Kants Straftheorie in "Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre"


Seminararbeit, 2014
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Strafzweck: Kants tatorientierte Straftheorie
2.1. Täterorientierung, Tatorientierung, Ergebnisorientierung: Zur Systematik der Straftheorie
2.2. Eine Begründung für Kants (reine) Tatorientierung
2.3. Ansätze anderer Straftheorien bei Kant

3. Das Strafmaß: Kants Begründung des Wiedervergeltungsrechts (ius talionis)
3.1. Definition des ius talionis
3.2. Rechtfertigung des ius talionis

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Und wer seinen Nächsten verletzt, dem soll man tun, wie er getan hat, Schade um Schade, Auge und Auge, Zahn um Zahn; wie er hat einen Menschen verletzt, so soll man ihm wieder tun.“ (Lev 24,19f.)

Dieser berühmte Satz aus dem Alten Testament stellt anschaulich das Rechtsverständnis des frühen israelitischen Volkes dar. Der riesige Fortschritt in der Rechtsgeschichte, der mit den Strafgesetzen in den Büchern Mose gemacht wurde, wird heute nicht bezweifelt. Dennoch ist man natürlich von diesem archaischen Strafverständnis, das Strafe als einfache Vergeltung des Verbrochenen ansieht, abgerückt. Die Strafe im heutigen Rechtsstaat hat mit den primitiven Gesetzen des Alten Testaments nichts mehr zu tun, und diese Entwicklung sieht man auch einstimmig als positiv an.

Demgegenüber verwundert es, wenn man von einem der wichtigsten Denker aller Zeiten, dem Philosophen Immanuel Kant, noch Ende des 18. Jahrhunderts eine Straftheorie präsentiert bekommt, die dem Rechtsverständnis des Alten Testaments an Radikalität gleichkommt. In seiner Metaphysik der Sitten, Teil 1: Metaphysische Anfangsgr ü nde der Rechtslehre (im Folgenden Rechtslehre) propagiert Kant ein Strafrecht, das allein auf die Vergeltung des Verbrechens gerichtet ist, und jeden darüber hinaus gehenden Zweck der Strafe, wie die Resozialisierung des Täters oder die Abschreckung, ablehnt. Hinzu kommt noch, dass das alttestamentalische Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ von Kant übernommen wird: Als Strafmaß setzt er fest, dass der Täter genau das erleiden solle, was er verbrochen hat.

Dass der wohl größte Philosoph der Geschichte eine solche Theorie vertritt, hat nicht nur Unverständnis, sondern natürlich auch kritische Reaktionen hervorgerufen: „Kaum ein Stück der praktischen Philosophie Kants ist so kritisch rezipiert worden wie seine Theorie der Strafe.“ (Schmitz 2001, 99). Dass Kants Straftheorie so kontraintuitiv klingt, sollte aber kein Grund sein, sie zu ignorieren, sondern vielmehr, sie genauer in den Blick zu nehmen. Das soll in dieser Arbeit geschehen. Die Frage, die dabei im Vordergrund stehen soll, ist zunächst einmal die, welche Behauptungen Kant überhaupt aufstellt. Ohne diesen wichtigsten Schritt wird man kaum in der Lage sein, seine Theorie einer sachlichen Analyse und Kritik zu unterziehen. Darauf aufbauend soll untersucht werden, wie sich Kants Straftheorie rechtfertigen lässt, wie sie interpretiert worden ist, und wie man sie kritisieren kann (wobei letzterer Punkt nur eine untergeordnete Rolle spielen wird).

Das größte Problem bei der Beschäftigung mit der Straftheorie Kants besteht darin, dass er so wenig dazu geschrieben hat. Der einschlägige Abschnitt in der Rechtslehre umfasst bloß wenige Seiten, die hauptsächlich mit Beispielen, Ausnahmen und Detailregelungen gefüllt sind. Die wesentlichen Punkte von Kants Straftheorie finden sind in wenigen Sätzen komprimiert. Wegen dieser Materialknappheit wird die folgende Untersuchung auch zum Großteil in Auseinandersetzung mit anderen Interpreten erfolgen. Zur besseren Übersicht wird die Straftheorie von Kant in zwei Elemente aufgeteilt: einerseits in den Strafzweck, andererseits in das Strafmaß (so auch Höffe 1999, 214). Ersteres bezieht sich auf Kants Antwort auf die Frage, warum Strafe überhaupt zu erfolgen hat. Letzteres meint das Prinzip, das Kant der Strafzumessung im konkreten Fall unterlegen will.

2. Der Strafzweck: Kants tatorientierte Straftheorie

2.1. Täterorientierung, Tatorientierung, Ergebnisorientierung: Zur Systematik der Straftheorie

Bevor damit begonnen werden kann, Kants Straftheorie im Einzelnen darzulegen, sind einige straftheoretische Vorüberlegungen nötig. Im Folgenden wird sich dabei an der Terminologie von Heinz-Gerd Schmitz (Schmitz 2001) orientiert. Eine identische Systematik, wenn auch mit anderen Bezeichnungen, verwendet Otfried Höffe (Höffe 1992).

Nach Schmitz gibt es drei Bestandteile jeder Handlung: den Handelnden, die tatsächliche Ausführung der Handlung, und das Ergebnis der Handlung (vgl. Schmitz 2001, 36). Strafe ist immer Reaktion auf eine (strafwürdige) Handlung, und deshalb gibt es auch drei Möglichkeiten, an welchen Bestandteil der Tat die Strafe anknüpfen kann: Sie kann täterorientiert, tatorientiert oder ergebnisorientiert sein.

Mit der Täterorientierung meint Schmitz diejenige Straftheorie, die auch als „Resozialisierungstheorie“ (Höffe 1992, 266) bezeichnet wird; es geht ihr darum, den Täter als therapiebedürftigen, ja sogar „erkrankten“ (Schmitz 2001, 74) Menschen zu heilen und damit zu resozialisieren. Die tatorientierte Straftheorie, auch „Vergeltungstheorie“ (Höffe 1992, 265) genannt, verhängt die Strafe einzig und allein darum, weil eine strafwürdige Tat begangen wurde, dabei geht es ihr in keinster Weise „um den Täter und seine Beweggründe“ (Schmitz 2001, 35). Etwas missverständlich drückt Schmitz die dritte Straftheorie als ergebnisorientierte Straftheorie aus; dabei handelt es sich einfach um die „Theorie der Abschreckung“ (Höffe 1992, 265): Der Strafende sorgt sich darum, dass die Tat zur Nachahmung führen wird. Um das zu verhindern, stellt man mit der Bestrafung eine Art „Kausalnexus“ (Schmitz 2001, 43) auf: Man zeigt den potentiellen Nachahmern, dass sich die Tat nicht lohnt, da sie zwangsläufig negative Folgen für den Täter haben wird.

Schließlich ist noch der Begriff der Vereinigungstheorie von Bedeutung. Darunter versteht man eine Verknüpfung von jeweils zwei der gerade beschriebenen Theorien. In jeder Vereinigungstheorie ist ein Strafansatz als dominant anzusehen, und der jeweils andere als nachgeordnet (vgl. Schmitz 2001, 90f.).

Diese straftheoretischen Vorüberlegungen sind deshalb vonnöten, weil es in der Forschung zwar weitgehend Konsens ist, dass Kant als „Vergeltungstheoretiker schlechthin“ (Byrd/Hruschka 2007, 957) angesehen werden kann - dass er also eine tatorientierte Straftheorie vertritt -, es aber dennoch Gegenstimmen gibt, die bei Kant Ansätze anderer Straftheorien zu erkennen meinen. Darauf wird weiter unten ausführlich eingegangen.

2.2. Eine Begründung für Kants (reine) Tatorientierung

Zu Beginn des Kapitels über das Strafrecht formuliert Kant unmissverständlich seine tatorientierte Straftheorie: „Richterliche Strafe (poena forensis), die von der natürlichen (poena naturalis), dadurch das Laster sich selbst bestraft und auf welche der Gesetzgeber gar nicht Rücksicht nimmt, verschieden, kann niemals bloß als Mittel, ein anderes Gute zu befördern, für den Verbrecher selbst, oder für die bürgerliche Gesellschaft, sondern muß jederzeit nur darum wider ihn verhängt weden, weil er v e r b r o c h e n hat; denn der Mensch kann nie bloß als Mittel zu den Absichten eines Anderen gehandhabt werden, wogegen ihn seine angeborene Persönlichkeit schützt, ob er gleich die bürgerliche einzubüßen gar wohl verurteilt werden kann.“ (MdS VI, 331)1. Dieser Satz enthält bereits alles Wesentliche, was man zu Kants Theorie des Strafzwecks sagen kann.

Zunächst ist bemerkenswert, dass Kant die beiden anderen Straftheorien in dem Satz explizit nennt, und zugleich verwirft: Strafe solle nicht dazu dienen, „ein anderes Gute zu befördern, für den Verbrecher selbst, oder für die bürgerliche Gesellschaft“. Das heißt, Strafe solle nicht den Zweck erfüllen, dem Täter (täterorientierte Straftheorie) oder der Gesellschaft (ergebnisorientierte Straftheorie) irgendeinen Nutzen zu bringen. Strafe hat allein deswegen zu erfolgen, „weil er v e r b r o c h e n hat“ - die Strafe hat auf die Tat zu reagieren, und auf nichts weiter. Aus dem Satz geht also hervor, dass Kant ausschließlich eine tatorientierte Straftheorie vertritt, und andere Ansätze verwirft.

Hinter dem Semikolon in der Mitte des Satzes folgt sogleich eine Begründung für die tatorientierte Straftheorie: „[D]enn der Mensch kann nie bloß als Mittel zu den Absichten eines Anderen gehandhabt werden.“ Diese Begründung ist an sich unverständlich, wenn man den Kontext von Kants Philosophie nicht mit einbezieht. Gemäß der übereinstimmenden Forschungsmeinung (vgl. z.B. Schmitz 2001, 110) rekurriert Kant hier auf die vierte Formulierung des kategorischen Imperativs in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (im Folgenden Grundlegung): „Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (GMS IV, 429).

Der begründungslogische Zusammenhang zwischen der vierten Formulierung des kategorischen Imperativs und der tatorientierten Straftheorie ist aber nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint. Wer die Formulierungen sorgfältig liest, wird bemerken, dass es zwischen den beiden Zitaten einen entscheidenden Unterschied gibt (zum Folgenden vgl. Chroust 1942): Der kategorische Imperativ gebietet, die Menschheit solle „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel“ gebraucht werden; im Kapitel über das Strafrecht heißt es hingegen, die Strafe kann „niemals bloß als Mittel, sondern muss jederzeit nur “ wegen der Tat verhängt werden (vgl. Chroust 1942, 601). In der Straftheorie wird demnach ausgeschlossen, dass die Strafe als Mittel benutzt wird, während das in der Formulierung des kategorischen Imperativs unter der Bedingung zugelassen wird, dass der Mensch zugleich als Zweck an sich behandelt wird.

Diese von Anton-Hermann Chroust entdeckte Abweichung ist in mehrfacher Hinsicht von Belang. Zunächst einmal kann der kategorische Imperativ nicht einfach zur Ableitung der tatorientierten Straftheorie verwendet werden2. Es lässt sich außerdem folgern, dass die Kantsche Formulierung, die Strafe dürfe niemals bloß ein Mittel für ein anderes Gut sein, zugleich eine Begründung darstellt, warum die tatorientierte Straftheorie nicht um andere Ansätze erweitert werden kann, das heißt: warum Kant keine Vereinigungstheorie vertritt.

Würde man die vierte Formulierung des kategorischen Imperativs auf die Strafe übertragen, könnte man formulieren: Der Täter soll jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebraucht werden. Die Formulierung, verweist darauf, dass der zweite Satzbestandteil dann erfüllt werden kann, wenn der erste erfüllt ist. Man könnte also eine Straftheorie entwickeln, bei der der tatorientierte Ansatz dominant gesetzt wird (um den Täter als Zweck an sich zu würdigen), doch zugleich ein anderer Ansatz, nämlich entweder der täter- oder der ergebnisorientierte, als nachgeordnet angesehen wird (womit der Täter zugleich als Mittel gebraucht wird, was gemäß der Formulierung legitim ist). Doch da Kants Begründung der tatorientierten Straftheorie nicht auf dem kategorischen Imperativ aufbaut, sondern, wie gezeigt wurde, eine andere Formulierung verwendet, die einen Gebrauch des Täters als Mittel ausschließt, ist eine Vereinigungstheorie nicht zulässig: Die Strafe muss der Tat wegen erfolgen, und darf auf keinen Fall den Täter im Sinne irgendeines anderen Zweckes instrumentalisieren (vgl. Chroust 1942, 604).

An dieser Stelle soll noch kurz eine Ergänzung des eben Gesagten angeführt werden. Im Anschluss an den längeren Satz zum Strafrecht, der am Anfang des Kapitels zitiert wurde, schreibt Kant: „Das Strafgesetz ist ein kategorischer Imperativ.“ (MdS VI, 331). Diese Formulierung kann man verschiedentlich interpretieren3, doch wichtig in diesem Kontext ist, dass der Satz - wenn man die Definition eines kategorischen Imperativs aus der Grundlegung beachtet - zugleich direkt äquivalent ist zu der Aussage, die Strafe sei nur wegen der Tat zu verhängen, und nicht um eines anderes Zwecks willen.

In der Grundlegung bestimmt Kant den Unterschied zwischen hypothetischen und kategorischen Imperativen. Die hypothetischen Imperative „stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel zu etwas anderem, was man will (oder doch möglich ist, daß man es wolle), zu gelangen vor.“ (GMS IV, 414). Hypothetische Imperative gebieten dann eine Handlung, wenn man einen bestimmten Zweck erreichen will. Die gebotene Handlung stellt dabei das Mittel zur Erreichung dieses Zwecks dar.

Kategorische Imperative werden von Kant anders bestimmt: „Der kategorische Imperativ würde der sein, welcher eine Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf einen anderen Zweck, als objektiv-notwendig vorstellte.“ (ebd.). Beim kategorischen Imperativ fehlt die Zweck-Mittel-Relation, die für hypothetische Imperative charakteristisch ist. Er gebietet eine Handlung um ihrer selbst willen, ohne dass damit ein Zweck erreicht werden soll. Was heißt es nun, wenn Kant schreibt, das Strafgesetz sei ein kategorischer Imperativ? Offenbar nichts anderes als das, was schon oben als Kants Meinung herausgestellt wurde: Die Strafe ist allein deshalb zu vollstrecken, weil eine strafwürdige Tat begangen wurde; sie soll keinen Zweck erfüllen, weder für den Täter noch für die Gesellschaft.

Das wesentliche Ergebnis dieses Kapitels ist also, dass Kant, zumindest laut den bisher gegebenen Zitaten, eine rein tatorientierte Straftheorie vertritt, und andere Strafzwecke, auch in Form einer Vereinigungstheorie, ablehnt. Sollte sich im Folgenden zeigen, dass sich an anderen Stellen Ansätze abweichender Straftheorien zeigen, müsste man Kant einen Widerspruch vorwerfen.

2.3. Ansätze anderer Straftheorien bei Kant

Dass die tatorientierte Straftheorie bei Kant dominant ist, wird von fast keinem Interpreten geleugnet. Es gibt jedoch Ausnahmen: Eine ist ein Aufsatz von B. Sharon Byrd und Joachim Hruschka (Byrd/Hruschka 2007), die bei Kant den Strafzweck der Abschreckung als dominant ansehen.

[...]


1 Alle Kant-Zitate werden nach der Kant-Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften (Berlin 1900ff.) zitiert. Die Abkürzungen und die verwendeten Ausgaben sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

2 Die exakte Ableitung von Kants Straftheorie soll in dieser Arbeit im Folgenden keine Rolle mehr spielen. Nützliche Erörterungen zu diesem Thema finden sich bei Enderlein 1985.

3 Byrd und Hruschka interpretieren den Satz beispielsweise juristisch und schreiben ihn folgendermaßen um: „Wenn ein von einem Gesetz formulierter Deliktstatbestand erfüllt ist, dann ist Strafe kategorisch geboten!“ (Byrd/Hruschka 2007, 961).

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Kants Straftheorie in "Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V282402
ISBN (eBook)
9783656818274
ISBN (Buch)
9783656838487
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Immanuel Kant, Rechtsphilosophie, Straftheorie, Rechtslehre, Vergeltung, Vergeltungstheorie, Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre
Arbeit zitieren
Dennis Hogger (Autor), 2014, Kants Straftheorie in "Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282402

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