Macht im "Leviathan" von Thomas Hobbes


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verkörperung des Leviathan

3. Der Staat des Leviathan

4. Die große Trias der Hobbeschen Philosophie
4.1 Der Naturzustand
4.2 Der Vergesellschaftungsvertrag
4.3 Die Gründung des Staates

5. Die Macht im Leviathan
5.1 Der Machtbegriff von Hobbes
5.2 Das Machtstreben im Naturzustand
5.3 Die Machtfülle des Leviathan

6. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Hobbes zählt zu den ‚Vätern‘ der politischen Philosophie (Bohlender 1995: 79). Vor allem sein politisches Traktat Leviathan, das im Jahr 1651 veröffentlicht wurde, ist ein überragendes Werk der neuzeitlichen Philosophie[1] und ein Gründungsbuch der politischen Moderne. Obwohl das Machtwerk Leviathan mehr als dreieinhalb Jahrhunderte alt ist, ist es immer noch ein Schlüsseltext für das politisch-philosophische Verständnis (Kersting 1996: 1).

Im Leviathan entwickelt Hobbes eine systematische Theorie des Staates und der Souveränität. In seinem Machtwerk thematisiert er vor allem die, aus der natürlichen Ausstattung des Menschen folgende, Notwendigkeit der Staatsgründung sowie die machtpolitische Gestalt des Staates (Kersting 1996: 3).

Die Lexika definieren Leviathan als Fabeltier oder als Inbegriff des Bösen (Buchanan 1984: 209, Herv.i.O.). Im Alten Testament verbindet man diesen Begriff mit dem Widergöttlichen, mit der kosmischen Macht oder mit dem Fürsten der Unterwelt (Vonessen 1991: 154). Thomas Hobbes wendet unterdessen diesen Ausdruck auf den souveränen Staat an (Buchanan 1984: 209). Dabei bezieht er sich auf die Schreckfigur des Buches Hiob, den Leviathan, den Beherrscher der Meere (Noetzel 2005: 33).

Der Leviathan hat die Aufmerksamkeit vieler Forscher erregt. An diese Stelle sind zwei große Hob-Interpreten Carl Schmitt und Leo Strauss zu erwähnen. Die beiden Theoretiker haben unser heutiges Bild von Hobbes geprägt und die politische Theorie in großem Maße beeinflusst (Bohlender 1995: 195). Auch der Philosoph Wolfgang Kersting, der sich intensiv mit dem Machtbegriff bei Thomas Hobbes auseinandergesetzt hat, sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben (Forkel 2010: 4).

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit dem Phänomen der Macht in dem Werk Leviathan von Thomas Hobbes. Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, die Bedeutung von Macht in Leviathan aufzudecken und zu klären, welche Funktion sie in dem gesamten Werk hat. Auch die Darstellung des Hobbeschen Staatsmodells, was ja von großer Bedeutung für das allgemeine Verständnis der Hobbeschen Philosophie ist, zählt zu den Zielen dieser Arbeit.

Die vorliegende Arbeit ist in fünf Kapitel aufgeteilt. In den ersten zwei Kapitel versucht man aufzuzeigen, wie der künstliche Mensch also der Leviathan überhaupt geschaffen wird und wie er sich dann in einen Staat bzw. in eine Maschine, wie Schmitt ihn definiert, verwandelt. Als Erstes werden die Vermenschlichung des Leviathan und seine Körperstruktur thematisiert. Des Weiteren versucht man zu klären, was der Staat in Hobbes Theorie bedeutet und was seine Bestandteile sind. Im weiteren Schritt der Arbeit befasst man sich mit der großen Trias der Hobbeschen Philosophie: mit dem Naturzustand, Vertrag und Staat. Im ersten Unterkapitel konzentriert man sich auf die Naturzustandstheorie von Hobbes. Dabei soll klargestellt werden, was der Naturzustand ist und aus welchen Gründen er überwindet sein muss. Weiterhin wird das vertragstheoretische Begründungsmodell vorgestellt, wobei das Augenmerk auf den Prozess der Vertragsschließung gerichtet wird. Im letzten Unterkapitel geht es um die Staatsentstehung, die erst durch die Machtübertragung auf den Souverän realisiert werden kann. Im weiteren Verlauf der Arbeit beschäftigt man sich mit dem Phänomen der Macht. Als Erstes wird der Hobbesche Machtbegriff vorgestellt. Logisch darauf folgend wird der Stellenwert der Macht im Naturzustand erörtert. Abschließend wird die autoritäre bzw. die absolutistische Macht des Leviathan sowie seine Pflichten diskutiert. Im letzten Kapitel der vorliegenden Arbeit werden die Ergebnisse der einzelnen Kapitel zusammengefasst und abschließende Thesen vorgestellt.

2. Die Verkörperung des Leviathan

Der Leviathan ist von Menschen für Menschen gebaut (Kersting 1996: 3). Den Entstehungsprozess des künstlichen Menschen Leviathan beschreibt Hampton folgendermaßen:

„Eine Menge von Menschen wird zu einer Person gemacht, wenn sie von einem Menschen oder einer Person vertreten wird und sofern dies mit besonderer Zustimmung jedes einzelnen dieser Menge geschieht. [...] und da eine Menge von Natur aus nicht aus Einem, sondern aus Vielen besteht, können sie nicht als ein Autor, sondern müssen als viele Autoren alles dessen angesehen werden [...].“ (Hampton 1986: 125f., zit. nach Kersting 1996: 222)

Durch die vertraglichen Akte[2] wird die Menge zu einer politischen Einheit, die dann durch den Souverän verkörpert wird (Kersting 1996: 222). So wird der autorisierte Autor des Staates, der im Namen aller urteilt und handelt, zum einzigen natürlichen und rechtlichen Wesen (Brandt 1996: 34). In dem vorliegenden Kapitel geht es um die ‚Vermenschlichung‘ und ‚Vergötterung‘ des Leviathan und um seine Körperstruktur bzw. um seine Körperteile.

Durch den Vertragsakt wird die Menge zu einem politischen Körper, der dann durch den Souverän beseelt wird. In der Einleitungs-Passage des Leviathan hat Hobbes selbst die Souveränität als künstliche Seele bezeichnet, die dem ganzen Körper Leben und Bewegung gibt (Kersting 1996: 222). Man kann sagen, dass die künstliche Seele das Antriebszentrum des politischen Körpers ist. Entscheidend ist es, dass der Bau des künstlichen Körpers Resultat von Verträgen zwischen denjenigen ist, die sich unter dem Schutz des Leviathan stellen wollen (Noetzel 2005: 37).

Im Körper des Souveräns sind die Bürger vereinigt. Sie bilden die Substanz des Körpers und sind Schutz und Panzer gegen äußere Gefährdung. Kopf und Hände sind die natürlichen Glieder des künstlichen Menschen, die die Insignien der souveränen Macht tragen. Die Identität des Leviathan wird nur durch eine doppelte leibliche Existenzform ermöglicht. Sein einer Körper ist die symbolische Vereinigung aller Bürger, sein anderer Körper ist der eigene natürliche Leib (Brandt 1996: 32ff.).

Die Grundlage des Lebens bzw. das Lebenszentrum des Leviathan ist das Herz. Es ist der Ort der Seele und der Souveränität. Aus dem Herz des natürlichen und künstlichen Menschen strömen ganze Kraft und Stärke. Der Fürst ist in gleicher Weise das Herz der Republik, von dem, alle Macht ausströmt und alle Gnade herkommt (ebd.: 43).

Erst durch die Erschaffung des, mit einer Seele, Vernunft und Willen ausgestatteten, künstlichen Menschen vollendet sich die menschliche Kunst und der Mensch wird dem Menschen ein Gott (Ludwig 1996: 79). Wenn man davon ausgeht, dass der Leviathan, neben seiner metaphorischen Körperlichkeit, ein konkretes Individuum ist, dann kann es, nach Willms, einen solchen Weltherrscher unter den Menschen nicht geben, weil so furchtbar nur Gott sein kann (1987: o.S., zit. nach Noetzel 2005: 41). Der Gott ist kein beliebiger Gott, wie ihn sich der Mensch vorstellen mag. Da seine Existenz sich für den Untertan aus den Symbolen der Macht ergibt (Brandt 1996: 39f.).

3. Der Staat des Leviathan

Die zu einer Person vereinte Menge nennt man Staat, auf lateinisch civitas. Dies ist die Erzeugung des großen Leviathan oder besser, eines sterblichen Gottes, dem wir unseren Frieden und Schutz verdanken (Kersting 1996: 217). Das vorliegende Kapitel befasst sich mit dem großen Leviathan bzw. mit der riesigen Maschine, die Hobbes als Staat bezeichnet. Dabei sollen die Staatsaufgaben sowie die einzelnen Glieder des Staates vorgestellt werden.

Kersting definiert eine Person: “[...] bei der sich jeder einzelne einer großen Menge durch gegenseitigen Vertrag eines jeden mit jedem zum Autor ihrer Handlungen gemacht hat, zu dem Zweck, daß sie die Stärke und Hilfsmittel [...] für den Frieden und gemeinsame Verteidigung einsetzt“ (1996: 217) als Staat. Die Hauptaufgabe des Staates besteht darin, eine friedliche Existenz der Menschen zu sichern und dadurch eine Gesellschaft zu konstituieren, in der jeder seinen eigenen Glücksvorstellungen im Rahmen verhaltensregulierender Gesetze nachgehen kann (ebd.: 25f.).

Der Staat wird bei Hobbes als ein aus dem Willen und Klugheit der Menschen geborenes Machwerk, als ein Artefakt, als eine Maschine dargestellt (ebd.: 26). Unter Staat versteht Hobbes nicht die ganze Person. Er betont, dass nur die Seele des künstlichen Menschen der Staat ist. Durch Mechanisierungsprozess verwandelt sich der große Mensch in eine Maschine, in einen riesigen Mechanismus, der, zur Sicherung des physischen Daseins der von ihm beherrschten und beschützten Menschen dient (Schmitt 1936/37: 629 zit. nach Bohlender 1995: 220).

Die Welt der gesellschaftlichen und politischen Institutionen wird im Leviathan als eine künstliche Welt, als ein System rationaler Erfindungen und Artefakte und als ein kollektiv entwickeltes Instrument zur Sicherung individueller Interessenverfolgung dargestellt (Kersting 1996: 2). In seinem Machtwerk stellt Hobbes die funktionalen Glieder des Staates, die er selbst als Teile des Staates bezeichnet, vor. Zu diesen Staatsteilen zählen Magistrate, Ratgeber, Strafen, Reichtum, das öffentliche Wohl usw. Die genannten Teile des Staates bezeichnen aber keine eigenständigen Teilobjekte mehr, wie z.B. Menschen, sondern stellen die Teilvorstellungen vom Staat dar (Ludwig 1996: 78f.).

4. Die große Trias der Hobbeschen Philosophie

Naturzustand, Vertrag und Staat sind die zentralen Elemente der Hobbeschen Staatstheorie, die die Grundstruktur der neuzeitlichen Philosophie bilden (Kersting 1996: 24f.). In den folgenden drei Kapiteln wird diese Trias der Hobbeschen Philosophie präsentiert. Im Naturzustandkapitel geht es um die Naturzustandstheorie von Hobbes. Dabei soll geklärt werden, was überhaupt der Naturzustand ist und warum er unbedingt überwindet sein soll. Des Weiteren befasst man sich mit dem Hobbeschen Vergesellschaftungsvertrag und seiner Bedeutung. Im dritten Unterkapitel konzentriert man sich auf das Thema „die Gründung des Staates“. Hier werden die Wege der Staatsentstehung vorgestellt sowie die Machtübertragung auf den Souverän und daraus folgende Geburt des Leviathan thematisiert.

4.1 Der Naturzustand

Anthropos zoon politikon physei estin - ‚der Mensch ist von Natur aus ein politisches Wesen ‘, so behauptet Aristoteles der, der Begründer der klassischen Philosophie ist. Die Aristotelische Lehre verweist darauf, dass ein jedes Lebewesen von Natur aus eine Art normativer Verfasstheit besitzt, die seine Bestimmung und Recht festlegt. Aus diesem Grund ist der Mensch von Natur aus auf eine gemeinschaftliche, politische Lebensweise ausgerichtet. Außerdem kann der Mensch, laut Aristoteles, nur in einer politischen Gemeinschaft ein seiner Naturbestimmung angemessenes Leben führen (Kersting 1996: 10ff.). Hobbes Philosophie[3] ist das genaue Gegenteil des politischen Aristotelismus. Im Gegensatz zu Aristoteles, der Natur und Politik als eine Einheit sieht, stellt Hobbes diese zwei Phänomene entgegen (ebd.: 16). Der Autor des Leviathan spricht sogar über das kriegerische Verhältnis zwischen Natur und Politik (ebd.: 13).

Hobbes bezeichnet den Naturzustand als einen Zustand des politischen Streites und der politischen Kontroverse (Bohlender 1995: 125). Im Lehrstück vom Naturzustand versucht er den Nachweis zu erbringen, dass ein Zustand, in dem alle staatliche Ordnungs- und Sicherheitsleistungen fehlen und jeder seine Interessen mit allen möglichen Mitteln verfolgen würde, zu einem Krieg eines jeden gegen einen jeden führen müsste und deshalb für jeder gleichermaßen unerträglich sein würde (Kersting 1996: 22): „Daraus ergibt sich, daß die Menschen während der Zeit, in der sie ohne allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zustand befinden, der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden [...]“ (Hobbes 1984: 96, zit. nach Noetzel 2005: 36).

In Hobbes Theorie wird der Naturzustand der Menschen mit dem Konfliktzustand bzw. mit dem Kriegszustand gleichgesetzt (Ludwig 1996: 61). Der Autor des Leviathan unterscheidet drei hauptsächlichen in dem natürlichen Zustand der Menschen liegenden Konfliktursachen: Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht (Hobbes 1984: 95, zit. nach Noetzel 2005: 35). Eben diese in der menschlichen Natur liegenden Eigenschaften des Menschen führen zu einem Kriegszustand. Das Individuum ist zu jeder Zeit für die Gewaltanwendung bereit, weil er das Selbstbehauptungspotenzial stetig vergrößern will, wie Hobbes konstatiert (Kersting 1996: 211). Die sich im Naturzustand befindenden Menschen sind so entzweit, dass sie ständig zu gegenseitigen Angriffen und gegenseitiger Vernichtung getrieben werden (Ludwig 1996: 61).

Die Hobbseche Naturzustandlehre besagt, dass der Naturzustand verlassen und durch einen rechtlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Zustand ersetzt werden muss. So wird der Mensch allein durch das Motiv der Selbsterhaltung in den Staat getrieben. Der Kriegszustand wird überwunden, indem die Individuen beim Unterschreiben des Vertrags ihr Verhalten bestimmten Regeln unterwerfen (Kersting 1996: 25). Trotz der überzeugenden Begründung der Naturzustandstheorie wird die Hobbesche Naturzustandslehre von Locke wegen ihrer Widersprüchlichkeit kritisiert:

„Als ob die Menschen, als sie den Naturzustand verließen und sich zu einer Gesellschaft vereinigten, übereinkommen wären, daß alle, mit Ausnahme eines einzigen, unter dem Zwang von Gesetzen stehen, dieser eine aber alle Freiheit des Naturzustandes behalten sollte, die sogar noch durch Gewalt vermehrt und durch Straflosigkeit zügellos gemacht wurde!“ (Locke 1977: 258, zit. nach Noetzel 2005: 43f.)

4.2 Der Vergesellschaftungsvertrag

Wenn jemand einen Vertrag mit einem anderen schließt, dann, wie Kersting herausstellt: „[...] gibt er seine Zustimmung zu den Pflichten und korrelativen Rechten, die ihm und dem Partner aufgrund dieser Vereinbarung zugeteilt werden“ (1996: 23) Sofern die Zustimmung der Vertragspartner freiwillig und fair erfolgt, haben sie, laut Kersting, kein Recht, sich über die sich ergebenden Konsequenzen zu beklagen und müssen trotz allem sie akzeptieren (ebd.).

Das vertragstheoretische Begründungsmodell, das ein fester Bestandteil unseres politischen Denkens ist, geht auf Hobbes zurück (ebd.: 1). Der Hobbesche Vergesellschaftungsvertrag ist ein Vertrag eines jeden mit einem jeden. So wie der Naturzustand bzw. der Kriegszustand eines jeden gegen jeden ist, muss auch ihn abschließender Vertrag ein Vertrag eines jeden mit einem jeden sein. Dieser Vertrag dient dem Zweck, die Bedingungen zu erschaffen, die erfüllt sein müssen, damit sich friedliche gesellschaftliche Verhältnisse entfalten können. Oder anders formuliert: Der Hobbesche Vertrag benennt die Bedingungen, die beachtet werden müssen, damit die gesellschaftliche Ordnung nicht zerfällt. Ziel des Vergesellschaftungsvertrags ist es den Bürgern darüber aufzuklären, was sie tun müssen, um das Eintreten des Naturzustandes, der Anarchie, des Krieges zu verhindern (Kersting 1996: 213f.).

Die zur Einrichtung des staatlichen Zustandes notwendige Freiheitseinschränkung ist nur auf der Basis eines Vertrags möglich, in dem sich die Bürger auf die natürliche Freiheit verzichten und zur politischen Gehorsamkeit verpflichten und zugleich für die Einrichtung des staatlichen Gewaltmonopols sorgen (ebd.: 22). Kürzer gesagt: Um einen Gesellschaftsvertrag schließen zu können, müssen die Individuen von seiner Freiheit abrücken und sich bereiterklären, sich einer gesetzgebenden, absoluten Macht zu unterwerfen (ebd.: 25).

Hobbes Vertrag inszeniert ein Ereignis, in dem sich die Menschen zusammenschließen und in einem gegenseitigen Abkommen einen Aktor wählen, der sich im gleichen Moment in einen Autor verwandelt (Bohlender 1995: 50f.). So werden alle Individuen durch den Vertragsabschluss zum Teil der staatlichen Souveränität und jeder Einzelne wird zugleich zum Autor alles dessen, was der Souverän tut (Hobbes 1984: 139, zit. nach Noetzel 2005: 39).

Bei Hobbes handelt es sich nicht um einen reinen Herrschaftsvertrag, sondern um einen Gesellschaftsvertrag (Bohlender 1995: 150). Obwohl Vergesellschaftung und Herrschaftsetablierung unabhängig voneinander nicht denkbar sind, weil der Vertrag Grund der Vergesellschaftung der Individuen nur dann ist, wenn er zugleich auch Grund der Herrschaftserrichtung ist (Kersting 1996: 214).

Auch auf das vertragstheoretische Begründungsmodell von Hobbes werfen einige Wissenschaftler einen kritischen Blick. Beispielsweise Jean Hampton stellt in seiner Analyse fest, dass der Hobbesche Vertrag gar kein Vertrag, sondern „eine durch das Selbstinteresse motivierte Übereinkunft“ (1986: 145f., zit. nach Kersting 1996: 220) sei. Der Unterschied zwischen den beiden, zufolge Hampton, ist der, dass egoistisch motivierte Übereinkünfte von beiden Parteien allein aus Gründen des Selbstinteresses eingehalten werden. Während Verträge ein Versprechen beinhalten und damit moralische Motive einführen, die die Motivationen der Parteien entweder ergänzen oder ersetzen (ebd.).

4.3 Die Gründung des Staates

Hobbes unterscheidet zwei Wege der Staatsentstehung. Der eine führt zu government by acquisition, der andere zu gouvernment by institution. Die erste Weise, die ihren Ausgang von der natürlichen Macht nimmt, wird der natürliche Ursprung des Staates genannt. Der zweite Weg beruht auf der Beratung und Beschlüsse der einzelnen Staatsglieder und wird deshalb als der Ursprung des Staates durch Institutionen bezeichnet. Infolgedessen gibt es auch zwei Arten von Staaten. Die eine ist die natürliche, wie der väterliche Staat. Die andere ist die institutive, die auch politische genannt wird. Während in dem natürlichen Staat der Herrscher die Bürger durch seinen Willen erwirbt, setzen die Bürger des institutiven Staates durch ihren Willen einen Herrscher oder mehrere, der oder die die höchste Gewalt hat bzw. haben, über sich (Kersting 1996: 223f.).

Der einzige Weg zur Errichtung einer allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor den fremden Angriffen und vor den gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen eine Sicherheit zu verschaffen, dass sie sich zufrieden leben können, liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und Stärke auf einen Menschen oder auf eine Versammlung von Menschen (ebd.: 216f.). Dies geschieht, indem man, den Vergesellschaftungs- bzw. Gewaltverzichtsvertrag schließt. In diesem Vertrag übertragen die Individuen ihre Macht an einen Dritten, den gewaltmonopolisierenden Staat, den künstlichen Menschen, den Leviathan (Noetzel 2005: 38). So wird die Menge durch den Akt der Rechtsübertragung zu einer politischen Einheit, die dann durch Souverän verkörpert wird (Kersting 1996: 222). Die vertragliche Übertragung der individuellen Macht ist das Ergebnis der Selbstregierungsfähigkeit des künstlichen Menschen (ebd.: 219).

Der wechselseitige Souveränitätsverzicht der Individuen ist zugleich das Geburtsereignis des Leviathan. Die Unterwerfung der Menschen erzeugt den künstlichen Menschen, der die größte Macht auf der Erde besitzt und der für das Wohl der Menschen sorgt (ebd.: 218). Der Vertrag gilt somit als Ursprung eines Herrschaftsrechts und als symbolischer Geburtsort des Leviathan und der von ihm verkörperten politischen Einheit (ebd.: 220).

5. Die Macht im Leviathan

Der Begründer der politischen Philosophie der Neuzeit setzt sich in seiner Staatslehre intensiv mit dem Phänomen ‚Macht‘ auseinander (Hirsch 2004: 88). Das vorliegende Kapitel, das in drei Unterkapitel aufgeteilt ist, befasst sich nämlich mit diesem Hobbeschen Machtphänomen. Im ersten Unterkapitel konzentriert man sich auf die Machtdefinition von Hobbes. Dabei ist wichtig zu zeigen, was Hobbes unter diesem Begriff überhaupt versteht. Im weiteren Schritt soll klargestellt werden, warum das Machtstreben als ein notwendiger, in der menschlichen Natur liegender Trieb, von Hobbes aufgefasst wird. Besonders wichtig ist hier auch die Gründe des Strebens nach immer mehr Macht aufzuzeigen. Im letzten Unterkapitel werden die absolute bzw. sich fast über alle Bereiche erstreckende Macht des Leviathan sowie seine Pflichten und Aufgaben thematisiert.

5.1 Der Machtbegriff von Hobbes

Hobbes definiert Macht als „Herrschaft von Menschen über Menschen“ (Forkel 2010: 11). In seinem Machtwerk Leviathan bemüht sich der Philosoph um eine klare und präzise Machtdefinition, indem er schreibt, dass „die Macht eines Menschen, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen Guts besteht“ (Hobbes o.J.: 66, zit. nach Hirsch 2004: 92).

Macht wird also bei Hobbes mit einem Gut gleichgesetzt. Genauso wie Güter bestimmten Zwecken in verschiedenen Kontexten dienen, so vermag auch die Macht in allen Kontexten nützlich und allen Zwecken dienlich sein. Sie besitzt wie Geld eine universale Äquivalenzfunktion (Kersting 1992: 87f., zit. nach Chwaszcza 2008: 86).

Der Autor des Leviathan unterscheidet zwei Arten von Macht: die ‚natürliche‘ bzw. die ‚ursprüngliche‘ Macht und die ‚zweckdienliche‘ Macht. Die natürliche Macht ergibt sich aus den natürlichen Begebenheiten, wie bspw. die Schönheit. Die effektiv verwendbare zweckdienliche Macht besteht aus der natürlichen Macht und ist aber auch durch äußere Einflüsse geprägt. Die zweckdienliche Macht zeichnet sich dadurch aus, dass man nur durch sie zukünftig weitere Macht erwerben kann (Forkel 2010: 9f.).

Hobbes betrachtet die Macht als ein komplexes und auf dem Austausch von Zeichen beruhendes Gebilde. Die Strukturen der Macht umfassen, laut Hobbes, eine Vielzahl von sozialen und ökonomischen Teilordnungen (Hirsch 2004: 88). Da Macht ein allgemeines Vermögen schildert, zeigt sie sich nicht in einem konkreten Gegenstand, sondern alle Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen, die für die Verfolgung von Gütern geeignet sind, werden als Macht bezeichnet. Die ursprüngliche Macht des Menschen besteht an erster Stelle in Körperstärke und Klugheit. Außerdem stellen alle sozialen Beziehungen, sofern sie für die Erlangung von Gütern nützlich sein können, als Macht dar. Beispielsweise Diener zu haben ist ebenfalls Macht wie Freunde zu haben und Reichtum kann ebenso Macht bedeuten, wie geehrt zu werden. Hobbes Begriff der Macht vereint somit das instrumentelle Gut einerseits und alle möglichen Güter und Fähigkeit, beispielsweise Personen, Körper- oder Charaktereigenschaften, andererseits (Chwaszcza 2008: 86). Grundlegend erklärt Hobbes alles, was genutzt wird um eigene Interessen durchzusetzen, als Macht (Forkel 2010: 10).

Hobbes Macht ist relational, d.h., dass sie nur in dem Maße wirksam ist, in dem sie die Macht seiner Konkurrenten übersteigt. Daraus folgt, dass die Relationalität der Macht dazu zwingt, sich immer mehr Macht zu verschaffen (Chwaszcza 2008: 86). In der Hobbeschen Welt der Machtkonkurrenz ist alles käuflich. Sogar der Mensch hat keinen Wert mehr, sondern nur noch einen Preis, der sich nach seinem Wert auf dem Machtmarkt richtet (ebd.): „Die Macht eines Menschen wird als Ware betrachtet, die, da regelmäßig mit ihr gehandelt wird, einem Marktpreis unterliegt“ (Macpherson 2008: 114) Der Preis des Menschen heißt soviel wie, was man für den Gebrauch seiner Macht zu geben bereit ist (ebd.).

[...]


[1] Mit der Veröffentlichung von Leviathan haben sich die philosophischen Grundlagen des politischen Denkens schlagartig verändert. Die neuzeitliche Philosophie hat im 17. Jh. die, von Aristoteles geprägte, klassische Philosophie ersetzt (Kersting 1996: 14).

[2] Mehr dazu auf der Seite 6.

[3] Diesen Begriff verwendet Hobbes synonym mit ‚Wissenschaft‘ (Ludwig 1996: 62).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Macht im "Leviathan" von Thomas Hobbes
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Germanistik)
Veranstaltung
Kultur, Konflikt, Gewalt
Note
2.0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V282476
ISBN (eBook)
9783656768159
ISBN (Buch)
9783656768166
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macht, leviathan, thomas, hobbes
Arbeit zitieren
Simona Marazaite (Autor), 2011, Macht im "Leviathan" von Thomas Hobbes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282476

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