Wie weit dürfen Karikaturen gehen? Der Kampf zwischen Meinungsfreiheit und religiöser Empfindung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Hintergründe zum Karikaturenstreit
2.1. Die Zweitveröffentlichungen
2.2. Die Karikaturen – Blasphemie oder Satire

3. Die Schranken der Meinungsfreiheit
3.1. Der rechtliche Rahmen in Deutschland
3.2. Die Entscheidung des Deutscher Presserat
3.3. Die Stellungnahme des Schweizer Presserats

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ayaan Hirsi Ali sprach sich in einer Rede am 9. Februar 2006 in Berlin für das Recht zu beleidigen aus: „Es ist meine Überzeugung, dass die fragile Unternehmung, die wir Demokratie nennen, ohne freie Reden, besonders in den Medien, nicht existieren kann. Journalisten dürfen die Verpflichtung zur Redefreiheit nicht vergessen, weil Menschen in anderen Hemisphären diese Freiheit verweigert bleibt.“ (Hirsi Ali: 2007:23). Die Islam Kritikerin bezog sich dabei auf die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten, sowie auf die weltweiten sekundären Veröffentlichungen. Sie vertritt dabei die Auffassung, dass Journalisten ihrer Verpflichtung zur Herstellung von Öffentlichkeit nachkommen müssen, gerade weil diese Freiheit nicht in jedem Land gewährt sei. Hirsi Ali erkennt daher das Recht auf freie Meinungsäußerung als einen wesentlichen Bestandteil liberaler Ideen, dementsprechend sei eine Einschränkung dieses Rechtes eine Gefahr für die Demokratie (Hirsi Ali:2007).

Gegner der Publikationen verweisen darauf, dass die Veröffentlichungen der Karikaturen eine bewusste Provokation waren (Wunden:2007:117), in der nicht nur keine Rücksicht auf das islamische Bildverbot des Propheten genommen wurde, sondern, und wesentlich gravierender, die Zeichnungen anti-islamisch stereotypisierend und beleidigend seien (Debatin: 2007:13), und dadurch zu einem negative belastetem Islambild in den Medien geführt hätten1 (Jäger:2010/Wahl:2011:31).

Während es verschiedene Annahmen darüber gibt, warum die Karikaturen veröffentlicht wurden: Provokation (Wunden, 2007:117), fremden Feindlichkeit (Jäger:2010:321), Erweiterung der Meinungsfreiheit (Rose:2006) oder die Eröffnung einer Debatte über die angeblichen Sonderschutz Statuen religiöser Gefühle von Muslimen (Debatin: 2007: 215), ist der Konflikt um das Spannungsverhältnis Meinungsfreiheit und dem Schutz von religiösen Empfindungen bis heute nicht aufgelöst (Ata:2011:273f.). Es gibt bis heute keinen einheitlichen Konsens darüber, was Karikaturen erlaubt ist, wie weit religiöse Gefühle beleidigt werden dürfen und wo die Grenzen der Pressefreiheit liegen. Oder, und das soll die leitende These hier sein, ob sich Pressefreiheit und Meinungsfreiheit überhaupt gegenseitig eingrenzen?

Im Folgenden Kapitel sollen zunächst die Hintergründe des Karikaturenstreits, sowie der Primär- und Sekundärveröffentlichungen herausgearbeitet und erklärt werden. In Kapitel 2.3 werden die zwölf abgedruckten Karikaturen beschrieben und mögliche Interpretationen aufgezeigt, hier soll festgestellt werden, ob sich erste Indizien finden lassen, die die Zeichnungen als Blasphemie oder Satire kategorisieren würden. Im anschließenden Kapitel sollen die Grenzen der Meinungsfreiheit zunächst aus der wissenschaftlichen Perspektive erörtert werden, bevor die rechtlichen Schranken, hier explizit bezogen auf Deutschlands, aufgezeigt werden. Da der journalistische Beruf neben rechtlichen auch an ethische Vorgaben gebunden ist wird sich Kapitel 3.1 mit der Entscheidung des Deutschen Presserates, sowie Kapitel 3.2 mit der Stellungnahme des Schweizer Presserats beschäftigen. Im letzten Teil der Arbeit sollen die bisherigen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst werden und ein Fazit darüber gefunden werden ob eine Rücksichtnahme auf religiöse Empfindungen gleichzeitig immer eine Einschränkung der Meinungsfreiheit bedeutet.

2. Die Hintergründe zum Karikaturenstreit

Im September 2005 lud der Feuilletonchef der dänischen Zeitung Jyllands Poste, Flemming Rose, Karikaturisten ein, Zeichnungen zum Thema Mohammed anzufertigen. Diese Idee entstand als Karre Bluitken, der Verfasser eines Kinderbuches über das Leben Mohammeds, niemanden finden konnte, der sich bereit erklären wollte die Illustration des Buches zu übernehmen (Meier:2007:29). Rose machte es sich zur Aufgabe auf diese Thematik, die er als überhöhte Selbstzensur im Bezug auf den Islam bezeichnet, durch die Veröffentlichung von Karikaturen aufmerksam zu machen. Die anschließenden zwölf veröffentlichten Abbildung Mohammeds führten zu einem weltweiten Diskurs entlang der Konfliktlinien Meinungsfreiheit und dem Schutz von religiösen Empfindungen, und darüber hinaus auch zu zahlreichen gewalttätigen Übergriffen und einigen Todesfällen (Meier:2007:29). In seiner Rechtfertigung behauptet Rose: „Blasphemie kommt auf unseren Seiten selten vor. Wir befürworten die Meinungsfreiheit nicht um jeden Preis [...] Ich habe diese Karikaturen als Reaktion auf mehrere Zensurfälle in Europa gebracht. Sie sind die Folge einer größer werdenden Angst und eines Gefühls von Eingeschüchtertsein, wenn Themen aufgebracht werden, die mit dem Islam in Zusammenhang stehen [...] Es handelte sich nicht um eine bloße Provokation [...] Wir wollten schlicht die Grenzen der Meinungsfreiheit erweitern“ (Rose:2006). Dennoch veröffentlichte der Jyllands Posten Anfang 2006 eine Entschuldigung auf ihrer Homepage, in der bedauert wurde, dass die Gefühle von Muslimen verletzt wurden, nicht aber der Abdruck der Mohammed-Karikaturen, die diese Verletzung herbei geführt haben (Ata:2011:94).

2.1. Die Zweitveröffentlichungen

Mit der Entschuldigung des Jylland Posten und der Häufung von gewalttätigen Übergriffen, begannen mehrere Länder über den Konflikt zu berichten. Am 1. Februar Veröffentlichten Zeitungen aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien einige der Karikaturen. Die Welt veröffentlichte als erste Zeitung alle 12 der Karikaturen. Die Berliner Zeitung, die FAZ, der Focus, Der Spiegel, der Tagesspiegel, und die taz entschieden sich nur einige der Zeichnungen abzudrucken, während die Bild einen Abdruck generell ablehnte (Ata:2011:95).

Die Zweitveröffentlichungen wurden mit dem Argument begründet, die Öffentlichkeit müsse dazu befähigt werden sich eine fundierte Meinung über die Veröffentlichung der Karikaturen durch den Jyllands Posten zu bilden, eine Voraussetzung dafür sei die Kenntnis der Zeichnungen (Pötter:2007:79). Amanda Bennett von der amerikanischen Zeitung Philadelphia Inquired begründete die Entscheidung die Karikaturen in den Druck zu geben: „This is the kind of work that newspapers are in business to do. We´re running this in order to give people the perspective of what the controversy´s about, not to titillate, and we have done this a whole wide range of images throughout history“ (Zitiert nach Wyatt:2007:37) Journalisten hätten daher die Verpflichtung zur Veröffentlichung gehabt (Wyatt:2007:37). Allerdings haben einige Zeitungen auch einen Weg gefunden die Öffentlichkeit über die Gründe des Konflikts zu informieren, indem sie es vorgezogen die Karikaturen nur zu beschreiben, um somit nicht die religiösen Gefühle der Muslime zu verletzen. Hier zeigt die Konfliktsituation des Journalismus, der neben rechtlichen Eingrenzungen auch an ethische Richtlinien gebunden ist.

Der Berufsethos der Journalisten setzt sich, neben der „Achtung der Wahrheit“ aus zwei weiteren voneinander unabhängigen Komponenten zusammen: Der Professionalität, daher die „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“, und der Moral daher der „Wahrung der Menschenwürde“ (Deutsche Pressekodex Ziffer 1). Unabhängig sind diese Komponenten insofern, als dass sie mit einander übereinstimmen oder sich widersprechen können. Durch das Aufdecken von Unterdrückung und Ungerechtigkeit kann das Herstellen von Öffentlichkeit die Menschenwürde herbeiführen und beschützen, auf der anderen Seite kann diese auch durch das Eindringen in die Privatsphäre bedroht werden (Pötter: 2007:73f.). Stimmen die Komponenten der Professionalität und der Moral überein können Berufsethische Entscheidungen leicht getroffen werden. Widersprechen sich diese jedoch, müssen Begründungen gefunden werden, die erklären, warum entweder die Herstellung der Öffentlichkeit oder die Wahrung der Menschenwürde begrenzt wurden.

Aus der Medienethischen Perspektive betrachtet wäre die Verpflichtung zur Veröffentlichung dann hinfällig, wenn die Zweitveröffentlichungen, die die religiösen Empfindungen einer Minderheit verletzten, damit gerechtfertigt würden, dass sich die Öffentlichkeit selbst ein Bild von dem verletzenden Charakter der publizierten Karikaturen machen kann (Pötter:2007:37ff.). Aus der rechtlichen Perspektive aber gelten Gefühle als subjektive und seien daher kein ausreichendes Argument für die Einschränkung der Pressefreiheit (Rath:2007:201f.).

2.2. Die Karikaturen – Blasphemie oder Satire

Nach dem islamischen Glauben ist die Abbildung von Allah und dem Propheten Mohammed nicht erlaubt, menschliche Darstellungsfähigkeiten wären nicht ausreichend um die Mächtigkeit des göttlichen einzufangen, was die Entstehung von Anbetungskulten, die sich vom Koran entfernen, zur Folge haben könnte (Ibric:2006:37f.). Der Verstoß gegen das islamische Bildverbot war jedoch nicht der Kern der Kontroverse. Vielmehr ging es um die Art und Weise, in welcher Mohammed dargestellt wurde. Diese wurde von vielen Muslime als beleidigend für den Propheten und als Gleichsetzung ihrer Religion mit dem Terrorismus empfunden. Auch im wissenschaftlichen Diskurs gehen die Meinungen auseinander, ob und welche Karikaturen als Blasphemie oder Satire einzuordnen sind.

[...]


1 Siegfried Jäger geht hier noch einen Schritt weiter und behauptet, der Diskurs um die Veröffentlichung der Karikaturen habe zu einem rassistisch aufgeladenen Einwanderungsdialog geführt (Jäger:2010:333ff).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wie weit dürfen Karikaturen gehen? Der Kampf zwischen Meinungsfreiheit und religiöser Empfindung
Hochschule
Universität Bremen  (Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Politik und Islam
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V282324
ISBN (eBook)
9783656770138
ISBN (Buch)
9783656770121
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
karikaturen, kampf, meinungsfreiheit, empfindung, Thema Meinungsfreiheit
Arbeit zitieren
Rosa Grieser (Autor), 2013, Wie weit dürfen Karikaturen gehen? Der Kampf zwischen Meinungsfreiheit und religiöser Empfindung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282324

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