Wittgenstein geht es um das Sprechen, um die tägliche Interaktion als das allgegenwärtige Spiel, und wie sich dieses strukturiert. Er nähert sich dem Phänomen der Sprache von „innen“, betritt ihr Spielfeld und fragt nicht, nach dem „Was“, welches die Diskurse hervorbringt und lenkt. Ihn interessieren zuvorderst die internen Funktionsweisen.
Der Schwerpunkt der Hausarbeit wird deshalb auf der Struktur des Sprachspiels und seinen internen Mechanismen liegen. Diesbezüglich folgende Leitfragen: Inwieweit wird ein Spiel durch Regeln begrenzt? Was kann als eine Regel angesehen werden, und wie konstituieren sich die Regeln eines Spiels? Lassen sie sich beschreiben? Wie läßt sich Neues integrieren?
Und welchen Unterschied gibt es in dieser Hinsicht zwischen einem Spiel, einem Sprachspiel und der Sprache allgemein?
Ansatzpunkte bilden Wittgensteins Kommentare zu den Regeln und dem Regelhaften des Sprachspiels und zu dessen Grenzen. In diesem Zusammenhang halte ich allerdings auch eine kurze Einführung in den Sprachspielbegriff Wittgensteins für sinnvoll. Seine Bedeutungstheorie soll jedoch in diesem Kontext nicht ausführlich behandelt werden.
Es ergibt sich eine Schwierigkeit bei der Interpretation von Wittgensteins Spätphilosophie, die sich allerdings bei jeder Theorie über die Sprache stellt: Instrument und Objekt fallen zusammen. Wittgenstein versucht dieser Schwierigkeit zu entkommen, indem er sich fast ausschließlich auf konkrete Situationen bezieht. Aus diesem Grund lassen seine „Zettelsammlungen“ viel Raum für die Interpretation. Dabei stellt sich die Frage, ob es legitim ist, Wittgensteins Spätphilosophie zu systematisieren, was dieser doch gerade vermeiden wollte. Doch für eine Auseinandersetzung ist es meiner Ansicht nach unumgänglich. In diesem Sinne werde ich Wittgenstein Gewalt antun. Doch „wittgensteinianisch“ handelt es sich gar nicht um eine Meta-Perspektive: Ich werde das Sprachspiel der Beschreibung und Interpretation von Wittgensteins Philosophie spielen.
Neben „Philosophische Untersuchungen“ werden einige seiner Spätwerke als Quelle dienen: „Philosophische Grammatik“, „Blaue Buch“, „Philosophische Bemerkungen“ und „Über Gewißheit“.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Sprachspiel
2. Eine Sprache erfinden
3. Spiele und Sprachspiele
4. Sprachspiel der Benennung
5. Regeln im Spiel
5.1 Abrichtung und Richten nach
5.2 Regel als Wegweiser
5.3 Erlernen einer Regel. Verstehen heißt Weiterspielen
5.4 Praxis des Regelfolgens
6. Mit Sprache spielen
6.1 Spielregeln, gesetzt und entstanden
7. Grenzen
7.1 Grenzüberschreitung
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Struktur des Sprachspiels bei Ludwig Wittgenstein, insbesondere im Hinblick auf die Mechanismen der Regelhaftigkeit, das Verhältnis von Sprache und Praxis sowie die Grenzen sprachlicher Systeme. Das primäre Ziel ist es, die interne Funktionsweise von Sprachspielen zu analysieren und zu hinterfragen, wie Regeln in der alltäglichen Interaktion entstehen und angewendet werden.
- Struktur und interne Mechanismen des Sprachspiels
- Die Rolle von Regeln und deren Einhaltung bzw. Entgegenhandeln
- Die Analogie zwischen Sprachspielen und Spielen
- Die Dynamik von Grenzüberschreitungen und kreativen neuen Spielzügen
- Die philosophische Bedeutung der Alltagspraxis für das Sprachverständnis
Auszug aus dem Buch
5.4 Praxis des Regelfolgens
Die Regel des Sprachspiels sagt noch nichts über ihre konkrete Umsetzung aus: „Nennen wir eine solche Tabelle den Ausdruck einer Regel des Sprachspiels, so kann man sagen, daß dem, was wir Regel eines Sprachspiels nennen, sehr verschiedene Rollen im Spiel zukommen können.“
Wittgenstein betont die Varianz in den Anwendungen einer Regel; der Gebrauch ist letztlich nicht festzulegen. Um Spielregeln zu erklären, benötigt man nicht nur abstrakte Regelformulierungen, sondern auch anschauliche Beispiele, wie Wittgenstein in „Über Gewißheit“ darlegt:
„Um eine Praxis festzulegen, genügen nicht Regeln, sondern man braucht auch Beispiele. Unsre Regeln lassen Hintertürchen offen, und die Praxis muß für sich selbst sprechen.“
Auch hier wird Wittgensteins Zweifel am Zweck und an der prinzipiellen Notwendigkeit von Regelformulierungen deutlich.
Es geht offensichtlich nicht darum, Mutmaßungen über die vermeintlichen Regeln anzustellen, sondern in der Praxis sich so zu verhalten, dass das Sprachspiel funktioniert. „Darum ist „der Regel folgen“ eine Praxis. und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Sprachspiele und Klärung des Untersuchungsfokus auf die Struktur und Regeln bei Wittgenstein.
1. Sprachspiel: Definition und Erläuterung des Sprachspielbegriffs als ein mit Tätigkeiten verwobenes Ganzes.
2. Eine Sprache erfinden: Untersuchung der Bedingungen, unter denen eine Sprache entstehen kann und ihrer Abhängigkeit von Lebensformen.
3. Spiele und Sprachspiele: Analyse der Analogie zwischen Sprachspielen und Spielen zur Veranschaulichung sprachlicher Vorgänge.
4. Sprachspiel der Benennung: Erörterung der sinnlichen Ebene von Zeichen und der Voraussetzung, dass Benennung nur innerhalb eines Systems Sinn ergibt.
5. Regeln im Spiel: Umfassende Behandlung der Entstehung, Funktion und Problematisierung von Regeln, inklusive Wegweisern und Praxis des Regelfolgens.
6. Mit Sprache spielen: Betrachtung des Bereichs des Offenen und der Entstehung von Regeln aus spielerischen Situationen.
7. Grenzen: Analyse der Grenzziehung innerhalb von Sprachspielen und der Möglichkeit der Grenzüberschreitung.
Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der permanenten Veränderbarkeit und des regelgeleiteten Charakters von Sprachspielen.
Schlüsselwörter
Ludwig Wittgenstein, Sprachspiel, Sprachphilosophie, Regelfolgen, Lebensform, Sprachpraxis, Spielregel, Regel-Paradox, Grammatik, Sprachspiel-Analogie, Reglementierte Kreativität, Grenzüberschreitung, Sprachhandeln, Philosophie der Sprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Struktur des Sprachspiels bei Ludwig Wittgenstein, wobei der Fokus auf den internen Mechanismen und der Rolle von Regeln im täglichen Sprachgebrauch liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören das Regelfolgen, die Bedeutung von Lebensformen, die Analogie zwischen Sprache und Spiel sowie die Dynamik von Regeln und Grenzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sprachspiele strukturiert sind, wie wir uns in ihnen bewegen und wie das Regelfolgen als tägliche Praxis zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine interpretative Analyse von Wittgensteins Spätphilosophie, basierend auf den „Philosophischen Untersuchungen“ und ergänzenden Schriften.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Regeln, das Verhältnis von Spiel und Sprache sowie die Frage, wie Kreativität innerhalb bestehender Regelrahmen möglich ist.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sprachspiel, Regelfolgen, Lebensform und sprachliche Praxis beschreiben.
Wie bewertet Wittgenstein das „Denken des Außen“?
Wittgenstein betrachtet das „Denken des Außen“ als eine müßige Angelegenheit, da wir uns immer bereits innerhalb der Sprache bewegen müssen, um überhaupt denken und reden zu können.
Warum reicht es laut Wittgenstein nicht aus, Regeln nur abstrakt zu formulieren?
Da Regeln in der Praxis interpretiert werden müssen, bedarf es laut Wittgenstein immer auch anschaulicher Beispiele, da Regeln allein „Hintertürchen offen lassen“.
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- Jessica Heyser (Author), 2002, Die Regeln des Sprachspiels. Zu Ludwig Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28254