Im Juni 2012 zeigte das ZEITmagazin auf seiner Titelseite ein Bild zweier sich scheinbar küssender Frauen in figurbetonter und knapper Kleidung. Der Titel der Ausgabe war „Arabische Nächte“. Bei der Betrachtung erweckt dieser Titel Assoziationen mit den Erzählungen aus Tausendundeine Nacht und den Vorstellungen über einen exotischen und mythischen ‚Orient‘. Gleichzeitig stiftet das Bild jedoch Verwirrung ob der Darstellung von ‚modern‘ gekleideten und emanzipiert wirkenden Frauen, die man im Allgemeinen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Begriff ‚arabisch‘ erwartet. Darüber hinaus wirkt in diesem Bild noch ein dritter Aspekt: Die Gesichter der Frauen sind durch ihre Haare wie durch einen Schleier verdeckt. So sind weder die Frauen eindeutig zu erkennen noch ist deutlich zu sehen, ob es wirklich ein Kuss ist, der hier abgelichtet ist.
An dieser Stelle wird klar, dass dieses Bild und seine Betitelung den Betrachter ein wenig an der Nase herumführt. Denn Bild und Titel spielen mit (sexuellen) Fantasien, Vorstellungen von Okzident und Orient, Ansichten von Modernität und Rückständigkeit sowie Blick-Traditionen. Die vorliegende Arbeit nimmt dies zum Anlass, das Verhältnis von Okzident und Orient, die Stellung des Bildes und der Fotografie in der islamischen Anschauung, der Rolle des Schleiers bzw. der Verschleierung im Islam und die Definition von außen und innen, privat und öffentlich zu hinterfragen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Inszenierung einer Bildtradition
2.1 Zum Begriff des Orientalismus
2.2 Verschleierung, Öffentlichkeit und Privates
2.3 Zum islamischen ‚Bilderverbot‘
2.4 Olivia Arthurs „Jeddah Diary“ und das „ZEITmagazin“
2.4.1 Arabische Nächte
2.4.2 Das geheime Leben der Frauen von Dschidda
2.4.3 Kleiderregeln im Badeort Durrat al-Arus
2.4.4 Partys für Frauen
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Okzident und Orient sowie die Darstellung islamischer Identität, insbesondere am Beispiel des Schleiers und der Fotografie, anhand der Arbeit „Jeddah Diary“ der Fotografin Olivia Arthur. Ziel ist es, die orientalistische Bildtradition zu hinterfragen und aufzuzeigen, wie Arthur durch ihre Aufnahmen gängige westliche Sehgewohnheiten bricht und den Schleier neu als strategisches Element verhandelt.
- Dekonstruktion des Orientalismus und westlicher Wissenssysteme
- Die Funktion des Schleiers als Schutz des Privaten im Islam
- Analyse der fotografischen Praxis und des Bilderverbot-Diskurses
- Kritische Auseinandersetzung mit der medialen Inszenierung der „orientalischen Frau“
- Untersuchung des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatem in Saudi-Arabien
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Arabische Nächte
Wie bereits erläutert, sind auf dem Titel des ZEITmagazin zwei Frauen zu sehen (s. Abb. 1, S. 3). Beide sind modern gekleidet, die linke der beiden trägt ein ärmelloses, kurzes Kleid, das den Blick auf ihre Knie freigibt. Das großzügige Dekolletee lässt ihre Unterwäsche erkennen. In der Hand hält sie eine Zigarette, den anderen Arm hat sie um die Taille der anderen Frau gelegt. Diese trägt eine kurzärmelige Seidenbluse und eine lange, enganliegende Hose. Sie stemmt den Arm in einer selbstbewussten Pose in die Hüfte. Es sieht so aus, als würden sich diese beiden Frauen küssen. Dies ist jedoch nicht genau zu erkennen, da die langen, dunkelbraunen Locken der rechten Frau beide Gesichter verdecken. Darüber hinaus wirken die Frauen einer allgemeinen Vorstellung nach entsprechend nicht eindeutig arabisch oder muslimisch. Auf den ersten Blick wirkt das Bild geheimnisvoll und erotisch geladen. Der Titel „Arabische Nächte“ verstärkt diesen Eindruck und ruft Assoziationen zu den Geschichten aus Tausendundeine Nacht hervor.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einführung erläutert die Ankunft und Wirkung eines Bildes im ZEITmagazin und steckt den theoretischen Rahmen sowie die Forschungsfrage der Arbeit ab.
2 Inszenierung einer Bildtradition: Das Hauptkapitel analysiert die theoretischen Konzepte des Orientalismus, die soziologische Bedeutung von Verschleierung und das Bilderverbot im Islam, um sie auf die Fotografien von Olivia Arthur anzuwenden.
3 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Olivia Arthur die orientalistische Bildtradition durch die bewusste Umkehrung westlicher Sehgewohnheiten kritisch hinterfragt und den Schleier als protektives Element neu kontextualisiert.
Schlüsselwörter
Orientalismus, Schleier, Fotografie, Olivia Arthur, Jeddah Diary, ZEITmagazin, Islam, Bilderverbot, Identität, Geschlechtertrennung, Westen, Okzident, Privatsphäre, Öffentlichkeit, Postcolonial Studies.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der fotografischen Arbeit „Jeddah Diary“ von Olivia Arthur und untersucht, wie diese Bilder die westliche Wahrnehmung und bildliche Darstellung des Orients herausfordern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Orientalismus, die Bedeutung des Schleiers im Islam, das Spannungsfeld zwischen privatem und öffentlichem Raum sowie die Machtverhältnisse im fotografischen Diskurs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Fotografin Olivia Arthur traditionelle orientalistische Bilder dekonstruiert und den Schleier nicht als Symbol der Unterdrückung, sondern als strategisches Mittel zur Wahrung des Privaten neu interpretiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt medienwissenschaftliche und kulturtheoretische Ansätze, insbesondere Konzepte des Postkolonialismus (Edward Said, Stuart Hall), um visuelle Repräsentationen und Begleitmedien kritisch zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Grundlagen zum Orientalismus, zur Verschleierung und zum Bilderverbot und wendet diese Erkenntnisse in einer Bildanalyse auf ausgewählte Fotografien von Olivia Arthur an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Orientalismus, Schleier, Jeddah Diary, islamische Bildkultur, Öffentlichkeit/Privates sowie die kritische Reflexion des westlichen Blicks.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Schleiers in den Fotografien?
Die Autorin argumentiert, dass der Schleier in Arthurs Arbeiten eine schützende, protektive Funktion einnimmt, die es Frauen ermöglicht, sich innerhalb ihrer privaten Räume frei zu bewegen, während er gleichzeitig als Grenze gegen den eindringenden „westlichen Blick“ fungiert.
Welche Rolle spielt das „ZEITmagazin“ bei der Analyse?
Das ZEITmagazin dient als Beispiel für eine westliche Medieninszenierung, deren Bildunterschriften und Titel oft wertend wirken und im Kontrast zu den gezeigten Fotografien eine produktive Irritation beim Betrachter hervorrufen.
- Quote paper
- Veronika Mayer (Author), 2013, „Arabische Nächte“. Die Inszenierung einer Bildtradition am Beispiel von Olivia Arthurs „Jeddah Diary“ im ZEITmagazin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282124