Die westdeutsche Wiederbewaffnung und der Eintritt in die NATO nach dem Zweiten Weltkrieg


Hausarbeit, 2014
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung:

2. Akteurszentrierte Politikwissenschaft:

3. Lage Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg sowie der Weg in die NATO:

4. Die deutsche Wiederaufrüstung und der Weg in die NATO:
4.1. Beteiligte Akteure außerhalb der BRD und deren Ziele in der Wiederbewaffnungsdebatte:
4.2. Beteiligte Akteure innerhalb der BRD und deren Ziele in der Wiederbewaffnungsdebatte:

5. Fazit:

6. Quellen- und Literaturverzeichnis:

1. Einleitung:

Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland war in der internationalen Gemeinschaft nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges ein sehr sensibles Thema, da dieser gerade einmal fünf Jahre zurücklag als die Debatte um eine deutsche Remilitarisierung merklich an Fahrt aufnahm. Folglich war in den ersten Jahren nach Kriegsende weder von deutscher noch von alliierter Seite ein Vorschlag nach einer Wiederbewaffnung zu hören. Dieses änderte sich schlagartig als im Juni 1950 der Koreakrieg ausbrach. Dieser Krieg im Fernen Osten war der erste große Meilenstein des Kalten Krieges und außerdem der erste Stellvertreterkrieg der Geschichte. Durch die von der Sowjetunion unterstützte Invasion Nordkoreas in das von den Amerikanern unterstützte Südkorea entstand in der Welt die Furcht, die Sowjetunion könne eine ähnliche Invasion über Westdeutschland auf ganz Westeuropa planen. Aufgrund dieser Tatsache war die militärische Situation Westdeutschlands plötzlich von allen beteiligten Parteien neu zu bewerten. Für die Alliierten zum Beispiel war die neugegründete Bundesrepublik enorm wichtig als Puffer vor der Sowjetunion. Diese Stellung lässt sich sowohl politisch als auch geographisch erklären. Folglich gab es in den Jahren nach dem Kriegsausbruch in Korea zahlreiche Konferenzen auf denen intensiv das Für und Wider einer westdeutschen Aufrüstung debattiert wurde.

Der Fokus dieser Hausarbeit liegt daher auf Frankreich, den USA und der Bundesrepublik (hier im speziellen auf Bundeskanzler Konrad Adenauer), welche als politische Akteure unterschiedliche Ziele in der Wiederbewaffnungsdebatte hatten und natürlich auch andere Pläne verfolgten, um diese Ziele zu verwirklichen. Die Betrachtung der Ziele der USA und Frankreich als korporative Akteure und die Ziele Konrad Adenauers als individuellen Akteur als Gegenpol dient dazu, zwei Aspekte der akteurszentrierte Politikwissenschaft in der Hausarbeit zu beleuchten.

Dieser akteurszentrierten Herangehensweise wird die Fragestellung „Wie war eine westdeutsche Wiederaufrüstung so wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges möglich und welche Ziele verfolgten die beteiligten Akteure in jener Debatte?“ sowie die These „Die Regierungen von USA und Frankreich waren bezüglich der westdeutschen Wiederaufrüstung korporative Akteure, welche ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgten“ zugrunde gelegt.

2. Akteurszentrierte Politikwissenschaft:

In der akteurszentrierten Politikfeldanalyse sollte man sich zuerst vor Augen führen, dass Akteure nicht nur einzelne handelnde Personen sind, sondern auch Institutionen (zum Beispiel Nationalstaaten) sein können. Dementsprechend unterscheidet man zwischen individuellen Akteuren (einzelne Personen, zum Beispiel der Bundeskanzler oder der Präsident) und komplexen Akteuren (Institutionen), wobei sich letztere nochmal jeweils in kollektive und zum anderen in korporativen Akteure unterteilen lassen.1 Kollektive Akteure sind ein kooperativer Zusammenschluss von Individuen, also zum Beispiel Clubs, Verbände oder Allianzen, welche – abhängig von den Präferenzen und Zielen ihrer Mitglieder – in bestimmten Fragen zusammenarbeiten, aber dabei nicht zu einer homogenen Masse verschmelzen. Korporative Akteure hingegen, wie zum Beispiel Regierungen, Parteien, Gemeinschaften oder Unternehmen, legen ihre Ressourcen zusammen und bilden so eine neue Handlungseinheit. Sie sind in größtem Maße unabhängig. Sowohl bei kollektiven als auch bei korporativen Akteuren kommt es zu einer Bündelung von Interessen und Ressourcen, es sind miteinander verwobene Phänomene.2 So können mehrere korporative Akteure gemeinsam in einer dauerhaften Kooperation einen kollektiven Akteur bilden.

Auch Einzelne können sowohl als individueller Akteur als auch als Teil eines kollektiven Akteurs agieren, was allerdings zu Problemen führen kann, wenn sich bei einem Akteur zwei Rollen überschneiden, also wenn jemand in seiner Funktion als Abgeordneter und in seiner Funktion als Parteimitglied etwas tut, was der anderen Funktion widerspricht. Beispielsweise beugt sich das Parteimitglied der Parteilinie in Sachen Autobahnneubau, obwohl er als Abgeordneter seinem Wahlkreis versprochen hat, gegen diesen zu votieren.

Außerdem umfasst die akteurszentrierte Politikfeldanalyse neben den politischen Funktionsträgern und Parteien im weitem Sinne auch Journalisten und wissenschaftliche Experten, welche in politischen Diskursen oftmals diverse Einflüsse geltend machen können und zum Beispiel in diversen Think-Tanks politische Entscheidungsprozesse mitgestalten.

Unabhängig von der theoretischen Einordnung haben alle Akteure bestimmte Ziele, welche sie gegenüber externen Parteien vertreten. Hierbei lassen sich zwischen allgemeinen Interessen (zum Beispiel dem Wirtschaftswachstum) und speziellen Interessen (zum Beispiel der Abschaffung des Euros durch die AfD), welche von kleinen homogenen Gruppen vorgetragen werden, unterscheiden.

Bedeutend bei der akteurszentrierten Politikfeldanalyse ist das Konzept der bounded rationality von Herbert Simon aus dem Jahr 1957, welches darauf hinweist, dass die Annahme von rational handelnden Personen höchst unwahrscheinlich sei,3 da Menschen keine Maschinen seien und man daher nicht genaue, rationale Vorhersagen über das Verhalten und die Ziele eines Akteurs machen kann. Simon sagt dazu weiter, dass Probleme nicht punktgenau bestimmt werden, sondern es wird vielmehr ein vereinfachendes Bild der überkomplexen Realität erstellt.4

Zusätzlich wird in der akteurszentrierten Politikwissenschaft zwischen zwei Interessenvermittlungsstrukturen unterschieden, welche verschiedener Formen der Beteiligung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen an politischen Entscheidungsprozessen bezeichnen. Diese Strukturen sind zum einen der Pluralismus und zum anderen der Neo-Korporatismus. Im Pluralismus erachtet man die offene Auseinandersetzung zwischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen als unerlässlichen Teil der politischen Willensbildung im idealtypischen Interessensvermittlungssystem. Dabei werden die unterschiedlichen Interessen stärker wertgeschätzt und ihre Durchsetzung als legitim angesehen, was aber nicht bedeutet, dass die Parteien zu keinem Konsens fähig sein, oder nicht eine gemeinsame Lösung suchen sollen.

Der Korporatismus steht für die Beteiligung von staatlich ausgewählten Interessengruppen an den politischen Entscheidungsprozessen, wohingegen sie im Neo-Korporatismus nicht mehr rein staatlich festgelegt werden. Es ist jedoch der staatlichen Anerkennung überlassen, welche Interessengruppen in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden und somit Teil der neo-korporatistischen Strukturen werden. Meistens handelt es sich dabei um Arbeitgeber- und Arbeitnehmergruppierungen, welche gemeinsam mit dem Staat ein für alle Seiten akzeptables Ergebnis erreichen sollen.5 Der Zweck dieser Beteiligung ist die Bindung der Interessensgruppen an den einheitlich getroffenen Entscheidungen.

Im heutigen Deutschland kann man traditionell neokorporatistische Strukturen identifizieren6, was bedeutet, dass zum Beispiel Divergenzen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen nicht durch eine Auseinandersetzung, also durch Streik, sondern nach Möglichkeit durch eine einvernehmliche Lösung – also Tarifverträge - beigelegt werden.

In dieser Hausarbeit werden die Interessen und Ziele von korporativen Akteuren innerhalb der Bundesrepublik Deutschland und außerhalb dieser untersucht. Zum einen beziehe ich mich auf die Ziele der Regierung von Kanzler Adenauer und kurz auch der Ziele seiner Opposition und zum anderen auf die Ziele der Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika sowie die der Regierung Frankreichs. Die Gründe, warum genau diese beiden Staaten ausgewählt wurden, folgen im Hauptteil dieser Hausarbeit. Grundsätzlich thematisiert meine Hausarbeit also korporative Akteure, wobei ich auch die Person Konrad Adenauers als individuellen Akteur beleuchten möchte, da dieser der Hauptakteur in der deutschen Wiederbewaffnung war und die Debatte um diese in der Nachkriegszeit maßgeblich zu lenken wusste.

3. Lage Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg sowie der Weg in die NATO:

Die Lage des besiegten Deutschlands in der Nachkriegszeit aufzuarbeiten verfolgt den Zweck, die Voraussetzungen für die Wiederaufrüstung und die Westintegration nachzuzeichnen, welche das Land nach dem verlorenen Krieg prägten.

Im Mai 1945 stand Deutschland nach der totalen Kapitulation vor den Trümmern des verlorenen Krieges, welcher die Besatzung durch die Alliierten und die Aufteilung des Landes in vier Besatzungszonen durch Frankreich, Großbritannien, USA und der Sowjetunion zur Folge hatte. Zusätzlich mussten Reparationszahlungen (auch durch Demontagen) von Deutschland geleistet werden, was einen wirtschaftlichen Wiederaufbau zusätzlich erschwerte. Somit war das dringlichste Ziel des Staates wirtschaftliche Impulse zu setzen, die Infrastruktur wiederherzustellen und die Not der Bevölkerung zu lindern.

Der erste Schritt dafür bestand in der Währungsreform vom 20. Juni 1948, welche notwendig wurde, da die aktive Reichsmark immer mehr an Wert verlor, was eine Flucht der Menschen in die Sachwerte nach sich zog. Wegen der schlechten Versorgungslage nach dem Krieg waren alltägliche Gegenstände und Lebensmitteln kaum in den Geschäften sondern fast nur auf dem florierenden Schwarzmarkt zu kaufen. Diese Geldentwertung machte eine Währungsreform notwendig, wodurch die Umlaufmenge des Geldes verringert und mit der Deutschen Mark eine sichere Währung eingeführt wurde, die eine langfristig, stabile und funktionierende Marktwirtschaft ermöglichte7.

Am 23. Mai 1949 kam es schließlich auf dem Gebiet der drei Westzonen zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland und wenig später in der Ostzone zur Gründung der DDR, wodurch die Spaltung zwischen Ost und West vorerst vollzogen war, was wenige Jahre später enormen Einfluss auf die Westintegration der BRD sowie die Eingliederung in die NATO haben sollte. Konrad Adenauer wurde erster deutscher Bundeskanzler und gleichzeitig auch Außenminister.

Nach der Staatsgründung war es weiterhin wichtig, die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Regierung versuchte das zunächst mit Investitionen und Konjunkturpaketen, was aber scheiterte.8 Die Arbeitslosenquote erreichte zu dieser Zeit den Höhepunkt von 12%9, was aber größtenteils auch darin begründet lag, dass es sich als sehr schwer gestaltete, die vielen Kriegsrückkehrer und Ostflüchtlinge mit Arbeit zu versorgen.

Zeitgleich brachten die Vereinigten Staaten mit dem European Recovery Program (ERP oder auch Marshall-Plan) ein amerikanisches Aufbauprogramm für die westeuropäische Wirtschaft auf den Weg, welches die Bereitstellung von Krediten, Rohstoffen Waren und Lebensmittel umfasste. Diese wirtschaftliche Unterstützung sollte den Wiederaufbau Westdeutschlands und der anderen Westeuropäischen Nationen vorantreiben, um die Eindämmung des sowjetischen Machtbereiches ermöglichen zu können und neue Absatzmärkte für US-amerikanische Produkte zu schaffen.10

Der Marshall-Plan forcierte zusätzlich die innereuropäische Zusammenarbeit und legte so den Grundstein für die spätere Westintegration der Bundesrepublik.11 Die bereits beschriebenen Ziele der Vereinigten Staaten werden auch in der Debatte um eine westdeutsche Aufrüstung von zentraler Bedeutung sein.

Während sich der junge westdeutsche Staat also in einer Phase des wirtschaftlichen Umschwungs befand, brach im Juni 1950 im fernen Korea ein Krieg aus und begann einen ungeahnten Einfluss auf die westdeutsche Politik und Wirtschaft auszuüben.

Dieser Krieg, welcher durch einen Angriff des kommunistischen Nordkoreas (unter Mithilfe der Sowjetunion und später auch von China) auf Südkorea (unterstützt durch Blauhelmsoldaten unter US-amerikanischer Führung) begann, wurde zu einem Modellbeispiel für das geteilte Deutschland und war der wichtigste Auslöser für die Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre beginnende Debatte über eine westdeutsche Wiederaufrüstung und die Eingliederung in die neugegründete NATO. Vor allem die Parallelität zwischen beiden Staaten war dabei ausschlaggebend für den immensen Einfluss des fernen Konfliktes auf die deutsche Politik, denn Deutschland geriet wie Korea nach dem Zweiten Weltkrieg in den Fokus der Supermächte USA und Sowjetunion, was zur Teilung beider Länder führte. Identisch waren auch die Pläne der Alliierten bezüglich der Unabhängigkeit und der Souveränität, in welche beide Staaten erst nach einer jahrzehntelangen Treuhänderschaft übergeben werden sollten.12 Weiterhin wiesen die Landflucht (in Deutschland in den Westen und in Korea in den Süden) sowie die beiden Staatsgründungen große Gemeinsamkeiten auf, da jeweils beide Landesteile die Alleinvertretung für das gesamte Volk beanspruchten. Außerdem dienten der USA beide Länder - also Südkorea und die Bundesrepublik -als Pufferzone vor dem Kommunismus.

Aufgrund dieser zahlreichen Gemeinsamkeiten verwundert es wenig, dass in Westdeutschland die Furcht vor einer sowjetischen Invasion nach koreanischem Vorbild stetig wuchs. Die Angst erreichte dabei nicht nur die Bevölkerung sondern auch die Bundesregierung und die jeweilige Staatsführung Frankreichs und der USA. Kanzler Konrad Adenauer, sorgte sich sogar derart um die westdeutsche Sicherheit, dass er über 200 Maschinenpistolen anforderte, mit denen das Kanzleramt „im Falle eines kommunistischen Aufstandes“13 verteidigt werden sollte und ein Telegramm aus Washington sah vor, „sofort wehrfähige Deutsche zusammenzuholen und sie unter Waffen zu stellen“.14 Zusätzlich spielten die Medien eine wichtige Rolle: Der Rheinische Merkur titelte zum Beispiel am 1. Juli 1950 „Machtprobe in Ostasien: In Korea fällt die Entscheidung über unsere Zukunft“.15 Dabei fordert die Presse einhellig eine alliierte Sicherheitsgarantie für die Bundesrepublik und die Aufstellung von Truppen auf deutschem Staatsgebiet. Eine eigene Sicherheitspolitik durfte die Bundesrepublik Deutschland nämlich erst nach der Staatsgründung betreiben und war bis dahin auf die sicherheitspolitischen Anstrengungen der Besatzungsmächte angewiesen. Allerdings waren die politischen und wirtschaftlichen Rechte, die mit einer Staatsgründung einhergehen bei der neugegründeten Bundesrepublik noch sehr eingeschränkt, da das Land weiterhin unter Besatzung stand und noch nicht die volle Souveränität genoss. Jedes Bestreben militärischer Natur musste eng mit den Siegermächten abgesprochen werden und bedurfte deren Zustimmung.

Wegen der beschriebenen Angst vor einer sowjetischen Invasion wurden Anfang der 1950er Jahre auch auf alliierter Seite zahlreiche Stimmen laut, welche sich für eine westdeutsche Wiederaufrüstung und eine Einbindung in die ebenfalls neugegründete NATO aussprachen. Der Wechsel in der amerikanischen Außenpolitik vollzog sich schließlich nach der Zündung der ersten sowjetischen Atombombe sowie der Gründung der Volksrepublik China und hatte die Militarisierung Westeuropas und die eigene atomare Aufrüstung zum Ziel.16

Die bedeutendste Phase für die innerdeutsche und europäische Diskussion über eine westdeutsche Remilitarisierung waren die Monate direkt nach dem Kriegsausbruch in Korea von Juni bis Herbst 1950. Diese Zeit war der Höhepunkt der westlichen Debatte über Notwendigkeit, Zweckmäßigkeit und Form einer westdeutschen Remilitarisierung.17

In den Jahren 1950 bis 1955 erstreckte sich eine Periode beginnend mit zaghaften Äußerungen zu einer westdeutschen NATO-Beteiligung bis schließlich hin zu ernsthaften Beitrittsverhandlungen. Diese zahlreichen Konferenzen im Detail nachzuzeichnen würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen, daher wird an dieser Stelle nur auf wenige wichtige kurz eingegangen. Im Oktober 1950 kam es zur Aufstellung der sogenannten Himmeroder Denkschrift, welche „Forderungen und Voraussetzung der Remilitarisierung, eine Grundkonzeption der Armee sowie Ausrüstung und Stärke der Truppen beinhaltete“.18 Diesen Plan galt es in den kommenden Konferenzen zu vertreten.19

Knapp eineinhalb Jahre später wurde nach etlichen Verhandlungen die EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft) gegründet. Die Gründer waren Frankreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Italien und die Bundesrepublik Deutschland.20 Das Ziel der EVG war „die Schaffung einer europäischen Armee und damit auch die Förderung der europäischen Einheit“21, die Bundesrepublik plädierte für ihre volle Souveränität und die Aufstellung von Streitkräften. Die EVG war aber stets hartem Widerstand in der französischen Nationalversammlung ausgesetzt, sodass sie am 30. August 1954 schließlich bei der Abstimmung in der französischen Nationalversammlung scheiterte.22 Der nächste Schritt bis zur deutschen Remilitarisierung und in die NATO war die Londoner Neunmächtekonferenz. Ziel der Konferenz, welche vom 28. September bis zum 3. Oktober 1954 stattfand war es, die BRD in die NATO zu integrieren, beziehungsweise zumindest die letzten Voraussetzungen für eine baldige Eingliederung zu schaffen.

Am Ende der Konferenz stand fest, dass die anderen Teilnehmer Westdeutschland den Beitritt zur NATO gestatteten, das Besatzungsstatut aufhoben und sie als Sprecher für Gesamtdeutschland ansahen.23

Die Bundesrepublik verpflichtete sich, die Charta der Vereinten Nationen anzuerkennen und bei der Frage einer möglichen deutschen Wiedervereinigung auf jegliche Gewalt zu verzichten, woraufhin die Alliierten zusicherten, das Besatzungsstatut rasch zu beenden.24 Außerdem sicherten die USA, Kanada und Großbritannien Deutschland Truppen zur Sicherung vor der Sowjetunion zu, was für die Bundesrepublik angesichts des Koreakrieges von immenser Bedeutung war. Vom 19. bis 23. Oktober 1954 fanden dann vier verschiedene Pariser Konferenzen statt25, auf welchen die Ablösung des Besatzungsregimes und die Herstellung der vollen Souveränität der Bundesrepublik, die Einbeziehung Deutschland in den Brüsseler Pakt und zuletzt die Aufnahme in das NATO-Bündnisbeschlossen wurde.26 Am 23. Oktober 1954 erfolgte die Unterzeichnung durch die Außenminister. Die Ergebnisse waren also die gleichberechtigte Aufnahme in die NATO und die Aufnahme in die Westeuropäische Union. Am 26. und 27. Februar 1955 wurden die Pariser Verträge im Bundestag ratifiziert und traten dann am 5. Mai 1955 in Kraft. Am 18. März 1955 folgte die Zustimmung des Bundesrates zum Deutschlandvertrag.27 Am 9. Mai 1955 kam es schließlich zum lange ersehnten Beitritt der Bundesrepublik in die NATO, welcher der Bundesrepublik damit die Hilfe aller Bündnispartner im Falle einer Invasion zusagte.

4. Die deutsche Wiederaufrüstung und der Weg in die NATO:

Im Folgenden Kapitel werden die Ziele der beteiligten Akteure zum einen außerhalb der BRD und zum anderen innerhalb der BRD an dieser westdeutschen Wiederaufrüstung und der Eingliederung in die NATO beschrieben.

4.1. Beteiligte Akteure außerhalb der BRD und deren Ziele in der Wiederbewaffnungsdebatte:

An dieser Stelle möchte ich vor allem die Ziele der USA und von Frankreich bei der Debatte um eine westdeutsche Wiederaufrüstung sowie einer Eingliederung in die NATO erläutern. Diese beiden Staaten wurden ausgewählt, da die USA der stärkste Befürworter einer westdeutschen Wiederaufrüstung war und Frankreich sich strikt dagegen aussprach. Großbritannien zum Beispiel hielt sich in dieser Frage eher zurück.

Die Frage nach einer westdeutschen Wiederaufrüstung, beziehungsweise die interstaatliche Diskussion über eine solche ist in zwei Teile zu trennen. Zum einen die Frühphase vor Juni 1950 (so begannen erste Gespräche über eine westdeutsche Remilitarisierung bereits 1947, als nach dem Scheitern der Außenministerkonferenzen auf amerikanischer und britischer Seite über diese Option nachgedacht wurde28 ) und zum zweiten die Entscheidungsphase nach Juni 1950. Der Wendepunkt zwischen beiden Phasen war der Koreakrieg, welcher am 25. Juni 1950 ausbrach. Er veränderte die Stimmung in der Weltpolitik und war ausschlaggebend für eine Intensivierung der Debatte über eine westdeutsche Wiederaufrüstung.

Die amerikanische Regierung als korporativer Akteur sprach sich sowohl unter Präsident Truman (Präsident von 1945-1953) und unter seinem Nachfolger Eisenhower (Präsident von 1953-1961) für eine westdeutsche Wiederaufrüstung sowie eine Einbindung in die NATO aus. Die amerikanischen Ziele in dieser Debatte werden im Folgenden erläutert.

[...]

1 Blum, Sonja; Schubert, Klaus, Politikfeldanalyse (2., aktualisierte Auflage). Wiesbaden 2011, S. 54.

2 Blum; Schubert, Politikfeldanalyse, S. 55.

3 Blum; Schubert, Politikfeldanalyse, S. 57.

4 Blum; Schubert, Politikfeldanalyse, S. 57 f.

5 Blum; Schubert, Politikfeldanalyse, S. 59.

6 Blum; Schubert, Politikfeldanalyse, S. 60.

7 Vgl. Erhard, Ludwig, Deutsche Wirtschaftspolitik (Neuausgabe). Düsseldorf 1992, S. 62.

8 Vgl. Abelshauser, Werner, Deutsche Wirtschaftsgeschichte (2. überarbeitete und erweiterte Auflage). München 2011, S. 148.

9 Abelshauser, Wirtschaftsgeschichte, S. 146 f.

10 Vgl. Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990. München 2008, S.50 f.

11 Vgl. Abelshauser, Wirtschaftsgeschichte, S. 135.

12 Kleßmann, Christoph; Stöver, Bernd, Der Koreakrieg. Köln u.a. 2008 , S. 8.

13 Höfner, Karlheinz, Die Aufrüstung Westdeutschlands. München 1990 , S. 218.

14 Höfner, Aufrüstung Westdeutschlands, S. 219.

15 Ebd.

16 Vgl. Goschler, Constantin; Graf, Rüdiger, Europäische Zeitgeschichte seit 1945. Berlin 2010, S. 46.

17 Vgl. Mai, Gunther, Westliche Sicherheitspolitik im Kalten Krieg. Boppard am Rhein 1977, S. 174 f.

18 Vgl. Thomas, Siegfried, Der Weg in die NATO. Frankfurt am Main 1978 , S. 168 f.

19 Vgl. Thomas, Weg in die NATO, S. 168 f.

20 Vgl. Meier-Dörnberg, Wilhelm, Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft in: Fischer, Alexander (Hrsg.), Wiederbewaffnung in Deutschland nach 1945. Berlin 1986, S. 79.

21 Ebd.

22 Vgl. Meier-Dörnberg, Europäische Verteidigungsgemeinschaft in: Fischer, Wiederbewaffnung, S. 79.

23 Vgl. Thomas, Weg in die NATO, S. 304.

24 Vgl. Meier-Dörnberg, Europäische Verteidigungsgemeinschaft in: Fischer, Wiederbewaffnung, S. 79.

25 Vgl. Thomas, Weg in die NATO, S. 306.

26 Vgl. Thomas, Weg in die NATO, S. 307.

27 Vgl. Thomas, Weg in die NATO, S. 330.

28 Vgl. Mai, Sicherheitspolitik, S. 171.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die westdeutsche Wiederbewaffnung und der Eintritt in die NATO nach dem Zweiten Weltkrieg
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Pubic Policy
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V282269
ISBN (eBook)
9783656767664
ISBN (Buch)
9783656838432
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Akteurszentrierte Hausarbeit über die Rolle und die Ziele der USA, Frankreich und der bundesdeutschen Regierung an der westdeutschen Wiederbewaffnung
Schlagworte
Nachkriegszeit, Politik, Wiederbewaffnung, Akteurszetriert, Akteur, Akteure, USA, Frankreich, Adenauer, Remilitarisierung
Arbeit zitieren
Julian Stasik (Autor), 2014, Die westdeutsche Wiederbewaffnung und der Eintritt in die NATO nach dem Zweiten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282269

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