischen Natur/Kultur-Dualismus sowie der Analyse von Science Fiction als Spiegel gesellschaftlicher Machtstrukturen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie sowohl das „Cyborg Manifesto“ von Haraway als auch der Roman „The Left Hand of Darkness“ von Le Guin dazu beitragen, starre Identitätskategorien durch das Konzept des Cyborgs aufzuweichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medienwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte (Poststrukturalismus, feministische Wissenschaftstheorie) auf literarische Texte und gesellschaftliche Diskurse anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretische Herleitung des „geschlechtlichen Körpers“, die Verbindung von Wissen und Wissenschaft sowie die Art und Weise, wie die Bewohner auf dem Planeten Gethen als androgyn-cyborgeske Wesen soziale Normen herausfordern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Cyborg, Feminismus, Technoscience, Identität, Postmoderne und die Überwindung dualistischer Denkweisen.
Warum spielt die Sprache in Le Guins Roman eine so große Rolle?
Die Sprache ist laut Analyse der Arbeit ein Rahmen für Intelligibilität, der durch seine binäre Struktur (er/sie) die Wahrnehmung der androgynen Gethenianer einschränkt und so die Grenzen der traditionellen Weltsicht aufzeigt.
Inwiefern ist der Cyborg für den Feminismus politisch relevant?
Der Cyborg ermöglicht laut Haraway die Bildung politischer Koalitionen, die nicht auf einem essentialistischen oder homogenen Frauenbild basieren, sondern fragmentierte Identitäten und die Aneignung von Technologie als Emanzipationsmittel begreifen.
- Quote paper
- Veronika Mayer (Author), 2013, Gender und Cyborgs in der Science Fiction. Donna Haraways "Cyborg Manifesto" und Ursula K. Le Guins "The Left Hand of Darkness", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282122