Narrative Fiktionalität. Die Autorenschaft in Cervantes' "El Ingenioso Hildalgo Don Quijote de la Mancha" (Teil I und II)


Hausarbeit, 2014
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wer ist derjenige, der sich nicht an den Namen des Ortes erinnern möchte?

2. Die Autorenschaft im Don Quijote
2.1 Kommunikationsmodell nach A. Metzler
2.2. Begriff des Autors
2.3. Intertextualität
2.4. Fiktion und Fiktionalität
2.5. Prolog (Teil I)
2.6. Wahrheitsaspekt
2.7. Erzählsituation zwischen dem achten und neunten Kapitel (Teil I)
2.8. Cide Hamete Benengeli
2.9. Selbstthematisierung Cervantes´
2.10. Avellaneda
2.11. Don Quijote als sein eigener Autor
2.12. Letztes Kapitel (Teil II)

3. Borges´ Experiment „Pierre Menard“

Literaturverzeichnis

1. Wer ist derjenige, der sich nicht an den Namen des Ortes erinnern möchte?

„En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme, no ha mucho tiempo que vivía un hidalgo de los de lanza en astillero, adarga antigua, rocín flaco y galgo corredor.“1 ist nicht nur ein mittlerweile sehr bekanntes Zitat, das ein jeder, der in irgendeiner Weise einmal mit Cervantes´ Meisterwerk Don Quijote in Berührung gekommen ist, sofort als den berühmten Eröffnungssatz des ersten Kapitels in Teil I des Ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha wiedererkennen würde. Dieser Satz weist auch gleich auf den zentralen Aspekt meiner folgenden Ausarbeitung hin, der Frage nach dem Autor bzw. der Autorenschaft, die hinter diesem besagten Werk steht. Wer ist derjenige, der sich nicht an den Namen des Ortes erinnern möchte?

Natürlich weiß man heute, was man auch schon im 17. Jahrhundert wusste, dass der empirische Autor des „besten Buches der Welt“2 niemand anderes als Miguel de Cervantes Saavedra ist. Lassen wir allerdings beim Lesen diese außerliterarische Wirklichkeit außer Acht und betrachten nur die Ebene der narrativen Fiktionalität, indem wir uns in die Rolle des implizierten Lesers hineinversetzen, müssen wir uns die Frage stellen, wer denn nun die Geschichte eigentlich erzählt und woher der fiktionale Verfasser all die Informationen und Details über den „Ritter von trauriger Gestalt“ hatte.

2. Die Autorenschaft im Don Quijote

2.1 Kommunikationsmodell nach A. Metzler

Um sich richtig mit diesem Thema auseinandersetzen zu können, muss das dazugehörige „Handwerkszeug“ definiert sein, das mit Sicherheit keinem, der sich dieser Arbeit annehmen wird, unbekannt ist. Dennoch möchte ich zu diesem Zweck einige mir wichtig erscheinende Elemente anhand des Kommunikationsmodells narrativer Texte nach A. Metzler nochmals genauer betrachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: siehe Fußnote 3)

Zuerst sind vor allem die Unterscheidungen empirischer versus fiktionaler Erzähler und realer versus implizierter Leser elementar. Auf Ebene der außerliterarischen Wirklichkeit, gibt es sowohl einen empirischen bzw. realen Erzähler, im Folgenden ist das Cervantes, als auch einen empirischen bzw. realen Leser, das sind in diesem Falle wir. Die fiktionale Ebene des narrativen Textes lässt sich in zwei weitere unterteilen: Zum einen in die Ebene der erzählerischen Vermittlung („Discours“), auf der sich der fiktionale Erzähler innerhalb des narrativen Textes direkt oder indirekt an den ebenfalls implizierten fiktionalen Leser wendet. Zum anderen in die Ebene der erzählten Welt („Histoire“), in deren Rahmen die Beziehungen und Handlungen der literarischen Figuren untereinander im Fokus stehen. Im Folgenden wird vor allem die „Discours“- Ebene von Bedeutung sein. 3

2.2. Begriff des Autors

Schon der Prolog des ersten Teils des Don Quijote lenkt unseren Blick auf eine erweiterte Autorenschaft, die eben nicht nur aus einem einzelnen Erzähler besteht sondern auf mehreren Personen, die als Autor des Buches fungieren beziehungsweise am Inhalt dessen mitwirken, basiert.

An diesem Punkt sollte man den Begriff des Autors einmal genauer in Augenschein nehmen. Im herkömmlichen Sinne verstehen wir unter dem Begriff des Autors den Verfasser eines literarischen Werkes oder auch irgendeines beliebigen anderen Textes.

Bei näherer Betrachtung liefert uns die Begriffsetymologie des von dem lateinischen auctor stammenden Terminus allerdings laut Duden auch die Bedeutungen „Urheber“ und „Schöpfer“ bzw. ‚Mehrer‘ und ‚Förderer‘, vom Partizip auctum (lat. augere ‚mehren, fördern‘) abgeleitet.4

Letzteres ist genau das, was all die fiktionalen Erzähler und beteiligten Personen im Roman darstellen, indem sie die Geschichten mehren und fördern, so dass am Ende ein Werk entsteht, das voll von Autoren, Literatur und Texten innerhalb des eigentlichen Textes, also auch voll von Intertextualität, ist.5

2.3. Intertextualität

Sowohl die Intertextualität als auch die verschiedenen Erzähler im Don Quijote sind teilweise real. Beispielsweise zitiert Don Quijote immer wieder aus alten Ritterbüchern (z.B. „-¿Dónde estás, señora mía, que no te duele mi mal? O no losabes, señora, o eres falsa y desleal. Y de esta manera fue prosiguiendo el romance hasta aquellos versos que dicen: -¡Oh noble marqués de Mantua, mi tíoy señor carnal!”6 ) oder er bezieht sich auf das dort Gelesene, was er zur Grundlage all seines Handelns macht (z.B. „todos al modo de los que sus libros le habían enseñado, imitando en cuanto podía su lenguaje.“7 ).

Auch die im Prolog angeführten lateinischen Sentenzen antiker Persönlichkeiten entspringen realen Schriften, zum Beispiel denen des römischen Dichters Ovid

(„Donec eris felix, multos numerabis amicos, Tempora si fuerint nubila, soluseris.“ 8 ). Diese nehmen somit Bezug auf tatsächlich existierende Literatur.

Der andere und zwar wesentlich größere Anteil an Intertextualität und Autorenschaft ist hingegen fiktionaler Natur. All die Sonette (z.B. am Ende der Vorrede des ersten Teils), eingeschoben Geschichten (z.B. die Novelle vom maßlos Wissbegierigen in Kapitel 33), Liebesbriefe (z.B. von Don Quijote an Dulcinea in Kapitel 26), etc. haben keinerlei Bezugnahme zu bestehenden literarischen Werken und sind somit rein fiktional. All dies ist geschrieben von Cervantes selbst, wie wir als empirische Leser natürlich wissen, was dem implizierten allerdings verborgen bleibt. Letzterer findet sich in einer fiktionalen Wirklichkeit wieder, in der nicht nur die Verfasser der Sonette und Briefe, sondern auch die Erzähler der Geschichten und alle Beteiligten wirklich existieren.

So könnte man all diese Intertextualität, geschrieben von fiktiven Autoren, als fiktionale Intertextualität bezeichnen.

2.4. Fiktion und Fiktionalität

An dieser Stelle möchte ich gerne den Unterschied zwischen Fiktion und Fiktionalität an einem Beispiel verdeutlichen:

Ein fiktionaler Text ist eine von einem Autor erschaffene Geschichte, die Inhalte wiedergibt, welche rein seiner Fantasie entspringen. All die Figuren und Geschehnisse innerhalb des fiktionalen Erzeugnisses sind hierbei zuerst einmal fiktiv; das heißt in Wirklichkeit nicht existent und nur vom Autor erdacht. Würde der fiktionale Text allerdings gar nicht existieren, wäre es ein fiktiver fiktionaler Text von dem lediglich jemand behaupten würde, dass es ihn gibt.

Man könnte also sagen, die Fiktion ist die Grundlage der Fiktionalität, da ein fiktionales Werk ohne fiktive Ideen gar nicht entstanden wäre. Zurück zur größtenteils fiktionalen Intertextualität und sowohl fiktiven als auch fiktionalen Autorenschaft im Don Quijote.

2.5. Prolog (Teil I)

Gleich im Prolog treffen wir auf zwei der bereits erläutert Elemente: der fiktionale Erzähler wendet sich hier an den implizierten Leser, den er auch im ersten Satz mit „ Desocupado lector“9 direkt anspricht. Es wird beschrieben wie das Werk entstanden ist und welche Meinung des Verfassers selbst darüber hat. Er nennt das Buch „ hijo del entendimiento“10 und sich selbst „ padrastro de don Quijote “.11 Diese Bezeichnung soll den Leser schon darauf hinweisen, dass der Erzähler den vorliegenden Text lediglich aufgeschrieben nicht aber selbst erfunden hat. So kann auch ein Stiefvater seinen Sohn zwar aufziehen aber nicht zur Rechenschaft gezogen werden, was die Natur seines Kindes betrifft.

An diesem Punkt stellt sich zum ersten, aber gewiss nicht zum letzten Mal, die Frage, warum Cervantes sein Werk auf diese Art schreibt. Warum lässt er sich den implizierten Erzähler als Stiefvater seines Werkes bezeichnen?

Darüber lassen sich natürlich Spekulationen aufstellen: die offensichtlichste Begründung wäre, wie der Erzähler in der Vorrede auch selbst schreibt, dass er persönlich nicht vom Inhalt seines Werkes überzeugt ist: „ Y así, ¿qué podrá engendrar el estéril y mal cultivado ingenio mío sino la historia de un hijo seco, avellanado, antojadizo y lleno de pensamientos varios y nunca imaginados de otro alguno, bien como quien se engendró en una cárcel, donde toda incomodidad tiene su asiento y donde todo triste ruido hace su habitación?“12

Dadurch, dass er sich selbst zum Stiefvater des Buches ernennt, erklärt er indirekt, nicht der Schöpfer desselben zu sein und kann somit jegliche Verantwortung für Fehler und Mängel innerhalb der Geschichte von sich weisen. Er hatte es sich schließlich nur zur Aufgabe gemacht, die vermeintlich wahren Geschehnisse schriftlich zu fixieren und nicht deren Veränderung und Korrektur.

Durch die angeblich fehlende Überzeugung seinerseits ermutigt der Verfasser der Vorrede auch die Leserschaft dazu, gänzlich unvoreingenommen beziehungsweise ohne hohe Erwartungen über das Erzählte zu denken, was auch immer ihr beliebt, und sich ihr eigenes Bild darüber zu machen: „T odo lo cual te esenta y hace libre de todo respeto y obligación, y así puedes decir de la historia todo aquello que te pareciere, sin temor que te calumnien por el mal ni te premien por el bien que dijeres della.“13

Auf den zweiten Blick findet man aber noch eine ganz andere, meiner Meinung nach wesentlich logischere, Erklärung für die Bescheidenheit oder vielmehr die Herabwürdigung der Historie durch den Autor. Die offensichtliche Abwertung des Inhalts stellt eine ganz eigene und vor allem mit den Traditionen brechenden Form dar das Werk anzupreisen und zielt darauf ab die Neugierde des Lesers zu wecken. Auf diese Weise schafft es der Verfasser seine Leserschaft, frei von großen Erwartungen, im weiteren Verlauf zu überraschen und vom Gegenteil zu überzeugen.

[...]


1 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.113

2 www.spiegel.de/kultur/literatur/literatur-wahl-don-quijote-ist-bestes-buch-der-welt- a195185.html

3 Reader „Texte und Materialien zur Einführung in die Literaturwissenschaft“, S.71

4 www.duden.de/rechtschreibung/Autor

5 Anmerkung: In der folgenden Ausführung werden die Begriffe Autor, Erzähler und Verfasser größtenteils äquivalent gebraucht, aus dem einfachen Grund Wortwiederholungen zu vermeiden

6 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.144

7 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.122

8 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.99; Anmerkung: Im Text heißt es, dies sei ein Zitat Catons, tatsächlich stammt es jedoch von Ovid in Tristia I,9,5

9 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.95

10 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.95

11 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.95

12 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.95

13 Cervantes, Miguel de: Don Quijote de la Mancha I, S.96

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Narrative Fiktionalität. Die Autorenschaft in Cervantes' "El Ingenioso Hildalgo Don Quijote de la Mancha" (Teil I und II)
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Neuphilologisches Institut/ Romanistik)
Veranstaltung
Literaturwissenschaftliches Proseminar: Cervantes´ "Don Quijote"
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V282500
ISBN (eBook)
9783656818311
ISBN (Buch)
9783656818304
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
narrative, fiktionalität, autorenschaft, cervantes, ingenioso, hildalgo, quijote, mancha, teil
Arbeit zitieren
Luisa Rettinger (Autor), 2014, Narrative Fiktionalität. Die Autorenschaft in Cervantes' "El Ingenioso Hildalgo Don Quijote de la Mancha" (Teil I und II), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282500

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Narrative Fiktionalität. Die Autorenschaft in Cervantes' "El Ingenioso Hildalgo Don Quijote de la Mancha" (Teil I und II)


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden