Angst und Gesellschaft. Ursachen, Erscheinungsformen und Verhalten

Pathologische Angst als Zustand bei Individuum und Gesellschaft


Diplomarbeit, 2002
132 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALT

1 Einleitung

2 Zum Begriff der Angst
2.1 Angst: Ein menschliches Phänomen des Seins
2.2 Angst bei Kierkegaard
2.3 Angst im neurobiologischen, neuropsychologischen und lerntheoretischen Kontext
2.4 Angst als biologische Erscheinung

3 Angst als Krankheit- Angst im Übermaß
3.1 Normale und abnormale? - reale und krankhafte Angst
3.2 Die (klinischen) Angststörungen
3.2.1 Die neurotische Angst
3.2.2 Phobische Ängste
3.2.3 Agoraphobie
3.2.4 Soziale Phobie
3.2.5 Panikstörungen
3.2.6 Zwangskrankheiten
3.2.7 (Post)Traumatische Belastungsstörungen
3.3 Angst und Depression

4 Wahrnehmung und Erleben von Ängsten
4.1 Der Zustand der Angst ; Ängste als Belastung und Problem
4.1.1 Das Leiden an der Angst
4.1.2 Die Dimensionen von Ängsten
4.2 Angst und Persönlichkeit-
4.2.1 Individuelle Disposition und Grundängste
4.2.2 Angstneigung : Angst und Ängstlichkeit
4.3 Angst als (anthropologische) Konstante ?
4.4 Angstentwicklung in der Lebensspanne
4.5 Angsterleben im Kontext von Kultur und Gesellschaft
4.5.1 Angst und Furcht im Mittelalter
4.5.2 Angst im Abendland

5 Angstzustand bei Individuum und Gesellschaft
5.1 Angst als Problem
5.1.1 Das Zeitalter der Angst ? - kurzer Abriss der Situation
5.3.2 Abwehrmechanismen
5.2 Angst als Abbild gesellschaftlicher Zustände – Gesellschaftliche Probleme mit und durch die Angst
5.3 „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ - Neurosen als kulturelles Abbild
5.4 Typische Ängste unserer Tage
5.4.1 Existenzängste
5.4.2 Leistungsangst, Versagensängste und Angst vor Misserfolg
5.4.3 Diffusität und neue Abhängigkeiten- Angstquellen und Technikdominanz (Angst, Technik und Konsum
5.5 Strukturelle Ursachensuche - Bedingungen für Angstempfindung
5.5.1 Stress und Angst
5.5.2 Kapitalismus und Angst : Anpassung und Entfremdung
5.5.3 Furcht vor der Freiheit

6 Zum Umgang mit der Angst
6.1 Exkurs : Der Mensch in der pathologischen Gesellschaft (nach Erich Fromm)
6.2 Angst und der „Gesellschafts-Charakter“
6.2.1 Der „sozial-typische“ Charakter der (vergesellschafteten) Menschen
6.2.2 Angstumgang und der Gesellschaftscharakter
6.3 Individuelle Strategien der Angstbewältigung
6.4 Umgang mit Angst lernen ? - Chancen und Möglichkeiten

7 Zusammenfassung und Ausblick

8 Fazit

Quellenangabe

Anhang

1 Einleitung

Sicher kennt jedes menschliche Wesen Angst.

Ein Zugang zu einem solch „universalen“ Erlebniszustand ist sicher nicht ganz einfach, zum einen, weil man sich dem Thema vielseitig nähern kann und vielleicht auch muss; vielseitig sind auch die Erklärungsmöglichkeiten. Zum anderen muss man verscheidene Blickpunkte integrieren und Prioritäten setzen, zumindest wenn man nicht gar zu einseitig und fachspezifisch herangehen will. Die Angst bleibt erkannt als spezifisch unspezifisch, gekennzeichnet etwa durch Vorhandensein einer Ungewissheit und der resultierenden (möglichen) Gefährdung. Zu einem echten Problem ist die Angst dann geworden, wenn ihr Vorhandensein alles andere überschattet, wenn sie zum zentralen Dreh- und Angelpunkt des Lebens wird. Um sich der damit anbahnenden Lebensproblematik als Betroffener nicht ausweglos auszusetzen, gehört neben der notwendigen Angst-Begegnung auch ein Auseinandersetzen mit den Bedingungen, mit der Wahrnehmung von bestimmten angstauslösenden Ursachen.

Es gibt zahreiche Hinweise, dass viele Ängste (oder große Anteile der Angstausformungen) kulturell geprägt werden, denn neben individuell-kausaler Umwelt- und kognitiver Wahrnehmungsleistung, haben auch durch die „formgebenden“ Umwelteinflüsse, die eine individuelle Re-aktion hervorrufen, große Bedeutung. Irrationale oder überdimensionierte Angst ist also oft gleichsam Abbild hervorgebrachter, kulturell induzierter Strukturen.

Wie und vor allem wo entsteht nun Angst ? Wann ist sie krankhaft und wie sollte man idealerweise mit ihr Leben ? Die Frage nach dem Krankhaften in und bei der Angst ist zweifellos von großer gesellschaftlicher Bedeutung, denn oft verbergen sich hinter jenen Verhaltensweisen, die vermeintlich als „normal“ gelten, „pathologische“ Eigenschaften. So ist verständlicherweise eine direkte, universale Abgrenzung zwischen einer natürlichen, notwendigen Angst und einer gesellschaftlich bedingten (krankhaften) Angst schwierig; die Grenzen bleiben in gewisser Weise verschwommen und doch kann man wohl im Kontext verschiedener Bezugrahmen das Pathologische vom Normalen unterscheiden. In dieser Hinsicht verstand etwa Erich Fromm, dessen Begriff des „Gesellschaftscharakters“ die internalisierten, notwendigen Verhaltensmaßnahmen ausdrückt, Angst als eine von der Gesellschaft mitproduzierte, als auch gesellschaftstragende Erscheinung, eine Ansicht, die auch z.B. Dieter Duhm bekräftigte und sogar in den Mittelpunkt allgemeiner kapitalistischer Verhaltensweisen rückte.

Nach einer „Begriffsbestimmung“ und der Vorstellung der krankhaften Angst, soll sich eine Betrachtung einiger besonderer Ängste anschliessen, jene unserer Gesellschaft momentan augenscheinlich typischsten Ängste. Im Anschluss daran möchte ich zu den möglichen strukturellen Ursachen überleiten, die ein solch gesteigertes Angsterleben erst begünstigen. Klar ist, dass Ängste unsere Weltsicht (in individueller, als auch in kollektiver Hinsicht) reflektieren und damit auch Zeichen für mangelnde Sicherheitsgefühle sind. Ob und welcher Ausgang aus der Angstmühle möglich ist, bleibt sowohl der persönlichen Wahrnehmung und Überwindung (Bewältigungsstrategien und Therapie), als auch den Bestrebungen der „gesellschaftlichen Kräfte“ vorbehalten, die damit Grundtendenzen vorgeben.

Andere Angstumgangsstategien scheinen wohl unentbehrlich, um aus dem Kreislauf aus „produzierter“ Angst auszubrechen.

2 Zum Begriff der Angst

2.1 Angst: Ein menschliches Phänomen des Seins

Der Zustand der Angst ist eine ambivalente Angelegenheit.

Nicht ohne Grund gibt es wohl die Redewendung: „Angst verleiht Flügel!“

Die Angst ist eine Emotion, die uns manchmal in die Lage versetzen mag, Dinge zu tun, die wir im gelassenen, im entspannten Zustand wohl nicht vollbringen würden, uns zu besonderen Leistungen anspornt. Sie ist ein vieldimensionaler und vielschichtiger Wahrnehmungszustand.

Ihre Existenz hat Gründe, Sinn, wie jede andere menschliche Empfindung auch.

Wenn man die Verhaltensebene betrachtet, hindert sie uns vor vorschnellen Aktionen, sie mag uns ein gewisses Maß an Bodenhaftung sichern und vor Leichtsinnigkeiten schützen.

Oft spricht man aber auch von Furcht, ein Begriff, der manchmal anstelle der Angst gebraucht wird. So vermischen sich im Sprachgebrauch zum Teil diese Begriffe, wenn es um die Zustandsbeschreibung dieser Emotion, dieses Unbehagenheitsgefühls geht, was es wohl zu sein scheint, denn die Angst wird wohl in den seltensten Fällen als positives Erleben gewertet. Diese unliebsame Facette macht auch etwas Hauptsächliches aus:

Sie ist eine Fessel, die lähmt und behindert, besonders in den Fällen, wenn sie einen lebensdominierenden Einfluss ausübt, wenn sie das alltägliche Geschehen kontrolliert oder durch ein Übermaß auffällt. An dieser Stelle muss man wohl die Angst als hinderlich bzw. auch krankhaft verstehen.

Angst ist sicherlich Bestandteil des Alltags, sie ist eine an die Lebensroutine unserer Zeit gekoppelte Erscheinung. Es ist sogar unmöglich, ohne Angst zu leben, gerade in einer Zeit, in der es von Bedrohungen aller Art nur so wimmelt. Die unangenehmen Empfindungen, die mit Angstzuständen einhergehen, lassen mit andauerndem Zustand körperliche Symptome wie etwa Müdigkeit, Ruhelosigkeit, Depressionen oder Appetitlosigkeit erkennen.(Marks, S.3)

Von nützlicher Angst spricht man, wenn sie „naturgemäß“, also in maßvollen Zustand in Erscheinung tritt, also nicht extrem ausgeprägt ist. Dann schärft sie unsere Wahrnehmung, die Wachsamkeit und die Konzentration. Das Maß ist also wiedermal entscheidend. Ein Zuwenig kann Sorglosigkeit bedeuten, ein Zuviel aber Lähmung. Man kann so in Problemsituationen oft erkennen, dass Angst in geringerem Grade nützlich ist, während sie in extremer Ausformung jedoch richtiggehend destruktiv wirken kann. (Marks, S.6)

Angst ist immer gekoppelt an Erfahrungen, Mechanismen der Stressbewältigung und natürlich an „Stressoren“, wie der Verhaltensbiologe Günter Tembrock die Umweltanforderungen grob nennt, die am Zustandekommen von Angst beteiligt sind.(Tembrock, S.163)

Das Gefühl von Angst bedingt demnach bestimmte Zustände, die subjektiv als bedrohlich wahrgenommen werden. Trotzdem ist dies, wie viele Autoren meinen, vom Begriff der Furcht abzugrenzen, der ihrerseits ein konkretes Gefahrenmoment in den Fokus nimmt, also im Ganzen doch weniger durch Unbestimmheit und „Undurchschaubarkeit“ (Tembrock, S.13) geprägt ist.

So spricht man bei definierten Angstmomenten eher von Furcht, obwohl der Sprachgebrauch das Wörtchen Angst oft beibehält: „Höhenangst“ oder „Platzangst“. Es scheint zumindest so zu sein, dass Furchterzeugung in Gestalt eines Objektes weniger psychisch beengend und belastend ist, als die vielen diffusen Ängste der Unbestimmtheit.

Sören Kierkegaard, für den die Angst ein zentraler Lebensbestandteil war, widmete ihr 1844 ein grundlegendes Werk. Er wertete die Angst als Zustand des „In-der-Welt-Seins“, als ein Zustand, der in besonderem Maße vom Bewusstsein abhängig ist. Anders als für die moderne Verhaltensbiologie ist Angst für Kierkegaard eine typische (ausschliesslich) menschliche Erscheinung. Die Angst ist, wie es Jean Delumeau ausdrückt, für uns Menschen des 20.Jahrhunderts ein Gegenstück der Freiheit geworden, eine Erschütterung des Möglichen. Sich befreien heisst daher: „die Sicherheit aufzugeben und Risiken einzugehen“.(Delumeau, S.30)

Unterschied zwischen Angst und Furcht

Zwar blieben nach Heidegger diese beiden Phänomene verwandt, aus der Tatsache heraus, dass diese „zumeist ungeschieden bleiben“ (Kuhn in Nissen (Hg.), S.19)

Bei Nietzsche oder Kant war die „Furcht“ noch der zentrale Begriff, während sich die Angst darunterordnete, also eine exakte Umkehrung zur heutigen Ansicht.(von Baeyer, S.23)

Den Begriff der Furcht von dem der Angst zu trennen, entspricht wohl seit Kierkegaard dem (wissenschaftlichen) Habitus. Im Sprachgebrauch sind diese Worte allerdings weniger klar definiert. Oft wird heute die „Furcht“ durch „Angst“ ersetzt, im Gegensatz zu etwa früheren Zeiten, in denen der Begriff der Furcht eine wesentlichere Rolle spielte. „Ich fürchte mich“ ist weitestgehend durch „Ich habe Angst“ ersetzt worden, was wohl neben der begrifflichen Wandlung auch deutlich die Veränderung der Sprachform zu Gunsten des „Habens“ dokumentiert, eine Veränderung, die auch Erich Fromm in seinem Spätwerk „Haben oder Sein“ ausführlich beschrieb. Schon Kierkegaard definierte die Furcht als etwas „Innerweltliches“, etwas wovor man fliehen oder worauf man zugehen kann. Als Reaktion auf das Vorhandensein einer Bedrohung, folgt etwa Schreck, Grauen (langsame Annäherung der Bedrohung) oder Entsetzen (plötzliches Eintreten der Bedrohung).

Die Angst hingegen sitzt „im Nacken“, sie entzieht sich also unserem Blickfeld.

Sie bezieht sich eng auf das In-der-Welt-Sein als solches, sie steht in enger Verbindung zur Leere.(Kuhn in Nissen, 19) Wie Kuhn schreibt, entweichen Sinn und Bedeutung des Daseins mit der Erfahrung des Nichts; „Wenn die Angst vorbei ist, pflegt der Befreite zu sagen: `Es war nichts!´ Und er hat recht.“ (ebd.) Als Beispiel führt Kuhn eine Wanderung im Gebirge an, wo etwa die Anzeichen eines Gewitters (Himmel verfinstert sich, Donner wird immer lauter, etc.) Furcht bewirken, ein plötzlicher Knall erschreckt uns, gleichzeitig ängstigen wir uns auch um unser Leben, also um das „In-der-Welt-sein-können“, um unsere Existenz.

Der umgangsprachliche Ausdruck als „Furcht vor“ oder „Angst um“ zeigt sich in unserem Verhalten: „Wer eine Bedrohung durch die Welt fürchtet oder über eine solche sich erschrickt, sucht sich zur Wehr zu setzen. Er wird aktiv, und das bedeutet oft Aggression.“ (ebd.S.20) Neben dem aggressiven Entgegentreten ergreift der Mensch bei übermässig erscheinender Bedrohung die Flucht, wenn möglich. Die körperlichen Erscheinungen äussern sich u.a. in Form von Pulssteigerung, Schweissausbruch, Blässe, Unruhe, Zittern usw., die zwar allesamt ebenfalls in der Angst eintreten können, die Angst aber den entscheidenden Unterschied hat, dass ihr nicht ohne weiteres (mit Flucht) zu entkommen ist (da sie eben nicht Objekt-bezogen ist).

Diese Vorstellung ist auch entsprechend bei anderen Autoren ähnlich zu finden, Angst ist demnach an eine unbestimmte Quelle geknüpft, ist eine gegenstandslose Emotion, sie hat in der Tat mit dem Nichts zu tun, sie schnürt ein, wie die indogermanische Sprachwurzel „angh“

besagt. Das deutsche Wort „Angst“ entstammt dem lateinischen angustia („Enge“, „Bedrängnis“) Der jetzige, in der englischen Psychopathologie übliche Begriff „Anxiety“ meint auch Jenes, was wir unter „Angst“ heute verstehen: (vgl. von Baeyer 24f.)

- ein Zustand von subjektiv empfundener Furcht
- ein unlustvoller emotionaler Zustand
- Zukunftsbezogenheit
- körperliche Veränderungen als „Begleiterscheinungen“

Ich denke, man kann die Begrifflichkeiten in dem Sinne gebrauchen, dass man nun unter der Furcht ein konkretes Gefahrenmoment versteht, während man unter der Angst eine (wohlmöglich spezifisch-menschliche) objektlose Art der Furcht, vielleicht im weitesten Sinne sogar eine „Todesfurcht“ versteht.

Der besondere Sinn des Schrecks hingegen als Folge einer Bedrohungssituation besteht laut Freud etwa darin, die Wirkung einer Gefahr hervorzuheben. Der Mensch versucht so mit Hilfe der Angst dies zu umgehen, eine Angstbereitschaft dient quasi als Schutz vor einer Schrecksituation. (Schicha, S.131) „Ich glaube nicht, dass die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an der Angst ist etwas, was gegen Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt“ (Freud, zit. nach Geyer, S.130) Damit verdeutlichte Freud die ambivalente Eigenschaft der Angst; zum einen als eine „Bereitschaftshaltung“ in Bezug zur möglichen Gefahr und so auch wiederum als „schwelendes“ Unwohlsein zum Schutz vor, wie erwähnt: unvorhergesehenem Schreck (der ja oft umgangen werden will), jedoch auf der anderen Seite bleibt impliziert auch die Möglichkeit einer (Dauer)Belastung des Betreffenden.

Wie schon erwähnt sind Furcht und Angst oft innerhalb der Sprache austauschbar, was auch an ihren Gemeinsamkeiten liegt, die sich äussern als negative Emotion und angespannte Besorgnis. Beide Zustände sind auf Kommendes ausgerichtet und mit körperlichen Begleiterscheinungen verbunden. Als kennzeichnende Unterschiede schreibt Stanley Rachman der Angst ein anhaltendes Zustandserleben zu, einen wenig abgegrenzten Gefahrenbereich und beschreibt sie als insgesamt eher irrational, wohingegen die Furcht neben dem konkreten Gefahrenmoment eine zeitliche Begrenzung erfährt, die eben auch wieder schnell abzuklingen vermag, wenn die Reaktion auf den Auslöser erfolgte. Sie hat eher rationalen Charakter. (vgl. Rachman, 2000, S.12)

Als ein besonderes Problem bezeichnet Johanna Tamm hinsichtlich der vielen Fachgebiete, die an der Angst forschen, den Umstand, dass Angst unterschiedlich verstanden wird, so z.B. als Affekt, Gefühl oder Stimmung. (Tamm, S.28) Dies muss aber nicht zwangsläufig ein Problem darstellen, denn je nach Ausrichtung der Fachgebiete wird eben auch inhaltlich Verschiedenes fokussiert.

2.2 Angst bei Kierkegaard

Während in Hegels 1807 erschienener Schrift „Phänomenologie des Geistes“ vornehmlich von Furcht die Rede ist, und Angst nur ein partieller Bestandteil von Furcht ausmacht (von Baeyer, S.27), wechselt später die inhaltliche Bedeutung, so dass nun „Angst“ als Zustandsbeschreibung dominiert und stärker thematisiert wird.

Als 1844 der dänische Philosoph Sören Kierkegaard sein berühmtes Werk „Der Begriff Angst“ veröffentlichte, war dies so etwas wie der Markstein eines Verständnisses, das später auch von Heidegger wieder aufgegriffen wurde:

Angst ist ein Grundphänomen des Menschseins, sie wird nach Kierkegaard gewahr als ein „Schwindel der Freiheit, der aufkommt, wenn der Geist die Synthese setzen will und die Freiheit nun hinunter in ihre eigene Möglichkeit schaut und dann die Endlichkeit ergreift, um sich daran zu halten.“ (Kierkegaard, S.72)

Dass der Mensch sich überhaupt zu ängstigen versteht, liegt nach Kierkegaard daran, dass er eine Synthese aus Körper und Seele ist. Beide Teile sind unausgeglichen, er ist „zerbrechlich“.

„Wenn der Mensch ein Tier oder ein Engel wäre, dann würde er sich nicht ängstigen können...“ (Kierkegaard, S.181) Arne Grön stellt fest: „Damit wird es für ihn zur Aufgabe, mit sich selbst ‚ zusammenzuhängen.‘“ (Grön, S.21)

Der „Geist“ ist die dritte Komponente, er trägt die beiden Komponenten „Körper“ und „Seele“. Neben diesem Dilemma besteht eine weitere Schwierigkeit, die uns Menschen zu Angsterfahrenen macht: Der Mensch ist ebenfalls eine Synthese aus Zeitlichem und Ewigem.

Auch dieses Spannungsverhältnis erzeugt Angst. Dies ist uns auch klar, wenn wir etwa an die Zukunft unsere Gedanken heften. Das Gefühl vor den eigenen Möglichkeiten, aber zugleich auch vor der Erkenntnis des eigenen Unvermögens, also die Spanne zwischen potentieller Möglichkeit und weitem Raum sorgt für ein Unbehagen, das sich als Angst manifestiert. Das Gewahrwerden von Angst hat also mit Freiheit zu tun, was sich hier nun als „Möglichkeit“ definiert. Die Angst besteht, weil auch die Möglichkeit besteht. Im Gewahrsein der Angst verhält man sich zu einer zukünftigen Möglichkeit, man kann sich darin so oder so verhalten, d.h . „die Möglichkeit, zu der man sich verhält, ist die Möglichkeit, sich selbst anders zu verhalten oder selbst ein anderer zu werden.“ (Grön, S.27)

Es geht also um das Verhalten in der Angst, das die Möglichkeit einschliesst, sein Selbst zu erfahren. Nach Kierkegaard erlebt man in Angst ein Selbstverhältnis im doppelten Sinne: Man erlebt hier, dass man nicht ohne weiteres ein Selbst ist, sondern dass man erst man selbst werden muss. Die Freiheit impliziert diese Möglichkeit, so äussert sie sich wohl deshalb als Angst . „Das Verhältnis der Freiheit zur Schuld ist Angst“ meinte Kierkegaard und wies auf Schuldgefühle hin.

Neben dem Freiheitsaspekt spielt für Kierkegaard eben auch speziell das Problem der Erbsünde, wie der Schuld eine Rolle. Als theologisch ausgerichteter Philosoph kam er auf Einsichten, die später sehr wohl auch der Entwicklungs- und Tiefenpsychologie dienlich wurden und prägte die Vorstellung des Unterbewussten mit, denn gerade die ist ein bedeutender Unterschied, der das menschliche Angstempfinden im Vergleich zum Tier so speziell macht. Ein Tier versteht es daher nicht, sich zu ängstigen, weil deren Natürlichkeit nicht als Geist bestimmt wird. (Baeyer a), 28)Laut von Baeyer ist die psychologische Betrachtungsweise folgende:

Anstatt sich der Mensch dem Unendlichen gläubig anvertraut, entscheidet er sich für eine endliche Lösung und wählt das Böse, damit hat er den Sprung in die Sünde unternommen; der Schwindel der Freiheit bedeutete ihm Angst. Es ist aber nicht die Gewissensangst bzw. das „schlechte Gewissen“ gemeint, wenn Kierkegaard von der Ursprünglichen Angst spricht, diese ist vielmehr von jener abgeleitet. Die Angst wird also manifest, weil sich der Mensch fortan (nach dem Verlust des Paradieses) der Freiheit hingeben muss, die eben auch den Sturz in die Tiefe als Möglichkeit beinhaltet. In sofern ist eine symbolische Nähe zur Enge in dieser Beziehung nicht gegeben, vielmehr ist der Schwindel nun ein passendes Korrelat.(ebd.29)

In dieser Ohnmacht der Angst, ist der Mensch zugleich schuldig, als auch unschuldig, der Abgrund schreckt ab und lockt zugleich. Diese Doppeldeutigkeit wurde später von den Psychoanalytikern mit „Angstlust“ bezeichnet. (ebd.,S.30)

Das Verbot ist ein Mittel, das unter Strafandrohung bezweckt, den Sündenfall zu verhindern, verstärkt jedoch jenes Bedürfnis, die Möglichkeit der Freiheit zu erfahren. Dieses göttliche Verbot wird später noch deutlicher anstelle Adams in Gestalt des „historisch-vergesellschaftlichen Menschen“ , wo aus der Urangst die Sozialangst wird. (ebd.,S.31)

Die Angst hat, wie Kierkegaard ausführte, auch einen besonderen Zeitbezug. Neben der Angst aufgrund des Schuldiggewordenseins, einer Angst die ihren Ursprung im eigenen Handeln, im Vergangen hat, hat die Angst vor Zukünftigem eine besondere Bedeutung. Zunächst besteht die Angst vor dem bereits Vergangenen in der Weise weiter, weil der Angst eine Angst vor der Wiederholung jenes Zustandes innwohnt, sie also quasi wieder im Futur präsent scheint. Sie hört auch nach dem Schuldigwerden in keinster Weise auf, sondern offenbart sich in vielfältigen Formen. Ein entscheidendes Charakteristikum ist also: Angst hat etwas mit Zukünftigem zu tun, ob man sich nun etwa vor der Strafe ängstigt oder vor dem Schicksal, etwa dem Schauder vor dem Tod.

Oft wird Vergangenes wieder präsent, da es eben nicht wirklich vergangen war, sondern nur verdrängt (tiefenpsychologischer Aspekt) wurde. Die Angst ist, wie Kierkegaard betont, eine Angst vor Möglichem und Künftigem. (Kierkegaard, S.93f.)

Die Angst ist aber trotzdem keine Geisel, sondern sie ist eine Chance. Nach Kierkegaard bedeutet ihr Vorhandensein nicht Destruktivität, sondern eben die Erfahrung der Möglichkeit, mit dem Ziel dadurch zu wachsen und zu reifen. Sie ist für ihn eine glaubensbildende Komponente, die eben die Möglichkeit bietet, das Entsetzliche ebenso zu erfassen, wie das Freundliche. (vgl. Kierkegaard, 162) Das Bilden und Reifen durch die Angst feit den Menschen gegen äusseres Schicksal, stärkt ihn in der Bewusstheit. Sie ist hier durchaus auch eine Entwicklungsmöglichkeit, eine Einsicht, die auch von Tiefenpsychologie übernommen wurde.

„Wer durch die Angst gebildet wird, der wird durch die Möglichkeit gebildet“ schreibt Kierkegaard (S.182) und unterstreicht damit die Hoffnung, die in der Angstüberwindung zu finden ist. Angst ist für ihn also auch eine Stimulanz, die zur Reifung führt, allerdings nur dann, wenn der Mensch ihr als freier Mensch begegnet. (Braun, S.5)

Kierkegaards Ausführungen zum Thema Angst lassen uns die innwohnende Dynamik und Mehrdeutigkeit erahnen. So handelt es sich bei seiner Angstdefinition auch nicht um „ein blosses Gefühl oder etwas schlechthin Pathologisches, oder um ein blosses Verhaltensmuster“, sondern sie warnt uns im Gegenteil davor, „die methodischen Vereinfachungen der empirischen Wissenschaften für absolut zu nehmen und zu vergessen, dass Angst in der Tat eine von den verschiedensten Aspekten aus zu sehende menschlich-kreatürliche ´Grundbefindlichkeit´ ist.“ (von Baeyer, S.34)

2.3 Angst im neurobiologischen, neuropsychologischen und lerntheoretischen Kontext

Charles Darwin, der Begründer der noch heute geltenden Evolutionstheorie, machte Beobachtungen, bei denen er die körperlichen Auswirkungen der Angst feststellte. Angst ist immer auch mit körperlichen Symptomen verbunden. Die Neurobiologie, die auf dieser Erkenntnis und auf jener ihre Forschungen aufbaut, wonach bestimmte (psychische) Zustände auf dem Vorhandensein eines zentralen Nervensystems, eines Gehirns beruhen, zielt auf Erfassung und Messung biologischer Vorgänge, die experimentell nachgewiesen werden können. Der Mensch ist ein leib-seelisches Wesen und von daher gibt es auch ein Äqvivalent zur psychischen Situation des Angsterlebens, das sich in Verbindung mit der Körperlichkeit zeigt.

Da der Mensch als Primat ein Säugetier ist, bedeutet dies für Neurobiologen, dass bei ihm die selben Hirnregionen bei der Angstwahrnehmung beteiligt sind, wie es auch bei anderen Säugetieren der Fall zu sein scheint. Laut Tembrock weiss man heutzutage recht gut Bescheid über die Funktion spezieller Hirngebiete, die bei dem Angsterleben eine Rolle spielen. (Tembrock, S.38)

Eine zentrale Rolle spielt beim Auftreten dieser Zustände und Wahrnehmungen, die wir als „Angst“ bezeichnen, das „limbische System“, was die Erkenntnis einschliesst, dass gewonnene Erfahrungen von den Emotionen geprägt sind, gleich ob positiver oder negativer Art. An den emotionalen Vorgängen ist der Thalamus und der Hypothalamus beteiligt, sowie die Hypophyse, die dem Hypothalamus anliegt und das zentrale neurohormonale Steuerungssystem ausmacht. (Tembrock, S.34) Beteiligt am Zustandekommen von Emotionen sind natürlich auch die Sinnes-Wahrnehmungen. Das Mittelhirn bildet die Verarbeitungszentren für optische Informationen, hier entsteht die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, Punkt für Punkt als Abbild. Daneben laufen hier verschiedenste Informationen aus Klein- und Nachhirn (verlängertem Rückenmark) ein. Die Einheit dieser drei Teile bildet den „Hirnstamm“, der vor allem vegetative Funktionen steuert, wie Puls, Atmung, Stoffwechsel etc.. Im Zuge der Anpassung des Lebens auf dem Lande, schreibt Tembrock, wurde eine netzartige Verschaltung der Nervenzellen vorgenommen, die in Verbindung mit Nervenbahnen zum Vorderhirn stehen. (ebd., S.34f.)

Damit wurde praktisch ein Hirngebiet herausgebildet, das der Evolution des Bewusstseins eine ganz neue Qualität verschaffte. So ist es etwa möglich, zu erklären, warum man bei einer Vollnarkose das Bewusstsein verliert. Weil der Mensch als Primat ein Säugetier ist, gelten, so Tembrock, für ihn vergleichbare neurobiologische Vorraussetzungen.(ebd., S.37)

Tembrock verweist auf den Engländer Bateson, der acht Bedingungen formulierte, die eine Verbindung zwischen Mensch und Tier in Bezug auf Reizerfahrungen belegen, so etwa

der Besitz von Nervenbahnen, die die Schmerzrezeptoren mit höheren Hirnstrukturen verbinden oder das Vermeidungsverhalten in Bezug auf Schmerz durch bestimmte Reaktionen.

Laut Tembrock (S.38) wurden drei individuelle Situtionen, die mit dem Empfinden von Angst verbunden sind, festgestellt (die zunächst eine Übereinstimmung zwischen Mensch und Tier verdeutlichen):

- unerwartete Umweltereignisse (mit uneinschätzbaren Folgen)
- Umwelteinwirkungen, die Schmerzen hervorrufen
- Belastungsfunktionen wie Stress

Sind keine Bewältigungsmuster vorhanden, die den Stress verarbeiten, so kann eine Dauerbelastung eintreten, die, wenn sie sich manifestiert, letztlich in eine Art Depression führen kann, ein Zustand, in dem der Transmitterspiegel für Serotonin und Noradrenalin gestört ist.

So wird eine Brücke im Verständnis zwischen Psyche und Körper geschlagen. Versuche an Tieren haben gezeigt, dass unkontrollierbare Stressoren eine „erlernte Hilflosigkeit“ hervorrufen. Es kann dann zu Veränderungen im „neuroendokrinen System“ kommen, „die zu einer Destabilisierung neuronaler Muster führen, besonders auch solcher, die lernbedingt sind, wodurch ungeeignete Bewältigungsstrategien ´gelöscht´ werden und damit eine Chance für neue Lösungswege zur Überwindung der Depression ensteht.“ (Tembrock, S.45)

Tembrock fasst die gegenwärtigen Vorstellungen folgendermaßen zusammen:

- Angst ist ein Verhaltenszustand, der durch neurobiologische Vorgänge erzeugt wird, wenn äussere die Existenz bedrohende Bedingungen...(bzw. genetisch-programmierte Verhaltensmuster) nicht beseitigt werden können
- Kontrollierte Angstzustände sind dadurch gekennzeichnet, dass eine über Lernvorgänge enstandene individuell organisierte Bewältigungsstrategie verfügbar ist
- Unkontrollierte Angstzustände sind dadurch definiert, dass keine angeborenen oder erworbenen Bewältigungsstrategien verfügbar sind (vgl.Tembrock,S.45)

Darin ist impliziert, dass eine Stresserfahrung verschiedene Richtungen annehmen kann, was heissen soll, dass es positiven, als auch negativen Stress geben kann:

Man unterscheidet „Eustress“ und „Dystress“, wobei erster als wichtige Lebenserfahrung zu verbuchen ist, der zweite ist hingegen unkontrollierbar und damit krankmachend.

Tembrock geht nun daher davon aus, dass die Belastungsformen, aufgrund der neurobiologischen Vorgänge bestimmte Zustände hervorrufen, die subjektiv dann als Angst erlebbar werden.(S.46)

Die neuropsychologische Erklärungssuche geht ähnliche Wege:

Wie es Friedrich Strian, -ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie- scheibt, gibt es demnach keine Angst, die nicht von bestimmten Hirnstrukturen beeinflusst wäre: Das Gehirn definiert schliesslich, ob eine Bedrohung vorhanden ist (Perzeption), bewertet diese (Kognition) und antwortet darauf (Verhaltensreaktion). (Strian, S.15)

Es scheint heute, laut Strian, nun die Einsicht zu dominieren, wonach die Wahrnehmungs- und Steuerprozesse des Nervensystems „Rückkopplungsprozesse“ sind. Man geht also davon aus, dass es kein „Einbahnstrassen-Modell“ dahingehend geben kann, wenn es um die Beantwortung der Frage nach dem Auslösemomenten von den Emotionen geht. So sind Angstempfindungen nicht einfach auf bloße Organerkrankungen rückführbar, diese können allerdings in Verbindung mit einer Organerkrankung bis zu einer massiven Angststörung eskalieren.(ebd.) Man muss von einem wechselseitigen Beeinflussen ausgehen, wobei Bedrohungswahrnehmung, Bedrohungsvorstellung, körperliche Mißempfindungen und subjektive Angst ein enges Geflecht bilden. Angstreaktionen lassen sich hinsichtlich der zugehörigen Hirnfunktionen als ein Warnsignal begreifen. Sie sind Teil eines Warnsystems, welches üblicherweise nur in Gang gesetzt wird bei konkreten Anlässen, also bei inneren oder äusseren Bedrohungen, die tatsächlich sein können, aber ebensogut auch aus der Gedankenwelt entspringen können.

Angstreaktionen werden so - im neuropsychologischen Verständnis - also über die Aktivierung „subkortikaler, limbischer Hirnstrukturen“ durch die Hirnrindenprozesse ausgelöst. (Strian, S.15)

Auslösemomente von (irrationaler) Angst sind bestimmte Bedingungen, die sich nach Strian aus drei Voraussetzungen ergeben (wobei hier die „unangemessene“, „pathologische“ Angst gemeint ist)(ebd.,S.16):

- die Bedrohungseinschätzung ist falsch ( z.B. Phobien)
- die Alarm- oder Bedrohungsstrukturen selbst sind gestört (mehr physische Störung der Hirnstruktur; epileptische Angstattacken...)
- das Warnsignal Angst klingt nicht ab (es kommt zu Erregungs- und Eskalationszuständen...)

Das Zustandekommen von Angstgefühlen ist allerdings auch, wie Marie-Claude Hepp-Reymond schreibt, durch komplexe Wechselwirkungen bedingt, die von verschiedenen Hirnstrukturen erzeugt werden, was aber eine bestimmte Hierarchie trotzdem nicht auschliesst. (Hepp-Reymond in Braun/Schwarz, Hg.,S.52)

Wissenschaftlich beobachtbar sind jene anfallsartigen Angstleiden wie Panikattacken wohl am ehesten in der Betrachtung der biochemischen Vorgänge, weil Angst hier ausschliesslich in den für Angstreaktionen bestimmten Hirnregionen durch besondere Störungen auffällt. Welche biochemischen Prozesse den Angststrukturen (in Bezug auf Panikattacken) zugrunde liegen, oder ob und wie kognitive Auslöser eine Rolle spielen, ist bislang nicht entschieden. (ebd.S.17)

Sicher ist nach Strian, dass unterschiedlichste Prozesse in jenen Hirnstrukturen, die für Angstreaktion zuständig sind, entsprechende (anfallsartige) Ängste auslösen können.

Zum Zustandekommen von Angst sagt dies freilich nichts Grundlegendes oder Allumfassendes aus, es werden vielmehr die biochemischen Zustände und Zusammenhänge erforscht, die am Angsterleben beteiligt sind.

Als wesentlichsten Beitrag unseres Jahrhunderts zur Erklärung der Angst wertet Strian aber die lerntheoretischen Modelle.

Die lerntheorethischen Modelle mit dem Beispiel der klassischen Konditionierung richten ihr Augenmerk auf die Entstehung von Angst durch die Beobachtung von Reiz und Reaktion.

Ein erschreckendes Geräusch wird beispielsweise mit bestimmten Gegenständen in Verbindung gebracht (Assoziation). Später genügt das bloße Erscheinen eben jenen Gegenstandes, um die Angstgefühle erneut hervorzurufen. Der Lernprozess ist allerdings ein permanenter, d.h. ebensogut kann sich eine „Extinktion“ (Löschung) einstellen, also das Zurückgehen der Angstgefühle (wegen Gewöhnung etc). Es braucht wohl, um eine Angstfixierung zu bewirken, eine Verstärkung dieses angstauslösenden Moments, etwa eine längerdauernde Reizstimulation die sich, verbunden mit der entsprechenden Verstärkung des Angstgefühls, als dauerhafte fixierte Angst manifestieren kann. Der Mensch mit seiner spezifisch vorausschauenden Geisteshaltung (er ist fähig, seine Gedanken auf Zukünftiges zu richten) ist so besonders gefährdet, vor allem weil die Angstentwicklung zum einen durch die Umgebung geprägt wird, zum anderen auch durch die individuelle Modellbildung. Der Zusammenhang von Reiz und Angstgefühl als zeitliche Konditionierung reicht allein wohl noch nicht aus, damit die Angstgefühle dauerhaft spezifisch werden. Entscheidend ist das Eintreten der erwarteten Vorstellung. So konditionieren angstauslösende Situationen um so stärker, „je grösser die Diskrepanz zwischen tatsächlicher und erwarteter Bedrohung ist und umgekehrt“.( Strian, 2000, S.13)

Auch das Lernen am Modell, am Vorbild, spielt eine wichtige Rolle bei der Angstentstehung.

So werden Handlungsweisen, die etwa Kinder bei ihren Bezugspersonen, also den Eltern machen, imitiert. Besonders eindrucksvoll sind solche emotionalen Reaktionen im bildhaften Gedächtnis verankert und bleiben auch oft im gesamten späteren Leben wirksam.

Nach der sozial-kognitiven Lerntheorie werden vor allem solche Verhaltensweisen erlernt und in das Verhaltensrepertoire aufgenommen, die soziale Bestätigung finden, wobei die kognitiven Prozesse die Wechselwirkungen zwischen Verhalten und der Umgebung steuern.(ebd.,S.14)

2.4 Angst als biologische Erscheinung

Die verhaltensbiologische Sicht orientiert sich ebenfalls an der Wirkung des Lernens. Das Wort „Biologie“ drückt in diesem Zusammenhang eine zusätzliche Fokussierung im Angstverständnis hinsichtlich der natürlichen Anlagen aus, zieht besonders die erklärbaren biologischen Ursachen heran, wie das Wort „Evolution“ auch beinhaltet. Es geht hier also um die „Biologie des Verhaltens.“ Nach Tembrock ist „Verhalten“: "organismische Interaktion mit der Umwelt auf der Grundlage eines Informationswechsels zur Sicherung der Entwicklung." (Tembrock, S.58) Hierbei meint Interaktion eine dynamische Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt, die auf dem Hintergrund von Selbstorganisation und Selektion die Vorraussetzung für Anpassung darstellen. Der Begriff "Entwicklung" zielt auf die Betrachtung dreier Ebenen, die sowohl aus Kontinuität und Veränderung bestehen: Phylogenese (Stammesgeschichte), Ontogenese (Individualgeschichte) und die Aktualgenese (Ereignisgeschichte). Letzterer versteht sich als Betrachtung des Ablaufes eines Einzelvorganges, etwa Nahrungserwerb, in einem übergeordneten Gesamtablauf.

Der Verhaltensbiologe Tembrock beschreibt dies am Beispiel eines Hasen, der auf einem Acker eines Menschen gewahr wird: „Der Hase läuft zum Waldrand und verschwindet in einer Erdmulde. Die Augen weit offen ‚drückt‘ er sich dort, die Ohren fest angelegt. Sein Herzschlag verlangsamt sich und er atmet noch langsam, was man dem Körper nicht ansieht. Der Mensch, den der Hase wahrgenommen hatte, ist ein Verhaltensbiologe, und der analysiert jetzt seine Beobachtung“.(ebd., S.60f.) Die Aktualgenese, die der Beobachter zunächst betrachtet, führt zur Fragestellung, wie das Verhalten verläuft. Die Motivation des Verhaltens des Hasen definiert er als „Furcht“. Folgend untersucht der Verhaltensbiologe auf der „Intermediären Ebene“ die Ontogenese, die Individualentwicklung, was in der Frage mündet: Wozu verhält sich der Hase entsprechend? Der individuelle Zweck wäre hier Schutz vor einer möglichen Gefahr. Das Verhalten des Hasen ist zum einen von der Ontogenese, also von den persönlichen Erfahrungswerten abhängig, als natürlich auch von der allgemeinen Stammesgeschichte. Dass, was den Verhaltensbiologen eben speziell interessiert, dreht sich um die Frage, nach dem „Warum“. Warum entwickelt der Hase Angst bzw. Furcht ?

Entscheidend ist für den Verhaltensbiologen, eine Unterscheidung zu treffen (bzw. zu systematisieren), welche Größen bei der Furchtentstehung nun eine Rolle spielen. Das Verhalten wird als ein dynamisches System verstanden, welches essentiell mit den Sinnesorganen, der Motorik und der Umwelt verknüpft ist. Tembrock führt bestimmte Vektoren an, wie den „Eingangsvektor“, der sich an Umweltinformationen und Wahrnehmung orientiert (Erkennungsmechanismen, die Zustände mit Bedeutung herausselektieren), „Zustandsvektor“ - Gedächtnisinhalte treffen zusammen und lösen Informationsprozesse aus (philogenetische, ontogenetische und aktualgenetische). Es gibt hier nun verschiedene Zustandsverhaltensmöglichkeiten: Ein freies Zustandsverhalten (Spontanaktivität), ein erzwungenes Zustandsverhalten (reflexartiges Verhalten auf Eingangsreize) sowie ein integriertes Zustandsverhalten (eine Kombination aus internen Vorgaben und Umweltreizen). Ein von einem Aussenreiz bedingter Schreckzustand wäre nun dem erzwungenen Verhalten zuzuordnen. Als drittes gibt es den „Ausgangsvektor“, der jenes kennzeichnet, was laut Tembrock für gewöhnlich und gemeinhin als „Verhalten“ definiert wird. Es ist ein umweltbezogenes Verhalten, ein „Gebrauchsverhalten“ (Sicherung der Nahrungsaufnahme) bzw. ein „Signalverhalten“ (Mitteilung an andere Individuen senden) (s.64) Dieses Konzept geht nach Tembrock über jene üblichen, am „Ausgangsvektor“ orientierten Definitionen hinaus, weil das Spezielle in der Interaktion mit der Umwelt nicht an den „Aktionen“, sondern (am inneren) Informationswechsel fest zu machen ist.(ebd.) Unterschieden wird ferner in der Begrifflichkeit „Umweltbeziehungen“, die näher betrachtet aus drei Umweltklassen bestehen:

- der eigener Körper als Umwelt (Wahrnehmung und Motorik, die sich auf den eigenen Körper beziehen)
- die ökologische Umwelt (Interaktionen mit der biotischen, als auch abiotischen Umwelt)
- die Population als Umwelt (genetisch gleichausgestattete Individuen, bilden auch die „soziale Umwelt“)

Tembrock als Vertreter der Verhaltensbiologie spricht von sogenannten „Bioindikatoren“ und verweist auf die Methode der Übertragung des Verhaltens auf organismische Zustände. Man kann aus Beobachtung so Verhaltensabläufe in verschiedenen optischen und akustischen Parametern erfassen und, wenn die Entsprechungen der Neurophysiologischen Zustände bekannt sind, bestimmte Diagnosen feststellen, die uns (als Beobachter) zu einer Aussage führen, wie etwa: „Das Tier ist krank“, „belastet“, „es leidet“ etc., was noch als unspezifisch gilt, wohingegen die Behauptung „Das Tier hat Angst“ eine spezifische ist. Durch Rückschlüsse lassen sich, laut Tembrock durchaus auch aus menschlichen Verhaltensweisen Angstphänomene erklären.

Angst hat also eine Schutzfunktion, sie ist eine lebenssichernde Emotion, ein Zustand, der den Menschen (und das Tier) vor möglichen Gefahren schützen soll. Angst wird vom Menschen aber gerne vermieden, sie wird als Unlust empfunden, so besteht auch eine gewisse Nähe zur Empfindung von Schmerz. Die vom Bewusstsein gesteuerte kognitive Komponente der Schmerzbewertung führt schliesslich auch zur Angst.

„ ‚Das Bewusstsein‘ ist eine Vorraussetzung für diese Verknüpfung und damit für das affektiv emotionale Erleben von Angst oder von Schmerzen.“ (Tembrock, s.171)

Vorraussetzung für die Angstwahrnehmung ist also ein Bewusstsein, dass sich, laut Tembrock aus neurophysiologischen Mechanismen rekrutiert.

Vielleicht trennt Tembrock die Begrifflichkeiten „Angst“ und „Furcht“ weniger im Kierkegaardschen Sinn, doch stellt er Verbindungen her, die schliesslich alle biologischen Wesen eint, was nicht misszudeuten ist, denn die Psyche des Menschen ist sicherlich unergründlicher, aufgrund der bekannten Eigenart der menschlichen Existenz, was aber letztlich auch nicht den Haupt-Forschungsgegenstand Tembrocks ausmacht.

3 Angst als Krankheit - Angst im Übermaß

Angst ist eine Reaktion auf die Wahrnehmung einer Gefahr, die logischerweise als bedrohlich eingeschätzt wird. Im „Normalfall“ setzt sie ein, wenn wir ein - mit Hilfe unserer Sinnesorgane erkanntes- körperlich oder seelisch bedrohendes Ereignis fürchten, um diesem daraufhin mit einer Reaktion, wie etwa der Flucht, begegnen zu können. In dieser Terminologie wäre natürlich, wie bereits geschrieben, das Wort „Furcht“ wohl passender, der Begriff Angst wird aber fast zwangsläufig wieder zum Mittelpunkt der Beschreibung, da man nun davon ausgehen muss, dass „Furcht“ hier nur mehr unzureichend das emotionale Erleben widerspiegelt, während „Angst“ ein vielschichtigeres Erleben beinhaltet.

Hinterlässt aber die höchst dominant (im Sinne von Einflussreich) wirkende Emotion „Angst“ ein Vakuum, das uns Menschen dabei behindert, angemessen auf die wahrgenommene Bedrohung zu reagieren, befinden wir uns auf dem Übergang zum Pathologischen. Nun, da eine Bedrohung als (zuweilen) Übermächtig angesehen wird und sie zugleich die eigene Machtlosigkeit verstärkt, liegt die Gefahr also nahe, dass ein angemessenes Reagieren unmöglich wird. Einige Menschen kapitulieren dann scheinbar und lassen die Angst walten, was zur Folge hat, dass diese in unnatürlicher Weise das Leben beeinträchtigt und es dort erschwert, wo es „objektiv“ betrachtet keinen Sinn ergibt. Trotz dessen ist die Wahrnehmung dieser Angstgefühle keineswegs als sinnlos zu bewerten, gibt sie doch gewissen Aufschluss darüber, dass eine gestörte Beziehung zur Aussenwelt vorliegt, die sich natürlich nun in der Innenwelt manifestiert. Individuelle Dispositionen, unterschiedliche Wahrnehmung, Erziehung, gemachte Erfahrungen und Bewältigungsmuster etc.. tragen zur Entstehung von Angstkrankheiten oder Angst-störungen bei, die uns aber, so groß die Gefahr der Stigmatisierung (und damit der Individualisierung der Störungen) als klinische Krankheit auch ist, zugleich vermitteln: Das Vorhandensein übermäßiger Angst ist auf Faktoren zurückzuführen, die auch ausserhalb unseres Selbstes liegen, denn eine Reaktion bedingt immer der Aktion, also des prägenden Reizes, ohne den (trotz des Faktes, dass Angst mit dem „Nichts“ zu tun hat) , keine Angst denkbar wäre. Gleichsam gibt es individuelle Schicksale, die ebenfalls zu Angstbelastungen führen können und ebenfalls zur Sprache kommen sollen. Der Schwerpunkt dieses Kapitels bildet somit die Darstellung der üblichen (klinischen) Angststörungen.

3.1 Normale und abnormale? - reale und krankhafte Angst

Angst ist in gewisser Weise ein Signal für Gefahren, gleich ob diese als real oder als phantastisch angesehen werden. Üblicherweise steht bei krankhaften Ängsten die irreale bzw. irrationale Seite im Vordergrund. Realangst tritt in der Regel erst in bedrohlichen Situationen auf. Ob allerdings und in welchem Verhältnis die angstauslösenden Momente in Verbindung von realen und „irrealen“ Faktoren stehen, dürfte weniger leicht zu klären sein. So bleibt man in der Kategorisierung bei den üblichen Einteilungen, die Ängste mit offensichtlichem und Ängste mit nicht-offensichtlichen Auslösemomenten unterscheiden. Auch verläuft die Grenze fliessend und nur scheinbar objektiv. Ein nur objekt-bezogenes Angstempfinden, dass für alle Menschen gleich relevant wäre, ist kaum vorstellbar, da jeder Mensch mitsamt seiner psychischen Verfassung und Disposition individuell geprägt ist. Ist es nun tatsächlich der Fall, dass uns Ängste erst und dann krank machen, wenn sie „nur“ der Fantasie entspringen (sie also irrationalen Charakter haben), wie es Holger Bertrand Flöttmann in seinem Buch formuliert.(Flöttmann, S.15) Es ist wohl ein entscheidendes Kriterium, wenn es um die Herkunftsanalyse von Angstgefühlen geht, dass man den diesbezüglichen irrealen Ursachen auf die Schliche kommen muss; man sollte sie aber dennoch nicht ins Reich der Fantasie verbannen, denn damit könnte doch der Eindruck entstehen, Angst wäre ein ausschliesslich individuelles (ein „Ego“-) Problem (im Sinne einer irregeleiteten Wahrnehmung), so sie sich in der entsprechenden Form darstellt. Ängste, die für aussenstehende Betrachter als nicht objektiv gelten, sind deshalb oft trotzdem als realistisch zu verstehen, im Sinne von „real“ wie die „tatsächlich“ begründbaren Ängste rationalen Ursprungs. Unnormale Angst kann es zumindest in diesem Verständnis nicht geben. Man kann also zunächst nur nach Gesichtspunkten, die entweder innerhalb oder ausserhalb der rationalen Wahrnehmung liegen, unterscheiden.

Sigmund Freud, der Begründer des Psychoanalyse, begriff die Realangst auch als Furcht, im Gegensatz zur „neurotischen Angst“, die er in drei Kategorien einteilte: frei-flottierende Angst, Phobie und Panikreaktion. (Sörensen, S.4) Zu seiner Zeit dominierte eine stark klinisch und mechanisch gefärbte Psychopathologie, die er mit der Beschreibung seiner Vorstellung zur (Angst)Neurose teilweise überwand.

Seit dieser Beschreibung ist die Symptomatik der Angstneurose innerhalb der Kategorisierung der Krankheitsbilder für uns relevant geblieben, zusätzlich entstanden aus der etwa zeitgleich erstmalig geschilderten „Platzangst“ (Kraepelin, 1887) andere „Krankheitsbilder“, die letztlich in die gegenwärtige Einteilung in vier ICD-10 und fünf DSM-III Angstkategorien mündeten.(Nissen in Nissen, Hg., S.10)

Angstkrankheiten gehören zu den häufigsten psychischen Störungen der westlichen Länder. Schätzungen gehen von bis zu 5-10 % der Gesamtbevölkerung aus. Nach dem üblichen amerikanischen Klassifikationssystem lassen sich acht Formen der Angststörungen unterscheiden, die das klinische Bild von Angsterkrankungen dokumentieren: (Wurthmann, in Müller, S.27)

- Panikstörung (mit oder ohne Agoraphobie)
- Agoraphobie
- einfache Phobie
- soziale Phobie
- Zwangsstörungen
- posttraumatische Belastungsstörungen
- generalisierte Angststörung
- atypische Angststörung

Schwierig bleibt es jedoch weiterhin, einen Strich zu ziehen zwischen dem, was als krankhaft gelten mag, und dem, was noch als normal zu werten ist. Verschiedene Auffassungen definieren diesen Punkt mehr oder minder genau, speziell die medizinische/psychiatrische Klassifizierung hat ganz spezifische Orientierungspunkte, die als Einteilungsraster dienen. Sicher besteht hier eine gewisse Gefahr dahingehend, dass „biologistisch“ vorgegangen wird, das neurochemische Befunde in den Vordergrund rücken und dabei das menschlich-individuelle verloren geht, besonders in einem heute so häufig anzutreffenden „technokratischen“ Medizinbetrieb, in dem es vielfach in erster Linie um pharmakologische Symptomeindämmung zu gehen scheint. Es bleibt also schwierig, von krankhafter Angst zu sprechen, da die Emotion selbst als völlig normal gilt. Nichtsdestotrotz gibt es eine Reihe von Beobachtungen und Erkenntnissen, begonnen durch die Freudsche Psychoanalyse, die einen Teil der übermäßigen Angst in Form einer krankhaften Angst zu erklären vermögen.

3.2 Die (klinischen) Angststörungen

3.2.1 Die neurotische Angst

psychoanalytische Aspekte

Ängste haben immer eine individuelle Prägung, sie sind geradezu von individueller Natur und haben doch einen universalen Charakter (die Offensichtlichkeit des Seins). Die Rolle der Wahrnehmung ist ein entscheidendes Faktum, denn ohne Wahrnehmung, ohne Geist, gäbe es auch keine Angst. Angst ist eine Emotion und von daher wohl auf Erkenntnis (zumindest zu einem bestimmten Grade) der eigenen Existenz angewiesen. Der Unterschied zwischen den Menschen und deren verschiedenartiger Wahrnehmung wird auch in der individuellen Definition der Angstauslöser ersichtlich, in den Furcht-Objekten und Situationen, in denen offenbar wird, dass der eine Mensch Angst empfindet, ein anderer jedoch nicht, oder nur in einem geringen Maß, so dass eher von Unwohlsein gesprochen werden kann, während beim ersten schon panische Züge auftreten. Neurotische Ängste haben etwas mit spezifischer Angstpräferenz zu tun, mit einer vom „normalen“, aussenstehenden Menschen abweichenden Realitätsvorstellung, die sich in der Empfindung und Bewertung der „Realität“ ungewohnt anders äussert, so dass man bei angstneurotischen Menschen von einer angstgewichteten Realitätswahrnehmung ausgehen kann und zwar in der Hinsicht, dass die Fixierung sich an bestimmte nichtaufgearbeitete bzw. durch frühere Erlebnisse geprägte Angstmuster heftet. „Der gemeinsame Nenner aller Neurosen ist Angst“, schreibt Michael Brown, kommt sie nicht vor, ist der betreffende Mensch wohl nicht neurotisch. (Brown, 1994, S.17) Die neurotische Angst ist eine Folge inneren Erlebens, sie ist gleichzeitig verzerrt und verfremdet. Die Folge ist, dass der Neurotiker die Angst nicht sinnvoll bewältigt, sondern dazu neigt, mithilfe verschiedener Abwehrmechanismen ihr aus dem Wege zu gehen. Wenn diese Mechanismen funktionieren, verspürt er nur geringes Missbehagen, versagen sie aber, wächst das Unbehagen parallel zu verschiedenen Symptomen wie: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Herzklopfen usw...

Andererseits sind neurotische Ängste oder Anteile fast immer anzutreffen, wir erleben sie etwa dann, „wenn wir etwas fürchten, das früher hätte eintreten können, in der Gegenwart aber nicht eintreten wird“.(König in Rüger, S.208) Karl König führt als Beispiel die Angst eines Mannes vor seinem autoritären Vater an, die sich auch später durch gleiche Angst vor autoritären Vorgesetzten zeigt. Die (Real)angst der Vergangenheit wird zur neurotischen Angst der Gegenwart, alte Erfahrungen werden so auf neue oder ähnliche Situationen übertragen, auch wenn sie nicht, oder nicht ganz passen.(ebd.)

H.Thomä bemerkt:

„Die neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr, die wir nicht kennen“ zitiert er Sigmund Freud, eine Gefahr, die „erst noch gesucht werden will“, (Thomä in Nissen, S.28) was wiederum beinhalten würde, zieht man das Grundsätzliche „Nichts“ in die Angstquellen ein, alle bedeutende Angst wäre neurotischer Natur, was ja auch in ihrer übermäßigen Form durchaus plausibel scheint.

Sigmund Freud (und somit die Psychoanalyse) war zunächst stark von der Psychopathologie beeinflusst, von deren medizinisch- anatomischen Verständnis er sich aber nach und nach ablöste. In dieser Entwicklung kam es zu dem Versuch, die Angstneurose, dessen Begriff er auch prägte, vom vorherrschenden Konzept der Neurasthenie zu lösen. Dies begann 1895 mit der Schrift Über die Berechtigung von der Neurasthenie einen bestimmten Systemkomplex als ´Angstneurose´ abzutrennen (vgl. Geyer, S.55)

Er, der „Vater der Psychotherapie“ litt selbst ein Jahrzehnt unter Angststörungen, er befürchtete, massiv Herzkrank zu sein und diagnostizierte bei sich selbst „Myocarditis“ (Herzentzündung), bevor er jedoch die Störung in „Angstneurose“ umtaufte. (Morschitzky, S.15)

Nach Freud waren kennzeichnend für die Angstneurose 10 Punkte:

1) eine allgemeine Reizbarkeit, also eine Überempfindlichkeit, gesteigerte Reizbarkeit
2) eine ängstliche Erwartung (Kernstück der Neurose, ein Teil „frei flottierender Angst“ ist enthalten
3) Bewusstseinsäusserung, Vorstellung des drohenden Schlagtreffens usw...
4) rudimentäre Angstanfälle und Äquivalente des Angstanfalls
5) nächtliches Aufschrecken
6) Schwindel, Taumel
7) chronische Ängstlichkeit bedingt zwei Gruppen von Phobien
8) charakteristische Störungen der Verdauungstätigkeit
9) begleitende Parästhesien beim Schwindel/Angstanfall
10) Möglichkeit der Chronifizierung bestimmter begleitender Symptome

Besonders kennzeichnend ist für die Angstneurose das diffuse Angstwahrnehmen, ein „zwar schwankender, aber eigentlich ständig anhaltender Angstzustand..“ (Reister in Müller, S.64),

ein wie von Freud genanntes „frei flottierendes“ Angstphänomen.

Angstneurotiker sind in ihrer Handlungsfähigkeit im Vergleich zum „Normal“-Angstempfindenden eingeschränkt, da im Falle eines neurotischen Angstanfalls das Handlungspotential stark quasi blockiert wird. Die Gefahr ist aufgrund von Abwehrprozessen unbewusst, was ein beständiges Ausgeliefertsein für den Betroffenen bedeutet. Das Erleben von Angst bewirkt einen Verdrängungsprozess, da man sich zu schützen versucht, was aber das Leiden ständig wiederholt.

Wie Karl König schreibt, ist es bei den neurotischen Angstkranken oft die Regel , dass sie schon im Kindesalter die Realität falsch einschätzten. Die Angst beruht demnach oft auf Verkennung, etwa bei der Wahrnehmung in Bezug zur Mutter als ein gutes oder böses Objekt, bzw. als zwei getrennte Personen in einer. In späteren Situationen, im Erwachsenenalter, kann es dann zu einer ähnlich gelagerten Wahrnehmungsweise erneut kommen, die eine „holzschnittartige“ Sicht auf die Menschen bewirkt: „Sie haben Angst vor Menschen, die sie für ganz böse halten, obwohl sie es nicht sind.“ (König, in Rüger Hg., S.210)

Eine neurotische Entwicklung beginnt oft frühzeitig und vor allem dann, wenn jemand befürchtet, er könne seine Gefühle nicht verarbeiten, was, wie Brown bemerkte, dann der Fall ist, wenn die Umwelt ihm dabei nicht hilft. (Brown, S.19)

Dass die unterdrückenden Abwehrmechanismen, die bestimmte Gefühle ausschalten, irgendwann nicht mehr helfen, bleibt bei den Neurotikern auch peripher bewusst. Die Angst erfährt jedoch mit dem Fehlschlagen der Strategie zusätzliche Ausweitung und Verstärkung. Die Angst wird so eine doppelte: man fürchtet sich, sich den eigenen Gefühlen zu stellen und gleichzeitig, ihnen aus dem Wege zu gehen. So entwickelt sich die Angst und wird immer größer, weshalb der neurotische Mensch auch immer mehr Energie für eine immer geringer werdende Reduktion dieser Angst braucht. „So ähnelt eine Neurose einer Drogenabhängigkeit“. (ebd., S.20)

Das Ausmaß neurotischer Angst wird also vom Unbewussten geprägt. So ist das Erleben der Einbildung, die von unbewusstem Schemata gesteuert wird und die menschliche Wirklichkeit bestimmt, eine „psychosoziale Realität“.(Thomä, S.29)

Zur Ausbildung der neurotischen Ängste scheint ein Abstand zur Gefahr konstitutiv zu sein, die kognitive Seite (der Angstwahrnehmung ) „benötigt zur Entfaltung eine gewisse Distanz des erlebenden Ich zum aktuellen Geschehen“. So kann in dieser „kontraphobischen“

Haltung die Distanz zur totalen Angstverleugnung führen. (ebd.)

Trennungssituationen sind, nach Hans G. Reinhard, Hauptauslöser der Angstneurosen, statt mit Trauer und Depression wird die Trennung vorwiegend mit Angst beantwortet. (Reinhard in Müller, S.97)

klinische Aspekte

Während die psychoanalytische Ausrichtung im Grunde in der von Freud begründeten Terminologie noch immer von der „Angstneurose“ spricht, fällt in klinischer Hinsicht neben den ähnlichen Symptomatiken bei Panikstörungen/Panikanfällen das „generalisierte Angstsyndrom“ unter diese Begrifflichkeit als eigenständige Klassifizierung, so dass die oben erwähnten Symptome der Angstneurose etwa parallel der klinischen Einteilung der „Panikstörung“ entsprechen. Üblich ist auch bei der „generalisierten Angst“ in der Terminologie der „frei flottierenden Angst“ zu sprechen.

Das Wesen der Angststörungen besteht u.a. darin, dass Situationen oder Objekte, die im normalen Fall eben nicht als bedrohlich gesehen werden und auch objektiv gesehen keine Bedrohung darstellen, als sehr starke Stressreize empfunden werden, die von den Patienten

nicht bewältigt werden können, Nervosität und Unruhe begleiten das Erleben der Betroffenen.

Bedeutsam ist auch das Vorhandensein der Angstgefühle über einen längeren Zeitraum hinweg, erst dann kann man die klinische Diagnose (Generalisierte Angststörung) stellen. Drei Symptomebereiche werden unterschieden (Emmelkamp/Boumann/Scholing, S.48):

- motorische Spannung (Zittern, Muskelspannung, -schmerz, rasche Ermüdung)
- autonome Hyperaktivität (Kurzatmigkeit, Herzklopfen, Schweiss, Schwindel, Übelkeit, Kloss im Hals etc...)
-Wachsamkeit („sich aufgekratzt fühlen“, übertriebene Schreckreaktionen, Konzentrationsausfälle, Gereiztheit etc..)

Typisch ist das Vorhandensein einer angstvollen Erwartung, häufig begleitet von körperlichen Spannungsbeschwerden, die scheinbar durch das Grübeln verursacht werden..

Für die Mediziner bedeutet das Erkennen einer solchen Angsterkrankung ein besonderes Maß an Erfahrung, gerade weil die entsprechenden körperlichen Symptome eine zugrundeliegende Angststörung verdecken können. Die Fähigkeit, die bei den Ärzten hier gebraucht wäre, ist, notwendige Schritte einzuleiten, Unnötiges und Überflüssiges aber zu vermeiden. (vgl. Strian, S.36)

Weil Angst auch Produkt des Lernens aus der Wechselwirkung zwischen eigenem Verhalten und Umwelt ist, ist aus dieser Hinsicht die Angst aus der Überzeugung, den Erfordernissen nicht begegnen zu können, verursacht.

Angstmindernd wirkt eine Situationsbewältigung, eine Kontrolle über eine Situation, die im Üblichen angsterzeugend ist. Wie schon erwähnt, spielt die kognitive Seite eine besondere Rolle, das Vorhandensein dieser entsprechenden Angstprägung als erlernte Hilflosigkeit scheint besonders im Bereich der Angstneurosen typisch zu sein, aber auch Panikstörungen, Traumata spiegeln diesen Verhaltensaspekt wieder.

Neuropsychologisch werden Angstanfälle ähnlich der übrigen Anfallsleiden als in bestimmten Hirnstrukturen erkennbaren Erregungen beobachtet, auch die Symptome der (ebenfalls durch Reizungen in den Hirnregionen hervorrufbaren) Panikanfälle deuten darauf hin, dass entsprechen beteiligte Hirnstrukturen funktionsverändert sind. (vgl. Strian, S.38f.)

3.2.2 Phobische Ängste

Als der Gegenpol der spontan auftretenden Angst, der „frei-flottierenden“ Angst gilt die Phobie, die an Objekte oder Situationen gekoppelt ist. Das Angsterleben selbst ist dabei recht ähnlich, Phobien sind oft auch Teil einer Angstneurose, sie sind aber weitaus offensichtlicher, da ihr Furchtobjekt eindeutig identifizierbar ist. Phobien sind nur schwer klassifizierbar, da sie sehr vielgesichtig erscheinen können. Phobien, die im klinischen Maße als krankhaft gelten, sind im Vergleich zu den Häufigkeiten von leichteren phobischen Befürchtungen recht selten. (Strian, S.42) Nach Alfons Hamm können aber furchtauslösende Situationen, trotz der Unterschiedlichkeit der Furchtquellen nicht einer Klassifikation entbehren. So führt er fünf Gruppen von Phobien an, die sich als stabil erwiesen hätten (Hamm, S.6):

- Furcht vor sozialen Situationen
- Agoraphobische Furcht
- Furcht vor Verletzungen, Tod und Krankheit
- Furcht vor sexuellen u. aggressiven Szenen
- Furcht vor harmlosen Tieren

Allerdings, so setzt Hamm hinzu, wäre eine derartige Einteilung nur dann sinnvoll, „wenn es gelingt, korrespondierende Korrelate dieser Situationsklassen in der phobischen Symptomatik, also in der Furchtreaktion und dem Vermeidungsverhalten zu finden“ (ebd.),

da sich eine solche Klassifikation ausschliesslich den phobischen Inhalten zuwendet.

Ein anderer Versuch ist die Einteilung nach kommunikativem (aktives, auf andere Organismen ausgerichtetes Verhalten) und non-kommunikativem Verhalten („nicht reagierende, physikalische Umwelt“).(ebd.)

Typisch ist, dass krankhafte Phobien oft nicht als isoliertes Symptom, sondern zusammen mit anderen Ängsten auftreten, die zusammen dann durchaus eine schwere Behinderung sein können.

Medizinisch unterschieden wird eine Phobie zum einen nach den klinischen Kriterien „einfache“ Phobie, Soziale Phobie und Agoraphobie, die so häufig scheint, dass sie als eigenständige Klassifizierung gilt, während andere Phobien (Höhenangst, Angst vor Enge oder seltenere Angstformen wie Angst vor Büchern oder Angst vor der Unglückszahl 13..), also übertriebene oder irrationale Befürchtungen, unter die erste Kategorie fallen.

Das für Phobiker typische Verhalten liegt naturgemäß in der Vermeidung der betreffenden angstauslösenden Situation. Ein sich-aussetzen der Gefahrenquelle, des Gefahrenmomentes würde eine unmittelbare Angstreaktion zur Folge haben. Die Tatsache, dass Betroffene zumeist um ihre ungerechtfertigte und übertriebene Angst wissen, genügt aber nicht, um der Angst zu begegnen.

In den Phobien handelt es sich um eine Form von destruktiver, überhandnehmender Angst. Im Hinblick auf die Angstobjekte sprach Von Gebsattel von „Gestalten des Nichts“ (zit.nach von Baeyer, S.171); das Bedrohende wird als die aufsteigend erlebte Unmöglichkeit, des Seins habhaft zu werden verstanden, ein „unfreiwilliger Nihilismus“ ist eine Grundhaltung dieser Zustände. Das „Nichts“, auch in seiner verschleierten, verkleideten Form wird zur Angstquelle, wo wieder die deutliche Nähe zum grundlegenden Angstverständnis im Kierkegaardschen Sinn erkennbar wird.

3.2.3 Agoraphobie

Eine der häufigsten Erscheinungsformen (und eigene Klassifikation als Störungsbild) der Phobien ist die Agoraphobie, deren Hauptmerkmal die Furcht vor öffentlichen Plätzen und Orten ist; auch die Furcht vor Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln oder ähnlichem zählt hierzu. Auffällig sind die körperlichen Symptome, die sich schnell einstellen, wenn Betroffene ihre Wohnung verlassen und Befürchtungen wie etwa „umzukippen“ oder die Beherrschung zu verlieren. Doppelt so häufig trifft es Frauen als Männer, die generell häufiger unter einer Angststörung zu leiden scheinen. Oft tritt sie in Verbindung mit anderen psychischen Leiden auf, z.B. der „Panikstörung“ oder der Depression. Die Betroffenen der Agoraphobie haben auch ansonsten ein hohes Vermeidungsverhalten, ein hohes Maß „generalisierter Angst“ in sich.

Die Störung tritt zumeist erst im Erwachsenenalter auf (Rachman, S.135), scheint also eher durch Lebensereignisse konditioniert zu werden.

Die Angst, unter der die Betroffenen leiden, ist aber nicht etwa eine Furcht vor bestimmten Orten und Plätzen, sondern eher eine Befürchtung, an diesen Orten eine Panikattacke zu bekommen mit den entsprechenden Angstzuständen. Deshalb werden besonders jene Orte gemieden, wo im Falle eines Anfalles etwa kein schnelles Entkommen möglich wäre, oder andere Menschen die Angstsymptome bemerken würden (was als peinlich gewertet werden würde).

Dadurch hat man die Agoraphobie in ihrer Ausrichtung als eine Art „Angst vor der Angst“ mehr abzugrenzen versucht vom Bild der phobischen Störung, die ihrerseits ja stark objekt/subjekt-bezogen ist. Sie wird daher oft als „sekundäre Komplikation einer Panikstörung“ interpretiert. (Hamm, S.81)

3.2.4 Soziale Phobie

Als eine besonders auffällige und hartnäckige Angst zählt die Angst, sich lächerlich zu machen, was ein äusseren Bestandteil in der Bewertung einer „sozialen Phobie“ ausmacht. Es ist eine Angst vor bestimmten Situationen, in denen die betreffende Person einer kritischen Bewertung durch andere ausgesetzt ist. (Emmelkamp u.a.,S.25)

Eine sehr häufige gefürchtete Situation ist die, in der Öffentlichkeit sprechen zu müssen. Auch Situationen, die ein Beobachten beim Essen oder beim schreiben durch andere möglich machen, werden gern gemieden.

Sozialphobiker stehen sozusagen unter einer besonderen, übersteigerten Selbstbeobachtung, was beinhaltet, dass nicht die Umwelt und die von ihr ausgehenden Bedrohungen beachtet werden, sondern die eigene Person, die als Quelle eines Fehlverhaltens angesehen wird. (Hiemisch, S.18)

Die besondere Selbstaufmerksamkeit beansprucht „kognitive Kapazität“, so dass auch die Möglichkeit sozialer Interaktion deutlich eingeschränkt werden, z.B. schenken sie den Interaktionspartnern zu wenig Aufmerksamkeit... Von aussen betrachtet gelingt die Interaktion in sozialen Situationen oft besser, als die Betroffenen selbst glauben, sie bewerten ihre sozialen Kompetenzen übertrieben negativ.(ebd.)

Auch soziale Phobien sind besonders durch Vermeidungsverhalten gekennzeichnet, fast immer sind negative soziale Konsequenzen an der Tagesordnung, etwa Schwierigkeiten, sich in Gruppen einzufügen oder Freundschaften herzustellen. Der Kommunikationsmangel verstärkt die Hilflosigkeit und blockiert wiederum eine Inanspruchnahme von Hilfe anderer Menschen, zunehmende Isolierung ist dann typisch. Typisch ist auch die Tendenz zur Symptomfixierung.(Strian, S.48)

Ob oder wie stark ein soziales Defizit tatsächlich bei den Angstphobikern vorhanden ist, bleibt wohl strittig, während die Frage nach der Selbsteinschätzung des Sozialverhaltens zweifellos von hoher Bedeutung ist. Oft sind parallel zu den sozialen Ängsten andere psychische Störungen anzutreffen, oder anders ausgedrückt, leiden etwa Menschen mit depressiven Symptomen, Zwangsgestörte u.a. häufig unter sozialen Ängsten.

(vgl. Rachman, S.162)

Neben der schon erwähnten Anstieges der selbstbezogenen Aufmerksamkeit steigt, laut Wells und Clark, ebenso der Einsatz vom Sicherheitsverhalten und die Möglichkeit des Auftretens spezieller angstbedingter Verhaltensdefizite. Bedeutsam ist auch deren Gedanke, dass sozialphobische Menschen aufgrund ihrer negativen Selbsteinschätzung ein Bild von sich malen, von dem sie glauben, dass es auch der Wahrnehmung anderer Menschen entspricht.( vgl. Rachman, S.164)

Laut kognitiver Theorie liegt der Kern der Sozialphobie in einem mangelnden Vertrauen in die Fähigkeit, auf andere einen positiven Gesamteindruck zu machen und der Fehleinschätzung eines tatsächlichen, bzw. vermeintlichen Scheiterns und dessen Folgen...

3.2.5 Panikstörungen

Panikstörungen sind recht häufig verbreitet und können bei allen Angststörungen vorkommen, also auch bei sozialer Phobie oder bei Zwangsstörungen. (Rachman, 105)

Laut Rachman sind sie heutzutage geradezu symptomatisch für das Problem der Angstkrankheiten, ihr Stellenwert ist so auch besonders hoch, im Vergleich zur früheren Fokussierung auf die Platzangst, der Agoraphobie.

Unter Panikstörungen sind plötzliche Angstanfälle zu verstehen, die unerwartet auftreten. Wie zu Beginn des Kapitels schon erwähnt, spielt häufig eine Agoraphobie bei dem Krankheitsbild eine Rolle. Im Unterschied zur Phobie, die ein besonderes Vermeidungsverhalten kennzeichnet, bleibt der Grund für das Zustandekommen eines solchen Angstanfalles auch dem Betroffenen oft rätselhaft. Viele Anfälle treten allerdings periodisch auf, in einem Zeitraum, der für den Patienten oder Betroffenen von der Angst einer gleichartigen Wiederholung geprägt ist. Eine Angst vor der Angst und damit den einhergehenden körperlichen Missempfindungen sorgt schliesslich für dauerhafte Unruhe, die man auch Erwartungsangst nennen kann.

Die somatischen und kognitiven Symptome und Auffälligkeiten werden von den Betroffenen häufig als lebensbedrohlich erlebt, ein Umstand, der ebenfalls verdeutlicht, dass Angst (und besonders die Momente eines Angstanfalles) etwas mit Verlust, mit dem drohenden Tod zu tun haben. Strian nennt die Panikattacken „Wellengipfel im Meer der Angst“, die Gesamtheit dieser Angstempfindung ist die Panikstörung, die mit wiederkehrenden Angstanfällen verbunden ist.(Strian, S.34)

Nach DSM-IV werden drei Arten von Panikattacken, je nach dem Auftreten, unterschieden:(Morschitzky, 40)

- Unerwartete Panikattacken, „aus heiterem Himmel“ erschienen; diese Anfälle sind zur Diagnose der Panikstörung nötig
- Situationsgebundene Panikattacken, basierend auf Konfrontation mit einem bestimmten Reiz, Auslöser oder Vorstellung; charakteristisch für soziale und spezifische Phobien...
- Situationsbegünstigte Panikattacken, Begünstigung des Auftretens der Attacken durch bestimmte Situationen, werden allerdings nicht sofort ausgelöst...

Das Auftreten der wiederholten Angstanfälle verursacht eine andere Lebensweise, d.h. vielfach vermeiden Betroffene eine Wiederholung bestimmter Situationen, indem sie nicht mehr aus dem Haus gehen oder ähnliches. Es werden überdies viele existentielle Fragen berührt, die in ihrem Erleben dem Betroffenen die Selbstverständlichkeit des Lebens verlieren lassen, das „Urvertrauen“ geht verloren (Strian, S.41), während sich das Sicherheitsbedürfnis oft extrem verstärkt.

Viele Menschen mit Panikattacken sorgen sich ob der Anfälle um ihren Gesundheitszustand und vermuten schwerwiegende, nichterkannte Krankheiten, wenn sie die Untersuchungsprozedur hinter sich gebracht haben.

Die den Betroffenen so offensichtlichen Symptome wie z.B. Herzrasen oder Zittern und Beben sind oft äusserlich (von Passanten, wie auch von Fachleuten) nicht im dem Maße erkennbar, wie sie (die Betroffenen) selber glauben. Auch nehmen Panikpatienten ihre körperlichen Symptome stärker wahr, als diese tatsächlich sind. (Morschitzky, S.43) Entsprechend des eher „inneren Erlebens“ gibt es auch kaum eindeutige Laborbefunde, um eine Panikstörung zu diagnostizieren.

Auslösemomente für eine erste Panikattacke scheinen oft Überlastungen oder chronische Konflikte zu sein, gewöhnlich entspringt sie auf dem Hintergrund eines besonders hohen Stressniveaus, so sind Panikattacken zu verstehen, als „besonders dramatisch ablaufende Alarmreaktionen auf Streß oder auf eine Häufung von Stressoren.“ Später verselbstständigt sich diese Panik durch die schon erwähnte erneute Furcht vor einem Anfall, was wiederum die Anspannungshaltung erhöht. (ebd.,S.50)

Zwei Arten von Stressfaktoren werden von Morschitzky genannt:

- Psychophysiologische, (körperliche) Belastungen; niedriger Blutdruck, Allergie, Schwangerschaft, Geburt, zuviel Kaffee u.a.
- Psychosoziale Belastung; Todesfall, schwere Erkrankung eines Angehörigen, akute Konflikte, Trennungserlebnisse etc..

Im direkten Vergleich zu anderen Angststörungen bestehen gewisse quantitative Unterschiede, die charakteristisch sind, wie u.a. der besondere Stellenwert der somatischen Symptome, der akute Zeitverlauf, die Unvorsehbarkeit der Angstanfälle und die besondere Bedeutung interner angstauslösender Reize. (vgl. Morschitzky, s.56)

3.2.6 Zwangskrankheiten

1838 wurden die Zwangskrankheiten erstmals im heutigen Sinn von dem französischen Psychiater Esquirol beschrieben, die er als „Krankheit des Zweifelns“ bezeichnete. (Morschitzky, S.78) Im amerikanischen Diagnosesystem zählen die Zwangsstörungen seit 1987 zu den Angststörungen, was in der internationalen Diagnostik nicht der Fall ist (hier zählen sie nach ICD-10 zu den neurotischen Störungen). Ich möchte sie trotzdem an dieser Stelle erwähnen, da zwanghaftes Verhalten viel mit Gefahrenabwehr, mit Sorge, Befürchtungen und auch mit Ängsten zu tun hat.

Auch „gesundes“ Verhalten ist häufig mit zwangsähnlichen Phänomenen behaftet, z.B. auf bestimmten Linien gehen, Vermeiden bestimmter Bodenplatten, zählen von Treppenstufen, stereotype Gewohnheiten und Rituale...etc. Laut Morschitzky sind diese aber nur Strukturierungshilfen für das Leben. Im Gegensatz zum Gesunden kontrolliert der Zwangskranke übermässig, gewinnt dadurch aber trotzdem keine Sicherheit. Zwangsstörungen beinhalten Zwangsgedanken und Zwangsimpulse, wobei 85 % der Betroffenen primär Zwangshandlungen aufweisen; nur 12 % der Zwangskranken in Behandlungseinrichtungen leiden unter reinen Zwangsgedanken. (ebd.,S.79)

Zwangshandlungen kann man unterscheiden in verschiedene Typen:

- Wasch- und Säuberungszwänge; oft stundenlange Reinigungsprozeduren sollen befürchtetes Unglück, Krankheiten verhindern, bzw. ein Gefühl des Wohlbehangens wiederherstellen
- Kontrollzwänge; Angst vor einer Katastrophe, durch Unterlassung wird ein Unglück befürchtet, dessen Ursache man an sich selbst sieht...
- Ordnungszwänge; mittels eines festen Ordnungssystems soll die Lebensumwelt strukturiert werden, Perfektionsdrang, wonach z.B. alles an seinem Platz stehen muss mit millimetergenauer Ausrichtung...
- Wiederholungszwänge; diese dienen der Abwehr und Neutralisierung etwaiger Katastrophen, Stereotypen wie etwa Bewegungen, oder Zählen müssen..
- Sammeln, Stapeln und Horten; Gegenstände, auch nutzlose werden jahrelang gesammelt, aus Angst etwas noch einmal gebrauchen zu können, wird nichts weggeworfen

Zwangsgedanken treten in zwei Formen auf: (vgl. Morschitzky, S.82)

Zwangsbefürchtungen und –impulse, die mittels eines Rituals neutralisiert werden sollen, wirken auf kognitiver oder verhaltensbezogener Weise kurzfristig angst- und spannungsreduzierend. Daneben gibt es Denkzwänge oder zwanghaftes Grübeln, die eher angstverstärkend wirken, weil sie nicht durch einen Gegenimpuls neutralisierend wirken können. Charakteristisch für Zwangsgedanken ist die Aufdringlichkeit bestimmter Vorstellungen und Gedanken, sowie der irreale Charakter. Im Gegensatz zu einer Psychose wissen die Betroffenen von ihrer Zwanghaftigkeit, also Übertriebenheit, wie sie auch von der Subjektivität ihres Problems wissen.(ebd.,S.85)

Übereinstimmung und Überschneidung der Symptomatik bestehen zum Teil bei depressiven Menschen, da Zwangsgedanken häufig auch Teil einer depressiven Episode sind.

Was Häufigkeiten der Zwangskrankheiten angeht, so liegen etwa 50 % der Störungen beim Waschzwang, 35 % beim Kontrollzwang, nur lediglich 12-15 % sind reine Zwangsgedanken. Waschzwänge sind typisch für Frauen, während Kontrollzwänge eher männertypisch sind und bei ihnen deutlich früher auftreten.(ebd., S.87)

Da zwanghaftes Verhalten von den Betroffenen oftmals verheimlicht wird und Scham besteht, suchen sie erst spät ärztliche/professionelle Hilfe, zumeist sind dann familiäre, soziale und berufliche Beeinträchtigungen längst gegeben. In Deutschland wird die Prävalenz der Zwangsstörungen auf 2 % geschätzt. (Emmelkamp/van Oppen, S.11)

Eine eindeutig kausale Herkunft der Zwänge ist in lerntheoretischer Hinsicht eher anzuzweifeln, da es auch wenig Hinweise in Bezug auf Dominanz von klassischer Konditionierung gibt. (vgl.Emmelkamp/Boumann/Scholing, S.68)

Oft scheint es keinen expliziten Zusammenhang mit traumatischen Ereignissen zu geben.

Die Durchführung der Zwangshandlung ist per se nicht zwangsläufig angstreduzierend, sie kann sogar die Angst verstärken, doch ist anzunehmen, dass diese Angst weniger schmerzhaft wahrgenommen wird, als jene, die in den Augen der Betroffenen als „Unterlassungschuld“ manifestiert ist (wenn sie eine Handlung unterlassen). (ebd., S.69) Studien zufolge liegt die Entwicklung einer Zwangshandlung u.a. in gewissen kognitiven Störungen begründet, die solcherart sind, dass Zwangspatienten nur schwer doppeldeutige Situationen vertragen können, ein wohl anerzogenes hohes Sicherheitsbedürfnis haben, das etwa auf eine einerseits Überfürsorglichkeit und andererseits auf eine gewisse Ablehnung seitens der Eltern schliessen lassen kann und sie somit Produkt „negativer“ Erziehungsmethoden sind. (ebd., S.69 f.)

3.2.7 (Post)Traumatische Belastungsstörungen

Ganz logisch klingt hingegen das Vorhandensein bestimmter Ängste im Hinblick auf gemachte Erfahrungen, die bei den Menschen einen tiefen Eindruck hinterliessen.

Am bekanntesten dürfte die „Unfallneurose“, die etwa nach Eisenbahnunfällen im 19.Jahrhundert, bzw. die „Kriegsneurose“, „Schützengrabenneurose“ bei Teilnehmern am 1. oder 2. Weltkrieg sein. Die Diagnose als postraumatischen Belastungsstörung ergab sich erst aufgrund des Vietnamkrieges und der psychischen Folgen. 1980 wurde sie im amerikanischen DSM-III-Diagnoseschema aufgenommen. (Morschitzky, S.88)

Es handelt sich bei dieser Störung, nach ICD-10, um eine „verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes“.(ebd., S.90)

Arten traumatischer Erfahrungen sind: Individuelle Gewalt (körperliche oder seelische Misshandlungen, Vergewaltigung, Banküberfall, Entführung etc.), kollektive Gewalt (Krieg, Kampf, Terror, KZ, unmenschliche Haftbedingungen), Naturkatastrophen, Technikkatastrophen oder körperliche oder psychische Extrembelastungen (Verbrennungen, Gehirnblutung, lebensbedrohliche Erkrankung...). Die Auswirkungen solcherart Erlebnisse gestalten sich nach Morschitzky (S.92), folgendermaßen :

- wiederholtes Erleben des Traumas, Flashbacks etc..
- ständige Angst vor möglicher Wiederholung
- Vermeidungsverhalten bei Situationen, die an das Erlebnis erinnern
- übermässige Schreckhaftigkeit, übermässige Beschäftigung mit dem Tod
- Gleichgültigkeit und emotionale Abstumpfung, soziale Beziehungsstörung
- vegetative Übererregbarkeit mit körperlichen Symptomen
- Resignation, Verlust der Selbstachtung, depressive Stimmung,

Das Angsterlebnis prägt also das gesamte weitere Leben, was nach Strian an der Struktur der mediobasalen Schläfenlappen liegt, die ein sogenanntes und nur schwer löschbares „molekulares Angstgedächtnis“ ausmachen. Das bedeutet lerntheoretisch ausgedrückt, dass es trotz häufiger Konfrontation mit den Ereignissen zu keiner Gewöhnung und damit Entlastung kommt. (Morschitzky, S.93)

[...]

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Angst und Gesellschaft. Ursachen, Erscheinungsformen und Verhalten
Untertitel
Pathologische Angst als Zustand bei Individuum und Gesellschaft
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
132
Katalognummer
V28241
ISBN (eBook)
9783638300773
ISBN (Buch)
9783638717571
Dateigröße
1023 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursachen, Erscheinungsformen, Verhalten, Angst, Gesellschaft, Kultur, Sozialpsychologie, Krankheit
Arbeit zitieren
Jonas Wetzel (Autor), 2002, Angst und Gesellschaft. Ursachen, Erscheinungsformen und Verhalten , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28241

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