Die Heilung eines Blinden bei Jericho (Lk 18,35-43)


Quellenexegese, 2013
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen und Textsicherung
2.1 Wirkungsgeschichtliche Reflexion
2.1.1 Vorverständnis
2.1.2 Auslegungsgeschichte
2.2 Abgrenzung der Perikope

3. Sprachlich-sachliche Analyse
3.1 Sozialgeschichtliche und historische Fragen
3.2 Vergleich verschiedener Bibelübersetzungen
3.3 Textlinguistische Fragestellungen

4. Frage nach der Aussageabsicht
4.1 Formkritik
4.2 Pragmatische Analyse

5. Kontextuelle Analyse
5.1 Traditionsgeschichte
5.2 Religionsgeschichtlicher Vergleich
5.3 Synoptischer Vergleich

6. Der Text als Teil eines theologischen Gesamtkonzepts
6.1 Kompositionskritik
6.2 Redaktionskritik

7. Ergebnissicherung und Ausblick
7.1 Fazit
7.2 Hermeneutischer Ausblick

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich exegetisch mit der Wundererzählung Die Heilung eines Blinden bei Jericho aus Lukas 18, 35-43 auseinander. Diese historisch kritische Exegese ist Bestandteil des Proseminars „Grundwissen Neues Testament“ und stellt somit den Bezugsrahmen für diese intensive Auseinandersetzung mit dem Text dar. In dieser Arbeit sollen alle im Proseminar erarbeiteten und erlernten Methoden ihre Anwendung finden, um die Perikope in vollem Umfang beschreiben zu können.

2. Vorüberlegungen und Textsicherung

2.1 Wirkungsgeschichtliche Reflexion

In einem ersten Schritt soll meine Erstbegegnung mit der Wundererzählung dargestellt werden. Folgend werden dann verschiedene kirchengeschichtliche Auslegungsmodelle referiert.

2.1.1 Vorverständnis

Die Perikope von der Heilung eines Blinden bei Jericho ist mir schon als Erzählung aus einer Kinderbibel bekannt. Auch im Religionsunterricht ist mir die Geschichte begegnet. Hier ist mir noch in Erinnerung geblieben, dass uns Schülern die Geschichte mit verschlossenen Augen vorgelesen wurde, um die Situation des blinden Mannes besser nachempfinden zu können. Die Erzählung steht für mich zudem in starker Verbindung zu anderen Heilungsgeschichten Jesu, die ich auch schon aus meiner Kindheit kenne, wie z.B. die der Heilung eines Gelähmten. Inwieweit die Perikope Die Heilung eines Blinden auch andere Aspekte und nicht nur die Heilung an sich thematisiert, möchte ich persönlich durch die Exegese erschließen. Ich erhoffe mir in der Auseinandersetzung mit der Wundergeschichte zudem ein besseres Verständnis dieser und auch anderer Wundergeschichten, um ihre Inhalte geeigneter in meine Lebensumwelt integrieren zu können. Zuletzt erwarte ich durch die Exegese auch, mehr über Jesus Christus und seine Lebensumwelt erfahren zu können.

2.1.2 Auslegungsgeschichte

Im Hinblick auf die Auslegungs- und Wirkungsgeschichte lassen sich in der Literatur viele Autoren finden, die sich mit der Perikope zuvor auseinandergesetzt haben. Im Folgenden sollen die wichtigsten Aussagen gebündelt referiert werden.

Bezüglich der Abgrenzung der Perikope sieht R. Varro bspw. V 34, den letzten Vers der Vorgängerperikope, als ein Scharnier und legt großen Wert auf die Verknüpfung, die Lukas zwischen 18, 31-34 und 18, 35-43 schafft. Beide Abschnitte konzentrieren sich seiner Meinung nach schon auf die Passion.1

Auch hinsichtlich eines Vergleichs mit der Perikope bei Markus (10, 46-52) finden sich viele literarische Auseinandersetzungen. R. Varro bringt u.A. diesbezüglich an, dass Lukas die Perikope des Streits unter den Jüngern (Mk 10, 35-45) im Gegensatz zu Markus nicht berücksichtigte, um die Leidensankündigung dem Glauben des Blinden anzunähern.2

Viele Theologen haben sich auch mit der Formgeschichte und im Besonderen mit der Gattung der Perikope beschäftigt. Betz gliedert die Perikope in drei Teile: in die Eröffnung (Lk 18, 35-40a), in einen zentralen Teil (Lk 18, 40b-43a) und einen Schluss (Lk 18, 43bc). Während R. Varro die Perikope als eine Wundererzählung deutet, meint Betz, auch aufgrund der langen Eröffnung, die für eine Wundergeschichte ungewöhnlich ist, dass die Perikope eine Wundererzählung ist, die durch die Gattung der Berufungserzählung angereichert wurde. Bultmann ist der Auffassung, dass eine Rekonstruktion der ursprünglichen Wundererzählung nicht möglich ist, was von Dibelius ähnlich gesehen wird, der die Gattung der Perikope als einen unvollständigen Typ beschreibt. Im Gegensatz dazu ist Steinhauser der Meinung, dass es sich bei der Perikope um eine reine Berufungserzählung handelt, was er anhand alttestamentlicher Berufungserzählungen versucht deutlich zu machen. In Anlehnung an diese Aussage meint Achtemeier in der Perikope eine Personenlegende zu sehen, die zeigt, wie man Jünger wird.3

In der Literatur finden sich zudem viele Abhandlungen bezüglich der Aussage „Sohn Davids“ in V 38 und V 39.

Burger meint hierzu, dass Lukas im Gegensatz zu Markus nicht auf diesen Begriff insistierte, wogegen Trilling dem Titel eine eschatologische Würde zuweist und einen genealogischen Wert anzweifelt. Für Robbins hat der Begriff „Sohn Davids“ eine größere Bedeutung für das Individuum und hat seine Wurzeln im palästinischen Christentum. Achtemeier stellt die interessante Hypothese auf, dass mit dem Titel „Sohn Davids“ Salomo gemeint ist, der als ein Arzt, Heiler oder Magier beschrieben wird. Dies könnte bedeuten, dass Jesus für den Blinden eher als ein Arzt oder Heiler steht als für den Messias.4

Der Aussage in V 42 „Dein Glaube hat dich gerettet“ kommt auslegungsgeschichtlich auch eine große Bedeutung zu. Schneider ist der Auffassung, dass Jesus mit der Heilung den Glauben erlaubt. J. Dupont hingegen stellt den Glauben als eine Veränderung des Menschen dar.5 Hier entsteht somit die Frage, in welchem Verhältnis Glaube und Heilung stehen.

Bei genauer Betrachtung der Wirkungsgeschichte der Perikope wird deutlich, dass es vielen Autoren um die Herausstellung der geistlichen Bedeutung des Textes ging. So sind sich Ambrosius und Tertullian darüber einig, dass dem Leser der Perikope deutlich werden soll, dass der Glaube dazu führt, ihre spirituelle Blindheit zu verlieren. Cyrillus von Alexandrien stellt den Blinden und seine Anreden „Herr“ und „Sohn Davids“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtung und betrachtet die Perikope somit aus einer christologischen Perspektive. Der Blinde erkennt durch seine Anreden somit auf der einen Seite die göttliche und auf der anderen Seite die menschliche Natur Jesu, was seinen Glauben vollkommen macht. 6

2.2 Abgrenzung der Perikope

Die Abgrenzung der Perikope stellt die Suche nach semantisch ausweisbaren Zäsuren dar, die eine Textabgrenzung durch den Autor rechtfertigen. Dies soll im Folgenden geschehen.

Die Perikope ist eindeutig von ihren Nachbartexten abgrenzbar, was allein schon die geografische Verortung der Perikope deutlich macht. Zu Beginn des Textes in Lk 18,35 wird geäußert, dass Jesus und seine Jünger in die Nähe von Jericho kamen, was eine Abgrenzung zum vorherigen Text deutlich macht. Aber auch der Ausspruch „Es begab sich aber, …“ (V 35) verdeutlicht diesen Sachverhalt, da dieser wie der Beginn einer neuen Erzählung klingt. Der nachfolgende Text beginnt mit „Und er ging nach Jericho hinein…“ (Lk 19,1) und zeigt so einen Ortswechsel auf, der eine ebenso nach hinten vorhandene Abgrenzung offensichtlich macht.

3. Sprachlich-sachliche Analyse

3.1 Sozialgeschichtliche und historische Fragen

Dieser Abschnitt der Arbeit beschäftigt sich mit einzelnen Begriffen, sogenannten Realien, des Textes und will die lebensweltlichen Verhältnisse und Problemstellungen des Textes offenlegen, um das Verständnis des Textes zu verbessern.

Zu Beginn der Perikope wird gesagt, dass Jesus in die Nähe von Jericho kam (V 35), womit die geografische Verortung der Perikope gesichert ist. Jericho ist eine Oase und Stadt und liegt südlich der Jordanebene.7 Im Alten Testament ist Jericho als Palmenstadt bekannt, welche durch das warme Klima, das reichlich vorhandene Wasser und den fruchtbaren Boden seit Urzeiten Siedler anzog.8 Diese Gegebenheiten lassen auf einen gewissen Wohlstand der Stadt hinweisen, zu dem der Bettler, der noch im gleichen Vers genannt wird, einen Gegenpol bildet.

Der Blinde stellt insofern einen Gegenpol dar, als dass er durch seine Blindheit eine Behinderung besaß, die ihn derzeit auch zu einem armen Mann machte. Wohlstand und Armut im römischen Reich waren von verschiedenen Kriterien abhängig, wie z.B. von der Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe, vom Bürgerrecht, vom persönlichen Status oder vom Wohnort in der Stadt oder auf dem Land. Schon in republikanischer Zeit wurden Bürger in Censusklassen eingeteilt. Die Menschen, die durch Arbeit sich und vielleicht noch eine kleine Familie ernähren konnten, galten als arm. Zu der untersten Censusklasse mag wohl auch der Blinde gezählt haben, wenn diejenigen als absolut arm galten, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen konnten, kein Dach über dem Kopf hatten, kein Oberkleid besaßen und durch kein soziales Netz, wie z.B. das einer Familie, aufgefangen wurden. Absolute Armut wurde dem Menschen selbst angelastet und war mit Kriminalität verbunden, was den Menschen zum Ausgestoßenen der Gesellschaft machte. Auch die Tatsache, dass die Menge über die Worte des Blinden an Jesus verärgert war, deutet darauf hin, dass sie für ihn einen Ausgestoßenen darstellen. Die Behinderung des Blinden ist höchstwahrscheinlich Ausgangspunkt seines sozialen Status, denn aus sozialhistorischer Sicht geht im NT Behinderung einher mit Armut und einer Veränderung der sozialen Beziehungen. Behinderung führte häufig zu Armut und somit zum Betteln, wie es auch in dieser Perikope geschildert wird. Interessant ist, dass im NT, wie auch in dieser Perikope, nur die Behinderung genannt wird, ihre genaue Ursache aber nicht geklärt ist und auch nicht nach ihr gefragt wird. Als einzige allgemeingültige Ursache wird manchmal die Besessenheit durch Dämonen genannt, die auf sündhaftes Verhalten zurückzuführen ist.9

Die Anrede des Bettlers an Jesus als „Sohn Davids“ ist zudem ein wichtiger Ausdruck, der zu untersuchen ist. In „Religion in Geschichte und Gegenwart“ zeigt Hans-Josef Klauck auf, dass die Abstammung von David als notwendige Bedingung für die Messiaswürde angesehen wurde und erklärt das häufige Vorkommen dieser Anrede in Wundererzählungen damit, dass dem Davidssohn Salomo exorzistische Fähigkeiten zugesprochen wurden.10

Nach der Klärung der Begriffe und der lebensweltlichen Verhältnisse wird ersichtlich, dass sich Jesus auch in dieser Wundergeschichte den Armen und Hilfebedürftigen zuwendet und von diesen auch als Messias angesehen wird.

3.2 Vergleich verschiedener Bibelübersetzungen

Der Vergleich mehrerer Bibelübersetzungen soll mögliche Unterschiede aufzeigen, um herauszufinden, ob sich inhaltliche Problemstellungen erkennen lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl. Bovon, EKK, S.253.

2 Vgl. ebd., S.253.

3 Vgl. Bovon, EKK, S.255f.

4 Vgl. ebd., S.258f.

5 Vgl. ebd., S.260f.

6 Vgl. Bovon, EKK, S.261ff.

7 Vgl. TRE, Bd. 16, S. 586.

8 Vgl. Jerusalemer Bibellexikon, S. 396.

9 Vgl. NTAK, Bd. 2, S. 68ff., 86ff.

10 Vgl. RGG, C-E, S. 596.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Heilung eines Blinden bei Jericho (Lk 18,35-43)
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Fachbereich A Geistes- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Grundwissen Neues Testament
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V282504
ISBN (eBook)
9783656769743
ISBN (Buch)
9783656769804
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heilung, blinden, jericho
Arbeit zitieren
Verena Ommerborn (Autor), 2013, Die Heilung eines Blinden bei Jericho (Lk 18,35-43), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282504

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