Die präferierten Opfer des NKWD. Die wolgadeutsche Bevölkerung im Großen Terror 1936-1938


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

30 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand

2. Einordnung in den historischen Kontext
2.1 Der Große Terror
2.2 Die Entstehung der Autonomen sozialistischen Sowjetrepublik der Wolga-deutschen
2.3 Die ASSR der Wolgadeutschen im Stalinismus

3 Der Große Terror und die Wirtschaftskrise 1936-1940

4 Der Terror gegen Volksdeutsche in der Wolgarepublik 1936-1938
4.1 Der Beginn des Große Terrors und die Säuberungen in der ASSR der Wolgadeutschen
4.2 Die Durchführung der Massenoperationen in der ASSR der Wolgadeutschen
4.3 Zwischenfazit

5 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

6. Quellen und Literaturverzeichnis

Quellen

Fachliteratur

1. Einleitung

„Zum beliebtesten Opfer der NKWD-Organe“ kürte der Historiker Alexander Vatlin 1998 die deutschstämmigen Bewohner der stalinistischen Sowjetunion ab Mitte der 30er Jahre. Gleichzeitig beschreibt er damit eine der forderndsten und zermürbendsten Phasen für Deutsche und für ethnische Minderheiten allgemein im Vielvölkerreich der Union der Sozialistischen Sowjet-republiken: den Großen Terror.1 Dieser etwa zwei Jahre dauernden, wohl größten Zäsur (1936-1938) in der Geschichte deutscher Kolonisten auf russischem Grund soll sich auch die folgende Arbeit widmen. Zu klären ist dabei, wie die Deutschstämmigen zu einem Hauptziel der Massenoperationen werden konnten und die konkreten Maßnahmen während des Großen Terrors ausgesehen haben. Außerdem soll eruiert werden, ob sich die Repressionen von denen gegen andere Minderheiten unterschieden. Dazu sollen stellvertretend für alle Deutschen Bürger der Sowjetunion die Wolgadeutschen stehen, da sie die größte kohärente Population an Deutsch-stämmigen zu dieser Zeit im sowjetischen Imperium ausgemacht haben. Zunächst aber soll untersucht werden, welches ökonomische und gesellschaftliche Gewicht die Wolgadeutschen vor den Massenoperationen in der Sowjetunion inne hatten, um so die Vorbedingungen für den Terror gegen diese verhältnismäßig kleine Volksgruppe zu ermitteln. Außerdem soll in dieser Abhandlung untersucht werden, welche konkreten wirtschaftlichen und kulturellen Folgen der Große Terror auf die deutsche Bevölkerung hatte. Im Umkehrschluss sollen dann auch die ökonomischen Konsequenzen für die Sowjetmacht im Hinblick auf die Repressalien gegen die Deutschen im dräuenden Konflikt zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion betrachtet werden. Des Weiteren sollen die Ergebnisse mit parallel laufenden Entwicklungen von anderen Minderheiten und Sowjetrepubliken verglichen werden, um so eventuell für mehrere Ethnien des sowjetischen Vielvölkerstaates gültige Aussagen zum Großen Terror zu erhalten.

Da die Quellen- und Fachbuchdichte für die Wolgarepublik während des Großen Terrors nur begrenzt ist, soll hierbei gerade in Bezug auf die Durchführung der Massenoperationen versucht werden, aufgrund der relativ ähnlichen Chronologie der Ereignisse und Umstände, Untersuchungen zu peripheren Sowjetrepubliken wie der ASSR Aserbaidschan während des Großen Terrors mit einzubeziehen und deren Ergebnisse gegebenenfalls auf die Wolgarepublik zu übertragen.

Die Arbeit ist des Weiteren in fünf größere Abschnitte unterteilt, wobei der erste mit einer Zusammenfassung des Forschungsstandes inklusive der Nennung von Problemen und Schwierigkeiten beginnt. Im Anschluss sollen sowohl der Große Terror, als auch die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen in den historischen Kontext eingeordnet werden und die wirtschaftliche Entwicklung der Wolgarepublik skizziert werden. Daran anknüpfend soll sich das dritte Kapitel mit dem Großen Terror und dessen Durchführung an der Wolga selbst beschäftigen und die wesentlichen Kernpunkte übersichtlich zusammen tragen. Der vierte Abschnitt behandelt dann die zusammengetragenen ökonomischen Konsequenzen, um diese dann im fünften Teil in die Schlussfolgerungen und Ausblicke einfließen zu lassen.

Die vorliegende Arbeit wird sich darüber hinaus im weiteren Verlauf auf die gängigste westliche Transkription der russischen Eigennamen beschränken, um eine gewisse Konstanz in der Schreibweise zu gewährleisten.

1.1 Forschungsstand

Der Große Terror, ein von Robert Conquest geprägter und mittlerweile gängigster Begriff für den stalinistischen Massenterror Mitte der 30er Jahre, beschäftigt die Historiker vor allem der westlichen Hemisphäre spätestens seit Ende der 50er Jahre.2 Während sie jedoch zunächst meist nur auf Vermutungen angewiesen waren, da die Massenoperationen in der Sowjetunion unter Verschluss standen, konnte die Forschung in Zeiten von Glasnost durch zahlreiche Archivöffnungen und die Freigabe von Dokumenten nach dem Zusammenbruch der UdSSR weiter vertieft werden und vor allem um wichtige Fakten und Zahlen bereichert und bestehende Paradigmen konnten aufgebrochen werden. In Bezug auf den Terror gegen deutsche Emigranten war auch die Öffnung der DDR-Archive wertvoll. Besonders bei der Aufarbeitung und Erschließung hervorgetan haben sich dabei die Menschenrechtsorganisation Memorial, sowie verschiedene Historiker wie Oleg Khlevniuk .

Zahlreiche Debatten tangieren den Großen Terror und sie reichen von der Suche nach Gründen bzw. Rechtfertigungsversuchen für den Massenterror bis zu dem Punkt, ob der Große Terror die stalinistische „Endlösung“ gewesen sei oder überhaupt als Genozid gewertet werden könne.3 Vor allem aber stehen Opferzahlen der Massenoperationen im Fokus der Forschungs-diskussionen. Die besondere Schwierigkeit dabei beginnt schon bei der Definition des Opferbegriffs, da dieser je nach Autor oder Dokument sehr stark variieren kann. Auch sind die internen Statistiken des NKWD mit einiger Skepsis zu behandeln und weichen grundsätzlich von den Schätzungen der Historiker ab. Robert Conquest beispielsweise spricht anfangs von acht Millionen Opfern der stalinistischen Massenoperationen, revidiert sie aber immer wieder nach oben. Allgemein werden die Zahlen des durchaus kritisch rezipierten Conquest aber als zu hoch angesehen. Hildermeier fasste die gängigsten Angaben zusammen und kam dabei auf 3,5 - 19,8 Millionen Festnahmen und 0,5 bzw. 0,6 bis 7 Millionen Exekutionen zwischen 1935 und 1940.4 Allein diese große Reichweite der Zahlen macht die Schwierigkeiten deutlich. Aktuell geht man jedoch von einer Opferzahl von etwa 1,5 Millionen aus, wobei etwa 0,7 Millionen allein durch Exekutionen umgekommen sein sollen.5

Einer der aktuellsten Gegenstände der Forschung aber ist die Frage danach, wer sich für die Massenoperationen und dessen Opfer verantwortlich zeichnet. Das Zentrum oder die Peripherie. Auch der tatsächliche Anteil Stalins an der Durchführung des Terrors und dessen Motivation ist noch nicht zur Gänze geklärt. Ebenso, inwieweit und ob der Große Terror vorbereitet und geplant worden war. Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit diesem Thema seien vor allem die Historiker Baberowski, Bonwetsch, Junge und Binner genannt, die sich in jüngster Zeit verstärkt mit dem Großen Terror an der Peripherie auseinander gesetzt haben und auch zu der Tendenz, den stalinistischen Terror immer ethnologisierter zu sehen. Einige Teilaspekte dieser Fragestellung werden jedoch noch eine Weile nicht restlos zu klären sein, da eine Vielzahl an Dokumenten diesbezüglich noch in den Archiven des KGB unter Verschluss liegen.6 Die Literatur zu den Wolgadeutschen wird hauptsächlich durch Publikationen zur Zarenzeit bestimmt und dünnt sich sukzessive in den stalinistischen Jahren bis zur Deportation 1941 weiter aus, was durch den frappierenden Quellenmangel zu erklären ist.7

2. Einordnung in den historischen Kontext

2.1 Der Große Terror

Der Große Terror, der nach dem erfolgreichen Attentat auf Sergei Mironowitsch Kirow, einen bedeutenden Parteifunktionär in Leningrad, begann, zeichnete sich allmählich Ende des Jahres 1934 ab. Das Attentat als die Spitze einer weitläufigen antisowjetischen und konterrevolutionären Verschwörung auslegend, war die Erschießung Kirows am 1. Dezember Anlass genug für weitere Säuberungen innerhalb des Parteikaders. Die Verschwörungstheorien richteten sich aber auch nach außen. 103 sich illegal in der Sowjetunion befindende Personen aus Polen, Litauen, Finnland und Rumänien wurden sogleich in den ersten Dezembertagen 1934 verhaftet und ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet.8 Zahlreiche Verhaftungen von hauptsächlich höheren Parteifunktionären durch das NKWD folgten und ab Herbst 1936 ließ Stalin die erste Welle von Schauprozessen gegen vermeintliche antisowjetische trotzkistische und zinoviewistische Elemente initiieren. Unter den ersten, allesamt für Teilnahme an konterrevolutionären Verschwörungen verurteilten und exekutierten Angeklagten, waren auch einst bedeutende Weggefährten Stalins wie Leo Borissowitsch Kamenew und Grigori Jewsejewitsch Zinoview, die sich nun zusammen mit dem im Exil lebenden Gründer der Roten Armee Leo Trotzki als „geistige Führer“ verantworten mussten.9 Die „Säuberung“ der eigenen Partei von Oppositionellen, der Kadereliten und alten Weggefährten kann dabei auch als eine Art Abrechnung verstanden werden. Alle, die sich irgendwann einmal gegen Stalin gestellt hatten, den Generalsekretär enttäuscht hatten oder als politische Gefolgsleute solcher Beschuldigter galten, wurden nun unter einem Vorwand aus der Partei ausgeschlossen, inhaftiert und oft auch exekutiert. Durch die „kommunistischen Inquisitionsrituale“ des 1936 zum Oberhaupt des NKWD ernannten Nikolai Jeschow und seiner Untergebenen konnte jeder, dem etwas zur Last gelegt wurde früher oder später auch überführt und benannte unter diesem Druck meist auch noch weitere Mitverschwörer.10 So entwickelte sich eine Spirale der Denunziation, die die Partei um zahlreiche ihrer Mitglieder verminderte. Inwieweit Stalin und das Zentralkomitee wirklich von einer großen Verschwörung aus dem Ausland und deren Einfluss auf die Sowjetunion und die innersten Parteikreise und von der Existenz einer fünften Kolonne überzeugt waren, ist dabei eher Vermutungen überlassen. Nebst der teils persönlich anmutenden Abrechnung innerhalb der Parteielite wurde laut Molotow aber auch das „Unkraut“ restlos entfernt. Als Unkraut galt, wer mit etwaiger zaristischer, menschewikischer oder generell antisowjetischer Vergangenheit in Verbindung gebracht werden konnte und in den Jahren der Kulturrevolution und Kollektivierung noch nicht ausgerupft worden war.11 Aber auch „sozial fremde“ Elemente und ethnische Minderheiten gerieten ab 1936 erneut in den Fokus, wie das zur Wachsamkeit aufrufende Rundschreiben des Zentralkomitees vom 29. Juli beweist:

„Jetzt, da bewiesen ist, daß die trotzkistisch-zinov'evistischen Scheusale im Kampf gegen die Sowjetmacht alle die wütendsten und erbittertsten Feinde der Werktätigen unseres Landes um sich scharen, Spione, Provokateure, Diversanten, Weißgardisten, Kulaken usw., da sich jede Grenze zwischen diesen Elementen einerseits und den Trotzkisten und Zinov'evleuten anderseits verwischt hat – müssen alle unsere Parteiorganisationen, alle Parteimitglieder begreifen, daß von Kommunisten an einem jeden Abschnitt und in jeder Situation Wachsamkeit gefordert wird. Unabdingbare Eigenschaft jedes Bolschewiks unter den gegenwärtigen Verhältnissen muß die Fähigkeit sein, den Feind der Partei zu erkennen, mag er auch noch so gut maskiert sein.“12

Nachdem sich der Terror mit den drei großen Schauprozessen in Moskau gegen Kamenew und Zinov´ev, gegen entscheidende Wirtschaftsvertreter und erneut gegen einen weiteren Block vermeintlich rechter Trotzkisten, unter denen bedeutende Parteimitglieder und Weggefährten Stalins wie Bucharin waren, hauptsächlich nach innen gerichtet hatte, weiteten sich die Zielgruppen des NKWD parallel weiter aus. Während zuvor Beamtenstand und Parteiorgan im Fokus standen, wurde die Säuberung mit der Verurteilung General Mihail Tuchatschewskis am 11.6.1937 auch in die Rote Armee getragen, wobei bis zu 10000 Offiziere Opfer der Geheimpolizei wurden.13 Die Massenoperationen, Höhepunkt des Großen Terrors begannen ebenfalls im Jahr 1937, durch die der Terror sich immer weiter von innen nach außen an die Peripherie des riesigen Flächenstaates der UdSSR verlagerte. Die heiße Phase begann dabei ab Mitte Juli, als immer mehr operative Befehle des NKWD erlassen wurden. Die ersten, angeführt von Befehl Nr. 00439 gegen Deutsche, zielten auf in der Sowjetunion lebende Ausländer. Derjenige mit der größten Reichweite aber war der operative Befehl Nr. 0047 vom 30. Juli, der die Kulakenoperation einleitete. Zunächst richtete er sich nur gegen aus der Verbannung oder dem Gefängnis zurückkehrende Kulaken, die vom Zentrum als Gefahr empfunden wurden, erweiterte sich jedoch zu einer Aktion zur endgültigen Lösung des Problems der internen Feinde der Sowjetunion, die für die Machtzentrale in Moskau während der Kulturrevolution und Kollektivierung nur unzureichend gewesen war, und erfasste somit die gesamte sowjetische Bevölkerung. Unter Generalverdacht standen neben Kulaken vor allem Geistliche, Gläubige, welche im Jahre 1937 etwa 57% der Bevölkerung ausmachte, ehemalige Zaristen, Kriminelle und Ausländer.14 Mit besonderer Wucht trafen die Massenoperationen die Peripherie und vor allem die kulturell fremden Sowjetrepubliken, wie im Transkaukasus. Dort übernahmen zumeist indigene Parteimitglieder die Aufgabe der obersten Häscher und drangsalierten ihre früheren Nachbarn. Unter dem Kommando Jeschows änderte sich dabei vor allem auch die Intensität der Verfolgung. Was während der Kollektivierung noch Verbannung bedeutete, waren 1937 der Tod oder zumindest fünf bis acht Jahre Lagerhaft. Während man die Antikulakenoperation mit wenigen Ausnahmen ab Frühling 1938 auslaufen ließ, verstärkten sich noch einmal für kurze Zeit die Maßnahmen gegen ethnische Minderheiten und Ausländer und die langsame Demontage Jeschows und des NKWD kündigte sich an.15 Am 17.11.1938 wurde der Große Terror von Stalin und Molotow durch den Erlass der Direktive über die Einstellung aller Verhandlungen beendet.

2.2 Die Entstehung der Autonomen sozialistischen Sowjetrepublik der Wolga-deutschen

Nach dem Siebenjährigen Krieg folgten viele Siedler aus deutschen Staaten dem verlockenden Ruf der Kaiserin Katharina II., um sich in den menschenleeren Weiten des russischen Zarenreichs anzusiedeln und diese zu erschließen. In den ersten zehn Nachkriegsjahren hatten sich über 8000 deutsche Familien, vorwiegend aus dem krisengebeutelten Hessen, auf den Weg zu neuem Siedlungsraum im Osten aufgemacht.16 Die Masse der Siedler wurde dabei an die Wolga und in die Nähe Saratows gelenkt. Gelockt wurden deutsche Handwerker und Kaufleute neben der Erstattung der Reisekosten durch das Versprechen auf eine bis zu zehn Jahre dauernde Befreiung von Abgaben. Landwirte konnten gar auf eine Befreiung von 30 Jahren, Land und Vorschüsse auf Baukosten hoffen.17 Des Weiteren wurde Neuankömmlingen die freie Religionsausübung und Befreiung vom Militärdienst und weitere Privilegien zugesichert.18 Bis zum Jahre 1775 waren so 30623 Personen dem Aufruf von Katharina gefolgt, um sich als reichsunmittelbare Untertanen im Russischen Großreich nieder zu lassen.19 Während der Aufstände Stepan Rasins und Kondrat Bulawins im Jahre 1774 merkten aber sowohl die deutschen Kolonisten, dass ihr „Siedlungsgebiet eine Gegend (...) war, in der soziale Konflikte mit besonderer Schärfe ausgetragen wurden“, als auch Katharina II., dass die deutschen Siedler „keineswegs eine Garantie für »Ruhe und Ordnung« in der Region boten.“20 Die Deutschen hatten ohnehin mit einigen Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen, da ihnen vielfach die versprochene Starthilfe nicht gewährt worden war. Dies änderte sich jedoch unter Katharinas Sohn Paul I., der diesen Missstand in der Verwaltung umgehend zu beseitigen trachtete. So machte sich schnell bescheidener Aufschwung bemerkbar, der unter anderem dazu führte, dass auf die erneute Einladung Zar Alexanders I. am 20.02.1804 sukzessive weitere Kolonistenwellen, meist vor Zwangserhebungen fliehend, einschifften.21 Wenn auch nicht allen ein glückliches Los nach ihrer Auswanderung beschieden war, gibt es einige Erfolgsgeschichten. Vor allem mit dem Tabakanbau und dessen Verarbeitung konnten es die Kolonisten im Wolgagebiet zu Wohlstand bringen.22 Geradezu beneidet wurden sie so von ihren russischen Nachbarn die Wolgadeutschen ob ihres Erfolgs und ihrer Behausungen.23

Nach etwa hundert Jahren deutscher Siedlungen an der Wolga beherrschten nur wenige die russische Sprache und wurden darüber hinaus noch durch Konfession und Schulbildung von ihren orthodoxen Nachbarn getrennt. Dass die Verwaltung im Zarenreich derzeit meist durch altgediente Militärs, die von Kolonisten Gehorsam forderten, führte ebenfalls nicht zu einem leichteren Verständnis. So reichte es meist nicht zu mehr als einer friedlichen Koexistenz, wobei die deutschen Kolonisten spätestens nach ihrer materiellen Unterstützung im Krimkrieg als loyale Untertanen des Zaren galten. Die Wende in dieser Beziehung zwischen Zar und Deutschen ließ jedoch nicht auf sich warten. Mit der Aufhebung der Selbstverwaltung der Kolonien 1871 begannen die Reformen, die mit der Einführung der Wehrpflicht für deutsche Siedler endete und gänzlich alle Privilegien der Kolonisten zurücknahmen.24 So zeigten sich die ersten Auswirkungen der Russifizierung unter den Zaren Alexander III. und Nikolaus II., die dadurch versuchten im Geiste des Panslawismus, allen Völkern des Russischen Zarenreichs die russische Sprache und Kultur auf zu oktroyieren. Obwohl der rechtliche Status der Kolonisten eingeschränkt wurde, entwickelten sich die wirtschaftlichen Aussichten im Allgemeinen positiv in den Wolgakolonien, da man vom Ausbau der Infrastruktur und steigenden Industriealisierung profitierte, wie neben den hohen Gewinnen in der Landwirtschaft vor allem an der überregional bedeutsamen Textilindustrie ersichtlich wurde.25

[...]


1 Vatlin, Kaderpolitik und Säuberung in der Komintern, in: Hermann Weber (Hg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936-53, Paderborn-München 1998, S. 79.

2 Vgl. Hildermeier, Manfred: Stalinismus und Terror, in: Osteuropa, 6/2000, S. 601.

3 Vgl. Naimark, Norman: Stalin und der Genozid. Berlin 2010, S. 22-37; Baberowski, Jörg: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. Berlin 2008, S. 188.

4 Hildermeier, S. 601.

5 Bonwetsch, Bernd: Der «Große Terror» — 70 Jahre danach, in: Zeitschrift für Weltgeschichte. 2008, S. 128f.

6 Khlevnyuk, Oleg: The Objectives of the Grat Terror, 1937-1938. in: David L. Hoffman (Ed.): Stalinism. Oxford, 2003, S. 87.

7 Vgl. Gassenschmidt, Christoph: Von der Revolution und der Partei getäuscht. Bonn 1999, S. 22.

8 Baberwoski, Terror, S. 142.

9 Khlevniuk, 2003, S. 88.

10 Baberowski, Terror, S. 144.

11 Baberowski, Terror, S. 139

12 http://www.1000dokumente.de/?c=dokument_ru&dokument=0022_sta&object=translation&l=de. Stand: 11.04.2014.

13 Baberowski, Terror, S. 171.

14 McLoughlin, Barry: Die Massenoperationen des NKWD 1937/38. Berlin 2002, S. 37.

15 Ebenda, S. 47.

16 Schippan, Michael, Striegnitz, Sonja: Wolgadeutsche. Geschichte und Gegenwart. Berlin 1992. S. 35.

17 Vgl. Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen. München 1992, S. 17.

18 Vgl. Luchtenhandt, Otto: Die Rechtstellung der Deutschen vor und nach der Aufhebung der Privilegien, in: Dahlmann, Dittmar/Tuchtenhagen, Ralph (Hg.): Zwischen Reform und Revolution. Die Deutschen an der Wolga 1860-1917. Essen 1994, S. 98ff.

19 Eisfeld, S. 19.

20 Schippan, S. 76.

21 Vgl. Eisfeld, S. 25.

22 Vgl. Eisfeld, S. 31; Schippan, S. 88.

23 Vgl. Schippan, S. 89.

24 Vgl. Luchtenhandt, S. 111f.

25 Vgl. Eisfeld, S. 58ff.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die präferierten Opfer des NKWD. Die wolgadeutsche Bevölkerung im Großen Terror 1936-1938
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Stalin und der Stalinismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
30
Katalognummer
V282348
ISBN (eBook)
9783656820697
ISBN (Buch)
9783656820703
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stalin, Stalinismus, Großer Terror, Deutsche, Wolgarepublik, Massenoperationen, Operativer Befehl Nr. 00439, Operativer Befehl Nr. 0047, Peripherie, NKWD
Arbeit zitieren
Felix Förster (Autor), 2014, Die präferierten Opfer des NKWD. Die wolgadeutsche Bevölkerung im Großen Terror 1936-1938, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282348

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