„Schau, Hans, da schießt eine Frau!“ Jüdische Frauen im Widerstand des Warschauer Ghettos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
44 Seiten, Note: 2,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 . Das Warschau er Ghetto

3. Frauen im Widerstand im Warschauer Ghetto
3.1. Der unorganisierte Widerstand
3.2. Frauen im unbewaffneten organisierten Widerstand
3.2.1. Politische Organisationen im Ghetto
3.2.2. Selbsthilfe
3.2.3. Kultur
3.2.4. Bildung
3.2.5. Krankenhaus
3.3. Die Ghetto-Kuriere
3.4. Frauen im bewaffneten Widerstand im Warschauer Ghetto
3.5. Frauen während des Aufstandes im Warschauer Ghetto

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

Memoiren und Erinnerungen

Monographien:

Sammelbände:

Aufsätze:

Sekundärliteratur:

Monographien:

Sammelbände:

Aufsätze:

Online-Literatur:

6. Bildernachweis

1. Einleitung

Es ist ein noch immer weit verbreiteter historischer Irrtum, daß sich die Juden und Jüdinnen unter der Naziherrschaft „wie die Schafe zur Schlachtbank“, das heißt in die Konzentrations- und Todeslager, führen und sich ohne jeglichen Widerstand einfach ermorden und vernichten ließen.

Das Gegenteil ist der Fall: In allen deutsch-besetzten Ländern Europas im 2. Weltkrieg hat es eine Widerstandsbewegung gegeben, in denen auch Juden und Jüdinnen aktiv waren oder die sogar ausschließlich aus jüdischen Mitgliedern bestand. Die Tatsache, daß Juden und Jüdinnen unter den unmenschlichen Bedingungen des Naziterrors überhaupt gekämpft haben, ist das echte und eigentliche Wunder, nicht die Tatsache, daß so viele es nicht getan haben.

Von besonderer Bedeutung ist hier der Aufstand im Warschauer Ghetto zu nennen. In keinem anderen besetzten Land, weder in Frankreich, noch in Holland oder Belgien hat sich die Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer erhoben, und deren Lebensbedingungen waren mit denen im Warschauer Ghetto nicht vergleichbar.

Der Aufstand im Warschauer Ghetto war der erste Aufstand im besetzten Europa. Es waren die Menschen im Warschauer Ghetto, die sich als erste gegen die deutschen Besatzer erhoben haben. Dies nehmen die ehemaligen Ghettokämpfer und Ghettokämpferinnen für sich immer wieder und mit Recht in Anspruch und weisen darauf hin, daß überall in Europa angesichts der schrecklichen Bedingungen die Menschen nichts taten und der Widerstand immer nur das Werk und die Aufgabe einiger Weniger sein konnte.

Und von Frankreich bis Rußland haben vor allem auch die Frauen den jüdischen Widerstand mitgetragen und mitorganisiert. Die jüdischen Frauen im Warschauer Ghetto beispielsweise waren an allen Phasen des Aufstandes massiv und aktiv beteiligt. Vor allem in den Wochen, Monaten und Jahren vor dem Aufstand, aber auch im Verlaufe der bewaffneten Auseinandersetzungen hat es eine ausgedehnte Untergrundarbeit gegeben, die ohne die vielen Frauen, die als Kurierinnen tagtäglich ihr Leben riskierten, kaum hätte effektiv sein können.

Diese Tatsache widerspricht auch dem gängigen Klischee, daß Frauen grundsätzlich „passiven“ Widerstand geleistet haben, d.h. daß sie sich um die Versorgung von Verwundeten und Kranken und um andere soziale Belange gekümmert, aber am „aktiven“ Kampf nicht teilgenommen haben. Fälschlicherweise wird als „aktiver“ Widerstand ausschließlich der bewaffnete Kampf betrachtet – und gemeinhin wird auch nur dieser als „echter“ Widerstand anerkannt. Aber die Kampfgruppen hätten ohne die Arbeit ihrer Kurierinnen weder existieren noch handeln können. Ohne den Transport von Geld, Waffen, Papieren und Informationen ist ein bewaffneter Widerstand schlichtweg unmöglich. Dieser Transport lag hauptsächlich in den Händen der Frauen, die tagtäglich unter Lebensgefahr unterwegs waren und somit den Widerstand funktionsfähig machten. Dies gilt für den jüdischen Widerstand im gesamten deutsch-besetzten Europa und daher eben auch für den Widerstand im Warschauer Ghetto, der wegen seiner außergewöhnlich hohen Beteiligung der Frauen und durch den bewaffneten Aufstand ein historisches Fanal für den gesamten jüdischen Widerstand gewesen ist.

Aber wie kam es, daß die jüdischen Warschauerinnen in diesem Widerstand einen so herausragenden Platz einnahmen? Ein sicher wichtiger Punkt sind die sich ändernden politischen und historischen Bedingungen, in denen sie lebten. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte ein deutlicher Wandel im Selbstbild und im Verhalten jüdischer Frauen in Polen stattgefunden.

„Die Revolutionen von 1905 und 1917, die allgemeine Aufbruchsstimmung von der sie getragen wurden und die große Rolle, die Frauen darin spielten, trugen dazu ebenso bei wie die zunehmende Verstädterung der jüdischen Bevölkerung. Das Bild von der eine Perücke tragenden, frommen, Gott und Mann ergebenen Schtetljüdin war bereits in den zwanziger Jahren zu einem guten Teil anachronistisch. Vor allem die Arbeiterinnen in den großen Städten entwickelten ein ganz neues, häufig sozial und politisch orientiertes Selbstverständnis.“[1]

Bei den russischen Anarchisten und Sozialrevolutionären hatten Frauen bereits eine prominente Rolle gespielt, sie standen auch in den vorderen Reihen der sozialistischen Parteien, nicht wenige von ihnen waren Jüdinnen, wie zum Beispiel Rosa Luxemburg. All das hat natürlich auch einen Eindruck auf die jüdischen Frauen in Polen hinterlassen. Sie begannen, sich politisch zu engagieren und die Mütter zahlreicher späterer Ghettokämpferinnen waren bereits vor dem Krieg in den verschiedenen jüdischen politischen Parteien und Organisationen aktiv.

Bildung spielte in beinahe allen polnisch-jüdischen Familien eine große Rolle, und sie wurde auch den Mädchen zugestanden. Auch in Arbeiterfamilien wurden Bücher und Zeitungen gelesen und so wird trotz aller Klassenunterschiede deutlich, daß Literatur, Bildung und Kultur in allen Schichten einen wichtigen Platz einnahmen.[2]

Der Weg in den Widerstand führte für die meisten Frauen über die Mitgliedschaft in einer politischen Gruppe – und das eben oft schon früh in der Kindheit. In diesen Gruppen wuchsen sie gemeinsam mit den Jungen auf, sie spielten, lernten und arbeiteten gemeinsam und gingen später gemeinsam in den Untergrund. In den Jugend- organisationen der linken Parteien und in den linkszionistischen Jugendbewegungen galt die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, eine Tatsache, die die spätere auffällig starke Beteiligung der jüdische Mädchen und jungen Frauen am unbewaffneten und bewaffneten Widerstand im Warschauer Ghetto sehr befördert hat.

Bedauerlicherweise gibt es keine Untersuchungen zu dem hohen Grad der Politisierung der jungen jüdischen Frauen aus dieser Generation, so daß diese nur als Tatsache festgestellt werden kann. Diese starke Politisierung führte dazu, daß es in den jüdischen politischen Jugendgruppen, aus denen später der Widerstand erwachsen sollte, auffallend mehr weibliche Mitglieder gab als in anderen Widerstandsgruppen.

Die außergewöhnlich starke Beteiligung von Frauen an diesem bewaffneten Aufstand ist ihrer Zahl und ihrer Bedeutung nach ein außergewöhnliches Phänomen im jüdischen Widerstand und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus allgemein gewesen. Doch wenn auch hier fast ausschließlich von den kämpfenden Frauen die Rede sein wird, soll dennoch keineswegs der Eindruck entstehen, es habe sich hier um einen „Aufstand der Frauen“ gehandelt. Dies ist ebensowenig der Fall, wie die allgemeine Literatur zum Aufstand im Warschauer Ghetto die Rolle der Frauen angemessen würdigt. Lediglich anhand von Anekdoten und Randbemerkungen läßt sich aus dieser Literatur erkennen, wie groß der Anteil der Frauen am Aufstand im Warschauer Ghetto tatsächlich gewesen ist.

Auch die Memoirenliteratur von überlebenden Kämpferinnen selbst ist diesbezüglich häufig wenig aussagekräftig, da die Frauen selbst sich in diesem Punkt eher bescheiden und zurückhaltend äußern. Sie spielen ihre Rolle im Widerstand eher herunter und beschreiben mit Respekt und Bewunderung die Taten anderer. So erfährt man aus den Memoiren von Chaika Grossman zwar, daß sie als Kurierin tätig war und was sie als solche erlebte und tat, aber wir erfahren nichts darüber, daß sie der Führung des Untergrunds im Ghetto von Bialystok angehört hat.[3]

In den Memoiren männlicher Überlebender schwingt meist ein starker Pathos bezüglich des Aufstandes mit, ein Phänomen, das bei den weiblichen Überlebenden kaum zu finden ist. Frauen erklären zumeist, sie hätten lediglich getan, was getan werden mußte. Daß diese Arbeit riskant und gleichzeitig wichtig war, ist ihnen sehr wohl bewußt gewesen, aber im Gegensatz zu ihren männlichen Gefährten, in deren Erinnerungen der Pathos stets eine prägnante und unverzichtbare Rolle spielt, bewerten sie ihren Einsatz sehr sachlich und pragmatisch.

Es gibt keinerlei belastbaren Zahlen über die Beteiligung der jüdischen Frauen am Ghettowiderstand. In der Memoirenliteratur finden sich eher vage Informationen wie „wir waren viele“, aber angesichts der Bedingungen, unter denen der Widerstand geleistet werden mußte, ist das Fehlen von Statistiken sicher keine Überraschung. Grundsätzlich gibt es auch ein Quellenproblem bezüglich des jüdischen Widerstands. Es existieren kaum schriftliche Quellen wie Berichte, illegale Zeitungen, Flugblätter etc. Das ist sicher den Bedingungen der Konspirativität geschuldet. Voraussetzung für eine erfolgreiche konspirative Tätigkeit ist es, keine Spuren zu hinterlassen, und das heißt eben auch, möglichst kein schriftliches Material anzulegen oder zu sammeln.

Klassische Quellen wie Prozeßakten, die in der Widerstandsforschung gewöhnlich von großer Bedeutung sind, sind für den jüdischen Widerstand faktisch nicht verfügbar. Juden bekamen keine Prozesse, sie wurden sofort ermordet oder in die Todeslager geschickt.

Dies gilt ebenso für den gesamten jüdischen Widerstand wie die Tatsache, daß auch Briefe oder persönliche Dinge von Untergrundmitgliedern so gut wie gar nicht zur Verfügung stehen. Wie die meisten anderen Juden und Jüdinnen hatten auch die Ghettokämpfer und -kämpferinnen niemanden mehr, dem sie etwas hätten hinterlassen können. Wenn das ein Quellenproblem für den jüdischen Widerstand im allgemeinen ist, so ist es erst recht eines für die Beteiligung der Frauen an diesem Widerstand.

Was wir haben sind die Erinnerungen von Zeitzeugen und ehemaligen Kämpfern und Kämpferinnen, in denen die außergewöhnlich starke Präsenz von Frauen im Widerstand immer wieder mindestens am Rande erwähnt wird – übrigens auch in den Erinnerungen und Memoiren der männlichen Zeitzeugen oder Ghettokämpfer. In jeder Monographie und in jeder dieser hoch interessanten Autobiographien finden wir zumindest die Namen der bekanntesten Frauen, sofern sie eine wichtige Rolle spielten oder eine hohe Funktion hatten. Leider kann in Anbetracht der genannten Probleme auch diese Arbeit hier keine Ausnahme sein.

Was wir auch haben, sind die Notizen und Äußerungen des SS-Generalleutnants Jürgen Stroop, dem die kämpfenden Jüdinnen einen so ungeheuren Schrecken einjagten, daß er noch Jahre später davon aufregt – aber auch in gewissem Sinne respektvoll - erzählte, welche übermenschlichen Fähigkeiten diese Jüdinnen hatten und wie erstaunlich viele sie waren. Auch wenn die Form der Äußerungen sicher ausgesprochen zweifelhaft sind und für das nazistische Menschen- und Frauenbild Stroops sprechen, sind sie doch immerhin Hinweise auf die außergewöhnlich starke Beteiligung der Frauen beim Aufstand im Warschauer Ghetto.

Somit werden in der Literatur also immerhin die Fakten genannt und gewürdigt, eine genauere, d.h. geschlechtsspezifische Forschung gab es bislang nicht oder nur als Marginalie. Es steht zu befürchten, daß dies angesichts der geschilderten schwierigen Quellenlage und angesichts der Tatsache, daß auch die wenigen noch heute lebenden Zeitzeugen inzwischen auch ein hohes Alter erreicht haben und in absehbarer Zeit nicht mehr als Zeugen zur Verfügung stehen werden, so bleiben wird.

Mit dieser Arbeit will ich versuchen, zumindest einen Ausschnitt über den Widerstand der jüdischen Frauen im Warschauer Ghetto zu beschreiben. Das betrifft die Formen des Widerstandes (bewaffnet oder unbewaffnet) wie auch die Erfahrungen, die diese Frauen gemacht haben und die Gefühle, die sie dabei empfanden. Dabei soll es vor allem um den organisierten Widerstand gehen, der im Rahmen von Organisationen oder Parteien geleistet wurde. Individueller Widerstand (z. B. gegenseitige, nicht organisierte Hilfe unter Nachbarn etc.) soll hier außer Acht gelassen werden. Im Verlaufe der Arbeit will ich zeigen, daß der Widerstand der Frauen weitgefächert war und auch deutlich über das hinaus geht, was man Frauen bislang gemeinhin als widerständische Handlungen zugetraut und zugebilligt hat. Zahlreiche Frauen aus dem Untergrund haben sich in den sozialen und kulturellen Einrichtungen des Ghettos engagiert, um im Rahmen eines zivilen Widerstandes den Menschen im Ghetto in der schweren Situation zu helfen. Andere haben durch ihre Arbeit als Kurierinnen den bewaffneten Kampf überhaupt erst ermöglicht und viele haben später auch die Waffe selbst in die Hand genommen.

Eine Arbeit über den Widerstand im Warschauer Ghetto würde und müßte auch die Namen und Biographien der vielen bekannten männlichen Ghettokämpfer enthalten – als da mindestens die bekannten und charismatischen Anführer Mordechai Anielewicz, Jitzchak Zuckerman und Marek Edelman, zu nennen wären. In dieser Arbeit werden sie nur am Rande erwähnt werden. Dies soll aber selbstverständlich keine Aussage und Wertung hinsichtlich der Tätigkeit und historischen Einschätzung dieser Männer sein, sondern ist allein der Thematik dieser Arbeit geschuldet.

Ich bin mir natürlich bewußt, daß es ein vollständiges Bild über den Widerstand im Warschauer Ghetto nur dann geben kann, wenn alle Menschen und ihre Taten, Gedanken und Erfahrungen sowie ihr Leben und ihr Verhalten gemeinsam und zusammengefaßt betrachtet werden. Ein Teil dieses Widerstands wurde aber von mutigen jungen Frauen in den politischen Organisationen geleistet – und von denen soll hier nicht nur die Rede sein, sondern sie sollen auch selbst immer wieder zu Wort kommen.

2 . Das Warschauer Ghetto

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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1:Das Ghetto auf dem Stadtplan von Warschau

(Quellenangaben für die Bilder im Bildernachweis)

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2: Plan des Warschauer Ghettos

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Die Punkte innerhalb der Ghettogrenzen bezeichnen die Orte der bewaffneten Auseinandersetzungen während des Aufstandes.

Juden und Polen blicken auf eine lange Geschichte des nachbarschaftlichen Zusammenlebens zurück – eine gemeinsame Geschichte, die auch immer wieder zu Konflikten, Auseinandersetzungen und Pogromen geführt hat. Schon seit dem 15. Jahrhundert siedelten Juden in Polen. Die polnische Hauptstadt Warschau entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem der wichtigsten kulturellen und politischen Zentren der Juden in Osteuropa und der ganzen Welt. Die jüdische Gemeinde in Warschau war die größte in Europa und nach New York die zweitgrößte der Welt.

Als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 in Polen einfiel, lebten in Warschau 378.000 Juden und Jüdinnen. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von ungefähr 29%.[4] Über 50% der jüdischen Bevölkerung sind im Handel beschäftigt, etwa 30% im Handwerk und in der Industrie.[5] Der Antisemitismus in der polnischen Gesellschaft hatte zur Folge, daß Jüdinnen und Juden nicht in der Verwaltung arbeiten konnten und ihnen zahlreiche Branchen der Industrie verwehrt blieben sowie der Zugang zu Universitäten erschwert wurde – daß sich also die jüdische Bevölkerung zahlreichen Einschränkungen (nicht nur) in ihrer beruflichen Entwicklung gegenübersah.

Wenige Wochen nach dem deutschen Überfall kapituliert Polen am 28. September 1939.

So geraten auch die Warschauer Juden und Jüdinnen unter deutsche Herrschaft.

"Nach der Eroberung Warschaus im Jahre 1939 finden die deutschen Besatzer die jüdische Gemeinschaft in einem Zustand des absoluten Chaos und der Auflösung vor. Fast die gesamte führende Schicht der Gesellschaft hatte Warschau schon am 7. September verlassen. Politische Führer, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Intelligenzija überließen die Hauptstadt ihrem eigenen Schicksal."[6]

Zurück in Warschau blieben ein kleiner Teil der Oberschicht, Teile des Kleinbürgertums und die Arbeiterklasse. Daraus resultierte vor allem, daß der spätere Aufstand im Ghetto vor allem ein Aufstand des Proletariats und seiner Organisationen gewesen ist.

Anders als in anderen besetzten Gebieten Europas haben die deutschen Truppen in Polen sofort ein Terrorregime installiert. Achtete man beispielsweise in Frankreich oder Belgien noch auf die Befindlichkeiten der Zivilbevölkerung, so ging man in Polen umgehend mit brutaler Härte gegen die polnische und noch mehr gegen die jüdische Bevölkerung vor.[7] Zunächst schränkten die Deutschen per Verordnung die Bewegungsfreiheit der jüdischen Bevölkerung ein. Dann wurden jüdische Vermögenswerte über 2.000 Zloty beschlagnahmt, keinem Juden wurde erlaubt, mehr als 500 Zloty pro Monat zu verdienen, und keinem Juden war das Backen von Brot gestattet. Am 2. Oktober 1940 erfolgte schließlich der Befehl zur Einrichtung eines Ghettos, in dem die jüdische Bevölkerung hermetisch abgeriegelt leben mußte.[8] Über 350.000 Menschen wurden hinter einer 18 km langen und 3 m hohen Mauer – die zudem mit Glasscherben und Stacheldraht abgesichert war – eingepfercht. Auf das Verlassen des Ghettos stand die Todesstrafe, die auch demonstrativ und gnadenlos vollstreckt wurde.[9] Dadurch waren die Juden und Jüdinnen im Ghetto vollständig isoliert – nicht nur vom „arischen“ Teil der Stadt, sondern auch von der jüdischen Bevölkerung in den anderen Städten.

Von Anfang an war das Ghetto hoffnungslos überfüllt. In den Folgemonaten wurden weitere Jüdinnen und Juden aus kleineren Städten und aus den Dörfern in das Warschauer Ghetto umgesiedelt, hinzu kamen unzählige Flüchtlinge aus der Warschauer Umgebung, so daß die Bevölkerungszahl im April 1941 einen Höhepunkt von etwa 450.000 bis 500.000 Menschen erreichte.[10] Bis zu 9 Menschen mußten sich ein Zimmer teilen, viele Menschen mußten einfach auf der Straße leben. Lediglich 27.000 Menschen waren erwerbstätig und konnten auf zwei Schüsseln Suppe am Tag rechnen.[11] Alle anderen mußten versuchen, sich mit Schmuggel, illegalem Kleinhandel und Gelegenheitsarbeit zu ernähren. Der Rest verhungert.[12]

Die Lebensbedingungen waren katastrophal und verschlimmerten sich täglich. Neben dem Hunger litten die Menschen unter Krankheiten und Seuchen, die medizinische Versorgung konnte infolge des Mangels an Medikamenten und medizinischem Gerät nur minimal sein. Jeden Morgen zogen kleine Trupps mit Karren durch die Straßen, um die Leichen einzusammeln.

Allein bis zum Juni 1942 – also noch vor Beginn der Deportationen – waren 100.000 Menschen im Ghetto an den Folgen der elenden Lebensbedingungen gestorben.

3. Frauen im Widerstand im Warschauer Ghetto

Wenn wir über Widerstand sprechen, haben wir ganz bestimmte Vorstellungen davon, was Widerstand bedeutet. Oft genug wurde und wird unter Widerstand lediglich die militärische, das heißt bewaffnete, Auseinandersetzung mit dem Gegner verstanden, doch auch alle zivilen, das heißt unbewaffneten, Formen des Sich-zur-Wehr-Setzens und des Protestes sind aufbegehrende Handlungen und somit auch eindeutig dem Widerstand zuzurechnen.

Widerstand wird häufig nur im militärischen, bewaffneten Sinne wahrgenommen. Dies ist zwar die deutlichste und extremste Erscheinungsform des Widerstandes, allerdings keinesfalls die einzige. Auch im zivilen Leben haben beispielsweise die Juden im Warschauer Ghetto Widerstand geleistet, darunter waren sehr viele Frauen.

Das rein militärische Verständnis von Widerstand hat es immer wieder schwer gemacht, die Rolle der Frauen in den Widerstandsbewegungen adäquat einzuschätzen. Heute gilt es als gesichert, daß es eine jüdische Widerstandsbewegung in Polen und einen Aufstand im Warschauer Ghetto beispielsweise ohne die gefährliche Arbeit der Untergrundkuriere – eine Tätigkeit, die nicht direkt dem bewaffneten Kampf zugeordnet wurde und in aller Regel von Frauen ausgeübt wurde – nicht gegeben hätte.

Bezüglich der Zielstellungen einer Widerstandsbewegung gehen wir im allgemeinen davon aus, daß sie für die Verbesserung von Lebensbedingungen, für die Befreiung eines Volkes oder andere konkrete und zukunftsweisende Ziele kämpft. Dabei wird sie versuchen, Verbündete außerhalb ihres Kampfgebietes zu finden und von der eigenen Bevölkerung materielle und ideelle Unterstützung zu bekommen.

Für den jüdischen Widerstand in den Jahren des deutschen Nationalsozialismus konnte all das nicht gelten. Die jüdischen Widerstandsgruppen kämpften unter deutscher Besatzung nicht um bessere Lebensbedingungen oder gar um ihre Befreiung. Der Kampf war angesichts des die Vernichtung aller Juden planenden Gegners ein Kampf um einen würdigen Tod. Die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen hatten fast alle bereits ihre Familien und Freunde verloren. Daher wollten sie - angetrieben von Verzweiflung, Wut und Trauer – auch Rache: Rache für das, was die Deutschen ihnen und ihren Familien wie auch dem gesamten jüdischen Volke angetan hatten. Viele lebten in dem Gedanken an den sicheren Tod, aber sie wollten gleichzeitig so viel Deutsche wie möglich mit in den Tod reißen.

Die jüdischen Widerstandskämpfer und -kämpferinnen sahen sich zahlreichen Hindernissen gegenüber, die sie zu bewältigen hatten und die so grundsätzlich nicht für andere Widerstandsbewegungen vor, während und nach dem Nationalsozialismus gelten müssen.

1. Die militärische Übermacht der Deutschen

Die Deutschen waren in allen Belangen der jüdischen Widerstandsbewegung haushoch überlegen – sie hatten eine gut ausgebildete Armee, sie hatten eine taktisch geschulte und erfahrene Führung, sie hatten ausreichend Waffen aller Gattungen, einschließlich einer Luftwaffe. Dagegen konnte die Untergrundbewegung im Warschauer Ghetto nur den Kampfeswillen einer Handvoll junger Leute mit ein paar Pistolen, Gewehre und Molotowcocktails setzen.

2. Das deutsche Prinzip der „kollektiven Verantwortung“

Das stärkste Argument des Judenrats[13] gegen einen bewaffneten Kampf war das der Kollektivstrafe. Für die Taten einzelner Personen ließen die Deutschen immer wieder mehr oder weniger große Gruppen der jüdischen Bevölkerung hart bestrafen und gar töten, um so einen Widerstandsgeist gar nicht erst aufkommen zu lassen.

3. Isolierung der Juden

Die Juden im Ghetto waren völlig isoliert, sie verloren ihre Kontakte und Beziehungen zur polnischen Bevölkerung und zu den Juden in anderen Orten. Hinzu kam, daß Antisemitismus eine weit verbreitete Erscheinung in Polen war und somit die Polen den Juden auch gar nicht zu helfen gedachten.

„Die große Masse der Polen, aus Tradition antisemitisch, blieb jedoch indifferent und beobachtete die Vernichtung der Juden mehr mit Neugier als Mitgefühl.“[14]

Polnische Hilfe für den jüdischen Widerstand war immer das Anliegen einzelner Akteure oder kleinerer Teile polnischer politischer Gruppierungen. Zudem waren auch die Lebensbedingungen für die polnische Bevölkerung unter deutscher Besatzung nicht einfach, auch sie litten unter Essensrationierung, Zwangsarbeit, Terrorakten und Strafen, daher war es auch für Polen, die helfen wollten, schwer, diese Unterstützung leisten zu können.

Die jüdischen Widerstandskämpfer und -kämpferinnen kämpften also isoliert und ohne Verbündete. Es gibt genügend Beispiele, in denen Juden auch nicht in Partisanengruppen aufgenommen wurden, Antisemitismus war nicht selten der Grund. Die einzig wirklich Verbündeten waren die in anderen Ghettos ebenfalls eingesperrten Kampfgefährten und gefährtinnen.

4. Mangel an Waffen

Die Juden erhielten materiell, etwa bei der Beschaffung von Waffen, nur marginal Unterstützung von anderen kämpfenden Gruppen in Polen (vor allem von Teilen der Kommunistischen Partei). Es gab zudem mutige Einzelpersonen, die bei der Besorgung von Waffen, Munition und Sprengstoff halfen. Trotzdem war die Untergrundbewegung im Warschauer Ghetto zu keinem Zeitpunkt ausreichend mit Waffen versorgt. Der Waffenmangel war das schwerwiegendste Problem – auch aus der Sicht zahlreicher ehemaliger Ghettokämpfer und -kämpferinnen.

5. Die Täuschungsmanöver der Deutschen

Die Geschwindigkeit, Geheimhaltung und Täuschungsmanöver bei den Deportationen sollten den Widerstand behindern. Zudem konnten die Leute die ungeheuerliche Wahrheit über die Deportationen gar nicht glauben – schließlich gab es ja noch keinen historischen „Präzedenzfall“ für die planmäßige Ausrottung eines Volkes durch eine Regierung. Daher glaubten die Menschen im Ghetto die Geschichte von der „Aussiedlung“ in Arbeitslager oder in andere Orte im Osten und verwarfen die Möglichkeit, daß die jungen Leute aus dem Widerstand, Recht haben könnten mit ihren Behauptungen über das eigentliche Ziel der Deportationen.

Angesichts des auf die Vernichtung aller Juden abzielenden Vorgehens der Deutschen war der Spielraum für jegliche Form von Widerstand im Ghetto äußerst begrenzt. In der Enge der Ghettos wehrten sich Juden und Jüdinnen, wann und wo es möglich war. In der heterogenen Zwangsgemeinschaft des Ghettos entstanden unterschiedlichste Formen von Widerstand. In den ersten Monaten war der Widerstand in erster Linie zivil, das heißt unbewaffnet.

[...]


[1] Strobl, Ingrid: Jüdische Frauen im Widerstand im besetzten Europa. – in: Erler, Hans; Paucker, Arnold und Ehrlich, Ernst-Ludwig (Hg.): Gegen alle Vergeblichkeit. Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 2003. Seite 267.

[2] Siehe Ebenda. Seite 275.

[3] Chaika Grossman gehörte zwar hauptsächlich dem Widerstand im Ghetto von Białystok an, aber als Kurierin ist sie auch oft in Warschau gewesen. Zudem ist ihre Autobiographie ein hervorragender, lesenswerter und exemplarischer Bericht über die Tätigkeit einer Ghettokurierin im besetzen Polen und dabei scheint es mir eher nebensächlich, daß er sich nicht direkt bzw. ausschließlich auf Warschau bezieht. Siehe Grossman, Chaika: Die Untergrundarmee. Der jüdische Widerstand in Bialystok. Ein autobiographischer Bericht. Deutsche Erstausgabe. Frankfurt am Main 1993. (Die Frau in der Gesellschaft).

[4] Siehe Yad Vashem: Jewish Life in Warsaw Before the Holocaust. Online: http://www1.yadvashem.org/education/ ceremonies/march/warsaw.htm. Zuletzt besucht am 15.03.2007.

[5] Siehe Levin, Soraya: Das Warschauer Ghetto. Online: http://www.shoa.de/index.2.php? option=com_content& task=view&id=572&pop=1&page=0&Item

[6] Edelman, Marek: Das Ghetto kämpft. Berlin 1993. S.27

[7] Siehe Strobl, Ingrid: Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939-1945. 1. Ausgabe. Frankfurt am Main 1998. (Die Frau in der Gesellschaft). Seite 232.

[8] Insgesamt errichteten die Nazis mehr als 400 Ghettos in den besetzten östlichen Gebieten. Diese Ghettos unterschieden sich hinsichtlich ihrer Größe – von einigen hundert Juden bis hin zum Warschauer Ghetto, in dem bis zu einer halben Million Menschen leben. Siehe United States Holocaust Memory Museum: Resistance in the Ghettos. Online unter: http://www.ushmm.org/education/foreducators/ resource/resistance.pdf. Zuletzt abgerufen am 15.03.2007. Seite 9.

[9] Nur die Arbeitskommandos, die außerhalb des Ghettos beschäftigt waren, durften morgens und abends unter strenger Bewachung die Tore des Ghettos passieren.

[10] Die Zahlen variieren hier in der entsprechenden Literatur. Reuben Ainsztein nennt sogar eine Zahl von 550.000 Menschen. Siehe Ainsztein, Reuben: Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges. Oldenburg 1993. Seite 279.

[11] Siehe Ebenda.

[12] Siehe Strobl, Ingrid: Die Angst kam erst danach. Seite 268.

[13] Der Judenrat war eine von den deutschen Besatzern eingesetzte Selbstverwaltung der Juden. Der Judenrat hatte die Anordnungen der Deutschen umzusetzen. In diesem Judenrat waren bekannte Warschauer Juden tätig, daher genoß er auch lange Zeit das Vertrauen der Bevölkerung. Diese Autorität verlor er vor allem bei den jungen Leuten aus der Untergrundbewegung, als er sich weigerte, bewaffnete Aktionen zu unterstützen.

[14] Kurzman, Dan: Der Aufstand. Die letzten Tage des Warschauer Ghettos. München 1979. Seite 11.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
„Schau, Hans, da schießt eine Frau!“ Jüdische Frauen im Widerstand des Warschauer Ghettos
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Osteuropa-Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Das Warschauer Ghetto
Note
2,2
Autor
Jahr
2006
Seiten
44
Katalognummer
V282273
ISBN (eBook)
9783656823735
ISBN (Buch)
9783668203709
Dateigröße
1090 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schau, hans, frau, jüdische, frauen, widerstand, warschauer, ghettos
Arbeit zitieren
Regina Pahling (Autor), 2006, „Schau, Hans, da schießt eine Frau!“ Jüdische Frauen im Widerstand des Warschauer Ghettos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282273

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